Razzia im Missbrauchsfall | Uniklinik mit Rekordminus | Polizist sieht keine Fehler

am frü­hen Diens­tag­mor­gen haben 180 Poli­zis­tin­nen und Poli­zis­ten in Nord­rhein-West­fa­len und drei wei­te­ren Bun­des­län­dern Woh­nun­gen durch­sucht, um Bewei­se für wei­te­re Miss­brauchs­fäl­le zu fin­den. Das Ergeb­nis ist: Es gibt drei neue Tat­ver­däch­ti­ge aus Aachen und Han­no­ver, und es gibt Hin­wei­se auf ein sieb­tes Opfer. Die Zahl der mut­maß­li­chen Täter steigt damit auf 21, zehn davon sind in Haft. Die Fest­nah­me war die gute Nach­richt, die NRW-Innen­mi­nis­ter Her­bert Reul(CDU) am Diens­tag­mor­gen zur gemein­sa­men Son­der­sit­zung von drei Aus­schüs­sen des NRW-Land­ta­ges mit­brach­te, in der es um offe­ne Fra­gen zum Miss­brauchs­fall in Müns­ter gehen soll­te. Nach der guten Nach­richt kam aber auch gleich schon wie­der die Ernüch­te­rung. Es gebe jeden Tag eine neue Lage. „Es geht immer nur Stück für Stück vor­an“, sag­te Reul. 

Wie viel Geduld man brau­chen wird, hat­te NRW-Jus­tiz­mi­nis­ter Peter Biesen­bach (CDU) erst am Mon­tag mit einer Zahl deut­lich gemacht, die man sich kaum vor­stel­len kann und auch gar nicht möch­te. Inzwi­schen haben die Behör­den aus Ermitt­lun­gen in einem ande­ren Fall in Ber­gisch Glad­bachHin­wei­se auf über 30.000 Tat­ver­däch­ti­ge. Biesen­bach sag­te, das sei eine „neue Dimen­si­on des Tat­ge­sche­hens“. Im sei „spei­übel gewor­den“. Auch Biesen­bach nahm an der Son­der­sit­zung am Diens­tag­mor­gen teil, die im Inter­net über­tra­gen wur­de. Fami­li­en­mi­nis­ter Joa­chim Stamp (FDP) war eben­falls dabei. Ein Ziel der Son­der­sit­zung soll­te sein, den Infor­ma­ti­ons­fluss zwi­schen den Behör­den zu ver­bes­sern, denn das war auch schon bei den Fäl­len vor Müns­ter ein Pro­blem gewesen.

Die Dimen­si­on macht auch deut­lich, war­um nicht alles, was hin­ter­her zwei­fels­frei als Hin­weis erscheint, vor­her als Hin­weis erkannt wur­de – und war­um nicht alles so schnell ging, wie man es sich gewünscht hät­te. Als das Tablet und das Smart­pho­ne von Adri­an V. etwa im Som­mer 2019 beim Lan­des­kri­mi­nal­amt lagen, sei man dort wei­ter­hin davon aus­ge­gan­gen, dass es hier nicht um Miss­brauch gehe, son­dern um den Ver­dacht, dass jemand Kin­der­por­no­gra­fie ver­brei­tet hat­te. „Des­we­gen wur­den die Gerä­te dann in die Rei­he gelegt“, sag­te Reul. Im Lan­des­kri­mi­nal­amt habe man „zu dem Zeit­punkt 300 bis 500 gleich­ge­la­ger­te Fäl­le“ zu klä­ren gehabt. 

Anfangs sah es offen­bar auch nicht danach aus, dass es schnell gelin­gen könn­te, das Pass­wort zum Rech­ner von Adri­an V. zu kna­cken. Ein Com­pu­ter hät­te dafür unge­fähr 30 Jah­re gebraucht, sag­te Reul. Dass es dann doch schnel­ler ging, lag dar­an, dass Adri­an V. einen Feh­ler gemacht hat­te. Er hat­te sein iPad nur nach­läs­sig geschützt. Eine Poli­zis­tin wen­de­te das Pass­wort in ver­schie­de­nen Varia­tio­nen auf den Com­pu­ter an. „Irgend­wann hat­te sie Glück“, sag­te Reul. Das Schloss öff­ne­te sich. 

Das war am 12. Mai 2020. In der Nacht zum 14. Mai nahm die Poli­zei Adri­an V. fest. Kei­ne 48 Stun­den spä­ter. Auf dem Rech­ner hat­te man Hin­wei­se dar­auf gefun­den, dass es hier nicht allein um Kin­der­por­no­gra­fie ging, son­dern auch um Miss­brauch – vor allem um den Miss­brauch des zehn­jäh­ri­gen Soh­nes der Lebens­ge­fähr­tin von Adri­an V.

115 Menschen arbeiten an dem Fall

In der über vier Stun­den lan­gen Son­der­sit­zung am Diens­tag ging es um vie­le klei­ne Details und vie­le Zah­len. „Die Crux ist: Mehr Fäl­le gleich mehr Täter gleich mehr Opfer gleich mehr Daten gleich mehr Arbeit“, sag­te Reul. So sei die Zahl der ent­deck­ten Miss­brauchs­fäl­le im Ver­gleich zum Vor­jahr um 16 Pro­zent gestie­gen, im Zusam­men­hang mit Kin­der­por­no­gra­fie lie­ge der Zuwachs in NRW bei über 67 Pro­zent. Kin­der­por­no­gra­fi­sche Abbil­dun­gen gäben oft ers­te Hin­wei­se auf Miss­brauchs­fäl­le. So sei es auch in Müns­ter gewesen.

Spä­ter kam dann die Fra­ge, wie­so denn die Bewäh­rung von Adri­an V. nicht aus­ge­setzt wor­den sei, nach­dem man nach zwei Ver­ur­tei­lun­gen wie­der Kin­der­por­no­gra­fie bei ihm ent­deckt hat­te. Die Ant­wort aus dem Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um: Die recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen sei­en nicht erfülltgewe­sen. Ein Ver­dacht auf eine Straf­tat reich­te danach in die­sem Fall nicht aus, um die Bewäh­rung auf­zu­he­ben. Adri­an V. hät­te ent­we­der erneut ver­ur­teilt wer­den oder die Tat zuge­ben müs­sen, so hieß es. Doch kei­ne der bei­den Vor­aus­set­zun­gen war erfüllt. In Müns­ter arbei­ten laut Reul zur­zeit 115 Men­schen an die­sem Fall. In ganz Nord­rhein-West­fa­len gibt es bei den Kreis­po­li­zei­be­hör­den inzwi­schen 263 Stel­len zur Auf­klä­rung von Straf­ta­ten auf die­sem Gebiet. Und noch bevor heu­te eine neue Arbeits­grup­pe („Taskfor­ce“) zur Cyber­kri­mi­na­li­tät ihre Arbeit auf­nimmt, wie unter ande­rem die Süd­deut­sche Zei­tung berich­tet, kamen am Diens­tag­mit­tag wei­te­re neue Details ans Licht. 

Drei weitere neue Verdächtige

Die Poli­zei und die Staats­an­walt­schaft mel­de­ten gemein­sam: Der fest­ge­nom­me­ne Mann aus Aachen ist 26 Jah­re alt. Er soll Anfang Mai mit in der Gar­ten­lau­be in Müns­ter gewe­sen sein, als dort meh­re­re Män­ner drei Kin­der miss­brauch­ten, unter ande­rem den zehn­jäh­ri­gen Sohn der Lebens­ge­fähr­tin von Adri­an V. Der Mann aus Aachen soll den Jun­gen auch bei ande­ren Gele­gen­hei­ten miss­braucht haben, in Win­ter­berg, Müns­ter und Dresden. 

Die bei­den Män­ner aus Han­no­ver sind 29 und 49 Jah­re alt. Der 49-Jäh­ri­ge soll sich öfter mit Adri­an V. und dem zehn­jäh­ri­gen Jun­gen getrof­fen haben. Der 29-Jäh­ri­ge war laut der Mit­tei­lung mit Adri­an V. und dem Jun­gen im Urlaub. Auch dort sol­len sie den Jun­gen miss­braucht haben. Die Poli­zei stell­te das Han­dy und den Lap­top des 29-Jäh­ri­gen sicher. Es ist nicht unwahr­schein­lich, dass sie dar­auf Hin­wei­se auf wei­te­re Taten finden.

Und es gibt drei wei­te­re Tat­ver­däch­ti­ge, aus Hei­li­gen­haus, Lan­gen­ha­gen und Nor­der­stedt, 34, 36 und 52 Jah­re alt. Der Mann aus Lan­gen­ha­gen soll mit Adri­an V. und dem zehn­jäh­ri­gen Jun­gen zusam­men auf einem Cam­ping­platz gewe­sen sein. Poli­zei und Staats­an­walt­schaft gehen davon aus, dass er sich ent­we­der an Miss­brauch­s­ta­ten betei­ligt hat oder von ihnen wuss­te. Der Mann aus Nor­der­stedt hat ein Wohn­mo­bil. Er soll Adri­an V. und den Jun­gen eben­falls auf dem Cam­ping­platz getrof­fen haben. Das Wohn­mo­bil hat die Poli­zei sicher­ge­stellt.

Der Tat­ver­däch­ti­ge aus Hei­li­gen­haus soll noch Ende Mai Kon­takt zu Adri­an V. und dem Jun­gen gehabt haben. Gegen ihn hat das Lan­des­kri­mi­nal­amt auch in der Ver­gan­gen­heit schon ermit­telt, weil er Kin­der­por­no­gra­fie beses­sen hat­te, min­des­tens zwei Mal. In sei­ner Woh­nung fand die Poli­zei einen Lap­top, Kin­der­spiel­zeug und ein auf­blas­ba­res Bett. Die Staats­an­walt­schaft fügt die Puz­zle­tei­le jetzt lang­sam zusam­men. Das wird wohl noch etwas dau­ern. Es ist so, wie Her­bert Reul sagt: „Es geht immer nur Stück für Stück voran.“

Uniklinik macht Rekordminus

Die Uni­kli­nik Müns­ter hat im ver­gan­ge­nen Jahr ein Rekord­mi­nus von knapp 40 Mil­lio­nen Euro erwirt­schaf­tet. Die West­fä­li­schen Nach­rich­ten mel­de­ten das am Mon­tag zuerst. Sie hat­ten auch schon im Juli 2018 berich­tet, als der Geschäfts­be­richt der Kli­nik ein Minus von knapp 30 Mil­lio­nen Euroaus­wies. Der Arti­kel damals trug die Über­schrift „Spar­pro­gramm auf allen Ebe­nen“. Drei Jah­re lang wer­de man sich mit Inves­ti­tio­nen in die eige­ne Infra­struk­tur zurück­hal­ten und die Per­so­nal­kos­ten sen­ken, so hieß es damals. Zwei Wochen spä­ter führ­te die Zei­tung ein Inter­view mit Robert Nitsch und Chris­toph Hop­pen­heit, dem dama­li­gen Ärzt­li­chen und dem aktu­el­len Kauf­män­ni­schen Direk­tor. Über dem Arti­kel stand: „Wen­de schon wie­der in Sicht.“ Im Jahr dar­auf wur­de das Defi­zit tat­säch­lich um sie­ben Mil­lio­nen klei­ner. Doch eine Wen­de war es nicht. Inzwi­schen ist das Finanz­loch so groß wie nie. Aber wor­an liegt das?

Die Uni­kli­nik nennt dafür vor allem zwei Grün­de: Hohe Inves­ti­ti­ons­kos­ten, für die es kei­ne Zuschüs­se vom Land gibt, und die Unter­fi­nan­zie­rung der Pfle­ge. 17 Mil­lio­nen Euro des Defi­zits sei­en „Gel­der, die wir ein­ge­setzt haben, um das Kli­ni­kum betriebs­fä­hig zu hal­ten“, sagt Chris­toph Hop­pen­heit. Das sind laut Hugo van Aken, seit einem hal­ben Jahr neu­er Ärzt­li­cher Direk­tor der Kli­nik, zum Bei­spiel Kos­ten für Soft­ware-Lizen­zen. Allein die Win­dows-10-Lizen­zen zu erneu­ern, kos­te zwei bis vier Mil­lio­nen Euro, sagt er. Ver­zich­te man auf die neu­en Lizen­zen, müs­se man mit Buß­gel­dern zwi­schen 10 und 20 Mil­lio­nen Euro rech­nen.

Von sol­chen Pos­ten gibt es vie­le. Die Uni­kli­nik zählt auf Nach­fra­ge eini­ge auf: Die SAP-Lizen­zen kos­ten 1,2 Mil­lio­nen Euro. Die Labor­dia­gnos­tik ist für 2,7 Mil­lio­nen Euro auto­ma­ti­siert wor­den. Zwei neueMagnet­re­so­nanz­to­mo­gra­phie-Gerä­te, kurz MRT, haben 3 Mil­lio­nen Euro gekos­tet. Auch vie­le wei­te­re klei­ne Gerä­te müs­se die Kli­nik selbst bezahlen. 

Dass die Per­so­nal­kos­ten in den ver­gan­ge­nen Jah­ren trotz Spar­pro­gramm wei­ter gewach­sen sind, begrün­det van Aken vor allem mit den Tarif­ver­trä­gen. Allein durch neue Rege­lun­gen für Bereit­schafts­diens­te ent­stün­den der Uni­kli­nik Kos­ten in Höhe von 1,3 Mil­lio­nen Euro.

Pflegekräfte sind rar

Das ande­re gro­ße Pro­blem, die Unter­fi­nan­zie­rung der Pfle­ge, kommt dadurch zustan­de, dass Kran­ken­häu­ser für die Pfle­ge­leis­tun­gen, etwa bei Ope­ra­tio­nen, von den Kran­ken­kas­sen nur wenig Geld bekom­men. Das ändert sich noch in die­sem Jahr (neue gesetz­li­che Fall­pau­scha­len).

Hin­zu kommt: Pfle­ge­kräf­te sind rar. Und wenn nicht genü­gend Inten­siv-Pfle­ge­per­so­nal vor­han­den ist, kann eine Kli­nik nicht ope­rie­ren. Im ver­gan­ge­nen Jahr sei­en des­we­gen teil­wei­se fünf bis sechs Ope­ra­ti­ons­sä­le gesperrt gewe­sen, sagt van Aken. Der Anteil am Minus, den die Unter­fi­nan­zie­rung der Pfle­ge ver­ur­sacht, liegt laut Uni­kli­nik bei zehn Mil­lio­nen Euro. Die Ein­bu­ßen durch den Pfle­ge­man­gel machen eben­falls einen Mil­lio­nen­be­trag aus, den die Uni­kli­nik aller­dings nicht beziffert. 

Hugo van Aken sagt, inzwi­schen sei­en von 39 Uni­ver­si­täts­kli­ni­ken nur noch maxi­mal fünf im Plus. Die Höhe des Defi­zits in Müns­ter ist aller­dings schon außer­ge­wöhn­lich. Zur finan­zi­el­len Ent­wick­lung im lau­fen­den Jahr macht die Kli­nik kei­ne Anga­ben. Immer­hin eine gute Nach­richt gibt es aus der Pfle­ge. „Wir schei­nen die Tal­soh­le durch­schrit­ten zu haben und haben Stand heu­te zur Jah­res­mit­te bereits so vie­le Pfle­ge­kräf­te ein­ge­stellt wie im gesam­ten Vor­jahr“, sagt Pfle­ge­di­rek­tor Tho­mas van den Hoo­ven. Der Auf­sichts­rat der Uni­kli­nik hat den Vor­stand am Mon­tag ent­las­tet und das Defi­zit in Höhe von 39,5 Mil­lio­nen Euro geneh­migt. Über der Pres­se­mit­tei­lung steht: „Zuver­sicht trotz Defi­zit.“ Ein biss­chen erin­nert das an 2018. Auch dies­mal gibt es einen Drei-Jah­res-Plan. Aber dies­mal gibt es auch Hin­wei­se dar­auf, dass das Bewusst­sein für das Pro­blem oben ange­kom­men sein könn­te.

Die Wis­sen­schafts­mi­nis­te­rin­nen und Wis­sen­schafts­mi­nis­ter der Län­der haben vor ein paar Tagen ein Gespräch mit den Vor­stand des Ver­bands der Uni­ver­si­täts­kli­ni­ken in Deutsch­land geführt. Es ging um die Fol­gen der Pan­de­mie und die Finan­zie­rung der Kran­ken­häu­ser, vor allem um die struk­tu­rel­len Pro­ble­me. Danach gab die Kul­tus­mi­nis­ter­kon­fe­renz eine gemein­sa­me Pres­se­mel­dung her­aus. Sie trägt die Über­schrift: „Uni­ver­si­täts­kli­ni­ken sta­bi­li­sie­ren und Inno­va­ti­ons­fä­hig­keit sichern.


In aller Kürze

+++ Die Bun­des­re­gie­rung hat Anfang Juni ange­kün­digt, mög­li­che ras­sis­ti­sche Ten­den­zen in der Poli­zei wis­sen­schaft­lich unter­su­chen zu las­sen. Viel­leicht wäre das aber gar nicht nötig. Sie hät­te auch ein­fach Alex­an­der Koch fra­gen kön­nen, den stell­ver­tre­ten­den Vor­sit­zen­den der Gewerk­schaft der Poli­zei in Müns­ter, der am Wochen­en­de im Inter­view mit den West­fä­li­schen Nach­rich­ten (€) gesagt hat: „Mei­nes Erach­tens haben wir als Poli­zei kein Fehl­ver­hal­ten im Umgang mit Migran­ten.“ Koch wirft ande­ren, etwa der SPD-Che­fin Saskia Esken, „undif­fe­ren­zier­te Aus­sa­gen“ vor, sagt aber selbst über die Gemüts­la­ge sei­ner Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen Sät­ze wie: „Sie haben die Schnau­ze voll davon, immer wie­der unge­recht­fer­tigt mit dem Vor­wurf des Ras­sis­mus kon­fron­tiert zu wer­den und immer öfter Opfer von Gewalt zu wer­den.“ Das ist zum einen eine Stan­dard­si­tua­ti­on im Umgang mit Kri­tik. Man dreht den Spieß ein­fach um und macht sich selbst zum Opfer. Zum ande­ren wirft Koch hier zwei Din­ge durch­ein­an­der. Das eine ist die Gewalt gegen die Poli­zei. Das ist ein Pro­blem. Das ande­re sind Vor­wür­fe von Men­schen, die sagen, sie sei­en von der Poli­zei auf­grund ihres Aus­se­hens dis­kri­mi­niert wor­den. Das ist ein ande­res Pro­blem. Und was man wohl sagen kann: Wer möch­te, dass die eige­nen Pro­ble­me ernst genom­men wer­den, macht sicher nichts falsch, wenn er signa­li­siert, dass er auch die Pro­ble­me von ande­ren ernst nimmt.

+++ Mit­te März haben wir den Begriff „Home­schoo­ling“ gelernt. Eltern haben ihre Kin­der zu Hau­se unter­rich­tet. Aber jetzt sagt der Home­schoo­ling-Exper­te Vol­ker Laden­t­hin von der Uni Müns­ter im Inter­view mit der Zei­tung Die Welt: „Was wir in Deutsch­land infol­ge der Schul­schlie­ßun­gen erlebt haben, hat mit Home­schoo­ling so viel zu tun wie das Kell­nern mit dem Kochen.“ Ech­tes Home­schoo­ling gebe es, so Laden­t­hin, in den USA, der Schweiz oder Öster­reich. Dort sei es staat­lich orga­ni­siert. Und dort erar­bei­te­ten Eltern zusam­men mit den Schu­len die Lehr­plä­ne. In Deutsch­land sei­en die Eltern „unselbst­stän­di­ge Gehil­fen der Schu­le“. Home­schoo­ling sei für berufs­tä­ti­ge Eltern ohne­hin kei­ne Opti­on. Für bestimm­te Kin­der und Jugend­li­che dage­gen schon, so Laden­t­hin, sofern man es rich­tig mache. Dann habe das Ler­nen zu Hau­se sogar Vor­tei­le. „Schu­le ist im Ver­hält­nis zum indi­vi­du­el­len Ler­nen lang­sa­mer, denn das Lern­tem­po einer Klas­se ori­en­tiert sich immer am Schwächs­ten“, sagt Laden­t­hin. Und wel­che Erfah­run­gen blei­ben den Eltern nun nach Coro­na? Laden­t­hin: „Vie­le! Sie wis­sen jetzt wie­der, welch ein Glück es ist, in einem Land mit kos­ten­lo­sem Schul­be­such zu leben.“ Dass sie das ein­mal den­ken wür­den, hät­ten vie­le zu ihrer eige­nen Schul­zeit wahr­schein­lich auch nicht gedacht. 


Korrekturen und Ergänzungen

In unse­rem Brief am Frei­tag schrie­ben wir, die Bun­des­stra­ße 51, kurz B51, um die es in der Rats­sit­zung vor einer Woche ging, sei die Stra­ße, die Müns­ter irgend­wann ein­mal mit Bie­le­feld ver­bin­den soll­te. Das stimmt ganz grob, aber dann doch wie­der lei­der nicht so ganz. Rich­tig ist: Die B51 ist eine 570 Kilo­me­ter lan­ge Ver­bin­dung zwi­schen der Gegend um Bre­men und dem Saar­land. Gleich­zei­tig ist sie ein Teil­stück der Ver­bin­dung zwi­schen Müns­ter und Ost­west­fa­len-Lip­pe. Auf dem Stadt­ge­biet von Müns­ter soll sie den Plä­nen nach vier­spu­rig aus­ge­baut wer­den. Gegen den Aus­bau wehrt sich seit Jah­ren eine Bür­ger­initia­ti­ve. Mit der am ver­gan­ge­nen Mitt­woch ver­ab­schie­de­ten Reso­lu­ti­on lehnt der Rat den Aus­bau in die­ser Form ab und for­dert Nach­bes­se­run­gen. Viel zu sagen hat die Stadt dabei aber nicht. Die Ent­schei­dung liegt bei der Lan­des­be­hör­de Straßen.NRW. Sie ist für den Aus­bau zustän­dig. Die Fra­ge ist nun, was man dort zu der Reso­lu­ti­on sagt. (Vie­len Dank für den Hin­weis an Andre­as K. Bittner)


🥙 Noch vor zwei Jah­ren war es schwer, in Müns­ter einen Laden zu fin­den, der eine gute Bowl ver­kauft. Heu­te ist es am Anfang der Wol­be­cker Stra­ße nicht ganz leicht, einen Laden zu fin­den, der kei­ne gute Bowl ver­kauft. Falls Sie gar nicht wis­sen, wor­um es geht: Eine Bowl ist eine Schüs­sel vol­ler fri­scher Zuta­ten mit einem Dres­sing. An der Wol­be­cker Stra­ße gibt es die­ses Gericht bei Glowkitchen, bei Aró, bei Ban­tu Bowl und bei Uma­mi-Bowl. Sie sind alle sehr gut, aber mir gefällt die Vari­an­te von Uma­mi am bes­ten. Und wenn Sie jetzt den­ken: Wie­der so ein unnüt­zer Trend, der dann auch bald wie­der Geschich­te ist, freu­en Sie sich nicht zu früh. Das haben vie­le damals auch beim Bub­ble-Tea gedacht. Und den gibt’s an der Wol­be­cker Stra­ße jetzt auch wieder. 


Drinnen

+++ Wenn Sie etwas Gutes lesen möch­ten, dann lesen Sie bit­te die­sen Text von Jonas Jan­sen. Er ist Redak­teur bei der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung, und er hat ver­sucht, her­aus­zu­fin­den, wer das Bild ent­wor­fen hat, das auf fast allen Döner-Tüten zu sehen ist. Lei­der ist es ihm nicht gelun­gen. Aber das macht über­haupt nichts. Der Text ist ganz wun­der­bar.


Draußen

+++ Das Wolf­gang-Bor­chert-Thea­ter zeigt am Don­ners­tag zum Abschluss der Thea­ter-Sai­son noch ein­mal das Stück „Extra­wurst“. Dar­in geht es um eine Mit­glie­der­ver­samm­lung in einem Ten­nis-Club und die Fra­ge, ob ein neu­er Grill ange­schafft wer­den soll – viel­leicht sogar ein zwei­ter, weil das ein­zi­ge tür­ki­sche Mit­glied im Ver­ein sei­ne Würst­chen als Mos­lem nicht neben das Schwei­ne­fleisch legen darf. Oder reicht für das eine Würst­chen des Tür­ken viel­leicht auch der alte Grill? Das muss geklärt wer­den. Eigent­lich geht es dabei aber gar nicht um einen Grill oder ein Würst­chen, son­dern um die Fra­ge, wie vie­le Rech­te eine Mehr­heit einer Min­der­heit ein­räu­men muss. Das Stück beginnt am Don­ners­tag um 20 Uhr. Adres­se: Am Mit­tel­ha­fen 10. Eine Hand­voll Tickets gibt es per Tele­fon unter 0251 / 400 19.

Am Frei­tag schreibt Ihnen wie­der mei­ne Kol­le­gin Kat­rin Jäger. Haben Sie bis dahin eine schö­ne Woche.

Herz­li­che Grü­ße
Ralf Hei­mann


PS

Der Meteo­ro­lo­ge Edward N. Lorenz hat vor 50 Jah­ren den Begriff „Schmet­ter­lings­ef­fekt“ geprägt. Er hielt einen Vor­trag mit dem Titel: „Kann der Flü­gel­schlag eines Schmet­ter­lings in Bra­si­li­en einen Tor­na­do in Texas aus­lö­sen?“ In sei­nem Vor­trag ging es um klei­ne Ereig­nis­se mit gro­ßen Fol­gen. Und damit sind wir auch schon in Müns­ter. In einer Woh­nung an der Waren­dor­fer Stra­ße ist am Mon­tag­mor­gen näm­lich ein Glas Brü­he explo­diert. Das pas­sier­te in der Küche eines Kol­le­gen, den ich aus Höf­lich­keit hier nicht nen­nen möch­te. Er woll­te die kochen­de Flüs­sig­keit in ein Ikea-Glas fül­len, aber auf dem Glas stand nicht, dass man das bes­ser nicht macht. Der Kol­le­ge muss­te nach dem Vor­fall die Küche grund­rei­ni­gen und eine klei­ne Wun­de ver­arz­ten. Des­we­gen hat­te am Mon­tag­mor­gen in einer Pres­se­stel­le jemand weni­ger zu tun. Dort woll­te der Kol­le­ge an die­sem Mor­gen näm­lich eigent­lich anru­fen. Ein Glas­han­del wird wegen des Scha­dens viel­leicht mit­tel­fris­tig bis zu einen Euro mehr Umsatz machen. Und auch für Sie könn­te die­ser klei­ne Unfall Fol­gen haben. Sie wer­den sich näm­lich viel­leicht noch in ein paar Jah­ren genau in dem Moment, kurz bevor Sie das kochen­de Was­ser in ein ein­fa­ches Trink­glas fül­len, an die­sen klei­nen Haus­halts­tipp erin­nern und statt des Gla­ses dann doch eine Tas­se verwenden.