Einfamilienhaus in Bedrängnis | Fakten zum Flughafen | Mr. Falafel

Müns­ter, 2. März 2021

Guten Tag,

wenn man von der Rui­ne des Restau­rants Mai­kot­ten in St. Mau­ritz die Stra­ße her­ab­schaut, sieht man Fel­der, Wie­sen und Bäu­me. Was man von hier aus nicht erken­nen kann, ist, dass die­ses Stück­chen Land­schaft einer der ers­ten Orte in Müns­ter ist, an dem sich Fra­gen stel­len, die in den ver­gan­ge­nen Wochen in ganz Deutsch­land ver­han­delt wor­den sind. Vor­der­grün­dig geht es vor allem um eine Fra­ge: Wie wer­den Men­schen in Zukunft wohnen?

Die Anwort könn­te ganz nüch­tern aus­fal­len. Dazu müss­te man sich den gegen­wär­ti­gen Zustand anschau­en, die Pro­ble­me iden­ti­fi­zie­ren und sie lösen. Das Ergeb­nis wären neue Wohn­for­men, aus denen sich weni­ger Pro­ble­me erge­ben. Unglück­li­cher­wei­se ist da aber auch noch der Mensch, der sich zwar für ein ratio­nal den­ken­des Wesen hält, es aber sehr oft nicht ist. Zum Bei­spiel, wenn es um sei­ne Vor­stel­lung von Woh­nen geht.

Am Mai­kot­ten­weg soll­ten 75 Woh­nun­gen gebaut wer­den. So stand es vor sechs Jah­ren in den Plä­nen. Doch der Wohn­raum in Müns­ter ist knapp. Die Stadt wächst wie kaum eine ande­re im Land. Nach einer Stu­die des Insti­tuts der Deut­schen Wirt­schaft aus dem ver­gan­ge­nen Jahr sind Woh­nun­gen nir­gend­wo in Nord­rhein-West­fa­len so knapp wie in Müns­ter. Allein zwi­schen 2016 und 2018 hät­ten über 2.400 neue Woh­nun­gen gebaut wer­den müs­sen, um mit der Nach­fra­ge Schritt zu hal­ten. Tat­säch­lich ent­stan­den nur knapp 1.500. Auch des­halb wur­de das Bau­ge­biet am Mai­kot­ten­weg in den Plä­nen nach und nach grö­ßer. Aus den 75 Wohn­ein­hei­ten wur­den 140, mitt­ler­wei­le sol­len es 280 sein. Auch eine Kita kam noch hinzu.

79 Fußballfelder neues Bauland pro Tag

Eine Bür­ger­initia­ti­ve möch­te ver­hin­dern, dass das Bau­ge­biet die­se Dimen­sio­nen anneh­men wird. Die­se Men­schen haben die Befürch­tung, dass Ver­kehrs­pro­ble­me ent­ste­hen oder die Kapa­zi­tät der Kana­li­sa­ti­on nicht aus­reicht. Es sind prak­ti­sche Fra­gen, auf die es prak­ti­sche Ant­wor­ten geben kann. Die Bür­ger­initia­ti­ve for­dert auf ihrer Web­site zum Bei­spiel ein Ver­kehrs­gut­ach­ten. Das kann man in Auf­trag geben.

Auf der Ebe­ne dar­über geht es zu einem gewis­sen Teil eben­falls um prak­ti­sche Pro­ble­me, nur in einer ande­ren Grö­ßen­ord­nung. Schaut man von oben auf Deutsch­land, sieht man außen die Gren­zen des Lan­des und innen gro­ße Städ­te, deren Gren­zen nicht lini­en­för­mig ver­lau­fen, son­dern nach außen zer­fran­sen. Immer mehr Pixel in der grü­nen Land­schaft wer­den grau. Das nennt man Zer­sied­lung, das Wachs­tum Flächenverbrauch.

Nach Zah­len des Bun­des­um­welt­mi­nis­te­ri­ums wei­sen die Kom­mu­nen in Deutsch­land jeden Tag eine Flä­che von 79 Fuß­ball­fel­dern zum Bau von Häu­sern, Fabrik­hal­len oder Stra­ßen aus. Die­se Flä­chen ste­hen der Land­wirt­schaft nicht mehr zur Ver­fü­gung, sie gehen der Natur ver­lo­ren, die Arten­viel­falt nimmt ab, Men­schen haben weni­ger Erho­lungs­raum. Das kann nicht ewig so weitergehen.

Die Bun­des­re­gie­rung hat daher schon im Novem­ber 2016 in ihrem Kli­ma­schutz­plan beschlos­sen, den Flä­chen­ver­brauch bis 2030 zu hal­bie­ren. Bis­lang rela­tiv erfolg­los, denn eine schwer zu beant­wor­ten­de Fra­ge ist: Wer soll anfan­gen? Dar­über, wo Woh­nun­gen gebaut wer­den, ent­schei­det nicht die Bun­des­re­gie­rung, das beschlie­ßen die Kom­mu­nen selbst. Und wenn eine Stadt wächst, wie es in Müns­ter pas­siert, und neue Men­schen oder Fir­men sich ansie­deln, hat das erst ein­mal vor allem Vor­tei­le. Eine ande­re Fra­ge wäre: Wo soll es los­ge­hen? Am Maikottenweg?

Es ist ein Dilem­ma. Einer­seits braucht die Stadt tau­sen­de neue Woh­nun­gen, um die Nach­fra­ge auch nur eini­ger­ma­ßen bedie­nen zu kön­nen. Ande­rer­seits steht nur begrenzt Platz zur Ver­fü­gung. Eine nahe­lie­gen­de Lösung ist, meh­re­re Woh­nun­gen auf weni­ger Raum zu bau­en. Und dar­um geht es nun in der Diskussion.

Gefühle, Wünsche und Vorstellungen

Die Rat­haus-Koali­ti­on aus Grü­nen, SPD und Volt hat in der Haupt­aus­schuss-Sit­zung am 10. Febru­ar in Fra­ge gestellt, ob die ver­schie­de­nen Wohn­for­men hier in einem wün­schens­wer­ten Ver­hält­nis zuein­an­der ste­hen. Am Mai­kot­ten­weg sind 110 Ein­fa­mi­li­en­häu­ser geplant, dazu 170 Woh­nun­gen in Mehr­fa­mi­li­en­häu­sern. Die Koali­ti­on hat der Stadt­ver­wal­tung den Auf­trag gege­ben, zu prü­fen, ob das nicht auch platz­spa­ren­der geht.

Ab hier geht es nicht mehr nur um prak­ti­sche Fra­gen, denn das Ein­fa­mi­li­en­haus ist in Deutsch­land nicht ein­fach nur eine Wohn­form – es ist eine Ein­stel­lung, ein Lebens­ge­fühl. Es ist für vie­le ein ele­men­ta­rer Bestand­teil ihres Lebens­plans. Und damit ist es eine emp­find­li­che Stelle.

Was das bedeu­tet, haben wir in den ver­gan­ge­nen Wochen beob­ach­tet. In Ham­burg-Nord ent­zün­de­te sich eine hef­ti­ge Debat­te an einer Ent­schei­dung des grü­nen Bezirks­amts­lei­ters Micha­el Wer­ner-Boelz. Er hat­te dafür gesorgt, dass Ein­fa­mi­li­en­häu­ser in den Bebau­ungs­plä­nen nicht mehr mög­lich sein sol­len. Und als Anton Hof­rei­ter, der Frak­ti­ons­chef der Grü­nen im Bun­des­tag, ihm vor zwei Wochen in einem Inter­view mit dem Spie­gel bei­sei­te sprang und dar­auf hin­wies, dass es ja auch ande­re Wohn­for­men gebe, koch­ten die Verfechter:innen der Ein­fa­mi­li­en­häu­ser die Dis­kus­si­on noch wei­ter hoch.

Wie genau das pas­sier­te, erklär­te Micha­el Wer­ner-Boelz im Inter­view mit der taz. Anfang des Jah­res sei ein „seriö­ser Bericht“ in der Welt am Sonn­tag erschie­nen. Dar­an habe sich nie­mand gestört. „Nach drei Wochen wur­de der Text mit einem ande­ren, zuge­spitz­ten Tea­ser online gestellt. Davon haben dann alle abge­schrie­ben, und es wur­de manch­mal noch fal­scher“, sagt Wer­ner-Boelz. Am Ende sei er wüst beschimpft wor­den, Men­schen hät­ten im Bezirks­amt ange­ru­fen und gefragt, ob sie nun ent­eig­net werden.

Träume von jungen Familien

Eine Grund­re­gel von öffent­li­chen Debat­ten ist: Je wei­ter sich alles von den sach­li­chen Fra­gen löst, und je mehr es nur noch um Emo­tio­nen geht, des­to mehr ver­schwimmt alles, des­to mehr geht es nur noch um zwei Dimen­sio­nen. Dafür oder dagegen.

In Müns­ter sag­te FDP-Frak­ti­ons­chef Jörg Berens im Haupt­aus­schuss im Febru­ar den Satz: „Hier an die­ser Stel­le sol­len dann also Träu­me von jun­gen Fami­li­en wei­ter kaputt gemacht werden.“

So eine Aus­sa­ge geht über das Herz in den Kopf, und das soll sie auch. Sie ruft bei den Men­schen, die die­sen Traum haben, Ängs­te her­vor, aber sie igno­riert das eigent­li­che Pro­blem. Es ist, als wür­de die Mut­ter dem Vater sagen: „Wir haben über­haupt kein Geld mehr. Ein Urlaub ist in die­sem Jahr wohl nicht drin.“ Und der Vater ant­wor­tet: „Aber die Kin­der wün­schen es sich doch so sehr.“

Im Fall der Ein­fa­mi­li­en­häu­ser kann man wie Jörg Berens argu­men­tie­ren, aller­dings nur, wenn man das knap­pe Bau­land und den Flä­chen­ver­brauch ent­we­der für kein drän­gen­des Pro­blem hält oder eine ande­re Lösung hat.

Ich habe Jörg Berens gefragt, wie er das Pro­blem ein­schätzt, und wie er es lösen wür­de. Auf den Flä­chen­ver­brauch geht er in sei­ner Ant­wort nicht ein. (Hier stand zunächst, Jörg Berens habe nicht geant­wor­tet. Er schrieb spä­ter, er habe die Mail über­se­hen. Sein Ant­wort haben wir unten doku­men­tiert, Anm. d. Red.)

Ich habe auch CDU-Frak­ti­ons­chef Ste­fan Weber gefragt. Er schreibt: „Das von den Grü­nen dis­ku­tier­te Ver­bot von Ein­fa­mi­li­en­häu­sern leh­nen wir ab, auch im Bau­ge­biet am Mai­kot­ten­weg. Poli­tik ist nicht dazu da, den Men­schen Hoff­nun­gen und Träu­me zu zerstören.“

Man könn­te ein­wen­den, dass Hoff­nun­gen und Träu­me auch zer­stört wer­den, weil Wohn­raum immer knap­per und das Land von oben immer grau­er wird. Aber Ste­fan Weber hat noch ein ande­res Argu­ment: „Wer die Nach­fra­ge in Müns­ter igno­riert, zwingt jun­ge Fami­li­en ins Umland und erzeugt noch mehr Pend­ler­ver­kehr“, sagt er. Und die­se Fra­ge stellt sich tat­säch­lich: Las­sen Men­schen sich wirk­lich von ihrem Traum vom eige­nen Haus abbrin­gen, wenn sie in Stadt­nä­he kein Grund­stück fin­den? Ent­ste­hen nicht neue Pro­ble­me, wenn die­se Men­schen dann täg­lich von ihrem Haus im Grü­nen mit dem Auto in die Stadt fah­ren? Und nimmt die Zer­sie­de­lung dann nicht wei­ter zu? Wird der graue Fli­cken­tep­pich nicht noch grö­ßer? Über die­ses Pro­blem wird man spre­chen müs­sen, aber das ist nicht leicht in einer Debat­te, in der es um Gefüh­le und Träu­me geht.

Worum geht es denn eigentlich?

Es beginnt schon beim Wort Ver­bot. Das kann bedeu­ten: Ein­fa­mi­li­en­häu­ser dür­fen nicht mehr an bestimm­ten Stel­len gebaut wer­den. Es kann aber auch hei­ßen: Es wird gene­rell ver­bo­ten, Ein­fa­mi­li­en­häu­ser zu bau­en. Oder: Men­schen dür­fen kei­ne Ein­fa­mi­li­en­häu­ser mehr besitzen.

Die­se Unschär­fe lie­ße sich allein durch den Begriff „Neu­bau-Ver­bot“ besei­ti­gen. Aber sie ist mög­li­cher­wei­se gewollt. Viel­leicht soll gar nicht so klar wer­den, was geplant ist, weil dann viel­leicht auch Men­schen sagen wer­den: So schlimm ist es doch gar nicht.

Aber um was geht es denn eigent­lich? Fragt man Robin Kor­te, den umwelt­po­li­ti­schen Spre­cher von Müns­ters Grü­nen-Frak­ti­on, zu den Plä­nen sei­ner Par­tei, sagt er: „Wir wol­len das Ver­hält­nis ver­än­dern, aber das heißt nicht, dass wir kei­ne Ein­fa­mi­li­en­häu­ser wol­len.“ An eini­gen Stel­len in der Stadt sei die­se Wohn­form sicher wei­ter sinn­voll, am Stadt­rand zum Bei­spiel, wo Sied­lun­gen in Natur übergehen.

Der grü­ne Bezirks­amts­lei­ter Micha­el Wer­ner-Boelz hat in einem Inter­view mit der taz gesagt, wo nach bestehen­den Bebau­ungs­plä­nen Ein­fa­mi­li­en­häu­ser mög­lich sei­en, kön­ne man sie auch wei­ter­hin bau­en. Und wer in einem Ein­fa­mi­li­en­haus lebe, kön­ne das auch wei­ter­hin tun. „Ich bin kein Ein­fa­mi­li­en­haus-Has­ser“, sag­te er. Aber der Wohn­raum sei eben knapp. „Ich muss also mit begrenz­ten Res­sour­cen für bezahl­ba­ren Wohn­raum sor­gen”, sag­te er.

Robin Kor­te sagt: „Wenn man bestimm­te Fra­gen gegen­ein­an­der abwägt, dann kom­men wir zu dem Schluss, dass wir begrenz­te Res­sour­cen haben und damit mög­lichst spar­sam umge­hen müssen.”

Einig sind sich die Politiker:innen in Müns­ter nicht. Ste­fan Weber hält das Pro­blem anschei­nend für nicht so akut. Müns­ter sei eine flä­chen­s­pa­ren­de Kom­mu­ne, schreibt er. Prio­ri­tät hät­ten hier Bau­ge­bie­te inner­halb der Stadt, zum Bei­spiel auf den Kon­ver­si­ons­flä­chen in Grem­men­dorf und Gie­ven­beck, auf dem alten Wink­haus-Gelän­de am Bohl­weg oder am Dah­l­weg. Dort bemü­he man sich um eine „mode­ra­te Nachverdichtung“.

Aber wie knapp ist denn die Res­sour­ce Boden in Münster?

Auf den ers­ten Blick nicht so knapp. Nach Zah­len des Insti­tuts der deut­schen Wirt­schaft steht in Müns­ter im Ver­gleich zu einer Stadt wie Köln viel Bau­land zur Ver­fü­gung. In Köln sind es 31 Hekt­ar pro 1.000 Wohn­ein­hei­ten, in Müns­ter 81 Hekt­ar. Zur Ein­ord­nung: Ein Hekt­ar ist in etwa so groß wie ein Fuß­ball­feld. Man könn­te nun sagen: Da ist durch­aus noch Luft nach oben. Man kann aber auch sagen: Wenn der Flä­chen­ver­brauch gebremst wer­den soll, muss irgend­wer mit dem Spa­ren beginnen.

Es fehlen vor allem Mietwohnungen

Von allein wird das nicht pas­sie­ren. Nach einer Pro­gno­se des Pes­tel-Insti­tuts wer­den in den kom­men­den Jah­ren in Müns­ter jähr­lich gut 300 neue Ein- und Zwei­fa­mi­li­en­häu­ser ent­ste­hen – wenn alles so wei­ter­geht wie bis­her. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren schwank­te die Zahl zwi­schen knapp 700 und knapp 300.

In der Stu­die heißt es, letzt­lich habe „eine unzu­rei­chen­de Woh­nungs­po­li­tik“ dazu geführt, dass Ende 2019 in Müns­ter gut 2.400 Woh­nun­gen fehl­ten. Zwi­schen 2012 und 2017 hät­ten pro Jahr etwa 500 Woh­nun­gen gebaut wer­den müs­sen, heißt es in einer ande­ren Ver­öf­fent­li­chung des Instituts.

Inter­es­sant ist, wel­che Art von Woh­nun­gen feh­len. Hier macht das Pes­tel-Insti­tut eine ein­deu­ti­ge Aus­sa­ge. Im Fazit steht: Es feh­len bar­rie­re­ar­me Woh­nun­gen und Miet­woh­nun­gen im unte­ren Preissegment.

Wenn in Zukunft weni­ger Ein­fa­mi­li­en­häu­ser gebaut wür­den, dann kann es also tat­säch­lich sein, dass eini­ge jun­ge Fami­li­en ihren Traum vom Ein­fa­mi­li­en­haus mit Gar­ten in Stadt­nä­he begra­ben müs­sen. Aber es bedeu­tet auch: Für ande­re jun­ge Fami­li­en und für älte­re Men­schen, für Men­schen mit Behin­de­rung, mit weni­ger Finanz­kraft wird der Traum von den eige­nen vier Wän­den viel­leicht dadurch erst mög­lich. Die Zah­len des Pes­tel-Insti­tuts spre­chen dafür, dass man die­se Woh­nun­gen in Müns­ter drin­gen­der braucht.

Nach­trag, 3. März: 

Jörg Berens hat­te auf eine Anfra­ge zunächst nicht geant­wor­tet. Am Mitt­woch schrieb er, es kämen in den Haus­halts­be­ra­tun­gen gera­de so vie­le Mails, er habe die Anfra­ge über­se­hen. In sei­ner Ant­wort schreibt er nun, sei­ne Par­tei set­ze sich für einen neu­en Stadt­teil ein. Dabei gehe es auch um Ein­fa­mi­li­en­häu­ser, aber nicht aus­schließ­lich. Man ach­te in Bau­ge­bie­ten schon heu­te auf eine gute Durch­mi­schung. Doch sein Ein­druck sei, „dass jun­ge Fami­li­en zu wenig im Fokus ste­hen“. Die FDP set­ze sich „in Sum­me dafür ein, dass wir eine Wohn­raum­po­li­tik für alle Bevöl­ke­rungs­schich­ten machen“. Jun­ge Fami­li­en, die ihren Traum vom Eigen­heim in Müns­ter nicht ver­wirk­li­chen könn­ten, such­ten sich aber kei­ne klei­ne­re Woh­nung „am ohne­hin über­hitz­ten Woh­nungs­markt“, sie wan­der­ten ins Umland. Die Fol­gen sei­en Mobi­li­täts­pro­ble­me. Die Koali­ti­on negie­re die Kon­se­quen­zen – bei den Mobi­li­täts­the­men noch stär­ker als bei der Woh­nungs­po­li­tik. Ein wei­te­rer Aspekt sei: Eine eige­ne Immo­bi­lie sei auch eine sehr gute Alters­ver­sor­gung. Das sei in einer Zeit mit anhal­ten­der Nied­rig­zins-Poli­tik durch­aus von Bedeutung. 


Wir müssen reden

Am Sonn­tag­abend haben wir uns zum ers­ten Mal in unse­ren neu­en Räu­men am Pres­se­haus an der Neu­brü­cken­stra­ße getrof­fen, aller­dings etwas anders, als wir uns das vor­ge­stellt hät­ten: zu zweit. Alle übri­gen Gäs­te haben via Zoom an der zwei­ten Fol­ge unse­rer Gesprächs­rei­he „Wir müs­sen reden“ teil­ge­nom­men. Und das waren zeit­wei­se 90, am Ende immer­hin noch knapp 80 Men­schen. Wenn so vie­le Men­schen sich spä­ter auch vor Ort für die Dis­kus­si­on inter­es­sie­ren wür­den, hät­ten wir eine sehr schö­ne Atmo­sphä­re. Die hat­ten wir so eben­falls, wenn auch nur im Internet.

Chris­ti­an Lüer und Cars­ten Schür­mann, die bei­den Autoren der Stu­die zum Flug­ver­kehr in der Eure­gio-Regi­on, die wir für RUMS inter­viewt hat­ten, haben ihre Ergeb­nis­se vor­ge­stellt und Fra­gen beantwortet.

Wuss­ten Sie’s zum Beispiel?

  • Fast die Hälf­te aller Flü­ge am FMO sind Kurz­stre­cken­flü­ge. Die vier wich­tigs­ten Zie­le sind Mün­chen, Frank­furt, Anta­lya und Pal­ma de Mallorca.
  • Nur jedes drit­te Unter­neh­men aus der Regi­on nutzt den Flug­ha­fen oft oder manchmal.
  • Im Umkreis von hun­dert Kilo­me­tern des Flug­ha­fen Münster/Osnabrück leben 12,9 Mil­lio­nen Men­schen, im Umkreis vom Flug­ha­fen Ams­ter­dam-Schip­hol sind es nur 10,5 Millionen.
  • Auch wenn die Flug­hä­fen jen­seits der Gren­ze nicht so weit ent­fernt sind, haben die Men­schen offen­bar eine gro­ße Prä­fe­renz für Flug­hä­fen im eige­nen Land.
  • In den Krei­sen des Müns­ter­lands hat der Flug­ha­fen Münster/Osnabrück kei­ne so gro­ße Bedeu­tung, wie man viel­leicht den­ken wür­de. Beson­ders deut­lich wird das im Kreis Bor­ken. Hier nut­zen über 80 Pro­zent der Men­schen vor allem den Flug­ha­fen Düs­sel­dorf, nur sie­ben Pro­zent fah­ren zum FMO.

Wenn Sie sich für die Details inter­es­sie­ren, kön­nen Sie sich die Stu­di­en und Teil­stu­di­en anse­hen.

Und wie ver­spro­chen haben Cars­ten Schür­mann und Chris­ti­an Lüer alle Fra­gen, die offen geblie­ben sind, nach­träg­lich beant­wor­tet. Die Ant­wor­ten fin­den Sie hier.


In aller Kürze

+++ Mög­li­cher­wei­se eine über­ra­schen­de Nach­richt für eini­ge Eltern in Müns­ter: Wenn Kin­der nicht ganz so gute Noten in der Schu­le haben, gäbe es auch die Mög­lich­keit, sie auf zwei im Stadt­ge­biet weit­ge­hend unbe­kann­te Schul­for­men wech­seln zu las­sen: die Haupt- oder die Real­schu­le. Viel­leicht muss es sich erst noch her­um­spre­chen. An den Real­schu­len haben für den Som­mer 511 Eltern ihre Kin­der ange­mel­det, unge­fähr so vie­le wie im Jahr 2020, aller­dings – das muss man schon sagen – die Erich-Klau­se­ner-Real­schu­le hat­te mehr Anmel­dun­gen als Kapa­zi­tä­ten. Die vier Haupt­schu­len errei­chen mit 77 Anmel­dun­gen nur noch zwei Drit­tel der Zah­len aus dem ver­gan­ge­nen Jahr (112). „1194 Kin­der möch­ten auf ein Gym­na­si­um wech­seln“, schreibt die Stadt in ihrer Pres­se­mit­tei­lung. Anga­ben dazu, in wie vie­len Fäl­len das vor allem die Eltern woll­ten, gibt es nicht. Aber was man sagen kann: Die zwei städ­ti­schen Gesamt­schu­len kön­nen sich vor Anmel­dun­gen mal wie­der kaum ret­ten. Um die 270 Plät­ze haben sich 554 Kin­der beworben.

+++ Der 62-jäh­ri­ge Mann, der im ver­gan­ge­nen Mai einen 33-jäh­ri­gen Mann vor sei­nem Haus in Rox­el ersto­chen hat­te, weil der zu laut tele­fo­nier­te, wie es hieß, muss wegen Mord lebens­lang ins Gefäng­nis, nach­zu­le­sen unter ande­rem beim Spie­gel.

+++ Im Wett­be­werb um die meis­ten Füh­rungs­wech­sel in der lau­fen­den Spiel­zeit hat Müns­ters SPD-Frak­ti­on gegen­über dem FC Schal­ke 04 nun erneut nach­ge­legt. Mari­us Her­wig ist seit Mon­tag­abend neu­er Frak­ti­ons­chef, wie die West­fä­li­schen Nach­rich­ten mel­den. Er wird Nach­fol­ger von Mathi­as Kers­t­ing, der das Amt erst im Sep­tem­ber von Micha­el Jung über­nom­men hat­te. In die­sem Wett­be­werb liegt Schal­ke aus­nahms­wei­se wei­ter­hin in Füh­rung und wird die­se ver­mut­lich bald wei­ter aus­bau­en. Der Ver­ein ist momen­tan trai­ner­los. Bei der SPD stün­de Lud­ger Stein­mann schon in den Start­lö­chern, um den nächs­ten Punkt zu machen, falls Mari­us Her­wig aus­fal­len soll­te. Stein­mann wur­de nun zunächst zum Frak­ti­ons­vi­ze gewählt. 


Corona-Update

Nach­dem die Infek­ti­ons­zah­len in Müns­ter nun schon län­ger auf einem recht nied­ri­gen Niveau düm­peln (aktu­el­ler Inzi­denz­wert: 32,7), hat Müns­ters Ober­bür­ger­meis­ter einen gemein­sa­men Appell mit sei­nen Amts­kol­le­gen aus Tübin­gen und Ros­tock unter­zeich­net. Sie wol­len errei­chen, dass Städ­te, in denen die Zah­len sich gut ent­wi­ckeln, die Regeln lockern dür­fen. Statt­des­sen wol­len sie auf Schnell­tests, eine bes­se­re Kon­takt­ver­fol­gung und eine soge­nann­te loka­le Coro­na-Ampel set­zen, die noch etwas exak­ter Aus­kunft über die aktu­el­le Situa­ti­on in einer Stadt gibt. Die Stim­mung in Ber­lin scheint zur­zeit eher in eine ande­re Rich­tung zu gehen. Es ist durch­ge­si­ckert, dass im Gespräch ist, den Lock­down bis zum 28. März abge­mil­dert zu ver­län­gern. Dazu muss man aller­dings sagen: Dar­über wird erst mor­gen gespro­chen. Und in der Regel ste­chen das die Men­schen durch, die ein Inter­es­se dar­an haben, dass es so kom­men wird. Eben­falls nicht so gut: Die welt­wei­ten Infek­ti­ons­zah­len stei­gen wie­der. Und wenn Ihnen jemand eine Lis­te zeigt, auf der ver­schie­de­ne Orte ste­hen, an denen die Infek­ti­ons­ge­fahr sehr gering ist, zum Bei­spiel Hotels: Es geht nicht um die Gefahr, dass Men­schen sich in Hotels anste­cken. Das Ziel ist, Men­schen davon abzu­hal­ten, sich zu bewe­gen. Hier noch schnell die aktu­el­len Zah­len aus Müns­ter: In Müns­ter gibt es aktu­ell zwar nur elf Neu­in­fek­tio­nen, aber bis­lang 59 Fäl­le der hoch anste­cken­den bri­ti­schen Muta­ti­on. Zum Ende dann aber noch eine gute Nach­richt: Die Stadt erwei­tert die Grup­pe der Men­schen, die sich imp­fen las­sen dürfen.


Unbezahlte Werbung

Müns­ter hat viel­leicht kei­ne aus­ge­wach­se­ne Street-Food-Sze­ne, aber am Josef-Kirch­platz an der Ham­mer Stra­ße doch etwas, was in die­se Rich­tung geht. Immer diens­tags und mitt­wochs steht dort ein klei­ner Imbiss­wa­gen mit dem Schrift­zug „Mr. Fala­fel“. Sie wer­den schon erra­ten haben, was dort auf der Kar­te steht. Ein Tipp wäre aber der Fala­fel­tel­ler mit ein­ge­leg­ten Steck­rü­ben – oder die Fala­fel­box für zu Hau­se. Bevor Sie sich auf den Weg machen, schau­en Sie am bes­ten noch schnell auf Mr. Fala­fels Face­book-Sei­te. Dort ver­öf­fent­licht Mr. Fala­fel immer zuver­läs­sig, wo er sich gera­de befindet.


Drinnen und Draußen

+++ Anna Mayr ist als Kind zwei­er Lang­zeit­ar­beits­lo­ser auf­ge­wach­sen. In ihrem Buch „Die Elen­den“ soli­da­ri­siert sie sich mit Arbeits­lo­sen und rech­net mit den Vor­ur­tei­len ab, mit denen sie zu kämp­fen haben. Und sie erklärt, war­um eine kapi­ta­lis­ti­sche Gesell­schaft Arbeits­lo­se „braucht”. Für ihre Lesung am Frei­tag müss­ten Sie eigent­lich nach Stutt­gart fah­ren, aber – Coro­na macht’s mög­lich – Sie kön­nen sich den Abend auch von zu Hau­se aus anse­hen. Tickets gibt’s für fünf Euro hier.

+++ Coro­na hat die Kul­tur ver­schwin­den las­sen, aber die­se selt­sa­me Zeit hat auch neue For­ma­te her­vor­ge­bracht. Das Stadt­en­sem­ble lädt zum Bei­spiel zu Spa­zier­gän­gen zu zweit ein, in denen es im Gro­ben um Kunst geht, aber im Detail um sehr vie­le unter­schied­li­che The­men. Der Ter­min zum The­ma „Ja ja ja Ne ne ne“ ist lei­der schon weg. Hier fin­den Sie einen Über­blick, und dort kön­nen Sie auch gleich buchen.

+++ In der neu­es­ten Fol­ge des Pod­casts „Was uns betrifft“ geht es um Men­schen ohne Woh­nun­gen und um Mög­lich­kei­ten, der Woh­nungs­lo­sig­keit zu ent­kom­men. Die Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung hat sich die­ses sehr schö­ne For­mat über­legt, um Wis­sen aus ganz unter­schied­li­chen Gebie­ten zu ver­mit­teln. The­men eini­ger Fol­gen, die seit dem Start im Herbst erschie­nen sind, wären zum Bei­spiel Mobi­li­tät oder Kolo­ni­al­ge­schich­te. Und bei der Gele­gen­heit abon­nie­ren Sie am bes­ten auch noch einen der News­let­ter der Bun­des­zen­tra­le. Ich selbst kann zum Bei­spiel den mit den Neu­ig­kei­ten empfehlen.

+++ Nicht-Wis­sen ist dem Wort nach Wis­sen, das nicht vor­han­den ist – weil man sich damit noch nicht beschäf­tigt hat, oder weil es die­ses Wis­sen noch gar nicht gibt. Es gibt aber auch Nicht-Wis­sen, das absicht­lich pro­du­ziert wird, weil bestimm­te Wahr­hei­ten sich nicht ver­brei­ten sol­len. Dar­um geht es in der Arte-Doku „For­schung, Fake und fau­le Tricks“. Die Ziga­ret­ten­in­dus­trie hat auf die­se Wei­se ver­sucht, die Gefah­ren des Rau­chens zu ver­schlei­ern, und mit dem Kli­ma­wan­del läuft es offen­bar nicht viel anders. Sehr empfehlenswert.

Am Frei­tag schrei­be ich Ihnen noch ein­mal. Machen Sie’s gut bis dahin. Und blei­ben Sie gesund.

Herz­li­che Grü­ße
Ralf Hei­mann

Mit­ar­beit: Johan­ne Burkhardt


PS

Wenn Sie sich für Müns­ter inter­es­sie­ren, wovon ich aus­ge­he, haben Sie das Stadt­ge­flüs­ter-Inter­view-Maga­zin sicher schon mal in den Hän­den gehabt. Falls nicht: Eigent­lich liegt es in Bars oder Cafés her­um, aber Sie sehen schon das Pro­blem. Und wenn Sie das Maga­zin ver­mis­sen, habe ich eine gute Nach­richt für Sie. Es gibt die Inter­views jetzt auch online, und zwar hier. Viel Spaß!