Die magische Hundert | Immer Ärger mit den Schnelltests | Plattencafé Mondhund

Müns­ter, 13. April 2021

Guten Tag,

die Fie­ber­kur­ve der Inzi­denz­wer­te, auf die wir jeden Tag schau­en, hat am Wochen­en­de einen Sprung gemacht. „Neu­er Coro­na-Hot­spot in Müns­ter: 31 Infi­zier­te im Haus der Woh­nungs­lo­sen­hil­fe“ mel­det die Stadt am Mon­tag. In der Unter­kunft an der Bahn­hof­stra­ße leben zur­zeit bis zu 48 Woh­nungs­lo­se, 29 haben sich ange­steckt. Dazu zwei Men­schen, die dort arbei­ten. Auch im Bür­ger­bü­ro der Bezirks­ver­wal­tung Hil­trup hat sich eine Mit­ar­bei­te­rin infi­ziert, bei wei­te­ren Mit­glie­dern des Teams bestehe ein Ver­dacht, schreibt die Stadt.

In der Sta­tis­tik zeigt sich das in einem Inzi­denz­wert, der sich am Mon­tag bedroh­lich der kri­ti­schen Mar­ke von 100 näher­te. Er klet­ter­te auf einen Wert von 90,4, fiel aber am Diens­tag wie­der auf 81,5. Lan­des­weit hat der Wert die Gren­ze längst über­schrit­ten (aktu­ell 135,4), in Gel­sen­kir­chen bewegt er sich in ganz ande­ren Dimen­sio­nen (173,7). Die Zah­len wir­ken bedroh­lich. Aber solan­ge der Grenz­wert 100 nicht erreicht ist, scheint doch alles nicht ganz so schlimm zu sein. Kri­sen­stabs­lei­ter Wolf­gang Heu­er sag­te heu­te Mor­gen bei Anten­ne Müns­ter über die Aus­sicht auf Locke­run­gen: „Wenn wir nicht sta­bil unter einem Inzi­denz­wert von 100 lie­gen, wer­den die Modell­pro­jek­te auch nicht starten.“

Mit dem Wort „sta­bil“ ist das so aller­dings so eine Sache. Wann ist ein Inzi­denz­wert sta­bil? Kann er bei 80 sta­bil sein? 

Die Phy­si­ke­rin Vio­la Prie­se­mann vom Max-Planck-Insti­tut in Göt­tin­gen hat zusam­men mit ihrem Team berech­net, dass eine Inzi­denz von sie­ben ein sta­bi­ler Wert wäre, im Sin­ne eines sta­bi­len Gleich­ge­wichts, wie der Daten­jour­na­list Chris­ti­an Endt in einem Bei­trag für Zeit Online erklärt. Dort beschreibt er auch, wie es dazu kam, dass wir im ver­gan­ge­nen Jahr einen Wert von 51 für eine dra­ma­ti­sche Ent­wick­lung hiel­ten, inzwi­schen aber auch bei Inzi­den­zen von 70 oder 80 recht gelas­sen blei­ben, solan­ge die 100 nur nicht erreicht wird. 

Den psy­cho­lo­gi­schen Effekt dahin­ter ken­nen Sie aus der Fern­seh­ab­tei­lung im Elek­tro­markt. Dort fin­den Sie meis­tens neben vie­len Gerä­ten aus allen mög­li­chen Preis­klas­sen ein fast unbe­zahl­ba­res Luxus-Pro­dukt in den Dimen­sio­nen einer kom­for­ta­blen Matrat­ze. Dane­ben sieht auch ein Fern­se­her für 3.999 Euro noch ver­hält­nis­mä­ßig güns­tig aus. In der Psy­cho­lo­gie nennt man das den Anker­ef­fekt. Men­schen ori­en­tie­ren sich an Anker­wer­ten, auch wenn sie völ­lig will­kür­lich gesetzt werden.

Im Fal­le der Inzi­denz­wer­te ist genau das pas­siert. Ursprüng­lich soll­te ein Maxi­mal­wert von 35 garan­tie­ren, dass die Gesund­heits­äm­ter Kon­tak­te nach­ver­fol­gen kön­nen. Die­se Zahl hat­te laut Chris­ti­an Endt Kanz­ler­amts­chef Hel­ge Braun recher­chiert. Weil die­ser Wert vie­len Lan­des­re­gie­run­gen aber als zu streng erschie­nen sei, habe man sich schließ­lich auf 50 geei­nigt. Das Robert-Koch-Insti­tut emp­fiehlt laut Endt auch wei­ter­hin eine Not­brem­se ab einer Inzi­denz von 50. Inzwi­schen ist die Zahl aber gar nicht mehr in Sichtweite. 

Wür­den die Län­der und Kom­mu­nen Locke­run­gen erst bei Inzi­den­zen von 50 zulas­sen, müss­ten sie lan­ge war­ten. Unter Umstän­den müss­ten sie zuge­ben: „Wir kön­nen jetzt erst mal nichts machen.“ Der neue Anker von 100 gibt der Poli­tik Hand­lungs­spiel­raum, wo vie­le gar kei­nen Spiel­raum sehen – unter ande­rem, weil die Inzi­denz eine Ent­wick­lung zeigt, die den Zustand von vor etwa einer Woche abbil­det. Unter Umstän­den ist bei einem Wert von 100 schon alles zu spät. Der Grü­nen-Poli­ti­ker und Not­fall­me­di­zi­ner Janosch Dah­men sagt etwa: „Die Not­brem­se bei einer Inzi­denz von 100 zu zie­hen, bedeu­tet erst zu brem­sen, wenn man schon vor die Wand gefah­ren ist.“

Das ist der Blick auf die Stadt oder das Land als Gesamt­sys­tem. Es geht um das Infek­ti­ons­ge­sche­hen. Die Inzi­denz gibt an, wann gehan­delt wer­den muss. So argu­men­tie­ren Fach­leu­te aus der Viro­lo­gie, auch vie­le eher lin­ke Politiker:innen. Der libe­ra­len oder kon­ser­va­ti­ven Argu­men­ta­ti­on ent­spricht es eher, nicht allein auf die Inzi­denz zu schau­en. Auch dafür gibt es Gründe. 

Mit einer stei­gen­den Anzahl an Tests steigt auch die Zahl der iden­ti­fi­zier­ten Infek­tio­nen. Das sieht in der Sta­tis­tik nicht gut aus, aber wenn man die­se Men­schen fin­det und iso­liert, kön­nen sie ihre Infek­ti­on nicht mehr übertragen. 

In Müns­ter zum Bei­spiel haben sich über die Oster­ta­ge laut der Stadt knapp 22.600 Men­schen tes­ten las­sen. Bei 27 von ihnen fiel der Test posi­tiv aus. Die­se Infek­tio­nen hät­ten ohne Test die Sta­tis­tik nicht belas­tet. Aber sie hät­ten unter Umstän­den zu wei­te­ren Infek­tio­nen geführt. Ges­tern mel­de­ten die Test­zen­tren an die Stadt­ver­wal­tung 5.882 Tests und 45 posi­ti­ve Ergeb­nis­se. Die erhöh­te Quo­te kann sich dadurch erklä­ren, dass die Zahl der Infi­zier­ten nach Ostern gestie­gen ist. Es kann aber auch sein, dass sich über Ostern mehr Men­schen ohne Ver­dacht tes­ten lie­ßen, um ihre Fami­li­en besu­chen zu können. 

Die Inzi­den­zen ver­mit­teln kein ein­deu­ti­ges Bild. Das führt zu unter­schied­li­chen poli­ti­schen Schlussfolgerungen.

Grü­nen-Frak­ti­ons­spre­cher Chris­toph Kat­tentidt sagt laut einer Pres­se­mit­tei­lung von Mon­tag: „Bei stei­gen­den Zah­len und ange­sichts der dro­hen­den Über­for­de­rung unse­rer Kran­ken­häu­ser ver­bie­ten sich aktu­ell wei­te­re Öff­nun­gen.“ Frak­ti­ons­spre­che­rin Syl­via Rie­ten­berg spitzt es noch etwas mehr zu. Sie sagt: „Der Modell­ver­such ergibt bei den aktu­el­len Ent­wick­lun­gen kei­nen Sinn.“ CDU-Rats­herr Ste­fan Leschni­ok schreibt bei Face­book dage­gen, der Modell­ver­such set­ze kla­re Regeln, die ein­zu­hal­ten sei­en, und nennt die Kri­tik am Modell­ver­such „Mies­ma­che­rei“.

Das ist der Blick auf den ein­zel­nen Fall. Wenn ein Mensch im Geschäft ein Buch bestellt und sich dabei an die Regeln hält, ist die Wahr­schein­lich­keit, dass er sich ansteckt, gering. Auch drau­ßen im Bier­gar­ten ist das Risi­ko über­schau­bar. Die Men­schen tra­gen Mas­ken, hal­ten Abstand, wenn über­haupt hal­ten sie sich nur in gerin­ger Zahl in den Geschäf­ten auf. So argu­men­tie­ren auch ver­ständ­li­cher­wei­se Hotels oder die Thea­ter. Die Wahr­schein­lich­keit, dass sich bei ihnen jemand ansteckt, ist nicht all­zu hoch. Aber mit jeder wei­te­ren Locke­rung, jedem wei­te­ren Modell­pro­jekt sind mehr Men­schen unter­wegs. Und wenn Men­schen unter­wegs sind, steigt die Wahr­schein­lich­keit, dass sie sich anste­cken oder eine Infek­ti­on über­tra­gen, auch wenn stren­ge Regeln gel­ten und alle vor­sich­tig sind. In Tübin­gen hat der Modell­ver­such so vie­le Men­schen ange­lockt, dass man das Expe­ri­ment trotz aller Vor­keh­run­gen wie­der beschrän­ken musste.

Ist der Zoo zu voll?

Es könn­te sein, dass so etwas zur­zeit auch in Müns­ter schon statt­fin­det. Geöff­ne­te Orte wir­ken wie Magne­te. Eine Lese­rin schreibt uns, sie habe im März einen Ter­min mit ihrem Mann und ihrer klei­nen Toch­ter im Zoo bekom­men. Und es sei „total über­füllt“ gewe­sen. „Wir haben uns sehr unwohl gefühlt, da ein Abstand­hal­ten eigent­lich nicht mög­lich war“, schreibt sie. An einen Sicher­heits­ab­stand sei schon kurz hin­ter der Kas­se kaum zu den­ken gewe­sen. „Wir waren ent­setzt, da wir der Mei­nung waren, dass eine Online­bu­chung auch eine stark begrenz­te Besu­cher­zahl bedeu­tet“, schreibt die Frau in ihrer E-Mail. Sie habe mit einer Ord­ne­rin dar­über gespro­chen. Die habe dar­über geklagt, dass viel zu wenig Per­so­nal im Ein­satz sei. Sie habe ver­zwei­felt gewirkt. 

Es ist eine Moment­auf­nah­me – der Ein­druck eines Men­schen zu einem bestimm­ten Zeit­punkt. Eva Strehlke hat für RUMS mit ande­ren Men­schen gespro­chen, die in den ver­gan­ge­nen Wochen zu unter­schied­li­chen Zei­ten im Zoo waren. An Wochen­ta­gen schei­nen die Men­schen sich dort gut zu ver­tei­len. Voll ist es – das ist kei­ne so gro­ße Über­ra­schung – am Wochen­en­de. Dass es an die­sen Tagen zu voll gewe­sen sei, berich­ten meh­re­re. Vor allem auf den Spiel­plät­zen und vor den Gehegen. 

Und was sagt man beim Zoo dazu? Spre­cher Jan Ruch hat ein paar Zah­len her­aus­ge­sucht. Er sagt, am ver­gan­ge­nen Sams­tag habe man knapp 1.500 Men­schen gezählt, die sich auf den gesam­ten Tag ver­teilt hät­ten, am Sonn­tag 2.100. „Das sind für uns eigent­lich kei­ne guten Zah­len“, sagt Ruch. Voll sei es, wenn 6.000 Men­schen im Zoo sind. Den Zah­len nach sei die Situa­ti­on im Moment recht ent­spannt. Man habe den­noch zusätz­lich exter­nes Per­so­nal gebucht, um an „neur­al­gi­schen Punk­ten“ dafür sor­gen zu kön­nen, dass die Men­schen nicht zu eng bei­ein­an­der ste­hen. Der Zoo macht den Besucher:innen eini­ge Vor­ga­ben. Wer kom­men möch­te, braucht einen Ter­min. „Auf dem gesam­ten Gelän­de gilt Mas­ken­pflicht“, sagt Ruch. Dar­an hal­ten sich die Besucher:innen größ­ten­teils. Das haben die Men­schen, mit denen Eva Strehlke gespro­chen hat, bestä­tigt. Die Tier­häu­ser sind geschlos­sen, denn es feh­le das Per­so­nal, um garan­tie­ren zu kön­nen, dass es drin­nen nicht zu voll wird. 

Das klingt, als wäre die Situa­ti­on unter Kon­trol­le. Die Ein­drü­cke sind unter­schied­lich. Man kann sich im Zoo tes­ten las­sen, doch anders als bei den Modell­pro­jek­ten vor­ge­se­hen, ist ein nega­ti­ver Test kei­ne Vor­aus­set­zung. Es lässt sich nicht sagen, ob sich an über­lau­fe­nen Stel­len schon Men­schen ange­steckt haben. 

Hier ste­hen zwei Posi­tio­nen ein­an­der gegen­über. Auf der einen Sei­te kann man sagen: Die Men­schen sind drau­ßen, sie tra­gen Mas­ken. Die Anste­ckungs­ge­fahr ist eher gering. Auf der ande­ren Sei­te steht die Sta­tis­tik: Wo vie­le Men­schen zusam­men­kom­men, ist die Gefahr grö­ßer, dass Anste­ckun­gen pas­sie­ren. Und wenn vie­le Men­schen zusam­men­kom­men, sind vie­le Men­schen unter­wegs. Auch das macht Anste­ckun­gen wahrscheinlicher. 

Die lästigen Schnelltests

Für die Schu­len lässt sich das recht sicher sagen: Öff­nen sie, stei­gen die Infek­ti­ons­zah­len. Hier kom­men zu vie­le Men­schen zusam­men, um Anste­ckun­gen mit Mas­ken und Regeln voll­stän­dig ver­hin­dern zu kön­nen. Ab der nächs­ten Woche sol­len Schnell­tests das Risi­ko ver­rin­gern. Doch sie ver­mit­teln zum einen eine trü­ge­ri­sche Sicher­heit. Nach einer Unter­su­chung der Uni­ver­si­tät Mün­chen erken­nen Schnell­tests nur sechs von zehn Infek­tio­nen. Zum ande­ren müs­sen sie erst mal ankom­men. Das dürf­te inzwi­schen an so gut wie allen Schu­len pas­siert sein – wenn auch teil­wei­se auf unge­wöhn­li­chem Weg. Die West­fä­li­schen Nach­rich­ten schrei­ben, am Kar­di­nal-von-Galen-Gym­na­si­um in Hil­trup habe das Paket am Mon­tag­mor­gen vor der Tür gele­gen. Wir haben von kei­ner Schu­le in Müns­ter gehört, an der die Tests nicht ange­kom­men sind oder an der es bis nächs­ter Woche knapp wird. Falls das doch irgend­wo der Fall ist, schrei­ben Sie uns gern. Dann rei­chen wir das nach. 

Die Lie­fe­rung ist nicht das ein­zi­ge Pro­blem. Nach unse­rem Brief am Frei­tag mel­de­te sich ein Schul­lei­ter aus Müns­ter, der uns von einer ande­ren Schwie­rig­keit erzähl­te. Das NRW-Schul­mi­nis­te­ri­um lie­fert Selbst­tests von unter­schied­li­chen Her­stel­lern aus: 25er-Packun­gen von der Fir­ma Roche Dia­gnostics und 20er-Packs von Sie­mens Health­ca­re. Bei den Roche-Tests ist pro Test ein Röhr­chen mit Test­flüs­sig­keit dabei. In den Packun­gen von Sie­mens lie­gen zwei Fla­schen, die jeweils für zehn Tests gedacht sind. Bei geteil­ten Klas­sen mit 12 oder 16 Schüler:innen ist das ein Pro­blem. Ent­we­der es bleibt Test­flüs­sig­keit übrig. Oder es ist zu wenig da. Oder die Schu­le muss die Flüs­sig­keit por­tio­nie­ren. „Wir müs­sen die Röhr­chen also auch noch selbst befül­len“, sag­te der Schul­lei­ter. Und das kom­me noch zu dem orga­ni­sa­to­ri­schen Auf­wand der Tes­tun­gen hin­zu. Lehr­kräf­te müs­sen die Tests beauf­sich­ti­gen. Damit füh­len sich vie­le schon des­halb nicht ganz wohl, weil die meis­ten von ihnen sich wei­ter nicht imp­fen las­sen dürfen. 

In Nie­der­sach­sen wür­den die Schnell­tests ein­zeln ver­packt ver­schickt, sag­te der Schul­lei­ter. Das konn­ten wir nicht nach­prü­fen, da das nie­der­säch­si­sche Kul­tus­mi­nis­te­ri­um auf eine Anfra­ge nicht geant­wor­tet hat. Aber wir haben das Schul­mi­nis­te­ri­um in NRW gefragt, war­um es die Selbst­tests bei Sie­mens bestellt hat. Die Ant­wort: Es sei „das ein­zi­ge wert­ba­re Ange­bot inklu­si­ve Belie­fe­rung an die über 6.000 Lie­fer­adres­sen“ gewe­sen. Anders gesagt: Es war so schnell nichts ande­res zu bekommen. 

Die Tat­sa­che, dass die Schüler:innen in die­ser Woche anders als in Bay­ern wei­ter von zu Hau­se aus ler­nen, hat­te Schul­mi­nis­te­rin Yvonne Gebau­er (FDP) in der ver­gan­ge­nen Woche mit dem Infek­ti­ons­ge­sche­hen begrün­det. Auf die Fra­ge, ob an den Schu­len zum Wochen­an­fang denn über­haupt genü­gend Tests vor­han­den gewe­sen wären, um mit dem Unter­richt zu begin­nen, gab das Minis­te­ri­um uns kei­ne Ant­wort. Die gab die Nach­rich­ten­agen­tur dpa in einer Mel­dung, hier zu lesen bei den West­fä­li­schen Nach­rich­ten. Dort steht, dass auch am Mon­tag Schu­len in NRW noch immer auf ihre Coro­na-Tests warteten. 


In aller Kürze

+++ Wenn Sie in den nächs­ten Wochen mit dem Fahr­rad unter­wegs sind, kön­nen Sie dabei hel­fen, die Rad­we­ge in Müns­ter bes­ser zu machen. Kei­ne Sor­ge, Sie müs­sen nicht selbst Schlag­lö­cher aus­stop­fen oder Baum­wur­zeln abschla­gen. Es reicht, wenn Sie sich die App „Navi­ki“ her­un­ter­la­den und sich dar­in zur Akti­on „Fahr­rad­netz 2.0“ anmel­den, die auch als „Dein App­grade für Müns­ters Fahr­rad­we­ge“ bewor­ben wird. In der App heißt sie „Wett­be­werb“, weil Sie nach dem Mit­ma­chen etwas gewin­nen können.

Und das geht so: Ab die­ser Woche und noch bis zum 9. Mai kön­nen Sie mit der App Ihre Wege auf­zeich­nen las­sen. Die Infor­ma­tio­nen lan­den spä­ter anony­mi­siert beim Fahr­rad­bü­ro Müns­ter, das durch die Akti­on unter ande­rem erfah­ren möch­te, wel­che Wege beson­ders vie­le Men­schen nut­zen, wo vie­le Men­schen ent­lang­fah­ren, obwohl es (noch) gar kei­nen Rad­weg gibt, und wo es wegen Eng­stel­len oder ande­rer Hin­der­nis­se beson­ders lang­sam vor­an­geht. Das könn­ten Hin­wei­se dar­auf sein, wo als ers­tes Wege aus­ge­bes­sert oder über­haupt gebaut wer­den sol­len. Und die­se Infor­ma­tio­nen sol­len spä­ter dabei hel­fen, ein hier­ar­chi­sches Fahr­rad­we­ge-Netz mit Haupt- und Neben­we­gen und einer guten Anbin­dung an den öffent­li­chen Nah­ver­kehr zu planen.

Ein klei­nes Pro­blem könn­te aller­dings durch die Pan­de­mie ent­ste­hen. Die Men­schen aus Müns­ter sol­len mit der App ihre All­tags­we­ge auf­zeich­nen. Aber so etwas wie All­tag haben zwi­schen Home­of­fice, Heim­un­ter­richt und den über­schau­ba­ren Frei­zeit­mög­lich­kei­ten ja gera­de die wenigsten.


Korrekturen und Ergänzungen

In unse­rem RUMS-Brief am ver­gan­ge­nen Diens­tag erwähn­ten wir die Ver­di-Betriebs­zeit­schrift, die aller­dings nicht Betriebs­flim­mern heißt, wie wir schrie­ben, son­dern Herz­flim­mern. Da sind bei­de Wör­ter wohl irgend­wie durch­ein­an­der gera­ten. Wir haben das korrigiert. 


Corona-Update

Um die Coro­na-Ent­wick­lung in Müns­ter ging es oben schon. Hier noch ein paar Ergän­zun­gen. Die Stadt Müns­ter mel­det einen wei­te­ren Todes­fall. Ein 64-jäh­ri­ger Mann ist an Covid-19 gestor­ben. Damit wächst die Zahl an oder mit der Krank­heit gestor­be­nen Men­schen in Müns­ter auf 107. Seit ges­tern mel­det die Stadt 44 Neu­in­fek­tio­nen. Aktu­ell gel­ten 526 Men­schen als infi­ziert. 48 Covid-Patient:innen lie­gen im Kran­ken­haus, 19 davon auf der Inten­siv­sta­ti­on. Und nach Anga­ben der Stadt sind mehr als 70.000 Men­schen in Müns­ter geimpft. Das sind etwas mehr als ein Fünf­tel. Knapp 5.500 Men­schen haben ihre Imp­fung in einer Arzt­pra­xis erhal­ten. Eine aktu­el­le Über­sicht zu den Test­stel­len in der Stadt fin­den Sie hier. Am Don­ners­tag kön­nen Sie sich zwi­schen 15 und 17 Uhr in einer Online-Info­ver­an­stal­tung erklä­ren las­sen, wie die Luca-App funk­tio­niert. Alle wei­te­ren Infos hier. Und schon mal die Ankün­di­gung, falls Sie sich am kom­men­den Sonn­tag wun­dern: Der Bun­des­prä­si­dent hat­te ange­regt, die Kir­chen­glo­cken läu­ten zu las­sen, um der an oder mit Coro­na gestor­be­nen Men­schen zu geden­ken. Das wird nun ab 15:30 Uhr pas­sie­ren.


Unbezahlte Werbung

Auf dem Zen­tral­fried­hof in Müns­ter ist der Musi­ker und Kom­po­nist Lou­is Tho­mas Har­din begra­ben. Der Name wird Ihnen mög­li­cher­wei­se nichts sagen, aber den Namen Moon­dog haben Sie viel­leicht schon mal gehört. So nann­te er sich. Bevor er nach Deutsch­land kam, spiel­te Har­din als Stra­ßen­mu­si­ker in New York. Dort war er so bekannt, dass das Hil­ton-Hotel in den Sieb­zi­ger Jah­ren Anzei­gen in der New York Times schal­te­te, in denen es als Adres­se angab: gegen­über von Moon­dog. Eine sei­ner bekann­tes­tes Melo­dien aus dem Stück Bird’s Lament wur­de in Deutsch­land vor 20 Jah­ren als Sam­ple in dem Stück Get a Move on bekannt. Aber war­um erzäh­le ich das alles? Der Schall­plat­ten­lieb­ha­ber Mar­cus Krau­se hat im ver­gan­ge­nen Jahr an der Wol­be­cker Stra­ße 128 das sehr schö­ne Schall­plat­ten­ca­fé Mond­hund eröff­net. Sei­nen Kuchen zeigt Krau­se auf sei­ner Face­book-Sei­te. Die Plat­ten hat er hier zusam­men­ge­stellt. Das Café ist von diens­tags bis sams­tags zwi­schen 11 und 18 Uhr geöff­net. Am bes­ten ein­fach vorbeischauen. 


Drinnen und Draußen

Was man in den nächs­ten Tagen so alles machen kann, hat Eva Strehlke heu­te zusam­men­ge­stellt, und das wäre Folgendes: 

+++ World Wide World – Welt­wei­te Welt, so lau­tet der Fokus bei der dies­jäh­ri­gen Denk­fa­brik des Cen­ters for Lite­ra­tu­re unter dem Titel „Phan­tom Home­land”. Das muss man erst­mal sacken las­sen, denn was ist die Welt, wenn nicht welt­weit, und was ist Hei­mat, wenn nicht das Gegen­teil davon? Genau mit die­sen Fra­gen und noch vie­len wei­te­ren beschäf­ti­gen sich bei der Denk­fa­brik nach eige­ner Aus­sa­ge „star­ke Denker*innen aus Lite­ra­tur und ande­ren Küns­ten, aus Wis­sen­schaft, Hei­mat­ver­bän­den und Inter­kul­tur“. Dabei mischen sich Gesprä­che, Per­for­man­ces und klei­ne Vor­trä­ge. Das genaue Pro­gramm fin­det sich online. Hier kann man auch die Tages­ti­ckets für jeweils 5 Euro erwer­ben und sich so die Chan­ce sichern, bei dem Online-Event selbst in Aus­tausch und Dis­kus­si­on mit einzusteigen.

+++ Wer sich selbst auf sei­ner Home­page als „Geheim­tipp“ beschreibt, braucht wohl noch etwas Unter­stüt­zung beim Wer­be­trom­mel-Rüh­ren. Vor allem, wenn es sich wie in die­sem Fall um die gemüt­lichs­te klei­ne Büche­rei Müns­ters mit super­net­ten, ehren­amt­li­chen Helfer:innen (sind es mög­li­cher­wei­se nur Frau­en?) und einer lie­be­vol­len Buch­aus­wahl han­delt. Des­halb geben wir die­sen Geheim­tipp ger­ne an Sie wei­ter und erzäh­len Ihnen, dass auch Sie mitt­wochs zwi­schen 16:30 und 18:30 Uhr sowie sonn­tags von 10 bis 12:30 Uhr in der nied­li­chen Büche­rei der katho­li­schen Kir­chen­ge­mein­de Lieb­frau­en-Über­was­ser am Kat­tha­gen 2 garan­tiert fün­dig wer­den. Schau­en Sie doch vor­her mal im Online-Kata­log nach, wenn Sie uns nicht glau­ben. Nur ein­ma­lig zwei Euro kos­tet der Büche­rei-Aus­weis. Und psst: katho­li­sche Kon­fes­si­on ist kei­ne Zugangsvoraussetzung. 

+++ Wann haben Sie zuletzt einen Brief geschrie­ben? Und nein, die Kün­di­gung des Zeit-Pro­be­a­bos zählt nicht. Wenn Sie Regi­na Baum­hau­er fra­gen: Wahr­schein­lich ist es zu lan­ge her. Die Künst­le­rin, die an der Aka­de­mie der Bil­den­den Küns­te Stutt­gart und der Bos­ton Uni­ver­si­ty stu­dier­te, stellt ihre Bil­der seit 1993 unter den Titel „Open Let­ters“ und beschäf­tigt sich mit der Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Men­schen, den „zu Papier gedach­ten Gedan­ken“. Seit dem 23. März und noch bis zum 30. Mai kann man ihre Wer­ke, die mal auto­bio­gra­fi­sche Por­träts, mal poli­ti­sche Noti­zen beinhal­ten, immer mon­tags bis frei­tags mit vor­he­ri­ger Anmel­dung im Franz-Hit­ze-Haus besichtigen.

+++ Wäh­rend der Pan­de­mie Hilfs­be­reit­schaft zu zei­gen, kann manch­mal ganz schön kom­pli­ziert sein. Türen auf­hal­ten, Taschen nach Hau­se tra­gen, dem Opi aus dem Bus hel­fen – pfui, Infek­ti­ons­ge­fah­ren und Abstands­kil­ler. Völ­lig hygie­nisch zum guten Gewis­sen kom­men kann man dafür beim Blut­spen­den – in Müns­ter mög­lich beim Uni­kli­ni­kum oder dem Deut­schen Roten Kreuz. Und schon im letz­ten Jahr haben Transfusionsmediziner:innen dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Coro­na-Pan­de­mie und ihre Begleit­erschei­nun­gen auch die aus­rei­chen­de Ver­sor­gung mit Blut­kon­ser­ven gefähr­den. Wann also Blut­spen­den, wenn nicht jetzt? Wie über­all muss man natür­lich auch hier aktu­ell vor­ab einen Ter­min reser­vie­ren, beim UKM tele­fo­nisch unter 0251 8358000, beim DRK online. Sie waren noch nie Blut­spen­den und sind sich unsi­cher, ob Sie die Vor­aus­set­zun­gen erfül­len? Das DRK hat hier­für einen Selbst­test ent­wi­ckelt, damit Sie sich nicht umsonst auf den Weg machen.

Am Frei­tag schreibt Ihnen Con­stan­ze Busch wie­der. Brin­gen Sie gut die Woche rum. Und vor allem: Blei­ben Sie gesund. 

Herz­li­che Grü­ße
Ralf Hei­mann

Mit­ar­beit: Eva Strehlke


PS

Die Uni Osna­brück hat einen neu­en Stu­di­en­gang, um den man sie in Müns­ter viel­leicht benei­den wird. Der Stu­di­en­gang heißt „Con­flict Stu­dies and Peace­buil­ding“, oder kurz Frie­dens­for­schung, so steht es in der Mel­dung der Uni. Das wür­de natür­lich auch her­vor­ra­gend zum Frie­den­s­i­mage von Müns­ter pas­sen, das man sich ja mit Osna­brück teilt, inter­es­san­ter­wei­se neben einer lie­be­voll gepfleg­ten Feind­schaft der bei­den Städ­te. Die ist aller­dings auch nicht mehr das, was sie mal war. In der ver­gan­ge­nen Woche mel­de­te die Stadt Müns­ter zum Bei­spiel, dass sie kein Geld bei der Anfang März wirt­schaft­lich ver­un­glück­ten Bre­mer Green­s­ill-Bank ange­legt hat­te. Das kann Osna­brück lei­der nicht von sich behaup­ten. Und was macht man da als lie­be­voll ver­bun­de­ner Erz­feind? Die Neue Osna­brü­cker Zei­tung schreibt einen Arti­kel mit der Über­schrift: „Müns­ter hat es bes­ser gemacht als Osna­brück.“ Also Ent­schul­di­gung, was soll denn das bit­te­schön für eine Feind­schaft sein? Das kann man ja schon fast nicht mal mehr Riva­li­tät nen­nen. Ist es viel­leicht sogar – Freund­schaft? Das soll­te die Wis­sen­schaft mal unter­su­chen. Viel­leicht wäre das ja etwas für eine Mas­ter­ar­beit im Stu­di­en­gang Frie­dens­for­schung, viel­leicht wäre es sogar was für ein Kooperationsprojekt.