Flyoverleaks | Die Impfteams kommen | Café Kuhlmann

Müns­ter, 4. Mai 2021

Guten Tag,

am Mon­tag­mor­gen ver­schick­te das Pres­se­amt der Stadt Müns­ter sei­ne täg­li­che E-Mail mit den The­men des Tages. In die­sen Nach­rich­ten steht, mit wel­chem Mate­ri­al die Redak­tio­nen spä­ter noch rech­nen kön­nen. Am Mon­tag war es nur ein Text. „Stu­die emp­fiehlt neue Rad­ver­kehrs­brü­cke“, so lau­te­te die Zusam­men­fas­sung. Es wür­de also um die geplan­te Fahr­rad­brü­cke am Aasee gehen, den soge­nann­ten „Fly­o­ver Aegi­dii­tor“. Sie steht am über­nächs­ten Mitt­woch im Rat auf der Tages­ord­nung. Die Ver­wal­tung hat­te ihre Emp­feh­lung dazu schon ver­öf­fent­licht. Die Brü­cke soll in einer Vari­an­te gebaut wer­den, die von der Pro­me­na­de in die Bis­marck­al­lee führt. Das ist der Vor­schlag. In dem Papier war auch von einer Stu­die die Rede, von einer Mach­bar­keits­stu­die, die offen­bar exis­tier­te, aber nicht ver­öf­fent­licht wor­den war. 

Am Mon­tag­nach­mit­tag kam schließ­lich die Pres­se­mel­dung der Stadt – und mit ihr auch die 26 Sei­ten lan­ge Stu­die. Aber war­um erst jetzt, zehn Tage nach der Emp­feh­lung aus der Verwaltung?

Eine mög­li­che Ant­wort könn­te sein: Die Stu­die ist nicht recht­zei­tig fer­tig gewor­den. Aber das ist wohl nicht der Grund. Auf der Titel­sei­te steht das Datum 14. April 2021. Was könn­te dann die Ant­wort sein?

Eini­ge Fra­gen mehr warf am Mon­tag­nach­mit­tag ein Arti­kel der West­fä­li­schen Nach­rich­ten auf. Die Redak­ti­on hat­te eine frü­he Ver­si­on der Stu­die aus dem Novem­ber 2020 erhal­ten. Dort steht laut dem Arti­kel: „Es wird emp­foh­len, auf eine Brü­cken­lö­sung zu ver­zich­ten.“ In der neu­en Ver­si­on kom­men die bei­den Autoren zu dem Schluss: Brü­cken­lö­sung weiterverfolgen. 

Prognose: Radverkehr wird sich verdoppeln

Die Stadt erklärt das den West­fä­li­schen Nach­rich­ten damit, dass es sich bei der Ver­si­on aus dem Novem­ber um eine vor­läu­fi­ge Fas­sung gehan­delt habe. Spä­ter sei­en noch neue Erkennt­nis­se hin­zu­ge­kom­men. Sie hät­ten das Ergeb­nis ver­än­dert. Doch laut der Dar­stel­lung geht es nicht um neue Erkennt­nis­se, son­dern ledig­lich um eine neue Pro­gno­se. Sie lau­tet: Durch die Velo­rou­te aus Meck­len­beck wird der Rad­ver­kehr zwi­schen Pro­me­na­de und Bis­marck­al­lee sich verdoppeln. 

Dass die Velo­rou­te aus Meck­len­beck kom­men wür­de, war im ver­gan­ge­nen Novem­ber schon bekannt. Dar­auf wei­sen die West­fä­li­schen Nach­rich­ten hin. Und sie bemer­ken, in der Ver­si­on aus dem Novem­ber sei nir­gend­wo erwähnt, dass es sich bei dem Papier um einen Ent­wurf handle.

Erstellt hat die Stu­die das Pla­nungs­bü­ro Stadt­ver­kehr aus Hil­den. Wir fra­gen dort, wie es dazu kam, dass der zusätz­li­che Ver­kehr in der ers­ten Ver­si­on nicht berück­sich­tigt wur­de. Einer der bei­den Autoren ant­wor­tet, wir mögen bit­te die Stadt Müns­ter fra­gen. Das machen wir. Das Pres­se­amt ant­wor­tet: „Der ers­te Vor­ent­wurf der Mach­bar­keits­stu­die aus Novem­ber 2020 hat­te zu die­sem Zeit­punkt zwar den Tras­sen­ver­lauf der Velo­rou­te bereits auf­ge­grif­fen, die pro­gnos­ti­zier­ten Zah­len für die Velo­rou­te waren jedoch noch nicht ein­ge­ar­bei­tet. Die­se Pro­gno­se ist erst im Ver­lauf der wei­te­ren Bear­bei­tung ein­ge­ar­bei­tet und bewer­tet worden.“ 

Das beschreibt zwar, was gemacht wor­den ist. Aber es ist kei­ne Ant­wort auf die Fra­ge, war­um die Autoren eine Bewer­tung vor­ge­nom­men haben, ohne Zah­len zu berück­sich­ti­gen, die schon ver­füg­bar waren. 

Vermeidung von Redundanzen

Eine ande­re Fra­ge wäre: War­um hat die Stadt die neue Ver­si­on der Mach­bar­keits­stu­die dann nicht gleich ver­öf­fent­licht? Auch das haben wir gefragt. Das hier ist die voll­stän­di­ge Ant­wort der Stadtverwaltung: 

„Die Ergeb­nis­se der Mach­bar­keits­stu­die wur­den in der Vor­la­ge auf­ge­grif­fen und in eini­gen Punk­ten noch wei­ter ver­dich­tet, wie z. B. durch eine dif­fe­ren­zier­te Betrach­tung der Baum­stand­or­te. Die Mach­bar­keits­stu­die stellt somit eine der Grund­la­gen für die Vor­la­ge dar, die u. a. durch die wich­ti­gen Aspek­te Baum­schutz und Denk­mal­pfle­ge sei­tens der Ver­wal­tung ergänzt wur­de. Von daher ist sie auch in der Vor­la­ge expli­zit erwähnt, wur­de aber zur Ver­mei­dung von Red­un­dan­zen der Vor­la­ge nicht zusätz­lich bei­gefügt. Selbst­ver­ständ­lich wird die Mach­bar­keits­stu­die durch die Stadt­ver­wal­tung bei Anfra­gen zur Ver­fü­gung gestellt und wur­de mitt­ler­wei­le auch veröffentlicht.“ 

Die Begrün­dung lau­tet also im Wesent­li­chen: „zur Ver­mei­dung von Redundanzen“. 

Eine zufrie­den­stel­len­de Ant­wort ist das nicht. Vor allem nicht, wenn man weiß, dass am 27. April eine Anfra­ge nach dem Infor­ma­ti­ons­frei­heits­ge­setz bei der Stadt ein­ging. Das bestä­tigt das Pres­se­amt. Nach die­ser Anfra­ge war klar: Die Stadt wür­de die Stu­die ver­öf­fent­li­chen müs­sen. Wenn es nur dar­um gegan­gen wäre, Red­un­dan­zen zu ver­mei­den, hät­te sie das Papier gleich an die Ant­wort­mail hän­gen kön­nen. Doch das pas­sier­te nicht. Bis zur Ver­öf­fent­li­chung ver­gin­gen noch eini­ge Tage. 

Die West­fä­li­schen Nach­rich­ten haben eine Chro­no­lo­gie ihrer Recher­che ver­öf­fent­licht. Dar­aus geht her­vor: Am 29. April sprach die Redak­ti­on mit dem Stadt­bau­rat über die Wider­sprü­che in den bei­den Ver­sio­nen der Papiere. 

Das setz­te offen­bar etwas in Gang. In einem Schrei­ben vom Frei­tag, dem 30. April, also einen Tag spä­ter, bestä­tig­te das Pla­nungs­bü­ro der Stadt Müns­ter, dass es sich bei der Ver­si­on aus dem Novem­ber um einen „Vor­ent­wurf“ gehan­delt habe. Die­ses Schrei­ben ging an die Redak­ti­on der West­fä­li­schen Nachrichten. 

Neue Trasse und neue Prognose

Am glei­chen Tag schick­te Stadt­bau­rat Robin Denstorff die Stu­die an die Par­tei­en, ver­se­hen mit dem Hin­weis, „dass offen­bar ein nicht auto­ri­sier­ter ers­ter Vor­ent­wurf der Mach­bar­keits­stu­die ‘Rad­brü­cke Wese­ler Stra­ße kur­siert’‘. Die aktu­el­le Fas­sung wer­de „selbst­ver­ständ­lich auch in Kür­ze ver­öf­fent­licht“. Auf ein­mal ging alles sehr schnell.

Gleich nach dem Wochen­en­de, am gest­ri­gen Mon­tag, schick­te die Grü­nen-Frak­ti­on Robin Denstorff einen Fra­gen-Kata­log. Die Ant­wor­ten kamen noch am sel­ben Tag. 

Aus ihnen geht unter ande­rem her­vor, dass die Stadt den Auf­trag an das Pla­nungs­bü­ro im Okto­ber 2020 erteilt hat. Die ers­te Ver­si­on des Papiers muss dann sehr schnell ent­stan­den sein. Sie ging weni­ge Wochen spä­ter an die Stadt. Die Grü­nen fra­gen, war­um der Ent­wurf über­haupt erstellt wor­den sei. Er fas­se die „Aus­gangs­la­ge für das Pro­jekt, die geplan­te Vor­ge­hens­wei­se und die Daten­la­ge zusam­men“, heißt es in der Ant­wort. Auf die Fra­ge, ob der Vor­ent­wurf Teil des Auf­trags gewe­sen sei, schreibt Denstorff: „Die Erstel­lung von frü­hen Vor­ent­wür­fen ent­spricht der übli­chen Erarbeitungsmethodik.“ 


Leser:innen werben Leser:innen

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Außer­dem pro­fi­tie­ren auch ande­re davon: Bei bestimm­ten Ziel­mar­ken wer­den wir Medi­­en-Work­­shops für Jugend­li­che ver­an­stal­ten, Genaue­res dazu lesen Sie hier. Sie kön­nen uns dafür Orga­ni­sa­tio­nen vor­schla­gen, die Ihnen am Her­zen lie­gen: Schrei­ben Sie uns ger­ne an die­se Adres­se. Wie sich unse­re Akti­on ent­wi­ckelt, tei­len wir Ihnen ab jetzt regel­mä­ßig in unse­rem Brief mit. Sobald wir die ers­ten Work­shops umset­zen kön­nen, wer­den wir die­se zudem dokumentieren.


Als Bei­spie­le für die Unter­schie­de zwi­schen den Ver­sio­nen nennt Denstorff „einen nicht aktu­el­len Tras­sen­ver­lauf ent­lang der Bis­marck­al­lee, bei dem vie­le wert­vol­le Bäu­me hät­ten gefällt wer­den müs­sen“. So schreibt es auch das Pres­se­amt in einer Ant­wort auf unse­re Anfra­ge. Und dann macht Stadt­spre­cher Tho­mas Rei­se­ner einen Vor­schlag. Her­aus­ge­ben kön­ne man den Ent­wurf lei­der nicht. Das wol­le das Pla­nungs­bü­ro nicht. Aber ich kön­ne mir das Papier anse­hen, im Stadt­haus 3 am Albers­lo­her Weg, im Tiefbauamt.

Dort lie­gen am Diens­tag­nach­mit­tag um 14:30 Uhr in einem Büro im drit­ten Stock bei­de Ver­sio­nen der Stu­die auf einem gro­ßen Tisch. Der Blick geht von hier in den grü­nen Innen­hof. Es hän­gen noch nicht alle Bil­der an der Wand. Der stell­ver­tre­ten­de Tief­bau­amts­lei­ter Ger­hard Rül­ler ist gera­de erst ein­ge­zo­gen. Aus dem Gespräch dür­fen wir nicht wört­lich zitie­ren. Aber Rül­ler beant­wor­tet gedul­dig und freund­lich alle Fragen. 

Entwurf darf nicht veröffentlicht werden

Auf dem Papier aus dem Novem­ber steht tat­säch­lich nicht „Ent­wurf“ oder „vor­läu­fi­ge Ver­si­on“. Dass es sich nicht um ein Schrift­stück han­delt, das zur Ver­öf­fent­li­chung gedacht war, erkennt man an ande­ren Details. Gleich zu Beginn stim­men die Zif­fern einer Auf­zäh­lung nicht. Auf den fol­gen­den Sei­ten sind in der neu­en Ver­si­on Halb­sät­ze ergänzt wor­den oder Sät­ze hin­zu­ge­kom­men. Und die Bewer­tun­gen der Brü­cken-Vari­an­ten am Ende unter­schei­den sich von der spä­te­ren Version.

Die wesent­li­chen Ände­run­gen sind tat­säch­lich die, die auch Stadt­bau­rat Robin Denstorff in sei­ner Ant­wort an die Grü­nen-Frak­ti­on for­mu­liert hat. 

Die Tras­se des Rad­wegs auf der Bis­marck­al­lee führ­te im Novem­ber mit­ten durch eine Baum­rei­he. Die­se Bäu­me hät­ten gefällt wer­den müs­sen. Das hät­te die Vari­an­te unmög­lich gemacht. In der neu­en Ver­si­on ver­läuft der Rad­weg an an den Bäu­men vor­bei. Und eben: Die Pro­gno­se­wer­te zum Rad­ver­kehr haben sich ver­än­dert, oder genau­er: verdoppelt. 

Wie es dazu kam?

Nach Dar­stel­lung der Stadt pas­sier­te das in zwei Schrit­ten. Den ers­ten davon mach­te man im Novem­ber, als das Pla­nungs­bü­ro die ers­te Ver­si­on mit den Ist-Wer­ten vor­leg­te. Da habe man gese­hen: Mit die­sen Wer­ten kommt man hier nicht wei­ter, denn der Ver­kehr ent­wi­ckelt sich. Der zwei­te Schritt folg­te nach die­ser Dar­stel­lung Ende Febru­ar, als ers­te Ergeb­nis­se zu den Ver­än­de­run­gen vor­la­gen, die das geplan­te Rad­we­ge­netz in der Stadt ver­ur­sa­chen wird. 

In bei­den Ver­sio­nen der Mach­bar­keits­stu­die ste­hen im Wesent­li­chen zwei Vari­an­ten der Fahr­rad­brü­cke zur Aus­wahl. Die eine sieht aus wie eine Stimm­ga­bel. Sie führt von der Pro­me­na­de aus am Bier­gar­ten vom Wirts­haus Spatzl im Kru­se Baim­ken vor­bei, aber von dort direkt in die Baum­rei­hen an der Ade­nau­er-Allee. Sie hät­ten gefällt müs­sen. Das war für die­se Vari­an­te das K.O.-Kriterium. Im Fall der ande­ren Vari­an­te, die von der Bis­marck­al­lee über die Wese­ler Stra­ße auf die Pro­me­na­de führ­te, war das Haupt­pro­blem, dass die Brü­cke nach Ein­schät­zung der Ver­kehrs­pla­ner gar nicht gebraucht wor­den wäre. Die neue Pro­gno­se löst die­ses Problem. 

Und somit ändert sich auch die Ein­schät­zung in ande­ren Punkten. 

Ergebnis auf wackligen Beinen

Wür­de die Wese­ler Stra­ße durch die Fahr­rad­brü­cke ent­las­tet? Im Novem­ber kam das Büro zu der Ein­schät­zung, dass die Ent­las­tung „mit­tel­mä­ßig“ sein wür­de. Nun steht dort: „ja“.

Wird der Unfall­schwer­punkt an der Aegi­di­i­stra­ße ent­schärft, also die Stel­le, an der der Rad­ver­kehr von der Pro­me­na­de die Stra­ße kreuzt? Im Novem­ber hieß es: „nein“. Nun steht dort: „ja“. Das erwart­ba­re Nut­zen-Kos­ten-Ver­hält­nis im Novem­ber war: „schlecht“. Nun ist es: „gut“.

Hat sich die Ein­schät­zung mit der neu­en Pro­gno­se wirk­lich geän­dert? Oder soll­te sie sich ändern?

Die einen sagen: Wenn das Votum für die Fahr­rad­brü­cke von opti­mis­ti­schen Pro­gno­se­wer­ten abhängt, die Brü­cke sich also nur dann lohnt, wenn der Rad­ver­kehr sich ver­dop­pelt, steht das alles auf ganz schön wack­li­gen Bei­nen. Bei der Stadt heißt es, auch das für die Fahr­rad­netz­pla­nung zustän­di­ge Büro hal­te die Zah­len für realistisch. 

Bleibt die Fra­ge, war­um jemand den Ent­wurf der Stu­die an die Öffent­lich­keit gege­ben hat? 

Dafür kann es unter­schied­li­che Grün­de geben. So etwas pas­siert zum Bei­spiel, weil Men­schen auf Miss­stän­de auf­merk­sam machen wol­len. Oder weil sie auf etwas auf­merk­sam machen möch­ten, das für sie nach einem Miss­stand aus­sieht. Oder weil sie eige­ne poli­ti­sche Zie­le ver­fol­gen. Ein sol­ches Ziel könn­te sein, den Fly­o­ver zu verhindern. 

Der Ein­druck, dass hier nicht ganz sau­ber gespielt wor­den sein könn­te, kann dazu füh­ren, dass die Stim­mung in der Poli­tik sich dreht. Und im Moment steht sie auf der Kippe. 

Eigent­lich hat­te die Rat­haus-Koali­ti­on das Pro­jekt schon zurück­ge­stellt, doch da waren die Vor­aus­set­zun­gen noch etwas ande­re. Der Bund hät­te das Pro­jekt in jedem Fall geför­dert, aber die Stadt hät­te 2,5 Mil­lio­nen Euro zuzah­len müs­sen. Inzwi­schen wür­de der Bund 94 Pro­zent der Kos­ten über­neh­men. So steht es in der Aus­schuss­vor­la­ge vom 23. April. Das wür­de bedeu­ten, die Stadt bekä­me die Brü­cke für 600.000 Euro. Fast geschenkt also. Kann man so ein Geschenk ablehnen? 

Nützt es dem Verkehr oder doch eher dem Stadtbaurat?

Es gibt Argu­men­te dafür und ande­re, die dage­gen spre­chen, die Brü­cke zu bau­en. Dafür sprä­che, dass sie an die­ser Stel­le ein Ver­kehrs­pro­blem lösen wür­de. Auch dass die Ver­kehrs­wen­de hier sicht­bar wür­de in Form eines Sym­bols, sehen eini­ge als Plus­punkt. Es könn­te ein Bild wer­den, das sich von der Fahr­rad­stadt Müns­ter in der Welt ver­brei­tet. Die Fahr­rad­brü­cke wäre, wie man in der Poli­tik sagt, ein Leuchtturm. 

Doch genau das sprä­che auch gegen sie, denn man könn­te fra­gen: Ist es das rich­ti­ge Bild? Die Fahr­rä­der müss­ten auf die zwei­te Ebe­ne aus­wei­chen, damit der Auto­ver­kehr unten freie Fahrt hat. Und selbst wenn bald in der Bis­marck­al­lee dop­pelt so vie­le Men­schen auf Rädern unter­wegs wären, wür­den sie dann wirk­lich die Brü­cke nut­zen? Oder näh­men sie doch lie­ber einen klei­nen Umweg, um die Stei­gung zu umfah­ren? Man könn­te auch fra­gen: Löst die Brü­cke hier nicht ein klit­ze­klei­nes Pro­blem für die Men­schen, die von der Pro­me­na­de in die Bis­marck­al­lee wol­len oder umge­kehrt, wäh­rend für die übri­gen alles beim Alten bleibt? Da ist ja schließ­lich auch noch die Aegi­di­i­stra­ße, da ist die Wese­ler Stra­ße, die in bei­de Rich­tun­gen führt. Man könn­te fra­gen: Gibt es nicht ande­re Stel­len in der Stadt, an der sich mit 600.000 Euro Ver­kehrs­pro­ble­me lösen las­sen, die drin­gen­der sind? Und dient das Pro­jekt wirk­lich dem dem Rad­ver­kehr? Oder hilft es vor allem Stadt­bau­rat Robin Denstorff, dem von sei­ner acht­jäh­ri­gen Amts­zeit nur noch etwa die Hälf­te bleibt, um ein paar sicht­ba­re Erfol­ge zu hin­ter­las­sen? Das sind Fra­gen, um die es nun geht. 

Eine Ant­wort wird die Rat­haus­ko­ali­ti­on geben müs­sen, denn nur, wenn sie zustimmt, kann die Brü­cke gebaut wer­den. Wie die Ant­wort aus­fal­len wird, steht noch nicht fest. 

Volt-Rats­herr Tim Pasch schrieb am Don­ners­tag bei Twit­ter: „Wir haben uns im Wahl­kampf hier klar posi­tio­niert: Den Fly­o­ver als leucht­turm­ar­ti­ge Insel­lö­sung wol­len wir nicht unter­stüt­zen. Und dar­an hat sich so nichts geändert.“

Die Grü­nen erklä­ren am Diens­tag­mor­gen in einer Pres­se­mit­tei­lung, die Berich­te über die zwei Ver­sio­nen der Mach­bar­keits­stu­die stell­ten das Ver­trau­ens­ver­hält­nis auf eine har­te Pro­be. Frak­ti­ons­spre­che­rin Syl­via Rie­ten­berg schreibt, die Berich­te mach­ten sie „fas­sungs­los“. Co-Spre­cher Chris­toph Kat­tentidt for­dert Robin Denstorff auf, den ers­ten Ent­wurf zu veröffentlichen. 

Am Mon­tag­abend hat die Par­tei in ihrer Frak­ti­ons­sit­zung über das Pro­jekt Fly­o­ver dis­ku­tiert. Eine Ent­schei­dung gebe es noch nicht, hieß es danach. Ohne den ers­ten Ent­wurf der Stu­die gese­hen zu haben, wer­de es auch nicht mög­lich sein, eine Ent­schei­dung zu treffen. 

Die SPD wäre durch­aus offen für die Fahr­rad­brü­cke, aller­dings unter der Bedin­gung, dass der Bau nicht nur impo­sant aus­sieht, son­dern auch die Pro­ble­me des Rad­ver­kehrs löst, vor allem an der Stel­le, wo Wese­ler Stra­ße, Ade­nau­er-Allee und Aegi­di­i­stra­ße auf­ein­an­der­tref­fen. SPD-Frak­ti­ons­chef Mari­us Her­wig macht die Her­aus­ga­be der Stu­die eben­falls zur Bedin­gung für einen Beschluss. „Wenn sich hier zwei Gut­ach­ten in ihrem Ergeb­nis grund­sätz­lich wider­spre­chen, muss hier­über fach­po­li­tisch dis­ku­tiert wer­den“, schreibt er. 

Den Grü­nen hat Stadt­bau­rat Robin Denstorff in sei­ner Ant­wort auf die Fra­gen bereits ange­bo­ten, sich sich das Papier anzu­se­hen. Wahr­schein­lich wird Ger­hard Rül­ler in sei­nem Büro in den nächs­ten Tagen also etwas mehr Besuch bekommen. 


In aller Kürze

+++ Nach über einem Jahr Pan­de­mie funk­tio­niert vie­les digi­tal ganz gut – nur das demo­kra­ti­sche Sys­tem offen­bar nicht so rich­tig. Im Lau­fe der Woche wird sich ent­schei­den, ob am über­nächs­ten Mitt­woch statt des Rates wie­der der Haupt­aus­schuss tagt. Das Land Nord­rhein-West­fa­len hat am Frei­tag beschlos­sen, dass die epi­de­mi­sche Lage ver­län­gert wird. Das könn­te bedeu­ten: Die Stadt Müns­ter wird statt dem voll­stän­di­gen Rat wie­der das klei­ne­re Gre­mi­um ein­be­ru­fen, um das Infek­ti­ons­ri­si­ko zu ver­rin­gern. Was schon fest­steht: Die Sit­zun­gen der Fach­aus­schüs­se, in denen die The­men für die Rats­sit­zung vor­be­rei­tet wer­den, wur­den abge­sagt. Etwa der Ver­kehrs­aus­schuss, der am Don­ners­tag tagen und sich unter ande­rem mit dem Fly­o­ver beschäf­ti­gen soll­te. Statt­des­sen wer­den sich die Politiker:innen digi­tal bespre­chen. Offi­zi­el­le Vor­be­ra­tun­gen sind die­se Tref­fen nicht. Aber bera­ten wird dort natür­lich trotz­dem. Die Bürger:innen kön­nen aller­dings nicht zuhö­ren, die Bespre­chun­gen wer­den nicht über­tra­gen, wie man uns mitteilte.

Anders sieht es mit der Rats­sit­zung aus. Der Rat hat­te im März beschlos­sen, dass die Bera­tun­gen künf­tig live über­tra­gen wer­den sol­len, sodass die Bürger:innen auch von zuhau­se aus zuschau­en und zuhö­ren kön­nen. Die Sit­zung am 19. Mai wird des­halb die letz­te sein, die aus­schließ­lich ana­log statt­fin­det. Wenn Sie zuhö­ren möch­ten, müs­sen Sie in die Hal­le Müns­ter­land gehen. Ab Juni gibt es die Stadt­po­li­tik dann auch per Live-Stream im Internet.


Korrekturen und Ergänzungen

In unse­rem RUMS-Brief vom Diens­tag hat­ten wir über die Situa­ti­on des Han­dels in Müns­ter berich­tet, unter ande­rem über den klei­nen Laden Viel­fach­glück. Dabei sind lei­der Feh­ler pas­siert, die wir aber schnell rich­tig­stel­len wol­len. Die bei­den Grün­de­rin­nen wei­sen uns dar­auf hin, dass sie ihr Geschäft nicht vor einem Jahr eröff­net haben, son­dern im Okto­ber 2019. Und sie schrei­ben, dass die Ver­mie­tung von Regal­flä­chen an Kund:innen ihnen nicht allein durch den zwei­ten Shut­down gehol­fen habe. Die­se Mie­ten hät­ten die Fix­kos­ten nicht annä­hernd gedeckt. Sie hät­ten die Pan­de­mie vor allem über­stan­den, weil sie pri­va­tes Geld ein­ge­bracht hät­ten. Wel­che För­de­rung genau sie bekom­men haben, hat­ten wir nicht geschrie­ben. Aber um das auch noch klar­zu­stel­len: Sie haben nach eige­nen Anga­ben 9.000 Euro Sofort­hil­fe bekom­men. Inzwi­schen hät­ten sie Anspruch auf die Über­brü­ckungs­hil­fe 3, haben die­se aber noch nicht bean­tragt, schrei­ben sie. Und wenn Sie sich den Laden noch mal anse­hen möch­ten: Hier fin­den Sie die Web­site, unten auf der Sei­ten fin­den Sie die Adres­se und einen Stadtplan. 


Post von Leser:innen

Wir haben Post bekom­men, und zwar zum einen von Hol­ger Krehl, einem Rechts­an­walt aus Müns­ter, der sich über die Coro­na-Poli­tik ärgert. Wobei man hier natür­lich sagen könn­te: wer nicht? Krehl recht­fer­tigt zum Bei­spiel, dass Müns­ter jetzt, wenn man die nach­ge­mel­de­ten Zah­len zusam­men­rech­nen wür­de, eigent­lich längst mit dem Fuß auf der Bun­des­not­brem­se leben wür­de. Maß­geb­lich bei der Ent­schei­dung über die Brem­se sind die Anga­ben des Robert-Koch-Insti­tuts. Die sind nicht immer ganz aktu­ell, aber es kön­ne durch­aus sinn­voll sein, das hin­zu­neh­men: „Eine Bun­des­not­brem­se braucht eine zen­tra­le Stel­le“, schreibt Krehl. Wolf­gang Wie­mers vom Umwelt­fo­rum hat uns eben­falls geschrie­ben. Er kri­ti­siert uns. Das ist natür­lich völ­lig in Ord­nung. Nur viel­leicht ein Wort zu sei­ner Kri­tik, wir soll­ten die The­men aus den Kolum­nen auf­grei­fen und in den RUMS-Brie­fen behan­deln. Das machen wir durch­aus. Mari­na Weis­band hat neu­lich zum Bei­spiel über die Situa­ti­on der Pfle­ge an der Uni­kli­nik berich­tet. Dar­um ging es auch eini­ge Wochen spä­ter im RUMS-Brief. Dass wir das nicht bei allen The­men machen, liegt auch dar­an, dass in der Woche nur für zwei The­men Platz ist. Aber in die­sem Jahr wer­den ja noch eini­ge RUMS-Brie­fe erscheinen. 


Corona-Update

Nach Köln schickt jetzt auch Müns­ter mobi­le Impf­teams in Stadt­tei­le mit beson­ders hohen Inzi­denz­wer­te, berich­tet der WDR. In der ver­gan­ge­nen Woche hat­te wir dar­über geschrie­ben, dass die Zah­len in Müns­ter im Nor­den der Stadt Ende April deut­lich höher waren als in den übri­gen Bezir­ken. Am Frei­tag sind die mobi­len Teams zum ers­ten Mal im Ein­satz. Unter­des­sen mel­det die Stadt, dass mitt­ler­wei­le 33.000 Men­schen voll­stän­dig geimpft sind. Sie haben also auch die zwei­te Imp­fung erhal­ten. Die Inzi­denz hält wei­ter­hin etwas Sicher­heits­ab­stand zur kri­ti­schen Hun­der­ter-Mar­ke. Am Diens­tag lag sie nach Anga­ben bei 80,9. Die Stadt mel­det 27 Neu­in­fek­tio­nen seit ges­tern. Wei­te­re Infor­ma­tio­nen dazu hier.


Unbezahlte Werbung

Im Kuhl­mann an der Salz­stra­ße, einem klei­nen Laden­lo­kal im Schat­ten der Domi­ni­ka­ner­kir­che, hat sich in den letz­ten Mona­ten eini­ges getan. Viel­leicht ken­nen Sie das Tra­di­ti­ons­ge­schäft noch als Anlauf­stel­le für alle, die reli­giö­se Figu­ren, Klein­kunst und Ker­zen such­ten. Im ver­gan­ge­nen Jahr muss­ten die Inhaber:innen aller­dings wegen der Coro­na-Kri­se schlie­ßen. Jetzt wird hier eine ande­re Tra­di­ti­on fort­ge­setzt: die der Kaf­fee­häu­ser. Neben fri­schem Kaf­fee gibt es aber auch knusp­ri­ge Pani­ni und lecke­ren Kuchen – im Moment natür­lich alles zum Mit­neh­men. Der Kuchen wird von Küchen­schät­ze geba­cken. Unser Tipp: der Chees­e­ca­ke mit Mohn und Himbeeren.


Drinnen und Draußen

+++ Das Thea­ter Müns­ter lädt am Frei­tag wie­der zu einer digi­ta­len Vor­stel­lung ein. Der Titel: „Das Geräusch sich wei­ten­der Pupil­len“. Die Autorin­nen sind Kat­ja Brun­ner und Mar­ti­na Cla­va­detscher. In dem Stück geht es um das unge­bo­re­ne Kind der anti­ken Sehe­rin Kas­san­dra. Das Baby stellt inter­es­san­te Fra­gen, zum Bei­spiel: Wer hät­ten wir alle sein kön­nen, wenn wir alle schon mal alles gewe­sen wären? Die Ant­wor­ten gibt es (viel­leicht) am Frei­tag ab 19 Uhr auf der Web­site des Thea­ters. Wie immer ist das Stück 24 Stun­den lang kos­ten­los abruf­bar. Infos dazu fin­den Sie hier.

+++ Und noch eine inter­es­san­te Fra­ge: Was machen die Men­schen, die im Muse­um arbei­ten, eigent­lich den gan­zen Tag? Sie restau­rie­ren zum Bei­spiel Kunst­wer­ke. Wie so etwas aus­sieht, kön­nen Sie sich am Don­ners­tag­nach­mit­tag anschau­en. Dann wird im Licht­hof des LWL-Muse­ums für Kunst und Kul­tur ein Boden­re­li­ef des US-ame­ri­ka­ni­schen Künst­lers Matt Mul­li­can restau­riert, und die Arbeit wird von 15 bis 16 Uhr live über die Video­kon­fe­renz-Soft­ware Zoom über­tra­gen. Wenn Sie sich das anschau­en möch­ten, kön­nen Sie im Ticket­shop des Muse­ums für zwei Euro eine vir­tu­el­le Ein­tritts­kar­te kau­fen. Und wenn Sie wie­der per­sön­lich ins Muse­um gehen möch­ten, gibt es auch gute Nach­rich­ten: Das LWL-Muse­um ist ab heu­te wie­der geöff­net. Sie müs­sen sich ein­fach einen Ter­min buchen, der Nach­weis über einen nega­ti­ven Coro­na-Test ist aktu­ell nicht mehr nötig. 

Am Frei­tag bekom­men Sie zum ers­ten Mal Post von Johan­ne Burk­hardt. Haben Sie bis dahin eine schö­ne Woche. Und blei­ben Sie gesund.

Herz­li­che Grü­ße
Ralf Hei­mann

Mit­ar­beit: Con­stan­ze Busch und Eva Strehlke


PS

Haben Sie am Wochen­en­de den Müns­ter-Tat­ort gese­hen? Und wenn ja, war­um? Weil sie sich schon den gan­zen Sonn­tag drauf gefreut hat­ten? Weil sie Kri­mis mögen? Weil sie sich gut unter­hal­ten füh­len? Oder ein­fach, weil zufäl­lig die ARD lief? Jan Josef Lie­fers hat eine ande­re Ver­mu­tung. Er ist über­zeugt davon, dass die 14,22 Mil­lio­nen Zuschauer:innen, die am Sonn­tag ein­ge­schal­tet haben, ein State­ment abge­ben woll­ten, für ihn und die Vide­os zur #alles­dicht­ma­chen-Akti­on, mit der er und ande­re die Poli­tik der Bun­des­re­gie­rung kri­ti­sie­ren woll­ten, was aber nach hin­ten los­ge­gan­gen war – auch weil sich her­aus­ge­stellt hat­te, dass eini­ge der Men­schen, die geplant und mit­ge­wirkt haben, ganz gut in der Quer­den­ker­sze­ne ver­netzt sind, oder sich gera­de bemü­hen, es zu wer­den. Ich selbst schaue den Tat­ort eigent­lich eher wegen Boer­ne und Thiel, weni­ger wegen Lie­fers und Prahl. Aber nach dem Tweet von Lie­fers hat­te ich den Ein­druck, dass er selbst da viel­leicht gar kei­nen so gro­ßen Unter­schied mehr erken­nen kann. Ich schrieb bei Twit­ter, irgend­wer müs­se Jan Josef Lie­fers mal sagen, dass Karl Fried­rich Boer­ne nur eine Rol­le ist. Der SPD-Poli­ti­ker Kevin Küh­nert kom­men­tier­te das, und dabei gelang ihm das wun­der­ba­re Kunst­stück, einen Tweet zu schrei­ben, der wit­zi­ger war als am Sonn­tag der gesam­te Tat­ort. Jan Josef Lie­fers hat­te sich über das State­ment gefreut. 14,22 Mil­lio­nen Men­schen hat­ten ein­ge­schal­tet. Küh­nert schrieb: „Ulki­ger­wei­se wären es ohne Aus­gangs­be­schrän­kung ver­mut­lich weni­ger gewesen.“