Münster nimmt auf | Bilanz der Verkehrsversuche | Agnes Meile

Müns­ter, 15. März 2022

Guten Tag,

drei Wochen Krieg, und mitt­ler­wei­le sind über 700 Men­schen aus der Ukrai­ne in Müns­ter ange­kom­men. Noch vor fünf Tagen muss­te die Stadt einen Bus mit über 50 Geflüch­te­ten wei­ter­schi­cken, weil kei­ne Unter­kunft mehr frei war. Inzwi­schen hat man die Drei­fach­sport­hal­le in Hil­trup her­ge­rich­tet. Dort ste­hen nun in einem Laby­rinth aus grau­en Trenn­wän­den pro Par­zel­le zwei Dop­pel­bet­ten aus Metall, dar­auf Matrat­zen mit baby­blau­en Bezü­gen, Hand­tü­cher in Plas­tik­beu­teln, an der Wand ein grau­er Spind. Für vie­le Men­schen wird das nun vor­über­ge­hend ihr neu­es Zuhau­se. Die ers­ten sind ges­tern eingezogen. 

Die Stadt schreibt, sie kön­ne im Moment tau­send Men­schen in 30 Ein­rich­tun­gen unter­brin­gen. 400 Plät­ze davon sind nur Zwi­schen­sta­tio­nen, an den übri­gen Orten kön­nen die Men­schen auch län­ger blei­ben. Mit die­sen Plät­zen wird man wahr­schein­lich nicht aus­kom­men. Des­we­gen berei­tet die Stadt auch anders­wo Unter­künf­te vor – 600 Plät­ze in der Blü­cher-Kaser­ne an der Ein­stein­stra­ße, 440 Plät­ze in den frü­he­ren Häu­sern der bri­ti­schen Armee am Hohen Hecken­weg, Mucker­mann­weg und Angel­sach­sen­weg. Das schrie­ben wir schon im RUMS-Brief am Frei­tag. Hin­zu kom­men kom­men 170 Plät­ze in der Oxford-Kaser­ne. Und auch das ist mög­li­cher­wei­se noch nicht genug. Man füh­re im Moment Gesprä­che, um Unter­künf­te zur Ver­fü­gung stel­len zu kön­nen, auch mit Pri­vat­per­so­nen, schreibt die Stadt. In Fami­li­en sind bis­lang 120 Geflüch­te­te untergekommen. 

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Die Bilanz der Verkehrsversuche

Eines der gro­ßen The­men im ver­gan­ge­nen Jahr waren drei Ver­kehrs­ver­su­che in der Innen­stadt. Sie soll­ten zei­gen, wel­che Aus­wir­kun­gen es hat, wenn sich im Ver­kehr an eini­gen Stel­len die Regeln ändern. Die Stadt hat nun einen 190 Sei­ten lan­gen Ergeb­nis­be­richt vor­ge­legt, dazu einen Anhang mit eben­falls über ein­hun­dert Seiten. 

Ich habe am Wochen­en­de bei­des gele­sen und mit den ver­kehrs­po­li­ti­schen Fach­leu­ten der Rats­par­tei­en dar­über gespro­chen. Die zen­tra­len Ergeb­nis­se sind schnell erklärt: Zwei Ver­su­che waren über­wie­gend erfolg­reich, in einem Fall gelang es nicht, den Ver­kehr siche­rer zu machen. Was mich über­rascht hat, vor­weg: Noch etwas inter­es­san­ter als die Ant­wor­ten, die der Bericht gibt, sind die Fra­gen, die er auf­wirft, vor allem eine. Aber fan­gen wir an am Neubrückentor. 

I. Die Promenadenvorfahrt

An der Kreu­zung von Pro­me­na­de und Kanal­stra­ße hat die Stadt im ver­gan­ge­nen Jahr für eini­ge Wochen dem Rad­ver­kehr die Vor­fahrt gege­ben. Erst ver­län­ger­te man den Ver­such, dann been­de­te man ihn doch frü­her. Wegen Sicher­heits­be­den­ken. Es waren eini­ge Unfäl­le pas­siert, bei denen sich kaum sagen lässt, ob der Ver­kehrs­ver­such sie tat­säch­lich ver­ur­sacht hat. Laut Bericht gab es kein „ekla­tant unty­pi­sches Unfall­ereig­nis, das vor dem Ver­such nicht in ver­gleich­ba­rer Art und Wei­se auf­ge­tre­ten wäre“. Doch es pas­sier­ten mehr Unfäl­le an die­ser Stel­le als sonst (RUMS-Brief).

Dazu geschah etwas, das den Sinn der Ver­kehrs­ver­su­che sehr deut­lich macht. Die Stadt hat­te vor­her mit Simu­la­tio­nen alles durch­ge­spielt, was pas­sie­ren könn­te. Doch die Soft­ware ahn­te nicht, wie vie­le Men­schen sich ein­fach nicht an die neu­en Regeln hal­ten würden. 

Bus­se muss­ten an die­ser Stel­le län­ger hal­ten. In einer Simu­la­ti­on war­tet hin­ter ihnen der Ver­kehr. In der Rea­li­tät fuh­ren Men­schen auf Fahr­rä­dern oder E-Scoo­tern auf dem Bür­ger­steig oder der Gegen­fahr­bahn an den Bus­sen vor­bei. Die Situa­ti­on sei dadurch sehr unüber­sicht­lich gewor­den, schreibt die Stadt in ihrem Bericht. 

Gleich­zei­tig ver­län­ger­ten sich die Fahrt­zei­ten der Bus­se, vor allem zu den Haupt­ver­kehrs­zei­ten. Es kam zu Ver­spä­tun­gen. Und das ist ein Pro­blem, denn sehr wich­tig im öffent­li­chen Per­so­nen­nah­ver­kehr ist, dass die Men­schen sich auf die Fahr­plä­ne ver­las­sen können. 

In ihrem Bericht schreibt die Stadt: „Die geän­der­te Ver­kehrs­füh­rung hat (…) objek­tiv nicht zur Ver­kehrs­si­cher­heit bei­getra­gen.“ Inter­es­sant ist, dass die Men­schen die Wir­kung des Ver­suchs offen­bar unter­schied­lich wahr­ge­nom­men haben. In einer Online-Umfra­ge sag­ten 55 Pro­zent der Befrag­ten, die Sicher­heit habe sich durch den Ver­such ver­schlech­tert, 44 Pro­zent hat­ten den Ein­druck, der Ver­such habe für mehr Sicher­heit gesorgt. 

Die Gesamt­be­ur­tei­lung zeig­te die Ambi­va­lenz noch etwas deut­li­cher. 45 Pro­zent sag­ten, die Ver­kehrs­si­tua­ti­on habe sich durch den Ver­such ver­bes­sert, 47 Pro­zent sahen eine Verschlechterung. 

Die Stadt kommt zu dem Schluss, dass der Ver­such „trotz sei­ner Been­di­gung wich­ti­ge Erkennt­nis­se gelie­fert und teils auch vor­he­ri­ge Annah­men bestä­tigt hat“, die für die wei­te­ren Über­le­gun­gen wich­tig sei­en. Das Ergeb­nis lässt sich so zusam­men­fas­sen: Die Pro­me­na­den­vor­fahrt kann funk­tio­nie­ren, aber nicht an die­ser Kreu­zung unter die­sen Voraussetzungen. 

Man hät­te den Ver­such ver­bes­sern kön­nen, zum Bei­spiel durch eine Schwel­le (Auf­pflas­te­rung), vor der die Autos rela­tiv sicher brem­sen, oder durch eine bes­se­re Sicht auf den kreu­zen­den Ver­kehr. Dafür hät­te man aller­dings unter Umstän­den Bäu­me fäl­len müs­sen. Die Ver­suchs­an­ord­nung hät­te sich geän­dert. Und es wäre alles noch teu­rer gewor­den. Weil die Stadt zwi­schen­durch immer wie­der nach­bes­sern muss­te, kos­te­te die­ser Ver­such ohne­hin schon mehr als gedacht. Statt der geplan­ten 90.000 waren es am Ende 120.000 Euro. 

II. Die durchgängige Busspur

Die ein­drück­lichs­ten Zah­len lie­fer­te der Ver­kehrs­ver­such zwi­schen Lud­ge­ri­platz und Lan­des­haus. Dort nahm die Stadt dem Auto­ver­kehr auf einem Abschnitt von 500 Metern eine Spur und schlug sie den Bus­sen zu. So ent­stand auf der Stre­cke eine durch­gän­gi­ge Busspur. 

Zu Beginn des Ver­suchs führ­te das zu Staus und gro­ßen Wider­stän­den. Die Rück­mel­dun­gen fie­len über­wie­gend nega­tiv aus. Der Ergeb­nis­be­richt fasst die Stel­lung­nah­men von Ver­bän­den oder Initia­ti­ven zusam­men (ab Sei­te 165). Kri­tik­punk­te sind etwa der sto­cken­de Ver­kehr, die „man­gel­haf­te Kom­mu­ni­ka­ti­on“ der Stadt oder die „schlech­te Erreich­bar­keit“ des Bahnhofs. 

Für Autos ver­schlech­ter­te sich die Situa­ti­on, aber nicht in dem Maße, in dem vie­le es erwar­tet hat­ten. Die Befürch­tung, es wer­de zu Dau­erstaus kom­men, habe sich zu kei­nem Zeit­punkt bestä­tigt, schreibt die Stadt. 

Durch den Ver­such ergab sich gleich­zei­tig das, was man in der Ver­kehrs­po­li­tik eine Push- und Pull-Wir­kung nennt. Oft braucht man dazu zwei Instru­men­te. Eines, das bestimm­te Ver­hal­tens­wei­sen anzie­hen­der macht (Pull), ein ande­res das Ver­hal­tens­wei­sen ver­drängt (Push). Hier ging alles in einem Schritt. Die Stre­cke wur­de für Men­schen im Auto beschwer­li­cher, für Bus­fah­ren­de attrak­ti­ver. Doch der anfäng­li­che Stau ließ im Ver­lauf des Ver­kehrs­ver­suchs nach, die Bus­se pro­fi­tier­ten enorm. 

An einem Werk­tag spar­ten die Bus­se vier Stun­den und 20 Minu­ten. Sie wur­den pünkt­li­cher. Und das lag nach­weis­lich an der neu­en Busspur. 

Der Ver­such habe deut­lich gemacht, so schreibt die Stadt, dass es auch in „hoch­kom­ple­xen Stadt- und Ver­kehrsräu­men“ mög­lich sei, Bus­se zu beschleu­ni­gen und ihnen eine höhe­re Prio­ri­tät zu geben. Das Ergeb­nis beweist laut Bericht gleich zwei­er­lei: Zum einen ist die Bus­spur wich­tig, wenn es dar­um geht, „ein Hoch­leis­tungs­netz“ für den Lini­en­bus­ver­kehr ein­zu­rich­ten. Zum ande­ren kann sie hel­fen, das regio­na­le Bus­netz attrak­ti­ver zu machen – und Men­schen dazu zu bewe­gen, auf den Bus umzusteigen. 

III. Die autofreie Hörsterstraße

Der Ver­suchs­auf­bau an der Hörster­stra­ße ist auf den ers­ten Blick ein­fach. Die Stadt sperr­te die Stra­ße für Autos, schloss den Park­platz am Bült und gab dem Rad­ver­kehr auf der Hörster­stra­ße die Mög­lich­keit, auch in die Gegen­rich­tung zu fah­ren. Die­ser Teil gelang gut. 

Die Men­schen nah­men den gewon­ne­nen Raum an. Sie saßen auf den für den Ver­such auf­ge­stell­ten Holz­mö­beln am Bült und am Stra­ßen­rand. Die Stadt zähl­te mehr Fahr­rä­der auf der gesperr­ten Stra­ße. Es kam zwar zu klei­ne­ren Unfäl­len, weil Men­schen auf Fahr­rä­dern Pol­ler in der Stra­ßen­mit­te über­sa­hen. Aber die posi­ti­ven Effek­te überwogen. 

Pro­ble­me berei­te­te etwas ande­res: Die Bus­li­ni­en 6, 8 und N82 fuh­ren wäh­rend des Ver­kehrs­ver­suchs nicht mehr über die Hörster­stra­ße, son­dern über die Gar­ten­stra­ße. Und das kam in den Außen­stadt­tei­len nicht so gut an. 

Die Bus­se spar­ten einer­seits Zeit – zwi­schen Haupt­bahn­hof und Coer­de fünf Minu­ten, in der Gegen­rich­tung sogar sie­ben. Aber sie hiel­ten nicht mehr am Bült. Wer aus Coer­de in die Alt­stadt woll­te, muss­te das letz­te Stück lau­fen (von der Eisen­bahn­stra­ße oder der Gar­ten­stra­ße aus), den für die Ver­suchs­dau­er ein­ge­setz­ten Shut­tle­bus nut­zen oder eine Rikscha. 

Die Bewer­tung der neu­en Lini­en­füh­rung fiel schlecht aus. Sogar die kür­ze­re Fahrt­zeit bekam in einer Online-Befra­gung im Schul­no­ten­sys­tem nur ein Befrie­di­gend. Den Shut­tle­bus, die Rik­scha sowie Ser­vice und Kom­fort bewer­te­ten die Men­schen im Schnitt mit aus­rei­chend, wie auch die Anbin­dung in die ande­re Rich­tung, nach Wol­beck und Grem­men­dorf. Etwa die Hälf­te der Befrag­ten hin­ter­ließ dazu einen Kom­men­tar. Das mit Abstand häu­figs­te The­ma war die nun gefühlt schlech­te­re Erreich­bar­keit der Außen­stadt­tei­le (101 Nen­nun­gen bei 274 Kommentaren). 

Im Gegen­satz dazu ste­hen die Zah­len. Sie sind schon seit Anfang Janu­ar öffent­lich. Die Stadt­wer­ke hat­ten die Fahr­gäs­te wäh­rend des Ver­kehrs­ver­suchs gezählt und her­aus­ge­fun­den: Auf der umge­leg­ten Linie waren im Ver­suchs­zeit­raum sogar etwas mehr Men­schen Bus gefah­ren. Nun woll­te man das Lini­en­netz neu ord­nen. Die Bus­li­nie nach Coer­de soll­te wie­der eine Alt­stadt­hal­te­stel­le bekom­men, aller­dings nicht am Bült, son­dern am Lud­ge­ri­platz. Von dort soll­ten die Bus­se wie schon wäh­rend des Ver­kehrs­ver­suchs über den schnel­len Weg nach Coer­de fah­ren, also über die Gartenstraße.

Doch es gab wie­der Pro­test. Der Rat ver­tag­te die Ent­schei­dung, um auf die Ergeb­nis­se des Ver­kehrs­ver­suchs zu war­ten. Und jetzt? 

Die Stadt schreibt auf Sei­te 102 ihres Berichts, die Reak­ti­on decke sich mit frü­he­ren Erfah­run­gen der Stadt bei der Ver­än­de­rung von Lini­en­we­gen, „da sol­che Ein­grif­fe zu Beginn meist eine ver­gleichs­wei­se star­ke Ableh­nung durch die Nutzer*innen her­vor­ru­fen“. Bus­fah­ren habe viel mit Gewohn­hei­ten zu tun. Ver­än­de­re man die Wege, ver­schlech­te­re sich „für vie­le aktu­el­le Nutzer*innen aus sub­jek­ti­ver Per­spek­ti­ve zunächst die ÖPNV-Anbindung“. 

Anders gesagt: Die Stadt sieht das Pro­blem nicht so sehr in der Erreich­bar­keit, son­dern vor allem in der Gewohn­heit. Das unter­strei­chen die Autoren mit einer Anmer­kung „aus fach­li­cher Per­spek­ti­ve“: Die Alt­stadt sei auch wäh­rend des Ver­kehrs­ver­suchs über meh­re­re Bus­li­ni­en erreich­bar gewe­sen. Aus Coer­de zwar nicht mehr über den Bült, aber über die Hal­te­stel­len Hörster­tor und Eisenbahnstraße. 

Eine der offe­nen Fra­gen, die die­ser Ver­kehrs­ver­such auf­wirft, ist: Wie geht man nun damit um? 

Schaut man auf die Zah­len, die recht ein­deu­tig schei­nen, und ord­net man die Bus­li­ni­en so, wie die Ver­wal­tung es vor­ge­schla­gen hat­te – ohne auf die Ein­wän­de aus Coer­de zu schau­en? Oder gibt es noch eine ande­re Lösung? 

Cars­ten Peters, ver­kehrs­po­li­ti­scher Spre­che der Grü­nen, sagt, man wer­de mit der Bezirks­ver­tre­tung dar­über spre­chen. Wal­ter von Göwels, in glei­cher Funk­ti­on bei der CDU, sagt, er wür­de sich eine Bür­ger­be­tei­li­gung wün­schen. Die Men­schen sol­len mit­re­den. Er sieht hier immer noch offe­ne Fragen. 

Eine ist: Sind auf der neu­en Stre­cke wäh­rend des Ver­kehrs­ver­suchs die­sel­ben Men­schen gefah­ren wie vor dem Ver­such auf der alten Stre­cke? Oder waren das andere?

Es könn­te sein, dass eini­ge Fahr­gäs­te nicht mehr bedient wur­den, aber ande­re das neue Ange­bot an ihrer Stra­ße genutzt haben. Auf die­se Fra­ge gibt es noch kei­ne Antwort. 

Was soll die Promenade sein?

Eine ande­re Fra­ge stellt sich an der Pro­me­na­de. Dort hat der Ver­kehrs­ver­such sicht­bar gemacht, dass die Vor­fahrt für den Rad­ver­kehr nicht nur die Kon­kur­renz­si­tua­ti­on zwi­schen Autos und Fahr­rä­dern neu jus­tiert – son­dern auch die zwi­schen dem Rad- und dem Fußverkehr.

Je schnel­ler der Rad­ver­kehr hier unter­wegs ist, des­to schwe­rer wird es, zu Fuß von der einen Sei­te zur ande­ren zu kom­men – vor allem für alte Men­schen oder Men­schen mit Behinderungen. 

Und das schafft ein noch viel grö­ße­res Pro­blem. Wenn die Velo­rou­ten fer­tig sind, die vom Zen­trum ins Umland füh­ren, sol­len sie den Ver­kehr auf der Pro­me­na­de zusam­men­brin­gen und wei­ter­ver­tei­len. Es wird noch vol­ler, und wenn die Men­schen von außer­halb auf E-Bikes kom­men, sind sie schnell unterwegs. 

Die Fra­ge ist: Was soll die Pro­me­na­de in Zukunft denn über­haupt sein? Ein inner­städ­ti­sches Nah­erho­lungs­ge­biet, also ein Ort zum Bum­meln und Fla­nie­ren? Oder ein „schnel­ler Ver­teil­ring und Herz­stück des inner­städ­ti­schen Rad­ver­kehrs­net­zes“, wie es in dem Bericht steht. Bei­des geht nur bis zu einem gewis­sen Grad. 

„Die Idee, dass die Pro­me­na­de aus­schließ­lich eine Fahr­rad­schnell­bahn wird, lässt sich in der Form nicht auf­recht­erhal­ten“, sagt Mat­thi­as Glomb, ver­kehrs­po­li­ti­scher Spre­cher der SPD. Man müs­se einen guten Inter­es­sen­aus­gleich hin­be­kom­men. Viel­leicht mit Ampeln, mit Zebra­strei­fen oder auf ande­re Weise. 

Wal­ter von Göwels hiel­te Ampeln für eine gute Lösung. An der Kreu­zung von Pro­me­na­de und Hörster­stra­ße gibt es sie bereits. Dort ist es sicher, aber Ampeln wür­den genau das Gegen­teil von dem bewir­ken, was der Ver­kehrs­ver­such errei­chen soll­te. Zu Fuß oder mit dem Rad wür­de man län­ger warten. 

Mar­tin Gre­wer, der ver­kehrs­po­li­ti­sche Spre­cher von Volt, ver­mu­tet, dass schon klei­ne Kor­rek­tu­ren das Ergeb­nis ver­bes­sert hät­ten. Ursprüng­lich soll­te auf der Kanal­stra­ße ein sepa­rier­ter Bereich, ein Schutz­strei­fen, dem Rad­ver­kehr mehr Raum geben. Doch der Strei­fen fehl­te wäh­rend des Versuchs. 

Dar­über hat sich auch Max Brink­mann-Brand von der ödp gewun­dert. Wäre es mit dem Strei­fen anders gelau­fen? Hät­te man den Ver­such dann gar nicht abbre­chen müs­sen? Im Nach­hin­ein lässt sich das kaum sagen. Aber die Pro­ble­me mit dem Fuß­ver­kehr fand Brink­mann-Brand absehbar. 

„Man muss auf­pas­sen, dass nicht der Stär­ke­re die Regeln vor­gibt“, sagt Mar­tin Gre­wer. Was dabei hel­fen kann? Gre­wer nennt vier Din­ge: Stre­cken, über die man aus­wei­chen kann, Signal­an­la­gen wie der Lee­zen­flow, der angibt, wie lan­ge die Ampel­pha­se noch dau­ert, ein­fa­che Kreu­zun­gen, bes­se­re Sichtachsen. 

Wenn die Men­schen frü­her sehen kön­nen, was von der ande­ren Sei­te auf sie zukommt, sinkt die Unfall­ge­fahr. Hier sieht auch Cars­ten Peters einen Ansatz. Dass man dafür Bäu­me fäl­len muss, wie es in dem Bericht steht, denkt er aller­dings nicht. 

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In aller Kürze

+++ Der Krieg in der Ukrai­ne ord­net nun auch die Wahl­kampf­po­di­en neu. Die bei­den CDU-Kan­di­da­tin­nen Tere­sa Küp­pers und Simo­ne Wend­land sowie Juli­an Allen­dorf, der eben­falls für die CDU antritt, haben ange­kün­digt, sich nicht aufs Podi­um zu set­zen, wenn jemand von der Lin­ken dabei ist. Die Lin­ke in Müns­ter stel­le trotz der direk­ten Bedro­hung durch Putin die NATO-Mit­glied­schaft Deutsch­lands und die Inves­ti­tio­nen in deren Ver­tei­di­gungs­fä­hig­keit infra­ge, schreibt die CDU in einer Pres­se­mit­tei­lung. Katha­ri­na Geu­king, Ulrich Tho­den und Joshua Strack, die für die Lin­ke bei der Land­tags­wahl antre­ten, ant­wor­ten eben­falls in einer Pres­se­mit­tei­lung. Das Ver­hal­ten der CDU sei befremd­lich. Die NATO gebe schon jetzt 17-mal so viel für Rüs­tung aus wie Russ­land. Noch mehr Auf­rüs­tung habe den Krieg nicht ver­hin­dert und auch für die Zukunft kein Abschre­ckungs­po­ten­zi­al, schreibt die Linke. 

+++ Im ver­gan­ge­nen Jahr sind auf den Stra­ßen in Nord­rhein-West­fa­len eine hal­be Mil­li­on Unfäl­le pas­siert. Die­se Zahl stammt aus der neu­es­ten Ver­kehrs­un­fall­sta­tis­tik, die die Poli­zei NRW ges­tern ver­öf­fent­licht hat. Trotz der häu­fi­ge­ren Unfäl­le ver­un­glück­ten ver­gan­ge­nes Jahr weni­ger Men­schen töd­lich (425) oder zogen sich schwe­re Ver­let­zun­gen zu (11.872) als 2020. Innen­mi­nis­ter Her­bert Reul (CDU) wird in einer Pres­se­mit­tei­lung mit dem Satz zitiert: „Gemes­sen an die­sen Zah­len ist das die bes­te Ver­kehrs­un­fall­sta­tis­tik, die wir je hat­ten.“ Das mag für ganz NRW stim­men, für Müns­ter jedoch nicht. Hier gab es nicht nur mehr Ver­kehrs­un­fäl­le (2021: 10.376, 2020: 9.767), son­dern auch mehr Schwer­ver­letz­te (2021: 197, 2020: 193) und Ver­kehrs­to­te (2021: 3, 2020: 1). Unter den Todes­op­fern ist auch ein Rad­fah­rer, der bei einem Unfall mit einem Auto ums Leben kam. Ins­ge­samt liegt die Zahl der Fahr­rad­un­fäl­le (749) laut Sta­tis­tik auf einem kon­stant hohen Niveau. Auch ereig­nen sich mehr Unfäl­le mit E-Scoo­tern. Einen deut­li­chen Anstieg gab es außer­dem bei Ver­kehrs­un­fäl­len mit Kin­dern (2021: 93, 2020: 68) und Jugend­li­chen (2021: 60, 2020: 42). Die Zahl der Unfäl­le mit älte­ren Men­schen nahm dage­gen um 14,3 Pro­zent ab.

Engagement in Münster: Unsere Interviews aus der RUMS-Hütte zum Nachlesen

#11 Müns­ta­ri­ty

Heu­te schal­ten wir das elf­te Inter­view aus unse­rer Rei­he Enga­ge­ment in Müns­ter für Sie frei. Johan­ne Burk­hardt hat mit Tri­xi Ban­nert vom Ver­ein Müns­ta­ri­ty dar­über gespro­chen, wie sie als Wein­händ­le­rin auf die Idee kam, einen Ver­ein für Kin­der zu grün­den. Und dar­über, war­um Netz­wer­ken für ihre Arbeit so wich­tig ist. Das Inter­view fin­den Sie hier.

Im Rah­men unse­rer Mar­ke­ting­ak­tio­nen auf dem Weih­nachts­markt in Müns­ter haben wir Men­schen vor­ge­stellt, die sich in der Stadt enga­gie­ren. Lei­der konn­ten wir die Gesprä­che wegen der Coro­­na-Beschrän­­kun­­­gen nicht vor Publi­kum füh­ren. Aber Sie kön­nen sie in gekürz­ter Ver­si­on als schrift­li­che Inter­views auf die­ser Sei­te nach­le­sen. Das zwölf­te und letz­te Inter­view aus die­ser Rei­he bekom­men Sie nächs­te Woche von uns. Wir ver­lin­ken es dann wie­der an die­ser Stel­le für Sie.

Corona-Update

+++ Bis mor­gen haben Beschäf­tig­te in Kli­ni­ken, Pfle­ge­hei­men oder Arzt­pra­xen Zeit, eine voll­stän­di­ge Imp­fung oder Gene­sung nach­zu­wei­sen. Dann gilt die soge­nann­te ein­rich­tungs­be­zo­ge­ne Impf­pflicht. Sie betrifft nicht nur Men­schen, die in medi­zi­ni­schen Beru­fen arbei­ten, son­dern zum Bei­spiel auch das Rei­ni­gungs­per­so­nal. Bis die Behör­den Buß­gel­der (bis zu 2.500 Euro) oder Beschäf­ti­gungs­ver­bo­te ver­hän­gen, wird wohl noch etwas Zeit ver­ge­hen. Zunächst mel­den die Kli­ni­ken oder Pra­xen Unge­impf­te oder Unge­ne­se­ne dem Gesundheitsamt,das ent­schei­det, ob es zu här­te­ren Mit­teln greift. Der WDR erklärt das noch etwas aus­führ­li­cher. Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­um hat eine Lis­te mit den Ant­wor­ten auf die wich­tigs­ten Fra­gen veröffentlicht. 

+++ In fünf Tagen fal­len die meis­ten Coro­na-Regeln. Weil die Infek­ti­ons­zah­len wei­ter sehr hoch sind, will die Koali­ti­on in Ber­lin die Mas­ken­pflicht doch an mehr Orten bei­be­hal­ten als ursprüng­lich geplant, berich­tet unter ande­rem das Redak­ti­ons­netz­werk Deutsch­land. Die Tages­schau mel­det außer­dem, dass die Lan­des­re­gie­rung in NRW wohl über­gangs­wei­se eini­ge Maß­nah­men bis zum 2. April auf­recht­erhal­ten will. Zum Bei­spiel wol­le die CDU-FDP-Koali­ti­on an der Mas­ken­pflicht im Unter­richt fest­hal­ten. Kon­kret geäu­ßert hat sich die Lan­des­re­gie­rung noch nicht, sie war­te laut Tages­schau noch die Abstim­mung im Bun­des­tag über das Infek­ti­ons­schutz­ge­setz ab.

+++ Die Zahl der Neu­in­fek­tio­nen in Müns­ter bleibt auf einem hohen Niveau. Die Wochen­in­zi­denz ist aller­dings, wegen der Mel­de­lü­cke am Wochen­en­de eigent­lich unty­pisch, von Mon­tag auf Diens­tag leicht gesun­ken. Die Stadt mel­det heu­te 1.325 Neu­in­fek­tio­nen (pro 100.000 Men­schen inner­halb einer Woche). Ges­tern waren es 1.484. Lei­der gibt es auch einen wei­te­ren Todes­fall: Ein 91-jäh­ri­ger Mann ist mit Covid-19 gestor­ben. Ins­ge­samt gel­ten aktu­ell 6.485 Men­schen in Müns­ter als infi­ziert, 64 lie­gen in den Kran­ken­häu­sern, sechs auf der Inten­siv­sta­ti­on, vier wer­den beatmet. 

+++ Zum Schluss noch der Blick in die Schu­len: Letz­te Woche konn­ten 1016 Kin­der und Jugend­li­che in 69 Schu­len nicht am Unter­richt teil­neh­men, weil sie Covid-19 oder Kon­takt zu Infi­zier­ten hat­ten. In der Woche davor waren es 1021.

Unbezahlte Werbung

Allein die Tüten, in denen der Espres­so der ita­lie­ni­schen Rös­te­rei Tor­re­fa­zio­ne Gia­mai­ca ver­kauft wird, machen schon Lust. Sie sind schlicht gehal­ten in Oran­ge oder Gelb, kaum bedruckt. Sie lie­gen hin­ten im dunk­len Holz­re­gal und wir­ken doch so anzie­hend authen­tisch, wahr­schein­lich, weil sie so beson­ders unschein­bar sind. Wer nach ihnen fragt, bekommt bei Agnes Mei­le, dem tra­di­ti­ons­rei­chen Fein­kost­la­den an der Ham­mer Stra­ße, sofort eine Geschich­te zum Pro­dukt erzählt, und ist gleich umso über­zeug­ter, den Kaf­fee zu kau­fen (und er schmeckt ein­fach wun­der­bar). Die­se Erzäh­lun­gen kön­nen Sie, wenn sie mögen, zu jedem der Pro­duk­te hören. Denn Agnes Mei­le, so heißt nicht nur der Laden, son­dern auch die Besit­ze­rin, erzählt, wenn Sie gefragt wird, ger­ne von den den Wein­gü­tern, den Men­schen, bei denen Sie ein­kauft, den Cho­co­la­tiers, die ihre Pra­li­nen pro­du­zie­ren – die Trüf­fel! –, oder von Oli­ven­ölen, Senf­sor­ten und Mar­me­la­den. Ach ja, ein Café mit Ange­bo­ten vom Früh­stück bis zum Wein am Abend gehört eben­falls dazu.

Drinnen und Draußen

Heu­te hat Johan­ne Burk­hardt geschaut, was in Müns­ter so los ist, und zwar unter ande­rem das hier: 

+++ Die Müns­te­ra­ner Wochen gegen Ras­sis­mus haben ges­tern begon­nen. Ihr Mot­to: „Hal­tung zei­gen”. Die Ver­an­stal­tun­gen dazu lau­fen bis zum 27. März. Das Pro­gramm ist recht üppig. Hier zwei Tipps: Inter­es­sant für Schul­kin­der ist der Work­shop zum Umgang mit dis­kri­mi­nie­ren­den Äuße­run­gen mor­gen ab 14 Uhr. Dazu müs­sen Sie sich über die­se E-Mail-Adres­se anmel­den. Oder: ein digi­ta­ler Fach­vor­trag von Are­tha S. Schwarz­bach-Apithy über das Phä­no­men White Saviou­rism (Wei­ße ret­ten Schwar­ze). Den Link zur Anmel­dung und wei­te­re Infos fin­den Sie hier.

+++ Im Gesprächs­for­mat „Tache­les – Klar­text im Ost­vier­tel” geht es am Frei­tag um die Fra­ge, wie Men­schen im All­tag mehr Gutes tun kön­nen. Mit­ein­an­der spre­chen wer­den unter ande­rem Vertreter:innen der Gesell­schaft für bedroh­te Völ­ker und dem Eine-Welt-Forum. Mehr Infos und einen Link zum Stream fin­den Sie hier. Los geht es um 18:30 Uhr.

+++ Und dann noch etwas Net­tes: Am Frei­tag kön­nen Sie in der Zukunfts­werk­statt im Kreuz­vier­tel dem Haus­meis­ter zwi­schen 14 Uhr und 16 Uhr Fra­gen stel­len. Gedacht ist das Ange­bot für Men­schen, die Fra­gen zu klei­ne­ren Repa­ra­tu­ren im Haus oder der Woh­nung haben. Los geht es um 13:30 Uhr.

+++ Und zum The­ma Demo­kra­tie, genau­er zur Fra­ge, wie Demo­kra­tie bes­ser funk­tio­nie­ren kann: Jun­ge Men­schen aus Müns­ter haben sich in Work­shops mit einer fik­ti­ven Stadt aus­ein­an­der­ge­setzt, die ein Ras­sis­mus­pro­blem hat. Dar­aus ist ein Thea­ter­stück ent­stan­den. Zu sehen ist es am Sonn­tag (20. März) um 14 Uhr in der Aula der Geschwis­ter-Scholl-Real­schu­le in Kin­der­haus (Von Hum­boldt-Stra­ße 14). Der Ein­tritt ist frei, eine Spen­de wäre super.

Am Frei­tag kommt wie­der Post von Sebas­ti­an Fob­be. Kom­men Sie gut durch die Woche. 

Herz­li­che Grü­ße
Ralf Hei­mann

Mit­ar­beit: Johan­ne Burk­hardt, Sebas­ti­an Fobbe


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PS

Zum Schluss eine klei­ne Bit­te: Für uns ist es selbst­ver­ständ­lich, dass wir Din­ge benen­nen und kri­ti­sie­ren kön­nen. Für rus­si­sche Medi­en ist es das nicht. Etwa 50 Men­schen arbei­ten aus dem Exil für das Pro­jekt Medu­za. Die rus­si­sche Regie­rung stuft sie als „aus­län­di­sche Agen­ten“ ein, und das ist in die­sem Fall auch ein Beleg dafür, dass die­se Men­schen ihre Auf­ga­be ernst neh­men. Das Pro­blem ist: Die Wer­be­ein­nah­men von Medu­za sind futsch, eben­so die Spen­den aus Russ­land. Wenn Sie dabei hel­fen möch­ten, dass unab­hän­gi­ge Infor­ma­tio­nen nach Russ­land gelan­gen, kön­nen Sie Medu­za unter­stüt­zen. Das kos­tet 8 Euro im Monat. Hier kön­nen Sie Mit­glied wer­den.