Treffen sich zwei Weltbilder | Münsters Haushalt | Eis zum Frühlingsanfang

Müns­ter, 19. März 2021

Guten Tag,

in der Rats­sit­zung am Mitt­woch bekam man einen Ein­druck davon, wie schwer die Ver­hand­lun­gen zwi­schen CDU und Grü­nen in den ver­gan­ge­nen vier Jah­ren gewe­sen sein müs­sen. Zwi­schen­zeit­lich dräng­te sich fast die Fra­ge auf, wie die bei­den Par­tei­en über­haupt so lan­ge zusam­men­ar­bei­ten konn­ten. In den Debat­ten am Mitt­woch kol­li­dier­ten zwei Welt­bil­der, und zwar immer wieder.

Es begann mit den Reden zum Haus­halt, in denen die Oppo­si­ti­on zehn Minu­ten lang ver­bal mit dem Kopf schüt­tel­te und die Koali­ti­on sich selbst auf die Schul­ter klopf­te. Der CDU-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de Ste­fan Weber mach­te den Auf­schlag, mit einer Gene­ral­ab­rech­nung mit dem poli­ti­schen Geg­ner und eins­ti­gen Part­ner. „Die Park­haus­po­li­tik der Grü­nen ist dreist und tritt gera­de jenen in die Knie, die schon am Stock gehen. Ein­zel­han­del und Gas­tro­no­mie haben unter den Grü­nen zusätz­lich zu lei­den. Wer sich für die­sen Wirt­schafts­zweig und damit für ein Stück müns­ter­scher Lebens­qua­li­tät ein­setzt, wird von Ihnen noch als Unter­neh­mer­par­tei in Links­au­ßen­ma­nier ver­ächt­lich gemacht“, eröff­ne­te der Christdemokrat.

Nach dem Dau­er­bren­ner Ver­kehr ging es wei­ter mit der Digi­ta­li­sie­rung („Die Grü­nen kom­men nicht­mal bei der Aus­stat­tung der Schu­len mit digi­ta­len End­ge­rä­ten rich­tig in die Strümp­fe“), der Woh­nungs­po­li­tik des Rats­bünd­nis­ses („So geht poli­ti­sches Ver­sa­gen“) und der Kli­ma­schutz („Man­gel an Rea­li­täts­sinn“ und „Miss­ach­tung von Maß und Mit­te“). Das neue Rats­bünd­nis sei unsen­si­bel und selbst­ge­recht, „eine lin­ke Mehr­heit eint nicht, son­dern wird von vie­len als exis­ten­zi­el­le Bedro­hung emp­fun­den. Lan­ge war nicht so viel Spal­tung in der Stadt, wo Ver­söh­nung so wich­tig wäre.“

Klimaschutz, Corona-Notfallfonds, Tablets

Auch Syl­via Rie­ten­berg, der Frak­ti­ons­spre­che­rin der Grü­nen, rich­te­te das Wort (kurz) an den ehe­ma­li­gen Koali­ti­ons­part­ner: „An die­ser Stel­le möch­te ich mich aber doch noch bei der CDU-Frak­ti­on für vier Jah­re kon­struk­ti­ve und ver­läss­li­che Zusam­men­ar­beit bedan­ken. Wir haben eini­ges Gutes für die­se Stadt auf den Weg gebracht, auch wenn es dann am Ende nicht mehr gepasst hat.“ Das könn­te man jetzt wie eine gut plat­zier­te Retour­kut­sche lesen, der Satz stand aber tat­säch­lich schon im Rede­ma­nu­skript, das die Frak­ti­on vor­ab ver­schickt hatte.

Nach dem kur­zen Rück­blick dann der Aus­blick auf das, was die Koali­ti­on sich vor­ge­nom­men hat und mit dem Haus­halt umset­zen will. Die wich­tigs­ten Punk­te: Inves­ti­tio­nen in den Kli­ma­schutz wie etwa Aus­ga­ben für die Mobi­li­täts­wen­de und 16 Mil­lio­nen Euro für die ener­ge­ti­sche Sanie­rung von städ­ti­schen Gebäu­den, eine Mil­li­on Euro als Coro­na-Not­fall­fonds für die freie Kul­tur­sze­ne, sechs Mil­lio­nen Euro, um die Schu­len mit Tablets aus­zu­stat­ten, und Bau­grund­stü­cke im Wert von 50 Mil­lio­nen Euro, die die Stadt ihrer Toch­ter­fir­ma Wohn + Stadt­bau überträgt.

Viel Geld kos­tet natür­lich auch die Coro­na-Kri­se. Damit die Stadt nicht in die Haus­halts­si­che­rung rutscht (das hat­ten wir hier schon mal erklärt), muss natür­lich auch gespart wer­den. Und zwar so: „Alle Aus­ga­ben müs­sen auf den Prüf­stand: Scha­den sie dem Kli­ma? Nut­zen sie dem Zusam­men­halt in unse­rer Stadt? Machen sie Müns­ter lebens­wer­ter, nach­hal­ti­ger und zukunfts­fes­ter?“ so Rietenberg.

Der Graben zwischen Grünen und CDU

Kli­ma- und Umwelt­schutz auf der einen Sei­te, die Inter­es­sen der Wirt­schaft auf der ande­ren: An die­ser (stark ver­ein­fach­ten) Bruch­li­nie zwi­schen Grü­nen und CDU ver­lie­fen dann auch den Rest des (sehr lan­gen) Abends vie­le Dis­kus­sio­nen. Nach den Beschlüs­sen in den Aus­schüs­sen ist es ja kei­ne Über­ra­schung, dass die Rats­ko­ali­ti­on ihre Vor­ha­ben recht rigo­ros umsetzt. Damit hat sie den kon­ser­va­ti­ven Teil der Stadt offen­bar ver­schreckt. Die CDU gab sich immer wie­der empört über die Anträ­ge und Posi­tio­nen – und bemüh­te sich anschei­nend auch dar­um, die Angst vor der lin­ken „Bedro­hung“ zu schü­ren, die Ste­fan Weber ein­gangs skiz­ziert hatte.

Die wich­tigs­ten The­men und Ent­schei­dun­gen im Überblick:

  • Flug­ha­fen Münster/Osnabrück: Damit hat­te sich der Rat schon in sei­ner letz­ten Sit­zung im Febru­ar beschäf­tigt, Ober­bür­ger­meis­ter Mar­kus Lewe (CDU) hat­te danach aber das Votum der Koali­ti­on bean­stan­det. Eigent­lich soll­te es näm­lich nur um die Finanz­hil­fen für den Flug­ha­fen gehen. Grü­ne, SPD und Volt stimm­ten per Ände­rungs­an­trag aber – ver­ein­facht for­mu­liert – grund­sätz­lich über die Zukunft des Flug­ha­fens ab, zum Bei­spiel über ein Ende der städ­ti­schen Sub­ven­tio­nen ab 2024 (hier hat­ten wir das im RUMS-Brief zusam­men­ge­fasst). Jetzt kam das The­ma noch­mal auf die Agen­da, und natür­lich wur­de auch wie­der hit­zig dis­ku­tiert. „Wenn sie das heu­te beschlie­ßen, ist das das Ende des Flug­ha­fens“, so CDU-Rats­herr Diet­mar Erber. Frak­ti­ons­chef Weber sprach von einem „Anker des Müns­ter­lan­des in der glo­ba­li­sier­ten Welt“ und erin­ner­te hör­bar erregt an die Arbeits­plät­ze in Gre­ven.
    SPD-Frak­ti­ons­chef Mari­us Her­wig nann­te es „ein Schreck­ge­spenst, das die CDU an die Wand malt“, man wol­le den Flug­ha­fen im Gegen­teil zukunfts­si­cher auf­stel­len. Jule Heinz-Fischer (Grü­ne) erin­ner­te an die glo­ba­le Ver­ant­wor­tung für den Kli­ma­schutz, „das kommt hier zu kurz.“ Das Bünd­nis wol­le den Flug­ha­fen aber nicht schlie­ßen, sonst wür­den ja auch die 10 Mil­lio­nen Euro Coro­na-Hil­fen nicht beschlos­sen. Am Ende stimm­te das Bünd­nis für eine wis­sen­schaft­li­che Stu­die über die Zukunft des FMO und dafür, dass der Flug­ha­fen nach 2023 ohne Sub­ven­tio­nen aus­kom­men soll.
  • Rie­sel­fel­der: Die Stadt wird ein Teil­stück der Stra­ße Coer­müh­le in den Rie­sel­fel­dern sper­ren, und zwar noch vor Mai. Das hat der Rat am Mitt­woch beschlos­sen. Es geht um den Abschnitt zwi­schen der Abzwei­gung zur Stra­ße Wös­te­bach und der Brü­cke über dem Abfluss des „Gro­ßen Stau­teichs“ in der Nähe der Bio­lo­gi­schen Sta­ti­on. Die Stra­ße führt durch ein Natur­schutz­ge­biet. Trotz­dem sind mit der Sper­rung nicht alle glück­lich. FDP-Frak­ti­ons­chef Jörg Berens wun­der­te sich, dass der Beschluss nun fiel, bevor ein ein­be­ru­fe­ner Run­de Tisch sich mit der Sache befas­sen konn­te. Es geht hier zwar um den Arten­schutz, aber auch um die Inter­es­sen von Men­schen. Wer aus Gel­mer in die Stadt will, muss nun ab Mai einen Umweg fah­ren. Susan­ne Schul­ze Bockel­oh (CDU) kri­ti­sier­te, dass die Anwoh­ner nicht befragt wor­den sei­en. Cars­ten Peters (Grü­ne) sag­te, man wol­le den Auto­ver­kehr in der gan­zen Stadt redu­zie­ren. War­um genau jetzt? Die Krö­ten­wan­de­rung beginnt. Lud­ger Stein­mann (SPD): „Jetzt ist was los in den Rie­sel­fel­dern, des­we­gen muss hier auch jetzt sofort was passieren.“
  • Hafen­markt: Wie im Koali­ti­ons­ver­trag ver­ein­bart, stimm­ten die Bünd­nis­par­tei­en hier nicht gemein­sam ab. Die SPD beschloss zusam­men mit der CDU und der FDP (und gegen die Stim­men der Grü­nen), dass das Pro­jekt in die nächs­te Run­de gehen soll. Als Nächs­tes legt die Stadt 30 Tage die Plä­ne öffent­lich aus. In der Zeit kön­nen die Men­schen ihre Beden­ken äußern. Beim letz­ten Mal kam dabei laut Cars­ten Peters (Grü­ne) 560 Ein­ga­ben zusam­men. Die Stadt muss dazu dann Stel­lung neh­men. Das dau­ert eine Wei­le. Alles beginnt noch ein­mal von vor­ne. Im Grun­de auch die Debat­te. Aber weil die Argu­men­te jetzt schon zig mal durch­ge­kaut wor­den sind, hat­ten die Par­tei­en anschei­nend nicht mehr so viel Lust, das jetzt alles noch ein­mal zu machen. Diet­mar Erber (CDU) sag­te dann auch ganz offen, er wol­le jetzt nicht wie­der in die Debat­te ein­stei­gen. Anni­ka Bür­ger (Grü­ne) merk­te noch ein­mal an, dass die 34 Woh­nun­gen, die an die­ser Stel­le ent­ste­hen sol­len, die Lösung des Woh­nungs­pro­blems kei­nen gro­ßen Schritt vor­an­brin­gen. Franz Pohl­mann (ödp) schlug im Hin­blick auf den nun mög­li­cher­wei­se wie­der fol­gen­den Rechts­streit einen Bür­ger­rat vor, in dem sich die ver­schie­de­nen Par­tei­en zusam­men­set­zen, um sich eine Lösung zu über­le­gen. Die Stadt hofft, dass sich das unge­lös­te Lärm­pro­blem und das unge­lös­te Ver­kehrs­pro­blem schon irgend­wie lösen las­sen wer­den. Eine Ant­wort auf die Fra­ge, wie, bekam Otto Rei­ners (Grü­ne) nicht. Das war der Punkt, der das Vor­ha­ben im ers­ten Anlauf zum Schei­tern gebracht hat­te. In die­sem Jahr wird auf der Bau­stel­le nichts mehr pas­sie­ren. Wie es wei­ter­geht, ent­schei­det sich wohl erst im nächsten.
  • Bio­städ­te: Robin Kor­te (Grü­ne) sag­te irgend­wann, er habe gedacht, im Grun­de sei man sich in die­sem Punkt einig. Es gehe hier ja wirk­lich um ein „harm­lo­ses Netz­werk“, aber da befand man sich schon mit­ten­drin in der Grund­satz­de­bat­te. Auf der Tages­ord­nung stand Punkt 39. Es ging um die Fra­ge, ob Müns­ter dem Netz­werk der Bio­städ­te bei­tre­ten soll­te, einem Zusam­men­schluss, der das Ziel hat, die Bio-Land­wirt­schaft zu för­dern. Aber das kann man natür­lich auch als Brüs­kie­rung der übri­gen Höfe ver­ste­hen. Und das war bereits pas­siert. Babet­te Lich­ten­stein van Len­ge­rich (CDU) sag­te, sie wür­de sich wün­schen, dass man den Beschluss „so modi­fi­ziert, dass es für Müns­ter passt“. Robin Kor­te (Grü­ne) ent­geg­ne­te: „Ehr­li­cher wäre, zu sagen: Wir wol­len den Antrag so modi­fi­zie­ren, dass er in den Agrar­aus­schuss passt.“ Das Ziel sei ein sys­te­misch öko­lo­gi­scher Ansatz. Da wol­le man kei­ne Abstri­che machen. Susan­ne Schul­ze Bockel­oh (CDU), selbst Land­wir­tin, sag­te, der Boden rund um Müns­ter sei knapp und teu­er, Bio­land­wirt­schaft per­so­nal­in­ten­siv, also nicht etwas für jeden Betrieb. In der Gegend gebe es nur elf land­wirt­schaft­li­che Bio-Betrie­be. Wenn man sich aus­schließ­lich auf die Bio-Land­wirt­schaft fokus­sie­re, ertei­le man den übri­gen 90 Pro­zent der land­wirt­schaft­li­chen Unter­neh­men eine Abfuhr. „Die Betrie­be zu stüt­zen, wäre ein groß­ar­ti­ges Signal an die Land­wirt­schaft in Müns­ter“, sag­te sie. Um ein Signal ging es auch Robin Kor­te, aber um ein ande­res. Hier gehe es im Grun­de nur um die För­de­rung von Öffent­lich­keits­ar­beit, um die För­de­rung von Essen in den öffent­li­chen Kan­ti­nen. „Wir wol­len, dass Müns­ter als Regi­on sich auf den Weg macht“, sag­te Kor­te. Jule Heinz-Fischer (Grü­ne), bemerk­te, man stel­le ja gar nicht in Fra­ge, dass die Leu­te nicht regio­nal kau­fen soll­ten. Es sei wich­tig, dass man die Betrie­be nicht gegen­ein­an­der aus­spie­le. Babet­te Lich­ten­stein van Len­ge­rich sag­te: „Wir wer­den uns anschau­en, ob sie das ernst mei­nen.“ Und etwas ande­res wird ihr zunächst auch nicht übrig blei­ben. Am Ende beschloss die Koali­ti­on: Müns­ter wird Biostadt.
  • Tem­po 30: Tem­po 30 auf vie­len Stra­ßen in Müns­ter soll die Stadt lei­ser machen. Aber die Feu­er­wehr hat die Sor­ge, dass sie dann nicht mehr so schnell zu ihren Ein­sät­zen kommt. Das war schon 2016 so, des­we­gen hat die Stadt die Geist­stra­ße damals nicht zur Tem­po-30-Zone gemacht. Und so ging es auch am Mitt­woch mit den glei­chen Argu­men­ten wie­der hin und her. Die FDP brach eine moto­ri­sier­te Lan­ze für den schnell flie­ßen­den Ver­kehr. Die CDU erreich­te immer­hin, dass die Erkennt­nis­se der Feu­er­wehr mehr Gewicht bekom­men sol­len. Ord­nungs­de­zer­nent Wolf­gang Heu­er nann­te die Stadt Ham­burg als Bei­spiel, wo man auf Haupt­ver­kehrs­stra­ßen mit Blick auf Ret­tungs­ein­sät­ze auf Tem­po-30-Zonen ver­zich­te. Man müs­se sich kei­ne Sor­gen machen, die Belan­ge der Feu­er­wehr wür­den schon berück­sich­tigt. Und irgend­wann mel­de­te sich Umwelt­de­zer­nent Mat­thi­as Peck, etwas genervt, er ver­wies auf eine Eva­lua­ti­on, deren Ergeb­nis schon län­ger vor­liegt. Und das lau­tet: Tem­po 30 führt nicht nur zur Ver­lang­sa­mung von Ret­tungs­ein­sät­zen, son­dern teil­wei­se sogar dazu, dass Ret­tungs­fahr­zeu­ge schnel­ler vor­an­kom­men. Da kön­ne man natür­lich sagen: Das inter­es­siert uns nicht. „Aber irgend­wann muss man das mal zur Kennt­nis neh­men“, sag­te Peck. Dann sag­te er noch: „Bit­te las­sen Sie uns nicht jedes Mal wie­der die glei­che Dis­kus­si­on füh­ren.“ Das wird nun erst­mal auch nicht mehr pas­sie­ren – jeden­falls, bis der Lärm­schutz irgend­wann wie­der auf der Tages­ord­nung steht. Der aktu­el­le Lärm­ak­ti­ons­plan wur­de am Ende beschlossen.
  • Stadt­haus 4: Das neue Gebäu­de neben dem Stadt­haus 3 gegen­über der Hal­le Müns­ter­land soll den künf­ti­gen Bedarf an Büro­flä­chen abde­cken und die Berei­che der Ver­wal­tung, die der­zeit noch über das Stadt­ge­biet ver­teilt sind, an einem Stand­ort bün­deln. Die Debat­te: Nach dem Wil­len der Rat­haus­ko­ali­ti­on soll das Gebäu­de ein soge­nann­tes Null­emis­si­ons­haus wer­den. Alle Ener­gie, die es ver­braucht, pro­du­ziert das Gebäu­de also selbst, bei­spiels­wei­se durch Pho­to­vol­ta­ik­an­la­gen. Aller­dings wird der Bau dadurch wahr­schein­lich teu­rer. Ursprüng­lich waren Bau­kos­ten in Höhe von 56 Mil­lio­nen Euro ange­setzt. Die West­fä­li­schen Nach­rich­ten berich­te­ten von drei bis fünf Mil­lio­nen Euro Mehr­kos­ten. Die­se Zah­len sei­en „deut­lich über­trie­ben“, erklär­te Grü­nen-Rats­frau Ingrid Kre­mer. Die Oppo­si­ti­on hin­ge­gen möch­te die Sum­me lie­ber ander­wei­tig ein­set­zen: Mit dem Geld kön­ne man etwa 415 Mehr­fa­mi­li­en­häu­ser (für 12.000 Euro pro Gebäu­de) ener­ge­tisch sanie­ren, warf CDU-Rats­frau Babet­te Lich­ten­stein van Len­ge­rich ein. FDP-Frak­ti­ons­chef Jörg Berens ver­mu­te­te hin­ter dem Beschluss der Koali­ti­on für das Null­emis­si­ons­haus „ideo­lo­gi­sche Politik“.

Die Lis­te könn­te man fort­füh­ren, immer wie­der pral­len ähn­li­che Posi­tio­nen auf­ein­an­der, die kaum ver­ein­bar schei­nen. Immer wie­der wirft die CDU (und oft auch die FDP) den Grü­nen (und ihren Koali­ti­ons­part­nern) vor, nur ihre Ideo­lo­gie durch­set­zen zu wol­len und etwa die Inter­es­sen der Wirt­schaft oder gleich die gan­ze Rea­li­tät aus dem Blick zu ver­lie­ren. Und die Grü­nen wer­fen der CDU vor, sich nicht für das Kli­ma und den Umwelt­schutz zu inter­es­sie­ren. Aber natür­lich ist es nicht so ein­fach, wie es aus­se­hen soll. Die auto­freie Innen­stadt bedeu­tet zum Bei­spiel erst ein­mal: Zwei wei­te­re Stra­ßen, die Königs­stra­ße und die Pfer­de­gas­se, wer­den so auto­frei, wie die hal­be Innen­stadt ohne­hin schon ist. Und mög­li­cher­wei­se wird die CDU eini­ge der Ver­kehrs­pro­jek­te, die sie heu­te bekämpft, in zehn Jah­ren ver­tei­di­gen. Das ist natür­lich nur eine Ver­mu­tung. Aber es wäre nicht das ers­te Mal.


Korrekturen und Ergänzungen

Am Diens­tag haben wir im RUMS-Brief über das Car­sha­ring geschrie­ben. Für den Text hat­ten wir auch mit Till Ammann, dem Geschäfts­füh­rer von Stadt­teil­au­to Car­sha­ring, gespro­chen. Sei­ne Aus­sa­ge zum soge­nann­ten Free­floa­ting (Car­sha­ring-Ange­bo­te, bei denen man das gelie­he­ne Auto nach einer Fahrt an einem belie­bi­gen Ort und nicht an fes­ten Sta­tio­nen abstel­len kann) haben wir nicht voll­stän­dig wie­der­ge­ge­ben, das holen wir hier natür­lich ger­ne nach. Wir hat­ten Ammann wie folgt wie­der­ge­ge­ben: „Für uns kon­kur­riert das Free­floa­ting eher mit dem Fuß­ver­kehr. Das ist bequem, fle­xi­bel, aber nicht im Sin­ne einer Ver­kehrs­wen­de“. Rich­tig lau­tet das Zitat: „Free­floa­ting steht häu­fig in Kon­kur­renz zum Fahr­rad, ÖPNV und in man­chen Fäl­len sogar zum Fußverkehr.“

Und noch eine klei­ne Kor­rek­tur: Im Brief stand „Stadt­teil­au­to ver­fügt im Raum Müns­ter etwa über 250 Autos auf über 60 Park­plät­zen. Wud­di hat etwa 55 Autos auf rund 30 Park­plät­zen.“ Mit „Park­plät­ze“ waren jeweils die Sta­tio­nen der Anbie­ter gemeint, es gibt also genug Stell­plät­ze für alle Autos.

Till Ammann hat uns außer­dem gebe­ten, dar­auf hin­zu­wei­sen, dass auch beim Stadt­teil­au­to zur­zeit eine digi­ta­le (also kon­takt­lo­se) Anmel­dung mög­lich ist.


Corona-Update

Müns­ter ist zum ers­ten Mal seit Ende Janu­ar wie­der Coro­na-Hot­spot. Der Inzi­denz­wert (Zahl der Neu­in­fek­tio­nen pro 100.000 Men­schen inner­halb einer Woche) stieg am Mitt­woch über die kri­ti­sche 50er-Mar­ke. Inzwi­schen liegt er schon bei 67,9. Die Locke­run­gen beträ­fen die stei­gen­den Wer­te erst mal nicht, sag­te Kri­sen­stabs­lei­ter Wolf­gang Heu­er in der Rats­sit­zung am Mitt­woch. Aber das kann sich schnell ändern. Die kri­ti­sche Schran­ke liegt in NRW bei hun­dert, der aktu­el­le Wert am heu­ti­gen Frei­tag liegt bei 96,4. Zum Fort­schritt beim Imp­fen sag­te Heu­er: Zehn Pro­zent der Men­schen in Müns­ter sei­en inzwi­schen geimpft. Nach dem Sicher­heits­stopp wird seit heu­te Mor­gen auch der Impf­stoff von Astra­Ze­ne­ca wie­der ein­ge­setzt, ver­ein­bar­te Ter­mi­ne gel­ten wei­ter. Wenn Sie für die­se Woche einen Impf­ter­min hat­ten, der abge­sagt wur­de, kön­nen Sie ihn nächs­te Woche zur sel­ben Zeit nach­ho­len, schreibt die Stadt.

Eine Ent­wick­lung, die sich im Moment zeigt: Vie­le Kin­der und Jugend­li­che ste­cken sich an, mel­den die West­fä­li­sche Nach­rich­ten. Eine neue Stu­die zeigt zudem, dass eine Infek­ti­on Älte­re nicht immer vor erneu­ter Anste­ckung schützt, berich­tet der Spie­gel. Eine gute Nach­richt zum Schluss: Seit die­ser Woche ist die App Luca in Müns­ter im Ein­satz, die der Zet­tel­wirt­schaft bei der Nach­ver­fol­gung von Kon­tak­ten ein Ende berei­ten soll. Und noch eine gute Nach­richt aus der Bund-Län­der-Kon­fe­renz: Nach den Oster­fe­ri­en sol­len Haus­ärz­te in ihren Pra­xen imp­fen, berich­tet die Tages­schau.


Unbezahlte Werbung

Pünkt­lich zum kalen­da­ri­schen Früh­lings­an­fang am Sams­tag eröff­net in der Frau­en­stra­ße 40 eine neue Eis­die­le. Das Made­lei­nes ser­viert ab 12 Uhr haus­ge­mach­tes Eis mit ver­schie­de­nen Top­pings, dar­un­ter kara­mel­li­sier­ten Nüs­sen und fri­sches Obst, und Eis­creme in Pfand­glä­sern für Zuhau­se. Ab nächs­ter Woche hat das Made­lei­nes mitt­wochs bis sonn­tags von 13 bis 18 Uhr geöffnet.


Drinnen und Draußen

+++ Pas­send zur gegen­wär­ti­gen Situa­ti­on läuft im Natur­kun­de­mu­se­um die Son­der­aus­stel­lung „Über­le­bens­künst­ler Mensch“. Dar­in geht es um das, was den Men­schen aus­macht, aller­dings nicht so sehr um sei­ne Zer­stö­rungs­wut und die Fähig­keit, gan­ze Pla­ne­ten inner­halb von Jahr­hun­der­ten her­un­ter­zu­wirt­schaf­ten, son­dern um sei­ne Phan­ta­sie, den Erfin­dungs­reich­tum, Selbst- und Gemein­schafts­be­wusst­sein, Spra­che und Spi­ri­tua­li­tät. So steht es jeden­falls in der Ver­an­stal­tungs­an­kün­di­gung. Das wäre doch viel­leicht was fürs Wochen­en­de. Wie über­all zur­zeit müss­ten Sie sich aller­dings anmel­den. Inter­es­se? Hier ent­lang.

+++ Falls Sie kei­nen Flug nach Mal­lor­ca gebucht haben, die Woh­nung aber schon gern mal wie­der ver­las­sen möch­ten, schau­en Sie doch mal auf die­se Sei­te. Der Ver­ein Tou­ris­mus NRW hat einen digi­ta­len Rei­se­füh­rer erstellt, der auch aktu­el­le Infor­ma­tio­nen lie­fert – zum Bei­spiel, wel­che Sehens­wür­dig­kei­ten in der Nähe sind und wel­che wegen der Pan­de­mie gera­de geschlos­sen sind. Den Rei­se­füh­rer gibt es auch als App.

+++ Die Kunst­hal­le Müns­ter ist wie­der offen. Zu sehen sind dort zur­zeit Arbei­ten von 13 Stu­die­ren­den der Kunst­aka­de­mie, und zwar diens­tags bis sonn­tags von 12 bis 18 Uhr. Wenn Sie sich das anse­hen möch­ten, müss­ten Sie sich vor­her kurz anmel­den.

+++ Und noch ein Hin­weis auf eine Lesung zu den Wochen gegen Ras­sis­mus: Mari­no Samou Kam­dem hat für sei­ne Dis­ser­ta­ti­on mit schwar­zen Ärzt:innen in Deutsch­land über ihre beruf­li­che Iden­ti­tät gespro­chen. Ergeb­nis: Ras­sis­mus und Erfah­run­gen mit Dis­kri­mi­nie­rung sind für sie ein gro­ßes Pro­blem. Und dar­um geht es bei der Lesung „Schwarz und Arzt in Deutsch­land“. Sie beginnt am Sams­tag um 16 Uhr. Ver­an­stal­ter ist die Grup­pe „Bil­dung trifft Ent­wick­lung“ im „Eine Welt Netz NRW“. Anmel­den kön­nen Sie sich per E-Mail.

Das wäre es für heu­te von uns. Am Wochen­en­de ist Ruprecht Polenz mit sei­ner Kolum­ne dran, am Diens­tag schreibt Ihnen Ralf Heimann.

Herz­li­che Grü­ße
Nils Diet­rich


PS

Selbst­kri­tik ist nicht unbe­dingt ein hoch­an­ste­cken­des Phä­no­men. Sehr viel wei­ter ver­brei­tet ist der Impuls, die Schuld bei ande­ren zu suchen. Die Staats­an­walt­schaft Müns­ter hat es gera­de wie­der mit so einem Fall zu tun. Einem 29-jäh­ri­gen Mann wird vor­ge­wor­fen, im ver­gan­ge­nen Juli mit bis zu hun­dert Sachen durch die Innen­stadt von Coes­feld gebret­tert zu sein, in einem Auto ohne Zulas­sung mit Num­mern­schil­dern eines ande­ren Autos, ohne Füh­rer­schein, und er soll nicht ange­schnallt gewe­sen sein. Des­we­gen war der Mann der Poli­zei über­haupt erst auf­ge­fal­len. Auf der Flucht fuhr er laut den Ermitt­lun­gen der Poli­zei „mit höchst­mög­li­cher Geschwin­dig­keit“ durch eine Tisch­grup­pe, an der meh­re­re Men­schen saßen. Meh­re­re Men­schen ver­letz­ten sich. Ein 14-jäh­ri­ger Jun­ge konn­te sich nur durch einen Sprung zur Sei­te ret­ten. Die Poli­zei fand den Ver­däch­ti­gen erst eine Woche spä­ter. War­um der Mann das alles gemacht hat, ist noch nicht geklärt. Aber dafür steht schon offen­bar schon fest, wer an alle­dem schuld ist. Die Poli­zei sei für sei­ne Flucht ver­ant­wort­lich. Das hat er inzwi­schen schon gesagt. War­um? Auch dar­auf hat der Mann eine Ant­wort: Sie hät­ten ihn nicht mit Blau­licht und Mar­tins­horn ver­fol­gen dürfen.