Die Meerschweinchen-Entführung von Kinderhaus | Housing First: Der einfachste Ausweg aus der Wohnungslosigkeit? | Gemüse selbst ernten bei Blattbeton

Müns­ter, 5. Juli 2022

Guten Tag,

am Frei­tag hat­ten wir Ihnen von den Bie­nen geschrie­ben, die plötz­lich am Haupt­bahn­hof auf­tauch­ten. Heu­te geht es hier gleich wei­ter mit Tie­ren, aber dies­mal sind wel­che ver­schwun­den. Drei Meer­schwein­chen näm­lich, und wie es aus­sieht, wur­den sie ent­führt. Unhol­de haben den Stall am Feld­stie­gen­kamp in Kin­der­haus auf­ge­bro­chen und die Tie­re mit­ge­nom­men. Aber immer­hin haben sie auch einen Was­ser­krug und eine Hand­voll Heu ein­ge­steckt, das lässt ja hof­fen. Falls Sie Hin­wei­se haben, mel­den Sie sich bei der Soko Meer­schwein­chen.

Unten kom­men noch mehr Men­schen, Tie­re und Sen­sa­tio­nen. Jetzt erst­mal die Nach­rich­ten. (sfo)

Heute lesen Sie im RUMS-Brief:

  • Die Kegel­brü­der: bald auf frei­em Fuß?
  • Die Bischof-Hein­rich-Ten­hum­berg-Stif­tung bekommt einen neu­en Namen
  • Wie es wei­ter­ging: Nor­bert Hacker hat einen neu­en Job
  • Housing First: Der ein­fachs­te Weg aus der Wohnungslosigkeit?
  • Kor­rek­tu­ren: Pass­wort-Pan­ne der Fachhochschule
  • Coro­na-Update: ein neu­er Todes­fall, Neu­ig­kei­ten zum Imp­fen und Testen
  • Ein-Satz-Zen­tra­le: 80 Stüh­le, ein Mam­mut und zwei Kapuzinerbrüder
  • Unbe­zahl­te Wer­bung: Gemü­se selbst ern­ten bei Blattbeton
  • Drin­nen und Drau­ßen: 6.000 Sekun­den Musik im Localhost

Kurz und Klein

+++ Was machen eigent­lich die Kegel­brü­der? Vor gut drei Wochen hat­te die Bild die acht Müns­te­ra­ner, die wegen des Ver­dachts auf Brand­stif­tung auf Mal­lor­ca in Unter­su­chungs­haft sit­zen, noch zitiert, die deut­sche Öffent­lich­keit möge sie nicht ver­ges­sen. Aber seit­dem war es recht still gewor­den, was vor allem dar­an lag, dass es ein­fach kei­ne Neu­ig­kei­ten gab. Jetzt tut sich offen­bar wie­der etwas. Laut der Mal­lor­ca-Zei­tung haben die Anwäl­te der Män­ner nun beim Lan­des­ge­richt Beru­fung ein­ge­legt, nach­dem sie beim Ermitt­lungs­rich­ter nicht wei­ter­ge­kom­men waren. Sie hof­fen offen­bar, dass das Lan­des­ge­richt im Lau­fe der nächs­ten Wochen ent­schei­det, bevor es im August in die Som­mer­pau­se geht. Und um die Chan­cen auf Frei­las­sung zu erhö­hen, haben die Fami­li­en der Müns­te­ra­ner zusam­men­ge­legt und eine hal­be Mil­li­on Euro als Soli­dar­haf­tung für die Brand­schä­den gezahlt. (cbu)

+++ Die Bischof-Hein­rich-Ten­hum­berg-Stif­tung, die Fami­li­en und Allein­er­zie­hen­de in Not­la­gen unter­stüt­zen soll, wird einen neu­en Namen bekom­men. Das hat­te sich schon Mit­te Juni ange­kün­digt, als ein For­schungs­team der Uni Müns­ter die Miss­brauchs­stu­die ver­öf­fent­licht hat, für die es Fäl­le von sexua­li­sier­ter Gewalt und Macht­miss­brauch der ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te im Bis­tum Müns­ter unter­sucht hat­te (RUMS-Brief vom 14. Juni 2022). In der Stu­die taucht auch Bischof Ten­hum­berg auf, nach dem die Stif­tung benannt ist. Ihm wird Lei­tungs­ver­sa­gen vor­ge­wor­fen, weil wäh­rend sei­ner Amts­zeit ein Pries­ter im Bis­tum Müns­ter ein­ge­setzt wur­de, der wegen sexu­el­ler Über­grif­fe ver­ur­teilt wor­den war. Lan­ge dürf­te es nicht dau­ern, bis der Vor­stand einen neu­en Namen fest­legt: Die Web­site der Stif­tung wird bereits über­ar­bei­tet. (cbu)

Wie es weiterging

Ges­tern hat Nor­bert Hacker ange­ru­fen. Sie erin­nern sich bestimmt: Ich hat­te den 66-Jäh­ri­gen im Arbei­ter­wohn­haus besucht und sei­ne Geschich­te im RUMS-Brief vom 21. Juni auf­ge­schrie­ben. Der Lei­ter des Schu­lungs­zen­trum an der Uni­kli­nik hat den Brief gele­sen und danach Kon­takt zu Nor­bert Hacker auf­ge­nom­men. Er woll­te ihm näm­lich einen Job im Schu­lungs­zen­trum anbie­ten, und den hat Hacker jetzt auch: Er über­nimmt dort Haus­meis­ter­tä­tig­kei­ten, räumt auf, küm­mert sich um die Küche. Bis­her hät­ten vor allem Hilfs­kräf­te und Stu­die­ren­de das Schu­lungs­zen­trum in Schuss gehal­ten, sag­te Hacker, aber eigent­lich habe der Lei­ter jeman­den gesucht, der immer mit anpa­cken kann. Und den hat er jetzt gefun­den. Ges­tern war der ers­te Arbeits­tag von Nor­bert Hacker. Der sei sehr gut gelau­fen und auch mit sei­nen neu­en Kolleg:innen ver­ste­he er sich bes­tens. (sfo)

Mal sehen 

Wir sind unglaub­lich stolz, des­halb möch­ten wir ger­ne die­ses Foto mit Ihnen tei­len. Es wur­de bei der Ver­lei­hung des Theo­­dor-Wolff-Prei­­ses in Ber­lin auf­ge­nom­men, eines der renom­mier­tes­ten Jour­na­lis­mus­prei­se in Deutsch­land (Foto: BDZV/Zumbansen). Und in der ers­ten Rei­he auf der Büh­ne steht Sig­rid März, sie ist die vier­te von rechts. Sie war mit einer Geschich­te, die sie für RUMS geschrie­ben hat, in der Kate­go­rie Bes­tes loka­les Stück nominiert.

Der ers­te Platz ging an die Mär­ki­sche All­ge­mei­ne Zei­tung in Pots­dam, wir gra­tu­lie­ren. Und freu­en uns für und mit Sig­rid März, denn aus Sicht der Jury war ihr Text eine der drei bes­ten loka­len Geschich­ten in Deutsch­land. Hat­ten wir schon erwähnt, wie stolz wir sind?!

Sig­rid März hat in ihrem Bei­trag Jochen Schweit­zer por­trä­tiert, der sich mit einem Pro­jekt in Coer­de für Bil­dungs­ge­rech­tig­keit ein­setzt. Und einen zehn­jäh­ri­gen Jun­gen, den Schweit­zer mit die­sem Pro­jekt unter­stützt. Falls Sie den Bei­trag von Sig­rid März nicht mehr in Erin­ne­rung haben oder neu bei RUMS sind, kön­nen Sie ihn hier lesen:

Zum Bei­trag

Der einfachste Ausweg aus der Wohnungslosigkeit?

1.218 Men­schen in Müns­ter haben kein eige­nes Zuhau­se. Wir hat­ten Ihnen die­se Zahl kürz­lich in einer Info­gra­fik vor­ge­stellt. Die Men­schen kom­men bei der Fami­lie oder bei Freund:innen unter oder leben in Not­un­ter­künf­ten, man­che von ihnen auch auf der Straße.

Für sie muss eine Lösung gefun­den wer­den. Ein Ansatz ist das Arbei­ter­wohn­haus, über das ich Ihnen vor­letz­te Woche geschrie­ben habe. Es bie­tet Platz für Men­schen, die einen Job haben, aber trotz­dem woh­nungs­los sind. Schon für sie ist es oft nicht ein­fach, wie­der eine eige­ne Woh­nung zu fin­den. Für Men­schen, die arbeits­los und manch­mal auch sucht­krank sind, ist es noch viel schwieriger.

Heu­te geht es um eine Idee, die auch in sol­chen Situa­tio­nen einen Aus­weg aus der Woh­nungs­lo­sig­keit bie­ten soll. Die­se Idee ist die wahr­schein­lich ein­fachs­te Ant­wort auf Woh­nungs­lo­sig­keit. Sie heißt Housing First, also Woh­nung zuerst. Die­se etwas holp­ri­ge Über­set­zung fasst im Grun­de schon alles zusam­men, was man dar­über wis­sen muss: Woh­nungs­lo­se Men­schen zie­hen in eine Woh­nung ein und kön­nen anschlie­ßend Hil­fe anneh­men, sie müs­sen es aber nicht. Auch sonst ist Housing First an kei­ne Bedin­gun­gen geknüpft: Man muss weder eine Arbeit haben noch straf­frei oder clean sein. Die Men­schen sind ab dem ers­ten Tag ganz nor­ma­le Mieter:innen – im Ide­al­fall unbefristet.

In Deutsch­land wird bis­her das Gegen­teil prak­ti­ziert. In vie­len Fäl­len läuft es so: Die Woh­nungs­lo­sen leben zuerst in Unter­künf­ten, dann in betreu­ten Wohn­grup­pen und zie­hen erst zum Schluss in eine eige­ne Woh­nung. Auch das Arbei­ter­wohn­haus ist eine sol­che Zwi­schen­sta­ti­on in die­sem Sys­tem. In den ein­zel­nen Pha­sen wird den Woh­nungs­lo­sen Mit­wir­kung abver­langt. Sie sol­len zum Bei­spiel Auf­la­gen von Ämtern erfül­len oder eine The­ra­pie machen, wenn sie sucht­krank sind oder psy­chi­sche Pro­ble­me haben. Die eige­nen vier Wän­de win­ken gewis­ser­ma­ßen zum Schluss als Belohnung.

Housing First funk­tio­niert genau anders­her­um. Wie eine Art bedin­gungs­lo­se Grund­woh­nung für alle, die sie brauchen.

Frustrierende Suche

Eine sol­che Grund­woh­nung ver­sucht Tho­mas Snell für sei­ne Klient:innen in Müns­ter zu fin­den. Er arbei­tet für den Ver­ein Dach überm Kopf, der sozi­al benach­tei­lig­ten Men­schen Wohn­raum ver­mit­telt. Doch das ist gera­de in Müns­ter ziem­lich schwie­rig, es gibt kaum pas­sen­de Woh­nun­gen. Bis­her konn­te Snell nur drei Men­schen eine Blei­be besor­gen. 2019 zog der ers­te Mie­ter in eine Housing-First-Woh­nung ein, 2020 und 2021 kauf­te der Ver­ein zwei wei­te­re Apart­ments, die er an ehe­mals woh­nungs­lo­se Men­schen vermietet.

Seit­dem ist die Wohn­raum­ver­mitt­lung ins Sto­cken gera­ten. Snell sagt, am schwie­rigs­ten sei es, in Müns­ter über­haupt geeig­ne­ten Wohn­raum zu fin­den. Und das liegt nicht allein an den schwin­del­erre­gend hohen Kauf­prei­sen, die auf dem Immo­bi­li­en­markt inzwi­schen üblich sind. Güns­ti­ge Woh­nun­gen müss­ten in einem pas­sa­blen Zustand sein, denn eine „Schrott­im­mo­bi­lie“ zu reno­vie­ren, wäre wie­der­um zu teu­er. Und die Woh­nung soll­te auch groß genug sein. Snell peilt min­des­tens 25 Qua­drat­me­ter für jedes Apart­ment an, damit Men­schen wirk­lich lang­fris­tig dar­in leben können.

Und dann ist da noch ein ande­res Pro­blem: Eine Zeit lang bekam Dach überm Kopf eine För­de­rung aus einem Housing-First-Fonds. Der stell­te ähn­li­chen Pro­jek­ten in Nord­rhein-West­fa­len Geld zur Ver­fü­gung, damit sie Woh­nun­gen für Lang­zeit­ob­dach­lo­se kau­fen konn­ten. Ende 2020 lief die­se För­de­rung aber aus – obwohl die geför­der­ten Pro­jek­te laut einer wis­sen­schaft­li­chen Begleit­stu­die erfolg­reich waren.

Was Dach überm Kopf bleibt, ist eine För­de­rung von der Stadt Müns­ter. Sie bezu­schusst jeden Kauf mit 10.000 Euro, maxi­mal fünf­zehn Woh­nun­gen kann Snell für sei­ne Klient:innen erwer­ben. Nur: Die fin­det er nicht. Heißt also: Der Ver­ein braucht also ent­we­der mehr Geld, damit er teu­re­re Apart­ments kau­fen kann, oder die Stadt muss mehr Wohn­raum schaf­fen – sonst kann der Ver­ein sei­ne Klient:innen nicht mehr unterstützen.

Eine Förderung mit Grenzen

Für eines die­ser Pro­ble­me scheint nun eine Lösung gefun­den zu sein. Der Land­schafts­ver­band West­fa­len-Lip­pe will Housing-First-Pro­jek­te finan­zi­ell för­dern. So steht es im Koali­ti­ons­ver­trag von CDU und Grü­nen und in einem neu­en Beschluss des West­fa­len­par­la­ments. Im Lau­fe der nächs­ten fünf Jah­re soll der LWL ins­ge­samt sechs Mil­lio­nen Euro dafür aus­ge­ben. Anträ­ge könn­ten Ver­ei­ne wie Dach überm Kopf, aber auch pri­va­te Investor:innen jetzt schon stel­len, heißt es aus der LWL-Pres­se­stel­le. Auf der dafür ein­ge­rich­te­ten Web­site ist bis­her aller­dings noch nichts zu sehen.

Der LWL wird pro Woh­nung bis zu 30 Pro­zent des Kauf­prei­ses, aber maxi­mal 30.000 Euro bei­steu­ern. Das ist viel Geld – aber im Ver­hält­nis zu den Prei­sen auf dem müns­ter­schen Immo­bi­li­en­markt ist es wenig. Bei unse­rem Inter­view­ter­min greift sich Tho­mas Snell die erst­bes­te Annon­ce aus einem ein­schlä­gi­gen Inter­net­por­tal her­aus, gibt den Kauf­preis von über 120.000 Euro und die För­der­sum­me in eine Tabel­len­kal­ku­la­ti­on ein und bekommt ein nega­ti­ves Ergeb­nis her­aus. „Die Woh­nung kön­nen wir uns immer noch nicht leis­ten“, sagt er. In einer Stadt wie Gel­sen­kir­chen hät­te er wegen der güns­ti­ge­ren Immo­bi­li­en­prei­se bes­se­re Karten.

Snell ver­mu­tet, dass von der För­de­rung des LWL eher Woh­nungs­bau­ge­sell­schaf­ten oder ande­re pri­va­te Investor:innen pro­fi­tie­ren wer­den. Sie brin­gen mehr Eigen­ka­pi­tal mit als die frei­en Trä­ger der Sozi­al­hil­fe, deren Finan­zen auf Kan­te genäht sind.

Wohnungslose Frauen schützen

Die För­de­rung ist außer­dem an Bedin­gun­gen geknüpft: Sie soll bestimm­ten Ziel­grup­pen bevor­zugt hel­fen. An ers­ter Stel­le der Prio­ri­sie­rung ste­hen Frau­en ohne Woh­nung oder in Not­si­tua­tio­nen, danach kom­men Woh­nungs­lo­se mit Gesund­heits­pro­ble­men und Pfle­ge­be­darf an die Reihe.

Das hat eini­ge Befürworter:innen von Housing First irri­tiert. Der Ham­mer Rats­herr Roland Koslow­ski, der für die Lin­ke im West­fa­len­par­la­ment sitzt, sag­te in einer Aus­spra­che zur Housing-First-För­de­rung, der Antrag gehe „in eine unter­stüt­zens­wer­te Rich­tung“. Aber: Obdach- und Woh­nungs­lo­sig­keit beträ­fen mehr Män­ner als Frau­en. Geför­der­ter Wohn­raum sol­le des­halb allen Men­schen, unge­ach­tet des Geschlechts, zugäng­lich gemacht wer­den, fin­det Koslowski.

Die Sta­tis­tik gibt Koslow­ski auf den ers­ten Blick recht: Tat­säch­lich haben Män­ner häu­fi­ger kein Dach über dem Kopf als Frau­en, drei Vier­tel der bun­des­weit erfass­ten Woh­nungs­lo­sen sind laut aktu­el­lem Bericht der Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft Woh­nungs­lo­sen­hil­fe (BAG W) Män­ner. Auch Tho­mas Snell sagt, die Mehr­heit sei­ner Kli­en­tel ist männ­lich. War­um liegt der Fokus der LWL-För­de­rung dann auf Frauen?

Das habe ich Karen Halt­auf­der­hei­de gefragt, die Frak­ti­ons- und sozi­al­po­li­ti­sche Spre­che­rin der Grü­nen im West­fa­len­par­la­ment. Sie sagt in unse­rem Tele­fo­nat, woh­nungs­lo­se Frau­en wür­den zwar eher bei Bekann­ten oder Ver­wand­ten unter­kom­men als Män­ner. Ein Leben auf der Stra­ße sei für sie aller­dings gefähr­li­cher und ihre Not­la­ge wür­de leicht aus­ge­nutzt. Sie sei­en häu­fi­ger sexua­li­sier­ter Gewalt aus­ge­setzt, bei­spiels­wei­se wenn sie in einer Woh­nung unter­kä­men und Män­ner dafür sexu­el­le Gegen­leis­tun­gen ver­lang­ten. Die­se Grup­pen wol­le man mit der För­de­rung aus der Woh­nungs­lo­sig­keit zie­hen. Und die Prio­ri­sie­rung bedeu­te ja auch nicht, dass ande­re Ziel­grup­pen von der För­de­rung aus­ge­schlos­sen sei­en, sagt Karen Haltaufderheide.

Die BAG W teilt die Ein­schät­zung der Poli­ti­ke­rin. Der Ver­band teilt auf Anfra­ge mit, woh­nungs­lo­se Män­ner sei­en häu­fi­ger von Gewalt betrof­fen, doch das lie­ge dar­an, dass sie auch das Gros der Woh­nungs­lo­sen dar­stel­len. Die Gewalt gegen Frau­en sei eine ande­re als die gegen Män­ner: sexu­el­ler Miss­brauch, Nöti­gung, Erpres­sung, Gewalt durch den Part­ner. Eige­nen Befra­gun­gen zufol­ge hät­ten bun­des­weit sie­ben bis acht von zehn woh­nungs­lo­sen Frau­en Gewalt erlebt. Die BAG W for­dert daher Schutz­räu­me für Frau­en und Fami­li­en in der Woh­nungs­lo­sen­hil­fe, damit sie vor Über­grif­fen und Aus­beu­tung in Sam­mel­un­ter­künf­ten geschützt sind.

Minihäuser gegen Wohnungsmangel

Um in Müns­ter mög­lichst schnell Kon­tin­gen­te für Woh­nungs­lo­se zu schaf­fen, hat Tho­mas Snell vom Ver­ein Dach überm Kopf den Rats­frak­tio­nen vor Kur­zem einen Vor­schlag gemacht. Er möch­te, dass die Stadt Tiny Houses für Woh­nungs­lo­se auf­stellt. Dar­aus soll eine Art Housing-First-Sied­lung ent­ste­hen, zehn, zwölf, viel­leicht fünf­zehn sol­cher Mini­häus­chen. Kom­bi­nie­ren könn­te man die­se Idee auch mit einer Betreu­ung für die Bewohner:innen, auch wenn das von der rei­nen Leh­re von Housing First abweicht.

Das Geld für die Tiny Houses sei da, schreibt Tho­mas Snell in sei­nem Brief, der auch RUMS vor­liegt. Von den 150.000 Euro von der Stadt, die für den Kauf von Housing-First-Woh­nun­gen ein­ge­plant sind, hat er bis­lang nur 30.000 Euro aus­ge­ben kön­nen. Und weil er kei­ne bezahl­ba­ren klei­nen Woh­nun­gen fin­det, wür­de er von dem Rest lie­ber die klei­nen Con­tai­ner­häu­ser kau­fen, argu­men­tiert Snell. Was fehlt, ist ein Grund­stück, das die Stadt ihm für Mini­häu­ser zur Ver­fü­gung stellt. Der Rat hat sich noch nicht mit dem The­ma beschäftigt.

Vorbild Finnland

Damit wird ein Pro­blem deut­lich, das Housing First zum Schei­tern brin­gen kann: Die Idee, woh­nungs­lo­sen Men­schen schnell und unkom­pli­ziert in unbe­fris­te­te Miet­ver­hält­nis­se zu ver­mit­teln, steht und fällt mit dem Ange­bot von bezahl­ba­rem Wohn­raum. Bei­spiel Däne­mark: Die Regie­rung hat dort zwi­schen 2009 und 2016 ver­sucht, Woh­nungs­lo­sig­keit mit Housing-First-Pro­gram­men zu besei­ti­gen. Aller­dings blie­ben die Ergeb­nis­se unter den Erwar­tun­gen, das Pro­gramm erreich­te zu weni­ge Men­schen – ganz ein­fach, weil es in Däne­mark (wie in Müns­ter) zu weni­ge Sozi­al­woh­nun­gen gibt.

Wei­ter nörd­lich sieht es anders aus. Finn­land hat bis 2015 die Lang­zeit­ob­dach­lo­sig­keit im Land prak­tisch ganz abge­schafft; Men­schen, die län­ger als ein Jahr auf der Stra­ße leben, sucht man dort ver­geb­lich. Dafür hat die fin­ni­sche Regie­rung 2.500 neue Sozi­al­woh­nun­gen gebaut und 350 Sozialarbeiter:innen ein­ge­stellt. Die lan­des­weit größ­te Housing-First-Stif­tung ver­wal­tet 17.000 Woh­nun­gen in über 50 Städ­ten. Dank die­ser Bemü­hun­gen ist Finn­land das ein­zi­ge Land in Euro­pa, in dem die Zahl der Men­schen ohne fes­ten Wohn­sitz abnimmt, und das auch trotz der Coro­na­kri­se. Das fin­det Anklang: Bun­des­bau­mi­nis­te­rin Kla­ra Gey­witz von der SPD zeigt sich ange­tan von der fin­ni­schen Woh­nungs­lo­sen­po­li­tik, und auch die EU-Kom­mis­si­on will Housing First fördern.

Die Vor­tei­le des Kon­zepts zei­gen sich immer wie­der: Ver­su­che aus Ams­ter­dam, Kopen­ha­gen, Glas­gow und Lis­sa­bon zei­gen, dass 80 bis 90 Pro­zent der ehe­mals Woh­nungs­lo­sen ihre Apart­ments dau­er­haft behal­ten (ich hat­te hier für Per­spec­ti­ve Dai­ly schon ein­mal dar­über geschrie­ben). Das ist in Müns­ter nicht anders. Tho­mas Snell berich­tet, dass es allen Mieter:innen von Dach überm Kopf gut gehe. Sie hät­ten zwar kei­ne Jobs, näh­men aber Hil­fen an, um bei­spiels­wei­se ihre Schul­den oder gesund­heit­li­chen Pro­ble­me in den Griff zu bekom­men. Die Mie­te habe bis­her jede:r immer pünkt­lich über­wie­sen, sagt Snell. Das sind gute Vor­aus­set­zun­gen, um auch wei­ter­hin ein Leben in den eige­nen vier Wän­den füh­ren zu kön­nen. (sfo)

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Korrekturen

Der Hacker­an­griff auf die FH Müns­ter hat ziem­lich viel durch­ein­an­der­ge­wir­belt, auch die Pres­se­ar­beit der Fach­hoch­schu­le. Wir mel­de­ten im RUMS-Brief vom ver­gan­ge­nen Frei­tag, die Mit­ar­bei­ten­den und Stu­die­ren­den der FH hät­ten nur knapp 24 Stun­den Zeit, ihre Pass­wör­ter zu ändern. So hat­te die FH es uns mit­ge­teilt, aber das stimm­te nicht, wie uns Michel­le Liedt­ke von der FH-Pres­se­stel­le ges­tern schrieb.

Tat­säch­lich kön­nen die FH-Ange­hö­ri­gen ihr Pass­wort immer noch mit dem Ein­mal­pass­wort zurück­set­zen, das sie per E-Mail und Post zuge­schickt bekom­men haben. Wer kein Ein­mal­pass­wort erhal­ten hat, muss sich an einer der drei Aus­ga­be­stel­len in Müns­ter ein neu­es besor­gen, dane­ben gibt es noch eine Aus­ga­be­stel­le am Cam­pus Stein­furt. Alles ganz schön kom­pli­ziert, und das ist auch gut zu sehen an der Fra­ge-Ant­wort-Sei­te, die die Fach­hoch­schu­le zur Pass­wor­t­än­de­rung online gestellt hat. (sfo)

Corona-Update

+++ Ges­tern ist eine Per­son im Zusam­men­hang mit Covid-19 ver­stor­ben. Seit Beginn der Pan­de­mie sind in Müns­ter ins­ge­samt 213 Men­schen an oder mit Coro­na gestorben.

+++ Laut Robert-Koch-Insti­tut haben sich in den letz­ten 24 Stun­den 493 Men­schen in Müns­ter mit dem Coro­na­vi­rus ange­steckt. Aktu­ell gel­ten 3.595 Per­so­nen als nach­weis­lich infi­ziert. Vier Coro­na­po­si­ti­ve wer­den auf der Inten­siv­sta­ti­on behan­delt, zwei von ihnen müs­sen beatmet werden.

+++ Die Sie­ben-Tage-Inzi­denz ist leicht gesun­ken: In der ver­gan­ge­nen Woche haben durch­schnitt­lich 817 Per­so­nen aus Müns­ter ein posi­ti­ves PCR-Test-Ergeb­nis bekommen.

+++ Seit Frei­tag legt die Zen­tra­le Impf­stel­le der Stadt Müns­ter im Jovel eine Som­mer­pau­se ein. Ab dem 9. August kön­nen Sie sich dort wie­der imp­fen las­sen. Wenn Sie bis dahin nicht war­ten kön­nen, schau­en Sie ein­mal hier vor­bei. Die Stadt hat näm­lich alle Hal­te­stel­len des Impf­bus­ses bekannt­ge­ge­ben. (sfo)

+++ À pro­pos Imp­fen: Mit Blick auf den Herbst hof­fen vie­le Men­schen auf einen neu­en Impf­stoff, der an die Omi­kron-Vari­an­te ange­passt ist. Es sind meh­re­re in Arbeit. Aber wann sie tat­säch­lich in die Arzt­pra­xen und Impf­zen­tren kom­men wer­den, ist noch unklar, schreibt die Tages­schau.

+++ Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­um und die Kas­sen­ärzt­li­che Ver­ei­ni­gung haben einen Kom­pro­miss in ihrer Aus­ein­an­der­set­zung über die neu­en Schnell­te­st­re­geln gefun­den. Für Sie ändert sich dadurch nichts: Sie kön­nen sich unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen kos­ten­los tes­ten las­sen oder gegen eine Selbst­be­tei­li­gung von 3 Euro. Hier fin­den Sie eine Über­sicht, was für wen gilt. (cbu)

Ein-Satz-Zentrale

+++ Ab dem 13. Juli stellt die Stadt Müns­ter tags­über 80 Stüh­le am Dom­platz auf, damit man dort eine Pau­se machen kann. (Stadt Müns­ter)

+++ Die Innen­stadt besu­chen wie­der so vie­le Men­schen wie vor Beginn der Coro­na­pan­de­mie. (Wirt­schafts­för­de­rung Müns­ter)

+++ Die Bun­des­an­stalt für Immo­bi­li­en­auf­ga­ben will einen Teil der Bri­ten­häu­ser in Müns­ter nicht ver­kau­fen. (West­fä­li­sche Nach­rich­ten)

+++ Die neue Gene­ral­inten­dan­tin Katha­ri­na Kost-Tol­mein will das Stadt­thea­ter Müns­ter schö­ner machen. (West­fä­li­sche Nach­rich­ten)

+++ Das Mam­mut kehrt zurück ins Uni-Geo­mu­se­um an der Pfer­de­gas­se. (West­fä­li­sche Nach­rich­ten)

+++ Die Kapu­zi­ner­brü­der Moritz Huber und Jere­mi­as Bor­gards aus Müns­ter waren Mit­te März zwei Wochen in der Ukrai­ne, um den Men­schen dort zu hel­fen. (drau­ßen!)

+++ Ihr Müll wird viel­leicht zu spät abge­holt, weil den Abfall­wirt­schafts­be­trie­ben urlaubs- und coro­nabe­dingt Per­so­nal fehlt. (Stadt Müns­ter)

Unbezahlte Werbung

Der Luxus eines eige­nen Gar­tens wird in der Stadt immer sel­te­ner. Mög­lich­kei­ten, einen grü­nen Dau­men ein­zu­set­zen, gibt es den­noch: Der Ver­ein Blatt­be­ton betreibt in Müns­ter Urban Gar­de­ning. Das heißt, Obst und Gemü­se wer­den in Hoch­bee­ten in der Stadt ange­baut. Ver­eins­mit­glie­der kön­nen Paten­schaf­ten für ein­zel­ne Hoch­bee­te über­neh­men und sich nicht nur an der Gar­ten­ar­beit, son­dern auch an der Ern­te betei­li­gen. Toma­ten, Zuc­chi­ni und Kopf­sa­lat schme­cken selbst geern­tet schließ­lich immer noch am besten.

Hier fin­den Sie alle unse­re Emp­feh­lun­gen. Soll­te Ihnen ein Tipp beson­ders gut gefal­len, tei­len Sie ihn ger­ne ein­fach über den Link.

Drinnen und Draußen

Vik­to­ria Pehl­ke hat die Ter­min­ka­len­der durch­fors­tet. Das hat sie für Sie gefunden:

+++ Das Thea­ter­en­sem­ble King’s Men führt von Mitt­woch bis Sams­tag jeweils um 19:30 Uhr und am Sonn­tag um 14:30 Uhr im Müh­len­hof-Frei­licht­mu­se­um den Shake­speare-Klas­si­ker Mac­beth auf. Neben­bei kön­nen Sie auch noch Ihre Fremd­spra­chen­kennt­nis­se auf­fri­schen, denn das Stück wird in einer Mischung aus Eng­lisch, Deutsch und Nie­der­län­disch auf­ge­führt, ver­spricht also eine span­nen­de Erzähl­wei­se. Kar­ten gibt es hier.

+++ In Zusam­men­ar­beit mit der Volks­hoch­schu­le bie­tet die Bio­lo­gi­sche Sta­ti­on Rie­sel­fel­der ein Som­mer­fe­ri­en­pro­gramm an. Kin­der kön­nen hier den gan­zen Som­mer über etwas über Was­ser­frö­sche, Honig­bie­nen und Schmet­ter­lin­ge ler­nen. Das kom­plet­te Pro­gramm gibt es online, anmel­den müs­sen Sie sich telefonisch.

+++ Fleisch, Käse und Fisch – all das muss heut­zu­ta­ge nicht mehr vom Tier stam­men. In einer Podi­ums­dis­kus­si­on geht es am Frei­tag dar­um, wie Bio­tech­no­lo­gie die Lebens­mit­tel­pro­duk­ti­on kli­ma­freund­lich und ethisch gestal­ten kann. Ver­an­stal­tungs­ort ist der Hör­saal SP7 am Schloss­platz 7, Beginn ist um 18 Uhr. 

+++ Bis Frei­tag kön­nen Sie sich noch für das Vega­ne Fly­ing Din­ner der Bund­ju­gend am 13. Juli (Mitt­woch) anmel­den. Vor­spei­se und Haupt­gang wer­den ab 18 Uhr an ver­schie­de­nen Orten in ganz Müns­ter ser­viert. Und wenn Sie mit­ma­chen, kochen Sie selbst auch einen Gang. Die Nach­spei­se gibt es im Anschluss in der Leo:16-Bar.

+++ Zum Schluss noch ein beson­de­rer Tipp: Am Sams­tag fin­det im Raum Local­host wie­der ein Kon­zert statt. Falls Ihnen das nichts sagt: Das ist der Raum direkt neben dem RUMS-Büro an der Neu­brü­cken­stra­ße. Dies­mal tre­ten die Neo­kraut-Band Zement aus Nürn­berg und das müns­ter­sche Duo Ménard & Köve­ner auf. Der Ein­tritt kos­tet 10 Euro, mehr Infos fin­den Sie hier.

Am Frei­tag schreibt Ihnen Con­stan­ze Busch. Haben Sie eine schö­ne Woche.

Herz­li­che Grü­ße
Sebas­ti­an Fobbe

Mit­ar­beit: Con­stan­ze Busch, Jan Gro­ße Nobis, Vik­to­ria Pehl­ke
Lek­to­rat: Anto­nia Strotmann

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PS

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