Hallo again – die Reaktionen | Ist „klimaneutrales“ Stadtwerke-Gas klimaneutral? | Artcuisine-Kochkurs

Müns­ter, 25. Okto­ber 2022

Guten Tag,

am Frei­tag haben wir Con­stan­ze Buschs Recher­che über die Gra­tis-Zei­tung „Hal­lo“ ver­öf­fent­licht, die vie­le ken­nen, weil sie schon mal fast drü­ber gestol­pert wären, und von der aus­ge­rech­net der Sta­pel, in den wir einen GPS-Emp­fän­ger gesteckt haben, druck­frisch nach Köln trans­por­tiert wur­de, zu einem Papierverwerter. 

Das kann ein Ver­se­hen gewe­sen sein, denn laut dem Ver­lag kommt so etwas eigent­lich nicht vor. Auf Con­stan­ze Buschs Nach­fra­ge hieß es, über­schüs­si­ge Aus­ga­ben wür­den nach­ver­teilt. Aber mal ange­nom­men, so ein Ver­se­hen wür­de häu­fi­ger pas­sie­ren, wür­de sich das dann über­haupt wirt­schaft­lich loh­nen, Zei­tun­gen zu dru­cken und sie dann gleich wie­der in den Müll zu wer­fen? Könn­te sein, denn je grö­ßer die Auf­la­ge, des­to mehr Geld kann man für die Wer­be­an­zei­gen verlangen. 

Aller­dings: Wir haben nur die­se eine Stich­pro­be genom­men. Wie vie­le Aus­ga­ben tat­säch­lich unge­le­sen im Müll lan­den, wis­sen wir nicht. 

Was wir aber wis­sen: Nicht nur wir wun­dern uns über die vie­len Zei­tungs­sta­pel im Stadt­bild. Es haben vie­le Men­schen geschrie­ben, die sich eben­falls wun­dern. Sie haben uns Fotos geschickt und Stel­len genannt, an denen die Zei­tun­gen sich am Wochen­en­de sta­peln. Die häu­figs­te Rück­mel­dung aber war, auch in unse­ren Face­book-Kom­men­ta­ren: Die Zei­tung kommt über­haupt nicht mehr an. 

Eine Frau schreibt: „Was sagen eigent­lich die Anzei­gen­kun­den der ‚Hal­lo‘ zu der anschei­nend mas­siv geschön­ten Auf­la­ge?“ Wir wis­sen nicht, ob die Auf­la­ge geschönt ist. Aber unse­re Recher­che gibt Hin­wei­se dar­auf, dass ein Teil der gedruck­ten Zei­tun­gen nicht in Brief­käs­ten landet. 

RUMS-Leser Kon­rad Honig ver­deut­licht das Pro­blem in einem Kom­men­tar unter dem Text: Wenn ein Teil der Auf­la­ge nicht aus­ge­lie­fert wer­de, ent­ste­he den Fir­men, die Pro­spek­te ver­tei­len las­sen, ein dop­pel­ter Scha­den, schreibt er. Sie zahl­ten zum einen zu viel für die Leis­tung, die dar­in besteht, die Wer­bung aus­zu­lie­fern. Außer­dem sei ein gro­ßer Teil ihrer Pro­spekt-Her­stel­lungs­kos­ten für die Katz.

Uns wür­de inter­es­sie­ren, was den Men­schen erzählt wird, die in der „Hal­lo” eine Anzei­ge schal­ten. Schrei­ben Sie uns, gern auch über unse­ren anony­men Brief­kas­ten.

Und hier noch ein­mal unser Trans­pa­renz­hin­weis: RUMS ist Grün­dungs­mit­glied im Arbeits­kreis Digi­ta­le Publis­her, der die Inter­es­sen von Medi­en ver­tritt, die ohne Papier aus­kom­men. (rhe)

Kurz und Klein

+++ Wie läuft es eigent­lich mit dem 3.000-Radstellplätze-Programm der Stadt Müns­ter? Das woll­ten wir für unse­re Recher­che über die frei­en Geh­we­ge in Müns­ter wis­sen, denn lei­der stel­len vie­le Leu­te ihre Fahr­rä­der auf dem Bür­ger­steig ab, weil es sonst kei­ne Abstell­mög­lich­kei­ten gibt. Die sol­len aber mit dem Umwid­mungs­pro­gramm auf ehe­ma­li­gen Auto­park­plät­zen ent­ste­hen, auf denen Anlehn­bü­gel ange­bracht wer­den. Bis­her ver­läuft das alles aber eher schlep­pend: Eigent­lich woll­te die Stadt die 3.000 Stell­plät­ze schon 2021 geschaf­fen haben, aber wie uns die Ver­wal­tung auf Anfra­ge mit­teilt, wur­den bis­her erst 48 der 80 vor­ge­schla­ge­nen Stell­plät­ze als umsetz­bar ein­ge­stuft. Das bedeu­tet nur, dass auf den Park­plät­zen Anlehn­bü­gel ange­bracht wer­den kön­nen, nicht dass sie dort auch schon ste­hen. Die genaue Zahl an neu geschaf­fe­nen Rad­stell­plät­zen teilt uns das Pres­se­amt aller­dings nicht mit. Falls Sie es trotz­dem ganz genau wis­sen wol­len: Wer­fen Sie mal einen Blick auf die­se Kar­te. Dort ver­öf­fent­licht die Stadt jede Woche den Fort­schritt der Umwand­lun­gen. Vor der RUMS-Redak­ti­on ist ein Stand­ort übri­gens auch geprüft wor­den – nur ob dort auch Bügel hin­kom­men sol­len, ist nicht ganz klar: Der Park­platz hat einen blau­en (Umwid­mung mög­lich) und einen rosa Punkt (Umwid­mung nicht mög­lich) bekom­men. (sfo)

Kor­rek­tur­hin­weis: Wir hat­ten statt Anlehn­bü­gel zunächst Arm­lehn­bü­gel geschrie­ben. Das war zu unse­rer Über­ra­schung lei­der falsch, aber wir sind nach wie vor davon über­zeugt, dass es das bes­se­re Wort wäre. 

+++ Die Stadt Müns­ter erhält knapp 3,7 Mil­lio­nen Euro von der Bezirks­re­gie­rung für den Städ­te­bau. Das För­der­pro­gramm unter­stützt mit dem Geld vier Pro­jek­te in Müns­ter: Rund 1,8 Mil­lio­nen Euro flie­ßen in die Grün­flä­chen am Bre­mer Platz, unge­fähr eine hal­be Mil­li­on Euro gehen jeweils an ver­schie­de­ne Bau­stel­len in Coer­de (unter ande­rem für die Kli­ma­an­pas­sung und eine Ska­te­an­la­ge) und am Hafen (zum Bei­spiel für den Ele­fan­ten) und knapp 800.000 Euro bekommt Müns­ters Innen­stadt. Ins­ge­samt erhal­ten 24 Kom­mu­nen zusam­men über 55 Mil­lio­nen Euro. (ast)

+++ Mor­gen Abend ist Rats­sit­zung. Und wor­um geht’s? Zum Bei­spiel um das Wohn­bau­land-Pro­gramm bis 2030 für Müns­ter, also um die Fra­ge: Wo wird die Stadt in den nächs­ten sie­ben Jah­ren Bau­ge­bie­te schaf­fen? Die­ser Punkt ist in den letz­ten Mona­ten immer wie­der von einer Tages­ord­nung zur nächs­ten gescho­ben wor­den. Der Beschluss soll jetzt etwas anders aus­se­hen, als von der Stadt­ver­wal­tung vor­ge­schla­gen. Die Koali­ti­on aus Grü­nen, SPD und Volt wol­len zum Bei­spiel, dass die Stadt regel­mä­ßig ihr Ziel über­prüft, pro Jahr 2.000 neue Woh­nun­gen zu bau­en, denn die Fra­ge ist: Braucht man lang­fris­tig so vie­le Woh­nun­gen über­haupt? Bis ein Bau­ge­biet her­ge­rich­tet ist, dau­ert es Jah­re, und nach neu­en Schät­zun­gen der Sta­tis­tik-Behör­de IT NRW wird auch Müns­ter bis 2040 schrump­fen. Die Wirt­schafts­in­itia­ti­ve hat heu­te aller­dings noch ein­mal in einer Pres­se­mit­tei­lung klar­ge­stellt, dass sie es für wich­tig hält, neu­en Wohn­raum zu schaf­fen, damit der Wirt­schafts­stand­ort wach­sen kann. Die Inter­na­tio­na­le Frak­ti­on dage­gen hält das Wachs­tum auf Grün­flä­chen für wich­ti­ger und möch­te, dass die Stadt die­se Flä­chen aus ihren Pla­nun­gen herausnimmt. 

+++ Bei der Gele­gen­heit haben wir die Stadt gefragt, wie es mit dem Woh­nungs­bau in Müns­ter eigent­lich vor­an­geht, wo doch im Moment alles teu­rer wird. Aber: lei­der kei­ne aktu­el­len Zah­len für die­ses Jahr. Zur Erin­ne­rung: Im Coro­na­jahr 2020 hat die Stadt 1.645 Bau­ge­neh­mi­gun­gen gezählt, im ver­gan­ge­nen Jahr 3.323. Fer­tig gewor­den sind nach Zah­len der Stadt vor zwei Jah­ren 2.113 Woh­nun­gen, im ver­gan­ge­nen Jahr 1.518, also knapp 500 weni­ger, als die Stadt sich pro Jahr vor­ge­nom­men hat. 

+++ Wie geht es denn jetzt am Gaso­me­ter wei­ter? Auch die­se Fra­ge steht mor­gen Abend auf der Tages­ord­nung, und wahr­schein­lich wird es dar­über auch eine Aus­ein­an­der­set­zung geben. Die CDU hat sich auf die Sei­te der Men­schen in der Nach­bar­schaft gestellt, die möch­ten, dass der Ver­ein Sozi­al­pa­last und das Kol­lek­tiv Gazo ihren Kram zusam­men­räu­men und aus­zie­hen. Grü­ne, SPD, Volt und Inter­na­tio­na­le Frak­ti­on wol­len die Stadt­wer­ke mit einem Beschluss dazu zwin­gen, Gesprä­che mit dem Ver­ein Sozi­al­pa­last dar­über zu füh­ren, ob die Grup­pe blei­ben kann, und unter wel­chen Umstän­den. Das ist ein unge­wöhn­li­cher Schritt, denn eigent­lich hat der Ver­sor­ger eine Geschäfts­füh­rung, die für das Unter­neh­men ent­schei­det. Greift die Stadt als Eigen­tü­me­rin hier ein, macht sie damit deut­lich, dass sie der Unter­neh­mens­lei­tung die rich­ti­ge Ent­schei­dung nicht zutraut. Die Fra­ge ist: Wie reagie­ren die Stadt­wer­ke, nach­dem der Rat gera­de etwa 90.000 Euro Jah­res­ge­halt mehr für den Chef locker gemacht hat, damit er Müns­ter bloß nicht ver­lässt? (rhe)

+++ Die Links­par­tei möch­te, dass die Stadt Men­schen mit gerin­gem Ein­kom­men ein­ma­lig 150 Euro zahlt, um die wuchern­den Ener­gie­prei­se abzu­fe­dern. Da wäre das Bünd­nis aus Grü­nen, SPD und Volt auch grund­sätz­lich dabei. Aber zuletzt war nicht ganz klar, ob das recht­lich über­haupt mög­lich ist. Mor­gen Abend wis­sen wir mehr. Viel­leicht. (rhe)

+++ Es geht zwar stramm in Rich­tung Weih­nachts­ge­schäft, aber die Stim­mung in der Wirt­schaft wird immer düs­te­rer. „Die Geschäfts­er­war­tun­gen der Unter­neh­men sind auf ein All­zeit­tief gesun­ken“, schreibt die Indus­trie- und Han­dels­kam­mer in einer Mit­tei­lung zum Ergeb­nis ihrer Kon­junk­tur­um­fra­ge unter 500 Unter­neh­men. Sogar in der Bau­wirt­schaft gehen die Mund­win­kel immer wei­ter nach unten. Die Hälf­te der Fir­men rech­net damit, dass die Geschäf­te schlech­ter lau­fen wer­den. Und es wird immer ver­fah­re­ner. Über die Hälf­te der Fir­men hal­ten den Fach­kräf­te­man­gel für ein gro­ßes Risi­ko, aber neu­es Per­so­nal ein­stel­len will nur noch knapp jedes fünf­te Unter­neh­men. Die Web­site der Kam­mer ist nach dem Cyber­an­griff Anfang August übri­gens immer noch ein­ge­schränkt erreich­bar. Es kann also eigent­lich alles nur bes­ser wer­den. (rhe)

+++ Wer sei­ne Hei­zung aus­tau­schen möch­te und an einer Fern­wär­me­lei­tung wohnt, wird bald Fern­wär­me nut­zen müs­sen, wenn das tech­nisch und öko­lo­gisch sinn­voll ist. Das will das Rat­haus­bünd­nis aus Grü­nen, SPD und Volt mit einer Fern­wär­me­sat­zung errei­chen. Han­no­ver und Wup­per­tal machen das bereits auf die­se Wei­se, schreibt Grü­nen-Rats­herr Robin Kor­te in einer Pres­se­mit­tei­lung. Mor­gen Abend soll’s beschlos­sen wer­den. (rhe)

Und jetzt zu einer Recher­che, die Nils Diet­rich für RUMS gemacht hat. Er hat sich die Gas-Ver­trä­ge der Stadt­wer­ke ange­se­hen, und dabei ist ihm etwas aufgefallen. 

Klimaneutrales Gas der Stadtwerke. Wirklich?

Eigent­lich ist die Sache ein­fach: Wer kli­ma­neu­tra­len Strom nut­zen möch­te, bucht den pas­sen­den Tarif. Dann kommt aus der Steck­do­se Ener­gie, die Son­ne, Wind oder Was­ser lie­fern. Wer mit gutem Gewis­sen hei­zen möch­te, hat es nicht ganz so leicht. In fast der Hälf­te der Haus­hal­te in Deutsch­land sorgt nach Anga­ben des Bun­des­ver­bands der Ener­gie- und Was­ser­wirt­schaft eine Gas­hei­zung für Wärme. 

Die­se Wär­me ent­steht beim Ver­bren­nen von Gas; ein Neben­pro­dukt ist CO2. Nach Anga­ben der Stadt­wer­ke Müns­ter bläst eine vier­köp­fi­ge Fami­lie im Jahr vier Ton­nen davon in die Atmosphäre. 

Der städ­ti­sche Ver­sor­ger hat für kli­ma­be­wuss­te Fami­li­en das pas­sen­de Pro­dukt. Er bie­tet eine Art Ablass. Das Prin­zip ist: Die schäd­li­chen CO2-Emis­sio­nen wer­den „kom­pen­siert“. Wer zum Bei­spiel Bäu­me pflanzt, die das Kli­ma­gas aus der Luft zie­hen, bekommt dafür ein Gut­ha­ben. Das lässt sich ein­tau­schen – bei jeman­dem, des­sen CO2-Bilanz im Minus ist. So glei­chen die Emis­sio­nen sich tech­nisch aus. 

Das klingt ver­nünf­tig. Aller­dings: Emis­sio­nen mögen sich redu­zie­ren las­sen, aber sie ganz zu ver­mei­den, scheint nahe­zu unmög­lich. Die Kom­pen­sa­ti­on soll für einen Aus­gleich sor­gen – oder wie die Stadt­wer­ke in der Beschrei­bung ihres eige­nen Tarifs erklä­ren: Die Emis­sio­nen „wer­den an ande­rer Stel­le wie­der ‚her­aus­ge­holt‘ und dau­er­haft gebunden“. 

Macht der Zoo Klimaschutz?

Wie das abläuft, erklär­ten die Stadt­wer­ke bis vor eini­gen Wochen detail­liert auf ihrer Web­site. Dort boten sie „kli­ma­neu­tra­les Erd­gas“ an. Und es hieß: „Für jede Kilo­watt­stun­de, die Sie ver­brau­chen, wer­den 0,30 Cent (brut­to) in Kli­ma- und Arten­schutz­pro­jek­te inves­tiert, die wir mit dem All­wet­ter­zoo Müns­ter orga­ni­sie­ren. Zusätz­lich kau­fen wir bei zer­ti­fi­zier­ten Part­nern Emis­si­ons­rech­te für die kom­plet­te CO2-Kom­pen­sa­ti­on ein.“

Aber was ist das „Kli­ma­schutz­pro­jekt des All­wet­ter­zoos“, von dem hier die Rede ist?

Im Pro­spekt des Tier­parks steht: „Als ers­ter deut­scher Zoo grün­de­te der All­wet­ter­zoo mit dem ACCB (Ang­kor-Zen­trum für die Erhal­tung der bio­lo­gi­schen Viel­falt, Anm. RUMS) ein eige­nes Arten­schutz- und For­schungs­zen­trum, das er bis heu­te haupt­ver­ant­wort­lich trägt. Es liegt im Ein­zugs­ge­biet des Welt­kul­tur­er­bes Ang­kor Wat bei Kbal Spean im Phnom Kulen Natio­nal­park. Der All­wet­ter­zoo enga­giert sich mit dem ACCB in der Hal­tung, Zucht und Aus­wil­de­rung stark vom Aus­ster­ben bedroh­ter Arten und agiert als Auf­fang­sta­ti­on für ver­letzt auf­ge­fun­de­ne oder beschlag­nahm­te Wildtiere.“ 

Das Wort „Kli­ma­schutz“ kommt in dem Pro­spekt an kei­ner Stel­le vor. Auf Nach­fra­ge teilt der Zoo mit, Arten­schutz sei auch Klimaschutz. 

Jür­gen Resch, der Bun­des­ge­schäfts­füh­rer der Deut­schen Umwelt­hil­fe, sieht dar­in einen Man­gel an Trans­pa­renz. Er sagt: „Es ist unklar, ob es sich bei dem als ‚Kom­pen­sa­ti­ons­pro­jekt‘ in Kam­bo­dscha dekla­rier­ten Vor­ha­ben über­haupt um ein wirk­li­ches Kom­pen­sa­ti­ons­pro­jekt handelt.“

„Wir raten von solchen Produkten ab“

Zudem sei unklar, wie viel CO2 hier gespart wer­de, falls das über­haupt pas­sie­re. Sei­ne Zwei­fel sind durch­aus berech­tigt; das ergibt eine Nach­fra­ge bei den Stadt­wer­ken. „Eine Beschei­ni­gung über eine kom­pen­sier­te Men­ge CO2 kann das Pro­jekt (…) nicht aus­stel­len, daher fließt es auch nicht in die Kom­pen­sa­ti­ons­be­rech­nung ein“, sagt Unter­neh­mens­spre­cher Flo­ri­an Adler. 

Eine Zer­ti­fi­zie­rung als Kli­ma­schutz­pro­jekt habe das seit 2009 lau­fen­de Pro­jekt nicht. Wie­so aber prei­sen die Stadt­wer­ke den Öko­gas-Tarif so an? 

Das Vor­gän­ger­pro­jekt habe eine sol­che Zer­ti­fi­zie­rung gehabt, sagt Adler. Und über­haupt, die Emis­sio­nen wür­den ja voll­stän­dig kom­pen­siert. Das lau­fe aller­dings anders als auf der Web­site beschrieben. 

Von den Ein­nah­men wür­den zunächst Kom­pen­sa­tio­nen ein­ge­kauft; auch dar­über hin­aus unter­stüt­ze man das Pro­jekt. Die Fra­ge ist: War­um schrei­ben die Stadt­wer­ke das dann nicht so? 

Das ist nicht das ein­zi­ge Pro­blem, unter­streicht Umwelt­hil­fe-Chef Resch: „Die Bewer­bung von ‚kli­ma­neu­tra­lem Erd­gas‘ gau­kelt den Verbraucher:innen (…) vor, dass sie nicht wei­ter an Reduk­ti­ons- und Ver­mei­dungs­maß­nah­men den­ken müs­sen. Das ist falsch.“ 

Auch die Ver­brau­cher­zen­tra­le hat eine ein­deu­ti­ge Mei­nung. Sie schreibt: „Wir raten gera­de­her­aus von sol­chen Pro­duk­ten ab und for­dern zum Spa­ren von Gas auf.“ 

Bleibt eine Fra­ge: Rei­chen die Ein­nah­men für eine CO2-Kom­pen­sa­ti­on über­haupt aus? Flo­ri­an Adler sagt, sol­che Zer­ti­fi­ka­te sei­en bereits für 5 bis 15 Euro je Ton­ne CO2 erhält­lich. Eine Bei­spiel­rech­nung: Neh­men wir an, eine vier­köp­fi­ge Fami­lie ver­braucht 20.000 Kilo­watt­stun­den Gas pro Jahr. Je Kilo­watt­stun­de gehen 30 Cent für die Kom­pen­sa­ti­on ab. In der Sum­me kom­men wir für die Aus­gleichs­maß­nah­men so auf Brut­to­ein­nah­men (Mehr­wert­steu­er also inklu­si­ve) von 60 Euro. Bei einem Preis von bis zu 15 Euro je Ton­ne CO2 könn­te die Rech­nung also aufgehen.

Summe spiegelt die Schäden nicht wider

Nach Anga­ben der Stadt­wer­ke nut­zen etwa 4.000 Haus­hal­te den Tarif. Sie haben damit im ver­gan­ge­nen Jahr 7.500 Ton­nen CO2 kom­pen­siert – für ins­ge­samt 115.000 Euro. 

Eine wei­te­re Kri­tik am Modell „Geld für grü­nes Gewis­sen“ lau­tet: Die Sum­me spie­gelt die ent­ste­hen­den Schä­den gar nicht wider. Ein Bei­spiel ver­deut­licht das: Laut Umwelt­bun­des­amt sind im ver­gan­ge­nen Jahr aus Schorn­stei­nen und Aus­puff­roh­ren in Deutsch­land 762 Mil­lio­nen Ton­nen CO2 ent­wi­chen. Bei Kom­pen­sa­ti­ons­kos­ten von 20 Euro je Ton­ne könn­ten wir uns also mit rund 15 Mil­li­ar­den Euro grün waschen. 

Die Stadt­wer­ke haben ihre Pro­dukt­be­schrei­bung nach unse­rer Anfra­ge ange­passt. Dort heißt es nun: „Wir arbei­ten mit zer­ti­fi­zier­ten Part­nern zusam­men, um die durch Ihren Erd­gas­ver­brauch frei­ge­setz­te Men­ge CO2 voll­stän­dig zu kom­pen­sie­ren. Zudem unter­stüt­zen wir mit Ihrem Bei­trag ein Kli­ma- und Arten­schutz­pro­jekt des All­wet­ter­zoos Müns­ter.“ Und wei­ter: „Im Rah­men von Wald­schutz­pro­jek­ten wird Regen­wald, der hohe Men­gen an CO2 bin­det, durch Ihr Enga­ge­ment effek­tiv und dau­er­haft vor Abhol­zung geschützt und durch Wie­der­auf­for­de­rung (sic!) rege­ne­riert. In der glo­ba­len Kli­ma­bi­lanz wird Ihr Erd­gas­ver­brauch somit neu­tra­li­siert.“ Der Begriff „Kli­ma­schutz” kommt in der Beschrei­bung des Pro­jekts wei­ter­hin nicht vor. (ndi)

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Corona-Update

+++ Das Infek­ti­ons­ge­sche­hen in Deutsch­land ent­sen­det heu­te zwei gegen­sätz­li­che Signa­le: Zum einen ist die Sie­ben-Tages-Inzi­denz den ach­ten Werk­tag in Fol­ge rück­läu­fig. Zum ande­ren liegt die „Toten-Zahl auf Halb­jah­res-Hoch“, wie der Welt-Jour­na­list Olaf Gerse­mann schreibt: Ges­tern wur­den dem Robert-Koch-Insti­tut 273 Todes­fäl­le im Zusam­men­hang mit Covid-19 gemel­det, so vie­le wie seit dem 27. April nicht mehr. Damals lag die Wochen­in­zi­denz mit 888 posi­ti­ven PCR-Tests pro 100.000 Einwohner:innen aber deut­lich über der heu­ti­gen von 570. Trotz der rück­läu­fi­gen Zahl an regis­trier­ten Coro­na-Infek­tio­nen wer­den bun­des­weit aller­dings wie­der mehr Erkrank­te auf der Inten­siv­sta­ti­on behan­delt. (sfo)

+++ Und wie ist das in Müns­ter? Die Stadt mel­det heu­te 2.973 Coro­na-Infi­zier­te. Laut Robert-Koch-Insti­tut liegt die Inzi­denz in Müns­ter bei 658 posi­ti­ven PCR-Tests pro 100.000 Einwohner:innen in den letz­ten sie­ben Tagen. Laut Inten­siv­re­gis­ter wer­den neun Infi­zier­te auf der Inten­siv­sta­ti­on behan­delt, eine Per­son muss beatmet wer­den. Zum Ver­gleich: Ende April lag die Inzi­denz noch im vier­stel­li­gen Bereich, aller­dings lagen ähn­lich vie­le Men­schen auf der Inten­siv­sta­ti­on wie heu­te (acht Intensivpatient:innen, zwei davon beatmet). Immer­hin eine gute Nach­richt: Im Okto­ber hat die Stadt Müns­ter noch kei­nen Coro­na-Todes­fall gemel­det. (sfo)

+++ Was wür­den mehr Imp­fun­gen an die­ser Situa­ti­on ändern? Die­se Fra­ge lässt sich nicht ein­deu­tig beant­wor­ten. Obwohl die Stän­di­ge Impf­kom­mis­si­on (Sti­ko) von stei­gen­den Fall­zah­len bis Dezem­ber aus­geht, bleibt das Gre­mi­um bei der Ent­schei­dung, eine vier­te Coro­na-Imp­fung nicht für die All­ge­mein­be­völ­ke­rung zu emp­feh­len. Das Argu­ment: Die Imp­fung böte kei­nen Schutz vor Anste­ckung, son­dern nur vor schwe­ren Krank­heits­ver­läu­fen. Jede:r wür­de sich des­halb immer wie­der mit Covid-19 anste­cken, wes­halb es nicht ver­tret­bar sei, die gesam­te Öffent­lich­keit regel­mä­ßig zu imp­fen. Der­zeit emp­fiehlt die Sti­ko die vier­te Imp­fung für über 60-Jäh­ri­ge und Vor­er­krank­te. Laut Impf­da­sh­board haben sich bis­lang 11,5 Pro­zent der Deut­schen vier­mal gegen Covid-19 imp­fen las­sen. Impf­ter­mi­ne in Müns­ter kön­nen Sie hier ver­ein­ba­ren. (sfo)

Ein-Satz-Zentrale

+++ An der Kanal­stra­ße expe­ri­men­tie­ren die Stadt und die Fach­hoch­schu­le Müns­ter mit recy­cel­tem Asphalt. (FH Müns­ter)

+++ Ab dem 5. Dezem­ber soll der Bohl­weg eine Fahr­rad­stra­ße sein. (West­fä­li­sche Nach­rich­ten)

+++ Auf der Bau­stel­le am Ser­va­tii­platz steht alles still, weil es laut Stadt einen Rechts­streit mit der Bau­fir­ma gibt, die davon aber nichts weiß. (West­fä­li­sche Nach­rich­ten)

+++ In Gie­ven­beck will die CDU eine alte Kaser­nen­turn­hal­le wie­der für den Sport nut­zen, nach­dem der Neu­bau der Grund­schu­le am Oxford-Cam­pus gestoppt wur­de. (CDU Frak­ti­on Müns­ter)

+++ 51 Feu­er­wehr­leu­te aus Müns­ter bekom­men eine Medail­le für ihren Ein­satz bei der Flut­ka­ta­stro­phe vor einem Jahr. (Stadt Müns­ter)

+++ Die Stadt Oel­de lehnt die Umbe­nen­nung drei­er Stra­ßen ab, die nach Bischö­fen benannt sind, die Miss­brauchs­fäl­le im Bis­tum Müns­ter ver­tuscht haben sol­len. (Kir­che und Leben)

+++ Die Mord­kom­mis­si­on ermit­telt, weil ein 34-Jäh­ri­ger am Wochen­en­de in Kin­der­haus ver­sucht hat, eine Poli­zis­tin aus dem vier­ten Stock zu sto­ßen. (Poli­zei Müns­ter)

+++ Der grü­ne Rats­herr Cars­ten Peters ist wegen Belei­di­gung ange­zeigt wor­den, weil er einen Orga­ni­sa­to­ren der Quer­den­ker-Demos in Müns­ter als Reichs­bür­ger bezeich­net hat. (West­fä­li­sche Nach­rich­ten)

+++ Ein neu­es Bünd­nis will am Sams­tag mit einer Demons­tra­ti­on auf eine sozia­le Schief­la­ge in Müns­ter hin­wei­sen. (Müns­ter­sche Volks­zei­tung)

Unbezahlte Werbung

Wuss­ten Sie, dass wir heu­te den Welt­nu­del­tag fei­ern? Allein im ver­gan­ge­nen Jahr hat Nord­rhein-West­fa­len über 60.000 Ton­nen Pas­ta impor­tiert. Wie Sie sich bestimmt den­ken kön­nen, kam der Groß­teil der Import­nu­deln aus Ita­li­en, aber bekannt­lich geht nichts über Selbst­ge­mach­tes. Wenn Sie sich am Nudel­ma­chen pro­bie­ren wol­len, soll­ten Sie Art­cui­sine besu­chen. Beim Pas­ta-e-bas­ta-Kurs ler­nen Sie, wie Sie Ravio­li, Gnoc­chi, Tor­tel­li­ni oder auch schwä­bi­sche Maul­ta­schen selbst her­stel­len kön­nen. Dane­ben bie­tet die Koch­schu­le aber auch noch vie­le ande­re Kur­se an. Den gesam­ten Kalen­der von „Süd­afri­ka in einem Topf“ bis „Thai­land kuli­na­risch“ fin­den Sie hier.

Hier fin­den Sie alle unse­re Emp­feh­lun­gen. Soll­te Ihnen ein Tipp beson­ders gut gefal­len, tei­len Sie ihn ger­ne ein­fach über den Link.

Drinnen und Draußen

In den Ver­an­stal­tungs­ka­len­der hat heu­te Vik­to­ria Pehl­ke geschaut. Das hier sind ihre Empfehlungen. 

+++ Die Jour­na­lis­tin Ali­ce Has­ters ist Autorin des Buchs Was wei­ße Men­schen nicht über Ras­sis­mus hören wol­len, aber wis­sen soll­ten. Am Don­ners­tag kommt sie zur Lesung in den Thea­ter­treff unter dem Titel Dra­ma, Dis­ko und Dis­kurs. Wenn Sie dort­hin gehen möch­ten, soll­ten Sie sich beei­len, denn es gibt nicht mehr vie­le Tickets. Der Beginn ist um 20 Uhr.

+++ Das LWL-Muse­um für Kunst und Kul­tur bie­tet am Sams­tag eine Füh­rung über den Barock­ma­ler Wolf­gang Heim­bach an. Die Tour wird in deut­sche Gebär­den­spra­che gedol­metscht, sodass Hören­de und Gehör­lo­se dar­an teil­neh­men kön­nen. Beginn ist um 14 Uhr. Es wird um eine Anmel­dung im Besu­cher­bü­ro gebeten. 

+++ Am Frei­tag spie­len Die Lie­fe­ran­ten in der Sputnik­hal­le. Die Indie-Band aus Müns­ter hat kürz­lich ihr Debüt­al­bum Lie­be in Pake­ten ver­öf­fent­licht und tourt seit Ende Sep­tem­ber quer durch Deutsch­land. Tickets für Frei­tag gibt es über Even­tim. Wenn Sie nicht kön­nen, kei­ne Sor­ge: Im Dezem­ber tre­ten die Jungs noch ein­mal auf, dann im Hot Jazz Club.

+++ Im klei­nen Büh­nen­bo­den Kam­mer­thea­ter stellt Til Rade­ma­cher am Frei­tag sei­nen neu­en Gedicht­band Die Lyrik­kie­pe vor. Die Samm­lung ist ein „poe­ti­scher Weg­be­glei­ter durch Müns­ter“ und steckt vol­ler Erfah­run­gen und Eigen­ar­ten der Stadt. Beginn der Lesung ist um 20 Uhr, Tickets gibt es online.

+++ Wer noch mehr Lust auf Lite­ra­tur hat, am liebs­ten auf einen Klas­si­ker aus Müns­ter, soll­te am Frei­tag­abend bei Tha­lia in der Lud­ge­ristra­ße vor­bei­schau­en. Dort ist der Autor Jür­gen Keh­rer zu Gast, der aus Wils­berg – sein ers­ter und sein letz­ter Fall lesen wird. Die Tickets kos­ten 10 Euro und sind in der Buch­hand­lung oder online erhältlich.

Am Frei­tag schreibt Ihnen Sebas­ti­an Fob­be. Haben Sie bis dahin eine gute Woche. 

Herz­li­che Grü­ße
Ralf Hei­mann

Mit­ar­beit: Nils Diet­rich, Sebas­ti­an Fob­be, Jan Gro­ße Nobis, Vik­to­ria Pehl­ke, Anto­nia Strot­mann
Lek­to­rat: Mela­nie Kelter

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PS

Ein­mal im Jahr ent­fernt der Lan­gen­scheidt-Ver­lag mit einem mini­mal-inva­si­ven Ein­griff jun­gen Men­schen ein Wort aus ihrem Wort­schatz. Danach ist es prak­tisch unver­wend­bar. Danach bedeu­tet in die­sem Fall: Nach der Wahl zum Jugend­wort des Jah­res. In die­sem Jahr hat der Ver­lag das Wort „smash“ gewis­ser­ma­ßen ges­masht, also zer­trüm­mert, so hät­te man es frü­her wahr­schein­lich über­setzt. Inzwi­schen bedeu­tet es, jeman­den abschlep­pen (gefühl­tes Jugend­wort des Jah­res 1954) oder um noch etwas deut­li­cher zu wer­den: mit jeman­dem Sex haben. Nicht zu ver­wech­seln mit: jeman­den zer­stö­ren. Das bedeu­tet ein­fach nur: eine Kri­tik for­mu­lie­ren, die ziem­lich den Kern trifft. Aber wer so etwas sagt, ist mitt­ler­wei­le auch schon seit ein paar Jah­ren erwach­sen. Auf Platz zwei steht in die­sem Jahr übri­gens das Wort „boden­los”. Dar­an sieht man sehr schön, dass auch Spra­che im Grun­de wie Mode funk­tio­niert. Irgend­wann gräbt man die alten Kla­mot­ten aus, und dann sehen sie plötz­lich wie­der ganz frisch aus. Etwas Uraltes wird hier als neu ver­kauft; im Grun­de ist das eine Frech­heit, eigent­lich ist es boden­los. (rhe)

PPS

Und zum Schluss noch eine schlech­te Nach­richt. Eigent­lich woll­ten wir mor­gen Abend mit drei Schü­le­rin­nen und Schü­lern der Repor­ta­ge­schu­le Reut­lin­gen über Lokal­jour­na­lis­mus dis­ku­tie­ren. Jetzt ist uns lei­der ein Coro­na­fall in der Grup­pe dazwi­schen­ge­kom­men. Bis­lang nur ein posi­ti­ver Test, kei­ne Sym­pto­me. Wir sagen die Ver­an­stal­tung trotz­dem sicher­heits­hal­ber ab.