Die Kolumne von Christoph Hein | Weihnachten mit Shrimps und Lachs

Müns­ter, 18. Dezem­ber 2022

Guten Tag,

an der Lam­ber­ti­kir­che leuch­tet die Him­mels­lei­ter in die Win­ter­nacht, ansons­ten hat Müns­ter in die­sem Jahr an Weih­nachts­lich­tern kräf­tig gespart. Ganz anders am ande­ren Ende der Welt: Der Roh­stoff-Rie­se Rio Tin­to, einer der größ­ten Erz­för­de­rer der Erde, ver­leiht der ent­le­gens­ten Metro­po­le der Welt ech­te Fest­tags­ge­füh­le: Zwar steigt das Ther­mo­me­ter im aus­tra­li­schen Perth in die­sen Tagen des Früh­som­mers durch­aus schon auf 30 Grad. Das aber hin­dert nie­mand dar­an, abends Sel­fies auf der mit Neon-Weih­nachts­hir­schen geschmück­ten Hay Street zu machen. Oder bei dem aus Dut­zen­den Laut­spre­chern plär­ren­den „Rudolph The Red Nosed Rein­de­er“ mitzusummen. 

Rote Nasen gibt’s hier nur vom „Boo­ze“, dem Alko­hol. Aber davon spä­ter. Nett sind sie alle hier. Das aus­tra­li­sche „no worries“ ist gera­de von den hand­fes­ten Typen in der Minen-Haupt­stadt Perth immer wie­der zu hören – ob ich län­ger brau­che, mein Geld zu zäh­len, ob ich eine Tele­fon­kar­te kau­fen will, oder tan­ke – das aus­tra­li­sche „null pro­ble­mo“ gehört zur Grund­aus­stat­tung der Kontaktaufnahme.

Aber war­um suche ich über­haupt Kon­takt in Perth? Nun, ich arbei­te hier. Nicht häu­fig, aber dann und wann. Und das heißt: Ich gucke zu. Ich höre zu. Und ver­ge­hen mir Hören und Sehen nicht, schrei­be ich mei­ne Ein­drü­cke dann auf, so nah wie mög­lich an der Wahr­heit. Das muss schnell gehen, denn in Frank­furt war­ten die Kol­le­gin­nen einer Zei­tung und Inter­net­sei­te, hin­ter denen angeb­lich lau­ter klu­ge Köp­fe ste­cken. Also: Ich bin Kor­re­spon­dent, zustän­dig für den Süden Asi­ens und den Stil­len Oze­an, und das ist eine Regi­on von Paki­stan bis Palau, von Süd­asi­en bis tief in den Pazi­fik. Indi­en liegt dar­in, die zehn Län­der Süd­ost­asi­ens, mein gelieb­tes Aus­tra­li­en, aber auch Län­der wie Timor-Les­te, Papua Neu­gui­nea oder ein Dut­zend Atol­le im Stil­len Ozean. 

Menschen in Asien lächeln keinesfalls immer

Ich habe fast 30 Jah­re in Müns­ter ver­bracht. Und seit einem knap­pen Vier­tel Jahr­hun­dert lebe ich jetzt im Stadt­staat Sin­ga­pur, im Her­zen einer Welt­re­gi­on mit mehr als drei Mil­li­ar­den Men­schen. Vie­le von ihnen rin­gen tag­täg­lich dar­um, sich und ihre Fami­li­en durch­zu­brin­gen. Immer mehr dür­fen davon träu­men, sich bald ein Moped, dann ein Auto, spä­ter eine Woh­nung leis­ten zu kön­nen. Und eini­ge las­sen ihre Mil­li­ar­den ver­wal­ten. Bis auf eines der Län­der – und ich ver­ra­te hier nicht, wel­ches – habe ich in den ver­gan­ge­nen 23 Jah­ren alle „mei­ne“ Län­der besucht. Und unend­lich viel gelernt. Zum Bei­spiel, dass die Men­schen in Asi­en kei­nes­falls immer lächeln, son­dern sehr laut und sehr wütend wer­den kön­nen. Dass sie sehr gute Grün­de haben, Euro­pa skep­tisch zu betrach­ten. Dass sie mehr und mehr auf ihre eige­ne Kraft ver­trau­en. Und dass es manch­mal schwie­rig ist, das dem Publi­kum in Deutsch­land über dem Früh­stücks­ei zu vermitteln.

In den ver­gan­ge­nen Wochen war ich also in Aus­tra­li­en. Genau­er gesagt in West Aus­tra­lia. Das ist wich­tig, denn die Men­schen dort sit­zen auf Ber­gen von Erz, Kup­fer und Gold. Und weil sie immer noch glau­ben, dass die­se Boden­schät­ze unend­lich sei­en, den­ken vie­le von ihnen, eigent­lich sei der rie­si­ge Lan­des­teil bes­ser ein eige­ner, unab­hän­gi­ger Staat, statt stän­dig Abga­ben auf die Ost­sei­te Aus­tra­li­ens, in die Haupt­stadt Can­ber­ra zu überweisen. 

Hier unten auf der Welt­ku­gel sind nicht nur die Jah­res­zei­ten ent­ge­gen­ge­setzt. Hier ist auch Weih­nach­ten ganz anders – auch wenn es natür­lich den sel­ben Ursprung hat und am 24. Dezem­ber gefei­ert wird. Obwohl – auch das stimmt schon nicht. Weih­nach­ten fei­ern die Aus­tra­li­er eher am 25., unse­rem Ers­ten Weih­nachts­tag. Weil sie damit aber so spät dran sind, steht ihr Weih­nachts­baum – wie bei vie­len Bri­ten – schon seit Wochen jeden Abend hell erleuch­tet im Wohn­zim­mer. Und wer sei­ne Kin­der so rich­tig ärgern will, der hat die ver­pack­ten Geschen­ke dar­un­ter gelegt. Dann kön­nen alle schon mal raten, in wel­chem die Kra­wat­te, der neue Ste­ven King oder der solar­ge­trie­be­ne Haar­trock­ner stecken.

Gern ein oder zwei über den Durst

Auch sind die Weih­nachts­bäu­me hier längst nicht so fest­lich, wie sie ab dem 25. in den hell erleuch­te­ten Fens­tern des Kreuz­vier­tels wir­ken: Hier wird alles dran­ge­hängt, was Halt fin­det. Das ist dann auch schon mal ein Koa­la­bär mit Niko­laus­müt­ze. Oder ein sur­fen­des Kän­gu­ru. Erlaubt ist, was lus­tig ist. Denn Weih­nach­ten hier ist kein Weih­rauch­fest, son­dern eines des Spa­ßes – und, ja – des kräf­ti­gen Fei­erns. Man zieht gern zum Strand oder auf eines der zahl­rei­chen „Greens“ in der Stadt, packt Cham­pa­gner, Fami­lie und Freun­de ein und lässt es rich­tig kra­chen. Dabei darf die ganz gro­ße Fisch­plat­te nicht feh­len. Was in Deutsch­land viel­leicht mal der Weih­nachts­karp­fen war und heu­te die vega­ne Gans ist, das sind hier Aus­tern, Shrimps und Lachs. Selbst das Ein­kau­fen macht Spaß – tra­gen die meist locker ein­ge­stell­ten Kas­sie­re­rin­nen doch seit Wochen ein wackeln­des Hirsch­ge­weih an Dräh­ten oder zwei Weih­nachts­stern­chen als Kopf­putz. Und fin­den das in Ordnung.

Dann ist da noch was. Der Aus­tra­li­er trinkt gern. Gern auch einen oder zwei über den Durst. Weih­nach­ten bie­tet dafür den per­fek­ten Anlass, obwohl es den nicht braucht – schließ­lich soll­te man auch Frei­tag­nach­mit­tag jedes Wochen­en­de mit einem Gläs­chen ein­läu­ten. Aber Weih­nach­ten wird garan­tiert ein-, aus- und zwi­schen­ge­läu­tet. Nicht, dass das ein wirk­li­ches Pro­blem wäre. Alko­hol gibt es in eige­nen Läden, den „bot­t­le shops“ wie Dan Murphey‘s, aus­rei­chend zu kau­fen. Dort aber kommt man nur rein, wenn man älter als 21 ist. Wes­halb uns neu­lich, als wir Betag­te auf einer Ter­ras­se in der Fuß­gän­ger­zo­ne unser Din­ner ein­nah­men, eine Teen­age­rin bat, für sie „boo­ze“ zu kau­fen. Wir kamen nicht so weit, sie zu fra­gen, was sie bereit sei, dafür zu geben. 

Vie­le Men­schen in Aus­tra­li­en ver­tra­gen viel. Vie­le aber wür­den bes­ser weni­ger zulan­gen. Nun sind die 26 Mil­lio­nen hier zwar nicht das Volk, das am meis­ten dem Alko­hol zuspricht. Aber den­noch: Die Web­sei­te mit dem schö­nen Titel „alcohol.org“ erklärt uns, dass Aus­tra­li­er sich 27-mal im Jahr betrin­ken, wäh­rend der welt­wei­te Durch­schnitt nur bei 15-mal liege. 

Das mag nun stim­men oder nicht. Tat­sa­che aber ist, dass häus­li­che Gewalt in Aus­tra­li­en ein gro­ßes Pro­blem ist. Trotz der schein­bar so eman­zi­pier­ten Gesell­schaft ist jede drit­te Frau (31,1 Pro­zent) schon Opfer eines Über­griffs gewor­den – sehr oft unter Alko­hol­ein­fluss des Täters. In der Haupt­stadt Can­ber­ra fin­den abstru­se, oft ent­wür­di­gen­de Pro­zes­se über Ver­ge­wal­ti­gun­gen im Par­la­ment und der poli­ti­schen Ober­schicht statt. Auch da haben sich Opfer und Täter in der Regel bei Fei­ern im Büro bis fast zur Bewusst­lo­sig­keit betrunken. 

Der­zeit pau­siert das Ver­fah­ren eines „poli­ti­cal staf­fer“, einer Mit­ar­bei­te­rin im Minis­ter­bü­ro, gegen einen männ­li­chen „staf­fer“: Sie wirft ihm Ver­ge­wal­ti­gung vor, nach­dem sie mor­gens früh auf der Couch der Minis­te­rin fast unbe­klei­det auf­wach­te. Gegen zwei Uhr mor­gens war sie mit ihm – augen­schein­lich an allen Wach­leu­ten vor­bei und augen­schein­lich sturz­be­trun­ken – in das Büro­ge­bäu­de getor­kelt. So rich­tig gewun­dert zu haben scheint sich dar­über niemand. 

Männerschweiß und Kautabak

Und die­se ist nur eine von meh­re­ren Ver­hand­lun­gen. Auf der ande­ren Sei­te des rie­si­gen Kon­ti­nents, zurück im west­aus­tra­li­schen Perth, rin­gen die Boden­schatz­kon­zer­ne mit sexu­el­lem Miss­brauch in Wort und Tat. Denn die­se Gesell­schaft ist zu wei­ten Tei­len mas­ku­lin bestimmt, in den Minen riecht es noch nach Män­ner­schweiß und Kau­ta­bak – und das, obwohl Frau­en als die bes­se­ren, ver­läss­li­chen Mit­ar­bei­te­rin­nen heiß begehrt sind. 

Nun aber kam bei einer Unter­su­chung des Gas­rie­sen Che­vron her­aus, dass Vor­ge­setz­te im Inter­net nach Biki­ni­fo­tos von Frau­en suchen, die sich bewer­ben. Und Schlim­me­res. Einer gestan­de­nen Pilo­tin der Flug­ge­sell­schaft Qan­tas Air­ways emp­fah­len die Kol­le­gen, Push-up-BHs zu tra­gen – was sie zu Pro­to­koll gab. So geht es wei­ter, und das Tag für Tag, mit und ohne Über­do­sis Alkohol. 

Das „no worries“ hilft da so wenig wie die Herz­lich­keit der Aus­tra­li­er, ihr Lachen oder ihre lan­gen Strän­de. Weih­nach­ten hat zwar auch in der Hit­ze das Zeug dazu, die Debat­ten zu unter­bre­chen. Doch spä­tes­tens wenn alle Ende Janu­ar aus ihrem Som­mer­ur­laub wie­der zurück sind, wird es wie­der los­ge­hen. Mit dem Trin­ken. Mit der häus­li­chen Gewalt. Selbst das schöns­te Land der Erde hat eben einen Hau­fen Pro­ble­me zu lösen. Die sei­en, das sagt gera­de jeder Aus­sie, nicht so schlimm wie unse­re in Euro­pa. Aber ganz so sicher bin ich mir da manch­mal nicht. 

Herz­li­che Grü­ße
Ihr Chris­toph Hein

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Über den Autor

Chris­toph Hein ist in Köln gebo­ren und in Müns­ter auf­ge­wach­sen. Er hat an der Uni Müns­ter stu­diert, hier pro­mo­viert und wäh­rend sei­nes Stu­di­ums für die West­fä­li­schen Nach­rich­ten und den WDR gear­bei­tet. Im Jahr 1998 fing er bei der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung an, zunächst als Kor­re­spon­dent in Stutt­gart. Ein Jahr spä­ter ging er als Kor­re­spon­dent zunächst für Süd­ost­asi­en und Chi­na, ab 2008 für den Süden Asi­ens ein­schließ­lich des Pazi­fik­raums nach Sin­ga­pur. Dort wur­de auch sei­ne Toch­ter gebo­ren, die inzwi­schen in Müns­ter stu­diert. Chris­toph Hein hat zahl­rei­che Bücher publi­ziert, zuletzt mit „Aus­tra­li­en 1872“ einen Bild­band über einen deut­schen Gold­su­cher auf dem fünf­ten Kontinent.

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