Unbeantwortete Fragen | Blick in die Zukunft | Papierflieger

Müns­ter, 19. Juni 2020

Guten Tag,

unbe­ant­wor­te­te Fra­gen haben eine unan­ge­neh­me Eigen­schaft. Sie ver­schwin­den nicht ein­fach so, son­dern sie ver­wan­deln sich. Manch­mal wer­den sie zu Fut­ter – für Gerüch­te und Mutmaßungen.

In dem Brief, den Ralf Hei­mann Ihnen am Mitt­woch geschickt hat, ging es um Kom­mu­ni­ka­ti­on – und um offe­ne Fra­gen, die zurückblieben.

Das sind zum einen die Fra­gen, die Ober­bür­ger­meis­ter Mar­kus Lewe Tho­mas Rob­bers, bis Mon­tag Chef der Wirt­schafts­för­de­rung, wegen des­sen Ver­bin­dung zum Haupt­ver­däch­ti­gen im Miss­brauchs­fall gestellt und die die­ser, wie wir aus meh­re­ren Quel­len wis­sen, nicht hin­rei­chend beant­wor­tet hat. Das führ­te zum Ver­trau­ens­bruch und letzt­lich zu sei­ner Freistellung.

Dann geht es um Fra­gen, die wir der Stadt Müns­ter zu dem­sel­ben The­ma geschickt haben – und die vage oder gar nicht beant­wor­tet wurden.

Wir haben auch Fra­gen an Tho­mas Rob­bers. Doch er möch­te sich zur­zeit nicht äußern.

Schon kurz nach unse­rem Brief schrie­ben uns Men­schen aus Müns­ter. Vie­le wol­len nicht, dass Gerüch­te und Mut­ma­ßun­gen befeu­ert wer­den, sie wol­len kei­ne Vor­ver­ur­tei­lun­gen. Unse­rer Lese­rin­nen und Leser wol­len Klar­heit und Ant­wor­ten. Wir auch.

Des­we­gen haben wir der Stadt wei­te­re Fra­gen geschickt. Wir hof­fen, dass wir in der nächs­ten Woche eini­ge Ant­wor­ten für Sie haben.

Mehr Tatverdächtige, mehr Opfer, mehr Ermittler

Es war zu erwar­ten. Die Zahl der mut­maß­li­chen Täter im Miss­brauchs­fall Müns­ter steigt durch die Ermitt­lun­gen und die Aus­wer­tung der rie­si­gen Beweis­da­ten­men­gen immer wei­ter an. Inzwi­schen sind 18 Per­so­nen fest­ge­nom­men wor­den, sie­ben davon befin­den sich in Unter­su­chungs­haft, unter ande­rem auch die Mut­ter des Haupt­be­schul­dig­ten Adri­an V. Sechs Kin­der sind mitt­ler­wei­le als Opfer iden­ti­fi­ziert. Die Zahl der Ermit­teln­den in der Arbeits­grup­pe „Rose“ ist von 50 auf 76 auf­ge­stockt wor­den – hier die Zusam­men­fas­sung des WDR.

Eines bleibt kon­stant: Die Rat­lo­sig­keit und Unschulds­be­teue­run­gen bei den Ver­ant­wort­li­chen. Das Jugend­amt, der Kom­mu­na­le Sozi­al­dienst, die The­ra­peu­ten und das Fami­li­en­ge­richt wuss­ten von den pädo­phi­len Nei­gun­gen und Vor­stra­fen des Haupt­tä­ters. Sie alle haben die Situa­ti­on und Adri­an V. offen­sicht­lich falsch eingeschätzt.

Die ehe­ma­li­ge Müns­te­r­a­ne­rin Jana Ste­ge­mann schreibt in einem Text für die Süd­deut­sche Zei­tung, dass die Poli­zei Ende ver­gan­ge­nen Jah­res 500 Dar­stel­lun­gen von sexu­el­lem Miss­brauch auf Daten­trä­gern des Haupt­ver­däch­ti­gen fand. Das Mate­ri­al ging an die Staats­an­walt­schaft Müns­ter. „Im Raum stand ein mög­li­cher Bewäh­rungs­wi­der­ruf“, sag­te Lan­des­kri­mi­nal­di­rek­tor Die­ter Schür­mann laut dem Bericht am Mitt­woch im Innen­aus­schuss des NRW-Land­tags. Letzt­lich wider­rief man die Bewäh­rung nicht. Es bestehe kei­ne aku­te Gefahr für Kin­der, so glaub­te man. Ein Irrtum.

Verbindliche Standards fehlen

In einem Inter­view mit dem Maga­zin Der Spie­gel erklärt der Jurist Lud­wig Sal­go, wo die Poli­tik anset­zen müss­te, um sys­te­mi­sche Ursa­chen für Ver­säum­nis­se und Fehl­ent­schei­dun­gen beim Kin­der­schutz anzugehen. 

Er sagt: „Es fehlt häu­fig an ver­bind­li­chen Stan­dards: Jugend­äm­ter schöp­fen aus Unkennt­nis recht­li­che Mög­lich­kei­ten nicht aus. Es gibt weni­ge geeig­ne­te Gut­ach­ter zum The­ma Miss­brauch. Um als Ver­fah­rens­bei­stand ein Kind vor Gericht zu ver­tre­ten, muss man aktu­ell kei­ne beson­de­re Qua­li­fi­ka­ti­on nachweisen.“

Und dann sind da noch die juris­ti­schen Hür­den: Wenn ein Jugend­amt beim Fami­li­en­ge­richt nicht mit sei­nen Beden­ken durch­kommt, muss es Beschwer­de ein­le­gen. Even­tu­ell sogar beim Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt. Damit sei­en die ohne­hin völ­lig über­las­te­ten Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter auch recht­lich über­for­dert, so Salgo.

Was muss also seitens der Politik getan werden?

  • flä­chen­de­ckend juris­ti­sche Unter­stüt­zung für die Mit­ar­bei­ten­den der Jugendämter
  • ver­bind­li­che Regeln für die Anhö­rung von Kindern
  • Ent­wick­lung von Stan­dards für die Qua­li­fi­ka­ti­on sämt­li­cher Per­so­nen, die mit Kin­der­schutz zu tun haben

Wie nötig die­se Qua­li­fi­ka­ti­on ist, wird in einem Zitat Sal­gos deut­lich: „Als Insol­venz­rich­ter muss ich in Deutsch­land ent­spre­chen­de Kennt­nis­se und Fort­bil­dun­gen nach­wei­sen. Als Fami­li­en­rich­ter nicht.“

Die Wirksamkeit von Wissen

Auch NRW-Fami­li­en­mi­nis­ter Joa­chim Stamp sieht die Ursa­chen des wie­der­hol­ten Ver­sa­gens in der man­geln­den Qua­li­fi­ka­ti­on vie­ler Betei­lig­ter. Laut Müns­ter­scher Zei­tung sag­te er am Don­ners­tag beim Tref­fen des Fami­li­en­aus­schus­ses des Land­ta­ges, dass es in Behör­den, Gerich­ten und Sozi­al­ein­rich­tun­gen nicht genug Wis­sen über Täter­stra­te­gien und Sym­pto­me bei Kin­dern gebe.

Der Plan jetzt: Das Land rich­tet eine Fach­stel­le zur Prä­ven­ti­on sexua­li­sier­ter Gewalt gegen Kin­der und Jugend­li­che ein. Die Arbeit beginnt nach den Som­mer­fe­ri­en. Außer­dem soll die Fach­be­ra­tung bei Jugend­äm­tern gestärkt werden.

Prä­ven­ti­ons­ar­beit sei min­des­tens eben­so wich­tig wie Straf­ver­schär­fun­gen bei Kin­des­miss­brauch, sagt Stamp.

In aller Kürze: Blick in die Zukunft

+++ Müns­ter schaut auf das Jahr 2030 und will die Wei­chen für neue Stadt­quar­tie­re stel­len. Der Rat stimmt des­halb in der nächs­ten Sit­zung am 24. Juni über meh­re­re Beschluss­vor­la­gen der Ver­wal­tung ab, damit es mit der kon­kre­ten Ent­wick­lung los­ge­hen kann.

Beson­ders ste­chen dabei zwei Area­le her­vor. Eines liegt west­lich der Bus­so-Peus-Stra­ße (15 Hekt­ar), ein wei­te­res an der Stein­fur­ter Stra­ße (50 Hekt­ar). Ins­ge­samt könn­ten hier laut Rech­nung der Stadt 2.500 Woh­nun­gen ent­ste­hen und Platz für 6.000 Arbeits­plät­ze geschaf­fen wer­den, zudem kann der Tech­no­lo­gie­park aus­ge­baut wer­den. Doch bevor die Abstim­mung statt­fin­den kann, mel­den sich zum klei­ne­ren Are­al an der Bus­so-Peus-Stra­ße bereits kri­ti­sche Stim­men. Die CDU in Müns­ters Wes­ten ist mit den Pla­nun­gen nicht so recht ein­ver­stan­den. Die West­fä­li­schen Nach­rich­ten schrei­ben, dass Mecht­hild Neu­haus vom Vor­stand der Gie­ven­be­cker CDU „Bauch­schmer­zen“ damit hät­te, dass ein Flä­chen­nut­zungs­plan ohne Betei­li­gung der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger ver­än­dert wer­de. Eigent­lich habe man für den Grün­gür­tel Gie­ven­becks ande­res geplant. Näm­lich „Frei­zeit, Erho­lung, leben in Gie­ven­beck.“ Das klingt tat­säch­lich so gar nicht nach urba­ner Wis­sen­schafts­stadt. CDU-Bezirks­ver­tre­ter Peter Hamann fin­det außer­dem 600 Wohn­ein­hei­ten für das klei­ne Are­al unver­hält­nis­mä­ßig. Er emp­fiehlt, sie um min­des­tens die Hälf­te zu reduzieren.

Was dort pas­sie­ren soll und wie es wei­ter­geht, schau­en wir uns in den kom­men­den Wochen an.

Corona-Update

Kalt erwischt. Gera­de noch haben wir uns zusam­men mit der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on (WHO) über die nach­ge­wie­se­ne Wirk­sam­keit des Medi­ka­ments Dexa­me­tha­son aus Groß­bri­tan­ni­en gefreut, da erschre­cken uns Zah­len aus unse­rer öst­li­chen Nach­bar­schaft. Am Stamm­sitz des Fleisch­ver­ar­bei­ters Tön­nies in Rhe­da-Wie­den­brück sind inzwi­schen mehr als 700 Men­schen posi­tiv auf das Coro­na-Virus getes­tet wor­den, mel­det die Tages­schau. 7.000 Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter befin­den sich in Qua­ran­tä­ne, der Kreis Güters­loh schloss vor­sorg­lich alle Schu­len und Kin­der­gär­ten. Eine der Begrün­dun­gen: Vie­le Tön­nies-Ange­stell­te haben Kin­der. Dass Tön­nies-Ange­stell­te regel­mä­ßig shop­pen, Freun­de tref­fen, Eis essen oder ins Restau­rant gehen, ist offen­sicht­lich uner­heb­lich –Geschäf­te und Gas­tro­no­mie blei­ben geöff­net. Die Rege­lun­gen betref­fen also nur den Bereich, in dem es der Wirt­schaft ver­meint­lich am wenigs­ten scha­det. Wie wütend das die Eltern macht, lesen Sie hier.

Die Tön­nies-Coro­na-Tests lie­fern unter­des­sen kei­ne Aus­kunft dar­über, wor­an genau es trotz aller Hygie­ne­maß­nah­men gele­gen hat. Eine Erklä­rung, die Tön­nies selbst lie­fer­te: Die Rei­se­lo­cke­run­gen hät­ten dazu geführt, dass vie­le Werks­ar­bei­te­rin­nen und -arbei­ter am Wochen­en­de in ihre ost­eu­ro­päi­schen Hei­mat­län­der gereist sei­en und das Virus von dort aus mit­ge­bracht hät­ten. Die Kri­tik an die­ser Theo­rie klingt recht plau­si­bel: Bei den Löh­nen sei gar kein Kurz­trip in die Hei­mat drin, hat ein Gewerk­schafts­spre­cher der Tages­schau gesagt. Tön­nies wol­le die Schuld ein­fach von sich schieben.

Eine ande­re Erklä­rung ist, dass die kal­ten Tem­pe­ra­tu­ren bei der Fleisch­ver­ar­bei­tung das Virus lan­ge leben las­sen. Mög­lich ist das tat­säch­lich. Viro­lo­ge Chris­ti­an Dros­ten hat dafür sogar einen Namen, er nennt das im NDR-Pod­cast den „Tem­pe­ra­tur­ef­fekt“. Die­ser führt uns übri­gens vor Augen, dass uns ein hei­ßer kal­ter Win­ter samt Infek­ti­ons­wel­le bevor­ste­hen könn­te. Denn dann haben wir, unab­hän­gig davon, ob wir Vege­ta­ri­er, Metz­ger oder Tier­schüt­ze­rin sind, über­all Tem­pe­ra­tur-Bedin­gun­gen wie im Schlacht­hof. So berich­tet übri­gens Der Spie­gel über den gefähr­li­chen Kälteeffekt.

Gute Zahlen in Münster

In Müns­ter sieht es bei momen­tan som­mer­li­chen 24 Grad in Sachen Neu­in­fek­tio­nen zum Glück ganz anders aus. Die Stadt mel­det erneut kei­ne Neu­in­fek­tio­nen. Die Gesamt­zahl labor­dia­gnos­tisch bestä­tig­ter Coro­na-Fäl­le im Stadt­ge­biet sta­gniert wei­ter­hin bei 731. Davon sind 707 Pati­en­ten wie­der gene­sen. 13 Per­so­nen, die mit dem Coro­na­vi­rus infi­ziert waren, sind gestor­ben. Somit gel­ten aktu­ell elf Müns­te­r­a­ne­rin­nen und Müns­te­ra­ner als infiziert.

Drinnen

Die Künst­le­rin Ayu­mi Paul spielt Vio­li­ne und singt – unkon­ven­tio­nell, uner­war­tet, bar­fuß. Sie und ihre Video-Instal­la­tio­nen han­deln vom Zuhö­ren und vom Ver­bun­den­sein. Ich habe mir sagen las­sen, dass sie und ihre Wer­ke medi­ta­ti­ve Ruhe und sehr viel Kraft aus­strah­len, und die Aus­stel­lung „Sym­pa­the­tic Reso­nance“ die Kunst­hal­le Osna­brück der­zeit wahr­haf­tig zum Klin­gen bringt. Wer sich auf den Weg nach Nie­der­sach­sen macht, um zuzu­hö­ren und hin­zu­schau­en (halb­stün­dig fah­ren Züge von Müns­ter nach Osna­brück), bekommt übri­gens am Ein­gang ein Geschenk, das uns beson­ders gefällt: einen Brief! In Japan sagt man „Ori­ga­ta“ dazu, denn die­se Will­kom­mens­brie­fe sind lie­be­voll gefal­te­te Geschen­ke, in denen jede Fal­tung für einen Atem­zug steht. Weil ihr die­se Tra­di­ti­on gefiel, fal­te­te Ayu­mi Paul für ihre Gäs­te. „Lebens­zeit, Lebens­qua­li­tät wird mess­bar und fühl­bar aus­ge­drückt durch unser Atmen“, sagt sie.

Draußen

Alles so schön bunt hier. Sei­en Sie nicht so beschei­den und zei­gen Sie ruhig, wie pracht­voll es bei Ihnen zu Hau­se ist. Die Pflan­zen in Ihrem Gar­ten oder auf Ihrem Bal­kon sind im Moment schließ­lich auch nicht gera­de zurück­hal­tend. Stolz prä­sen­tie­ren sich die Blu­men in den schöns­ten Far­ben, die Bäu­me wedeln mit ihren knall­grü­nen Blät­tern und an den sprie­ßen­den Sträu­chern kommt eh nie­mand vor­bei. Also: Foto­gra­fie­ren Sie Ihre Gar­ten­schön­hei­ten und gewin­nen Sie viel­leicht eine Pick­nick­kis­te des Müns­ter­land e.V. Der for­dert unter dem Mot­to „Das Müns­ter­land blüht auf“ Hob­by­gärt­ne­rin­nen und -gärt­ner auf, bei die­sem Gewinn­spiel mit­zu­ma­chen und Bil­der von Gar­ten- und Bal­kon­pflan­zen bis zum 24. Juni einzusenden. 

Am Sonn­tag schreibt Ihnen wie­der Ruprecht Polenz. Ich wün­sche Ihnen noch einen schö­nen Freitagabend.

Ihre Kat­rin Jäger

PS

Wir ver­schi­cken unse­re Brie­fe ja nur per Mail und fal­ten sie nicht wie die Künst­le­rin Ayu­mi Paul. Aber nichts hin­dert Sie dar­an, einen Brief aus­zu­dru­cken und dar­aus zum Bei­spiel einen Papier­flie­ger zu bas­teln. (Wenn Sie das wirk­lich tun, wüss­ten wir übri­gens ger­ne, wie weit Ihr RUMS-Jet fliegt.) Beson­ders weit kom­men unse­re Brie­fe aller­dings, wenn Sie sie per Mail an Ihre Freun­din­nen und Freun­de wei­ter­lei­ten, die viel­leicht noch gar nicht von uns gehört haben. Hel­fen Sie uns beim kero­sin­frei­en RUMS-Meilensammeln!