Die Kolumne von Roudy Ali | Schluss mit der Diskriminierung bei der Wohnungssuche

Müns­ter, 7. August 2022

Guten Tag,

ich wün­sche Ihnen einen schö­nen Sonntag. 

Es ist Anfang August, vie­le von Ihnen waren wahr­schein­lich noch vor weni­gen Tagen im Urlaub, im Hotel, am Strand, viel­leicht waren sie auch zu Hau­se, an einem Ort, an dem es sicher und bequem ist. 

Stel­len Sie sich vor, Sie müss­ten sich ein ein­zi­ges Zim­mer mit allen Fami­li­en­mit­glie­dern tei­len – die­sel­be Küche und das­sel­be Bade­zim­mer, in einer Unter­kunft, in der vie­le frem­de Men­schen aus vie­len frem­den Län­dern leben. 

Wenn Sie in eine grö­ße­re Woh­nung umzie­hen woll­ten, wäre das nicht ein­fach so mög­lich. Sie müss­ten Sie sich ange­mes­se­ne Grün­de überlegen. 

Sie müss­ten an Ihrer Spra­che arbei­ten, um eine Woh­nung besich­ti­gen zu kön­nen, denn nur wer akzent­frei spricht, gilt als erfolg­reich inte­grier­ter Mensch. 

Sie müss­ten befürch­ten, dass Sie nach Ihrem Auf­ent­halts­ti­tel gefragt wer­den, dass man sie fragt, woher sie kom­men. Ihr Name könn­te mit dar­über ent­schei­den, ob Sie die Woh­nung bekommen. 

Menschenrecht auf Wohnen

Wäh­rend der Woh­nungs­be­sich­ti­gung müss­ten Sie über den Krieg oder über Ihre trau­ma­ti­schen Erfah­run­gen spre­chen. Sie müss­ten erklä­ren, wie wich­tig es ist, eine Woh­nung zu fin­den, um eine The­ra­pie begin­nen zu können. 

Wenn Sie das alles nicht müs­sen, dann haben Sie ein Pri­vi­leg. Auch ohne all die­se Ein­schrän­kun­gen ist es schwer, in Müns­ter eine Woh­nung zu fin­den – mit ihnen ist es eine Tor­tur und nahe­zu unmög­lich. Die­se Kolum­ne schrei­be ich, um Ihnen eine Per­spek­ti­ve zu eröff­nen, die Sie viel­leicht noch nicht kennen. 

Je mehr Men­schen sich um eine Woh­nung bewer­ben, des­to stren­ger wer­den die Aus­wahl­kri­te­ri­en. Und wenn das der Fall ist, wer­den Men­schen in vie­len Fäl­len diskriminiert.

Zuhau­se, das ist der Ort, an dem Men­schen leben, sich nach der Arbeit aus­ru­hen und geschützt sind. In ihrer Woh­nung füh­len Men­schen sich sicher und frei. Jeder Mensch hat das Recht auf ange­mes­se­nen Wohn­raum. Das Men­schen­recht auf Woh­nen ist Teil des Rechts auf einen ange­mes­se­nen Lebens­stan­dard.

Vie­le Men­schen haben eine neue Hei­mat in Müns­ter gefun­den. Eini­ge stu­die­ren, ande­re arbei­ten, alle füh­len sich sicher, aber um eine Woh­nung zu bekom­men, müs­sen sie bewei­sen, dass sie zu „den Guten“ gehören. 

Geflüchtete teilen diese Erfahrungen

Wer das nicht kann, wer kei­ne Arbeit hat, nicht stu­diert, älter ist und die deut­sche Spra­che nicht per­fekt gelernt hat, gilt als weni­ger gut inte­griert. Das bedeu­tet für vie­le: Sie müs­sen in einer Unter­kunft für Geflüch­te­te bleiben. 

Es kann schon aus­rei­chen, Mus­ta­fa, Özgür oder Moham­mad zu hei­ßen, um bei der Wohungs­su­che schlech­te­re Chan­cen zu haben. Das ist eine Erfah­rung, die Men­schen, in deren Pass Mül­ler, Mai­er oder Ross­mann steht, wahr­schein­lich nie gemacht haben. 

Es soll­te auch eigent­lich nicht so sein. Die Haut­far­be oder eth­ni­sche Zuge­hö­rig­keit soll­te auf dem Woh­nungs­markt kei­ne Rol­le spie­len. Dis­kri­mi­nie­rung ist sogar ver­bo­ten. Das ändert aller­dings nichts dar­an, dass sie Rea­li­tät ist. Ich ken­ne vie­le geflüch­te­te Men­schen in Müns­ter. Sie alle ken­nen die­se Situa­tio­nen, sie alle tei­len die­se Erfah­rung. Sie haben das Gefühl, dass sie wegen ihres Namens, wegen ihrer Her­kunft dis­kri­mi­niert werden. 

Der Woh­nungs­markt in Müns­ter ist für alle ein Pro­blem, die eine Woh­nung suchen. Das macht es noch schwie­ri­ger, denn je mehr Men­schen sich um eine Woh­nung bewer­ben, des­to stren­ger wer­den die Aus­wahl­kri­te­ri­en. Und die­se ver­meint­lich objek­ti­ven Kri­te­ri­en ver­schlei­ern oft eine ras­sis­ti­sche Diskriminierung. 

Das Gesetz hat Schwachstellen

Das All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) ver­bie­tet seit dem Jahr 2006, dass man Men­schen bei der Ver­ga­be von Woh­nun­gen aus bestimm­ten Grün­den benach­tei­ligt. Die Grün­de sind: Alter, Behin­de­rung, eth­ni­sche Zuge­hö­rig­keit, Geschlecht, Reli­gi­on und Geschlechtsidentität. 

So steht es auf dem Papier. Doch vie­les deu­tet dar­auf hin, dass die­ses Gesetz vie­le Men­schen nicht schützt – dass es eini­ge Schwach­stel­len hat. 

Der sozio­öko­no­mi­sche Sta­tus ist in der Lis­te der Eigen­schaf­ten nicht ent­hal­ten, die bei der Aus­wahl kei­ne Rol­le spie­len soll­ten. Wenn Men­schen eine Woh­nung mie­ten möch­ten, müs­sen sie oft Aus­kunft dar­über geben, wel­chen Beruf sie haben oder wie viel sie verdienen. 

Auch die Anzahl der Kin­der, der Fami­li­en­stand oder ein unge­si­cher­ter Auf­ent­halts­sta­tus kön­nen bei einer Woh­nungs­be­sich­ti­gung zu einer Absa­ge führen. 

Eini­ge Vermieter:innen wol­len kei­ne mus­li­mi­schen Mieter:innen oder kei­ne Frau­en mit Kopf­tuch. Ande­re wol­len kei­ne Ausländer:innen, kei­ne Men­schen, die gebro­chen oder mit Akzent spre­chen. Men­schen wer­den aus ganz unter­schied­li­chen Grün­den diskriminiert. 

Beweise zu finden, ist schwer

Die Geschich­te ist hier nicht zu Ende, denn es gibt auch Fäl­le, in denen Men­schen ohne Kin­der, Stu­dier­te oder Berufs­tä­ti­ge, Men­schen mit Auf­ent­halts­er­laub­nis, kei­ne Woh­nung fin­den. Es sind meh­re­re Fäl­le von frü­he­ren Geflüch­te­ten bekannt, bei denen es Hin­wei­se dar­auf gibt, dass sie auf­grund ihrer eth­ni­schen Her­kunft abge­lehnt wor­den sind. 

In vie­len Fäl­len wür­de ich Betrof­fe­nen zu einer Anzei­ge raten. Das Pro­blem ist: Die­se Men­schen erfah­ren nichts über die tat­säch­li­chen Grün­de, die zur Absa­ge geführt haben. Sie hören oft ein­fach: „Lei­der haben wir uns für jemand anders entschieden.“ 

Es ist schwer, Bewei­se für eine Dis­kri­mi­nie­rung zu fin­den. Hin­zu kommt: Oft schä­men Betrof­fe­ne sich. Schon das hält sie davon ab, eine Anzei­ge zu erstatten. 

Sol­che For­men der Benach­tei­li­gung und Chan­cen­un­gleich­heit soll­ten nicht exis­tie­ren. Daher ist es wich­tig, dass Men­schen, die eine Woh­nung suchen, ihre Rech­te ken­nen und ihre Rech­te gel­tend machen. Auch die Wohnungseigentümmer:innen müs­sen ein Bewusst­sein dafür bekom­men, dass sie gegen das Gesetz ver­sto­ßen, wenn sie Men­schen bei der Ver­ga­be von Woh­nun­gen diskriminieren. 

Das alles geht nicht von selbst

Müns­ters Ziel ist, die Stadt „nach den Prin­zi­pi­en ‚Geleb­te Akzep­tanz‘ und ‚glei­che Chan­cen für ALLE‘ zu einer welt­of­fe­nen, inter­na­tio­na­len Stadt wei­ter­zu­ent­wi­ckeln, in der Ach­tung der Men­schen­rech­te sowie die Wah­rung des sozia­len Frie­dens obers­te Prio­ri­tät besit­zen, damit alle Bewoh­ne­rin­nen und Bewoh­ner glei­cher­ma­ßen gut in Müns­ter leben kön­nen“. So steht es im Leit­bild zur Inte­gra­ti­on und Migra­ti­on, auf das man sich in der Stadt geei­nigt hat. 

Doch das pas­siert nicht von selbst. Wenn man möch­te, dass Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund auf dem Woh­nungs­markt gleich­be­rech­tigt und auf Augen­hö­he sind, wenn man möch­te, dass die Dis­kri­mi­nie­rung kei­ne Rol­le spielt, dann muss die Stadt etwas dafür tun. 

Sie kann die­se Fäl­le zum Bei­spiel in ihren loka­len poli­ti­schen Gre­mi­en the­ma­ti­sie­ren. Ver­bän­de und zivil­ge­sell­schaft­li­che Orga­ni­sa­tio­nen kön­nen ver­su­chen, Men­schen zu sen­si­bi­li­sie­ren und das ste­reo­ty­pe Bild von geflüch­te­ten Men­schen zu durchbrechen. 

Auch anony­me Bewer­bun­gen für Woh­nun­gen wären eine Mög­lich­keit, wenn es dar­um geht, Men­schen die Chan­ce auf ein dis­kri­mi­nie­rungs­frei­es Leben zu geben. 

Herz­li­che Grü­ße
Ihre Rou­dy Ali

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Über die Autorin

Die Kur­din Rou­dy Ali ist aus Syri­en geflo­hen. In Müns­ter hat sie Sozia­le Arbeit stu­diert und inzwi­schen den Mas­ter­stu­di­en­gang Netz­werk­ma­nage­ment begon­nen, neben ihrem Stu­di­um arbei­tet sie als freie Jour­na­lis­tin. Für ihr ehren­amt­li­ches Enga­ge­ment ist sie mit dem renom­mier­ten Dia­na Lega­cy Award aus­ge­zeich­net wor­den. In ihrer Kolum­ne wird sie über The­men schrei­ben, die die inter­na­tio­na­le Com­mu­ni­ty in Müns­ter bewegen.

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