Klaus Brinkbäumer schreibt aus New York | Wenn die Heimat unerreichbar ist | RUMS-Kolumne

Müns­ter, 29.03.2020

Lie­be Lese­rin, lie­ber Leser,

Müns­ter war immer da, die Hei­mat eben, immer konn­te ich dort­hin zurück­keh­ren. Hei­mat, das ist ja bereits das Wis­sen, die Sicher­heit näm­lich, dass die­ser Ort existiert. 

Aus­ge­rech­net jetzt aber geht das mit der Rück­kehr nicht. 

Da sind die Ein­rei­se­ver­bo­te. Die gestri­che­nen Flü­ge. Die Risi­ken. Die Ver­nunft, die auch. 

Wenn jetzt etwas pas­sier­te, wenn uns in New York oder der Toch­ter in Mün­chen oder der Schwes­ter in Mont­pel­lier oder dem Schwie­ger­va­ter in Ham­burg oder den Eltern in Müns­ter etwas zustie­ße, wir fän­den nicht zueinander. 

Denn New York, die Sehn­suchts­stadt, ist nun das Sym­bol und das Zen­trum der Welt­kri­se. Und täg­lich reden wir mit der Fami­lie dar­über, via Whats­App und Tele­fon, ob wir nach Deutsch­land, nach Müns­ter rei­sen soll­ten; doch die Bewe­gung als sol­che und die vie­len Begeg­nun­gen und folg­lich die gesam­te Rei­se über den Atlan­tik wären mut­maß­lich noch gefähr­li­cher als die­ser Ort hier.

Gefan­gen? Am frei­es­ten Ort der Welt, in New York? 

Der Blick wan­dert aus dem 30. Stock nach Nor­den. Die Ble­ecker Street ist ver­waist, dahin­ter der Washing­ton Squa­re Park eben­so, grau ist der Him­mel über Man­hat­tan, und auch das ist sel­ten: Das New Yor­ker Wet­ter ist an den meis­ten Tagen extre­mer als in Müns­ter, der Him­mel leuch­tend tief­blau oder gewit­ter­schwarz. Heu­te ist Münsterwetter. 

Wäh­rend ich dies schrei­be, kommt die Mel­dung, dass Prä­si­dent Donald Trump über­legt, eine vier­zehn­tä­gi­ge Qua­ran­tä­ne über New York zu ver­fü­gen. Ich sehe mir die Auf­zeich­nung an, Trump sagt, er den­ke dar­über nur nach, viel­leicht ja, viel­leicht nein; er plappert‘s so dahin beim Ver­las­sen des Wei­ßen Hau­ses, und ver­mut­lich hängt sei­ne Ent­schei­dung davon ab, ob unser Gou­ver­neur Andrew Cuo­mo ihn nun lobt oder nicht. 

Wäh­rend ich wie­der­um die­se Zei­len schrei­be, kommt Trumps Tweet: „Ich den­ke über eine Qua­ran­tä­ne für die ‚hot spots‘ New York, New Jer­sey und Con­nec­ti­cut nach. Eine Ent­schei­dung wird bald getrof­fen wer­den, so oder so.“

Die Heimat ist unerreichbar

Dies, exakt dies ist das Leben in New York in Zei­ten der Coro­na­kri­se. 8,5 Mil­lio­nen Men­schen fra­gen sich, was da kom­men wird. Oder ist es längst mit vol­ler Wucht hier? 

Es wer­den von Tag zu Tag weni­ger Lich­ter dort oben in Mid­town Man­hat­tan. Das Empi­re Sta­te Buil­ding leuch­tet wie die letz­te Fackel von New York City. 

Von Repor­ta­ge­rei­sen in Kri­sen­ge­bie­te, von flie­hen­den Men­schen, ken­ne ich die­se See­len­la­ge: dass Men­schen nicht zurück­rei­sen kön­nen, sich ja sowie­so kaum bewe­gen kön­nen, dass sie abhän­gig sind von ande­ren, von Zufäl­len, Stim­mun­gen, dass sie ohn­mäch­tig sind ohne die­sen Rei­se­pass der Euro­päi­schen Uni­on. Wir Deut­schen, wir Müns­te­ra­ner ken­nen das kaum. Doch was für eine Illu­si­on war das: zu glau­ben, jede Bewe­gung bestim­men zu können.

Wir sit­zen hier im 30. Stock in der Stadt unse­rer Träu­me, und uner­reich­bar ist sogar die­se, die neue Heimat. 

New Yor­ker, so war das in bes­se­ren Zei­ten, geben man­ches dafür auf, dass sie New Yor­ker sein dür­fen. Gär­ten. Platz. Luft. Sie zah­len viel Geld für wenig Raum und erhal­ten Zutritt zur auf­re­gends­ten Spiel­wie­se der Welt. So funk­tio­nier­te das, damals.

Die letz­te Aus­stel­lung, die ich sehen konn­te, war Ger­hard Rich­ters „Pain­ting after all“ in „The Met Breu­er“. Das letz­te Eis­ho­ckey-Spiel der Ran­gers, das ich im Madi­son Squa­re Gar­den sah, gewan­nen wir gegen die Islan­ders. Das letz­te Buch von „The Strand“: „Wea­ther“ von Jen­ny Offill. Die letz­te Oper in der Metro­po­li­tan Ope­ra, den „Flie­gen­den Hol­län­der“, sahen wir nicht mehr, wir lie­ßen die Tickets ver­fal­len, am Tag danach schloss die Met. Der Cen­tral Park: bedroh­lich weit weg. Das gan­ze wah­re New York City, das öffent­li­che, ist seit Wochen geschlos­sen und womög­lich gestorben.

Covid-19 kam lang­sam hier an und dann gewaltig. 

Wochen­lang gab es in New York viel zu weni­ge Tests, und die Bot­schaf­ten gin­gen wild durch­ein­an­der. Der Gou­ver­neur warn­te. Doch nein, es gebe ja nur 15 Fäl­le in ganz Ame­ri­ka, dem­nächst sei­en es sowie­so wie­der null Fäl­le, weil er das Virus „total unter Kon­trol­le“ habe, das sag­te Trump vor sechs Wochen. 

Eine ernst­haf­te Vor­be­rei­tung gab es nicht, die gan­zen USA ver­schlie­fen jene Wochen, in denen sie sich hät­ten wapp­nen können.

Am gest­ri­gen Sams­tag nun waren es 26.000 Infi­zier­te und 450 Tote in New York City, 113.000 Infi­zier­te in den USA, mehr als in jedem ande­ren Land der Welt. 

Die Nebenwirkungen der Krise

In allen frei­en Gesell­schaf­ten der Welt wird die­se Debat­te geführt: Wie weit dür­fen Restrik­tio­nen rei­chen, wie lan­ge darf der Still­stand kom­plet­ter Natio­nen erzwun­gen werden? 

Wer ent­schei­det worüber? 

Wel­che Neben­wir­kun­gen wer­den in Kauf genom­men, wie vie­le Arbeits­lo­se und letzt­lich, gewiss auch dies: wie viel Ein­sam­keit, wie vie­le Sui­zi­de? Eine gesun­de Gesell­schaft muss sol­che Debat­ten aus­tra­gen, braucht einen mora­li­schen und einen poli­ti­schen Kom­pass, aber sie soll­te die Rei­fe haben, zunächst wis­sen­schaft­li­che Daten zur Kennt­nis zu neh­men und die beschlos­se­ne The­ra­pie wir­ken zu las­sen, ehe der Kurs geän­dert wird. 

Die USA blo­ckie­ren sich selbst, auch jetzt wie­der. War­um schafft die­se Nati­on es nicht, auch nur zu gemein­sa­men Dia­gno­sen zu gelan­gen? Sich zu ver­stän­di­gen über Daten, Fak­ten, Wahr­hei­ten? Und dann über Strategien?

Das Goog­le-Bei­spiel erklärt so manches. 

Mit­te März war ich im Rose Gar­den des Wei­ßen Hau­ses, Trump hat­te zu einer Pres­se­kon­fe­renz gela­den. Er fass­te stän­dig sein Mikro­phon an und dann sich selbst ins Gesicht, gab Dut­zen­den Men­schen die Hand, sie alle stan­den zu eng beieinander. 

Und dann sag­te Trump, dass 1700 Pro­gram­mie­rer bei Goog­le „außer­or­dent­li­che Fort­schrit­te“ dabei erziel­ten, eine Web­site für Ame­ri­kas Kampf gegen Coro­na zu bauen. 

Aber es gab die 1700 Goog­le-Leu­te nicht, die Web­site nicht, es gab das gan­ze Pro­jekt nicht, nicht ein­mal die Idee. Die Wahr­heit war, dass Ver­i­ly, eine Goog­le-Toch­ter, dabei war, eine klei­ne, loka­le Sei­te für Ärz­te und ande­re Men­schen aus dem Gesund­heits­sys­tem in zwei Bezir­ken San Fran­cis­cos zu ent­wi­ckeln. Mehr nicht. Ent­we­der hat­te Trumps Schwie­ger­sohn Jared Kush­ner das alles falsch ver­stan­den; oder aber Trump hat­te nicht zuge­hört, als Kush­ner ihm die Sache erklärte. 

Was dann geschah, ist Ame­ri­ka 2020: Bei Goog­le began­nen hek­ti­sche Ver­su­che, dem zu ent­spre­chen, was der Prä­si­dent gesagt hat­te. „Was für ein Quatsch, wie sinn­los, was für eine irr­wit­zi­ge Anstren­gung mit dem Ziel blo­ßer Gesichts­wah­rung“, sagt eine Goog­le-Ange­stell­te – offi­zi­ell sagt nie­mand von Goog­le ein kri­ti­sches Wort. 

Immer­hin, eini­ge Medi­en berich­te­ten die Wahr­heit. Trump sag­te: „Fake News.“ Er besteht noch immer dar­auf, dass Goog­le eine natio­na­le Web­site baue, und erzählt, dass der Goog­le-Chef Sundar Pic­hai ihn ange­ru­fen und sich ent­schul­digt habe. 

Wofür?

„Kein Kom­men­tar“, sagt eine Google-Sprecherin. 

Was sagt uns dies über die USA? Wenn sich nicht ein­mal Goog­le, mäch­tigs­ter Kon­zern der Welt, noch traut, zu sagen, was wahr ist: Dann soll­ten wir an ande­ren Stel­len ver­mut­lich kei­ne Hoff­nung mehr haben. 

Oder … doch? 

Trump tritt täglich vor die Presse

Antho­ny Fau­ci ist der Mann, der schafft, was Goog­le nicht schafft: Fau­ci hält stand. 

Fau­ci, Jahr­gang 1940, ist seit 1984 der Direk­tor des „Natio­nal Insti­tu­te of All­er­gy and Infec­tious Dise­a­ses“ und hat in den USA jene Rol­le über­nom­men, die in die­sen bizar­ren Früh­lings­ta­gen in Deutsch­land der Viro­lo­ge Chris­ti­an Dros­ten hat: Die bei­den Her­ren klä­ren ihre Natio­nen über das Virus auf, sie tun das glei­cher­ma­ßen selbst­be­wusst wie zurückhaltend. 

Manch­mal, wenn Trump lügt, hält Fau­ci sich die Hand vor die Augen. Manch­mal schüt­telt Fau­ci, kaum merk­lich, den Kopf. Sei­ne Leis­tung besteht dar­in, dass er es schafft, den Prä­si­den­ten nicht zu brüs­kie­ren und zugleich eigen­stän­dig authen­tisch zu sein. 

Trump darf wegen des Virus kei­ne Wahl­kampf­auf­trit­te mehr machen, dar­um erscheint er nun täg­lich vor der Pres­se: Wir erle­ben die Trump-Show, die nächs­te Staf­fel. Wür­den Ame­ri­kas Sen­der nicht die kom­plet­ten 90 Minu­ten live über­tra­gen, wür­de er sich ver­mut­lich kür­zer fas­sen oder fern­blei­ben; aber die Quo­ten sind hoch, also machen Ame­ri­kas Medi­en sich zu Kom­pli­zen, schon wie­der, wie 2016. 

Es fehlt jeg­li­che Klar­heit. Am einen Tag ist Covid-19 banal und bald vor­bei, am nächs­ten der schlimms­te aller Fein­de, am drit­ten will Trump die Wirt­schaft wie­der anwer­fen, bis Ostern, denn die „Medi­zin darf nicht schlim­mer wir­ken als die Krank­heit“, und am vier­ten geht es dar­um, ob New York unter Qua­ran­tä­ne zu stel­len sei. 

Immer­hin ist da Fauci.

Wenn Trump dort oben sagt, das Mala­ria-Medi­ka­ment Chlo­ro­quin wir­ke super, also wirk­lich ganz ver­blüf­fend sen­sa­tio­nell super gegen das Virus, dann hört Antho­ny Fau­ci lächelnd zu, lässt etwas Zeit ver­strei­chen und sagt, es gebe für die­se The­se kei­ne Bewei­se; gegen Ebo­la jeden­falls habe Chlo­ro­quin nicht gewirkt. 

Vor eini­gen Tagen gab Fau­ci „Sci­ence“ ein Inter­view, das gemes­sen an den Spiel­re­geln der Trump­welt spek­ta­ku­lär war. „Ich kann ja nicht ein­fach vors Mikro­fon sprin­gen und ihn nie­der­sto­ßen“, sag­te er über Trump. Kein zwei­ter Bewoh­ner des Pla­ne­ten Trump spricht so. 

Natür­lich beginnt nun das Gere­de; die Trump-Show ver­trägt nur einen Star. Mehr­fach erscheint aus­ge­rech­net Fau­ci nicht zu den Pressekonferenzen. 

„Soweit ich weiß“, das aber sagt Fau­ci lachend, als er wie­der da ist, „bin ich noch nicht gefeu­ert worden.“ 

Supermärkte schließen bereits

New York, Hei­mat mei­ner Träu­me und eben des­halb nach Müns­ter und Ham­burg die drit­te wah­re Hei­mat mei­nes Lebens, die­ses New York also ist auch die per­fek­te Hei­mat für die­ses Virus: so eng, so schmud­de­lig, so überbevölkert. 

Schmie­rig und kleb­rig sind die Hal­te­stan­gen in den U-Bah­nen. Wir alle woh­nen in Hoch­häu­sern mit acht oder zehn oder zwölf Par­tei­en pro Gang, wir tei­len die­sel­ben Müll­schäch­te, die­sel­ben Fahr­stüh­le, eine Wand mit 120 Brief­käs­ten, die­sel­ben Wasch­kü­chen im Keller. 

Iso­la­ti­on? Hier? 

Wir wis­sen, dass es zu wenig Kran­ken­haus­bet­ten gibt. Trump sagt, er habe New York vie­le Beatmungs­ge­rä­te geschickt, New York habe sie lei­der ver­lo­ren. Der Gou­ver­neur Andrew Cuo­mo sagt, das sei Unsinn, die Regie­rung schi­cke noch immer kei­ne Gerä­te. Ein Freund, der Chir­urg ist, schreibt mir, ver­mut­lich wer­de in zwei Wochen in sei­nem Kran­ken­haus zu ent­schei­den sein, wer noch beatmet wer­den kön­ne und wer nicht – „falls das nicht jetzt schon geschieht“. Im Ernst­fall der Abrie­ge­lung wer­den rasend schnell ande­re Pro­ble­me kom­men: Super­märk­te schlie­ßen bereits heu­te, sobald es dort Coro­na­fäl­le gibt, einer nach dem ande­ren also. Wie wird Man­hat­tan in zwei, drei Mona­ten ernährt werden? 

„Es klingt apo­ka­lyp­tisch“, sagt der Vater am Telefon. 

„Ja, lei­der“, sage ich, „und wie ist es zuhause?“

Pas­sen Sie auf sich und Ihre Fami­lie und Ihre Freun­de auf. 

Mit herz­li­chen Grü­ßen von der ande­ren Sei­te des Ozeans

Ihr Klaus Brinkbäumer

Sie errei­chen mich unter klaus.brinkbaeumer@rums.ms oder bei Twit­ter: @Brinkbaeumer.