Klaus Brinkbäumers Kolumne | Zwei Wahlen, zwei Welten

6. Sep­tem­ber 2020 

Guten Mor­gen und guten Tag aus New York, 

wich­ti­ge Wah­len ste­hen an, zuerst in Müns­ter und dann hier in den USA. In Müns­ter (wenn ich das aus der Fer­ne rich­tig wahr­neh­me) wird es am 13.9. um Infra­struk­tur gehen, um Umwelt­the­men, um schlaue Stand­ort­po­li­tik in dif­fi­zi­len Zei­ten, die wirt­schaft­li­chen und sozia­len Fol­gen von Covid-19 also. Hier, in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, geht es gleich­falls um die Pan­de­mie und ihre vie­len Kon­se­quen­zen; hier aber geht es, anders als in Müns­ter, eher noch um Grö­ße­res, Abs­trak­te­res, Grund­sätz­li­ches: dar­um, ob das Land mit sich selbst noch kom­mu­ni­zie­ren, zu Ent­schei­dun­gen und dann zu Hand­lun­gen kom­men kann. Ob es sich noch erträgt. Es geht dies­mal tat­säch­lich um die ame­ri­ka­ni­sche Demo­kra­tie, die Fra­ge näm­lich, ob die­se noch legi­ti­miert ist und funk­tio­niert. Um Wahr­heit geht es auch – oder um das, was von ihr übrig ist. 

Die USA errei­chen in die­sen Tagen den Zustand per­ma­nen­ter Hyper­ven­ti­la­ti­on: Der Aus­nah­me­zu­stand ist Nor­mal­zu­stand geworden. 

Zwei Mona­te sind es noch bis zur US-Wahl (am 3. Novem­ber), und die Men­schen aus Poli­tik und Medi­en, mit denen ich in den ver­gan­ge­nen Wochen gespro­chen habe, waren sich in einem Punkt einig: „Ich bin erschöpft. So müde. Es ist ja noch lan­ge nicht vor­bei, aber ich kann nicht mehr.“ (Die­ses wört­li­che Zitat stammt von einem CNN-Kol­le­gen, aber so ähn­lich reden sie in Washing­ton alle.) 

Ich rei­se seit inzwi­schen 30 Jah­ren in die­ses an vie­len Orten und auch in man­chen sei­ner wech­seln­den Stim­mun­gen so wun­der­glei­che Land, und inzwi­schen stau­ne ich dar­über, dass ich schon 2004 von „zwei Ame­ri­kas“ und der ame­ri­ka­ni­schen Pola­ri­sie­rung und Ame­ri­kas Hass auf sich selbst geschrie­ben habe. 

Wie lan­ge das schon so geht. 

Wie wenig neu es zu sein scheint. 

Und wie neu es heu­te aber doch ist: noch ein­mal tie­fer rei­chend, so unend­lich viel destruk­ti­ver also. Die USA von heu­te schei­nen nicht mehr in der Lage zu sein, ihren Kurs zu jus­tie­ren, weil sie selbst jene Feh­ler, die auf bei­den Sei­ten des gespal­te­nen Lan­des dia­gnos­ti­ziert wer­den, nicht mehr kor­ri­gie­ren kön­nen – und die vie­len ande­ren Feh­ler sowie­so nicht. 

Der Wahl­kampf hier hat sich gedreht, abrupt ver­wan­delt. Alles kreist nun um ein Neben­the­ma, alles kreist um Gewalt. Die USA tun, was eine unter­hal­tungs­süch­ti­ge Nati­on gern tut: Sie len­ken sich ab vom Wesentlichen. 

Was wäre wesentlich? 

Angst statt einem Plan

Ein natio­na­ler Plan gegen Covid-19. Die Rück­kehr zu demo­kra­ti­schen Prin­zi­pi­en, fai­re Wah­len inklu­si­ve der Akzep­tanz des Ergeb­nis­ses und der Ein­sicht, dass poli­ti­sche Geg­ner bloß ande­re Hal­tun­gen und Wün­sche haben, aber kei­ne Tod­fein­de sind. Ein wenig mehr Chan­cen­gleich­heit und Soli­da­ri­tät, also Steu­er­ge­rech­tig­keit, eine staat­li­che Kran­ken­ver­si­che­rung, Schutz vor dem frei­en Fall durch Arbeits­lo­sig­keit. Kos­ten­lo­se Bil­dung, von Küs­te zu Küs­te. Inves­ti­tio­nen in Umwelt­tech­no­lo­gie und eine intel­li­gen­te Infra­struk­tur. Eine natio­na­le Debat­te über stra­te­gi­sche Zie­le. Und dann ein außen­po­li­ti­scher Neu­an­fang, vor allem die Erneue­rung von Bünd­nis­sen und Freund­schaf­ten mit Natio­nen wie Deutschland. 

All dies täte den USA gut, und ich ken­ne kaum jeman­den in Washing­ton, die oder der das nicht eigent­lich wüss­te. Das blo­ße Wis­sen aber hilft in die­sem Land nicht mehr weiter. 

Statt­des­sen: Angst oder, wie gesagt: Gewalt, Recht und Ord­nung, das ame­ri­ka­ni­sche The­ma 2020. 

Denn Angst und Gewalt und dar­um Recht und Ord­nung sind jenes The­ma, wor­über der Prä­si­dent seit Wochen spricht, wor­über der ihm in zyni­scher Treue erge­be­ne Fern­seh­sen­der Fox News des­halb pau­sen­los berich­tet (wenn man die Ver­dre­hun­gen noch „Bericht“ nen­nen möch­te). Die­ses The­ma wird die frag­los bedeu­ten­de Wahl entscheiden. 

Das alles ist so wind­schief, so dem­ago­gisch ver­bo­gen, dass ich nur dar­über stau­nen kann, dass es trotz­dem immer noch wei­ter getrie­ben wer­den kann. 

Klei­ner, wich­ti­ger Exkurs: Es wäre schlau, wenn die USA sich ernst­haft mit Gewalt aus­ein­an­der­setz­ten: mit Schuss­waf­fen näm­lich, mit all dem Kriegs­ge­rät auf den Stra­ßen und in den Schu­len des Lan­des. Eine ernst­haf­te Poli­tik wür­de dann Regu­lie­rung bedeu­ten, auch eine Über­prü­fung und lücken­freie Regis­trie­rung von Waf­fen­käu­fern. Es wäre eben­so schlau, wenn die USA sich mit ihrer gewalt­sa­men His­to­rie beschäf­tig­ten und ver­such­ten, aus ihrer Geschich­te von Völ­ker­mord und Skla­ve­rei für die Ras­sis­mus-Debat­ten der Gegen­wart zu lernen. 

Die dreifache Verdrehung der Wirklichkeit

Das aber ist nicht die Gewalt, die der Prä­si­dent meint, nicht die, um die es im Wahl­kampf geht. Donald Trump spricht von „Links­fa­schis­ten“, „radi­ka­len Demo­kra­ten“, „Anti­fa“, dem „Nie­der­bren­nen unse­rer Städ­te“, dem „Ende unse­res Ame­ri­kas“, denn „in Joe Bidens Ame­ri­ka wären wir nicht mehr sicher“. 

Die Repu­bli­ka­ner, die in allen seriö­sen Umfra­gen weit zurück­lie­gen, ver­su­chen es nun mit einer drei­fa­chen Ver­dre­hung der Wirklichkeit. 

Sie haben auf ihrem weit­ge­hend vir­tu­el­len Par­tei­tag und dann auf der rea­len Abschluss­ver­an­stal­tung im Rose Gar­den des Wei­ßen Hau­ses einen Prä­si­den­ten Trump ent­wor­fen, der nicht exis­tiert: weit­sich­tig, ent­schlos­sen, empa­thisch, Frau­en för­dernd, Migran­ten lie­bend. Sie dürf­ten wis­sen, dass sie mit dem erra­tisch wüten­den und an Covid-19 geschei­ter­ten wah­ren Prä­si­den­ten der letz­ten vier Jah­re nicht weit kom­men würden. 

Sie haben den Gegen­kan­di­da­ten Joe Biden zur Kari­ka­tur gemacht, näm­lich einer­seits senil und dement und von „dunk­len Gestal­ten“ (Trump) fern­ge­steu­ert und ande­rer­seits links­extrem, radi­kal anar­chis­tisch, Gewalt her­bei­wün­schend. Wer den wah­ren Biden kennt, mag ihn ein biss­chen spie­ßig fin­den, alle­mal ein biss­chen sprö­de, aber er ist ein ernst­haf­ter Poli­ti­ker der Mit­te ohne die win­zigs­te extre­mis­ti­sche Neigung. 

Trump ruft „law and order

Sie haben schließ­lich ein Ame­ri­ka ent­wor­fen, in dem Covid-19 besiegt ist und die Städ­te von den Demo­kra­ten nie­der­ge­brannt wer­den. Das New York, von dem Trump redet, ist ver­wüs­tet und ver­wahr­lost – das New York, aus dem ich Ihnen schrei­be, ist eine spät­som­mer­lich leuch­ten­de Welt­stadt, soli­da­risch, ein biss­chen zag­haft und still wegen der Pandemie. 

Das also wird nun der Wahl­kampf der letz­ten 60 Tage sein: Trump ruft „law and order“ und ver­spricht, nur er kön­ne die Ver­ei­nig­ten Staa­ten retten. 

Die­se Stra­te­gie kann tat­säch­lich funk­tio­nie­ren: wenn näm­lich das Boll­werk kon­ser­va­ti­ver Medi­en die­se Bot­schaft wie­der und wie­der ins öffent­li­che Bewusst­sein rammt und jene Vor­städ­te jener bei US-Wah­len meist ent­schei­den­den Bun­des­staa­ten (Flo­ri­da, Penn­syl­va­nia, Ohio, Michi­gan, Wis­con­sin) ernst­haft Angst bekom­men; wenn die Demonstrant:innen der Black-Lives-Mat­ter-Bewe­gung Eska­la­tio­nen zulas­sen und nicht höl­lisch auf­pas­sen; wenn Joe Biden es nicht schafft, ent­schlos­sen für pro­gres­si­ve, sozia­le The­men ein­zu­ste­hen und sich eben­so ent­schlos­sen von jeder Gewalt zu distanzieren. 

Das Gan­ze hat etwas von 1968. Damals war gera­de Mar­tin Luther King ermor­det wor­den, das Land war erschüt­tert, und die Sym­pa­thie für die Bür­ger­rechts­be­we­gung war flä­chen­de­ckend enorm. Aber natür­lich waren vie­le wei­ße Ame­ri­ka­ner und Ame­ri­ka­ne­rin­nen ner­vös. Der Repu­bli­ka­ner Richard Nixon führ­te sei­nen Wahl­kampf mit dem The­ma inne­re Sicher­heit, ver­sprach „Recht und Ord­nung“ und gewann. 

Es gibt aber auch Unter­schie­de, und einer ist wesentlich. 

Nixon war der Kan­di­dat, der das Wei­ße Haus erobern woll­te. Trump hin­ge­gen ist der Prä­si­dent, der ver­ant­wort­lich ist für den Zustand des Lan­des. Beauf­tra­gen die Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler tat­säch­lich den Mann mit dem Schutz vor jener Gewalt, die die­ser teil­wei­se erfun­den und teil­wei­se her­auf­be­schwo­ren hat? 

Mit vie­len herz­li­chen Grü­ßen über den Atlantik 

Ihr Klaus Brinkbäumer 

Schrei­ben Sie mir gern; Sie errei­chen mich unter klaus.brinkbaeumer@rums.ms oder via Twit­ter: @Brinkbaeumer.

PS

Aus­nahms­wei­se ein wer­ben­der Hin­weis in eige­ner Sache: Das Buch „Im Wahn – Die ame­ri­ka­ni­sche Kata­stro­phe“ (zusam­men mit Ste­phan Lam­by) erscheint am 28. Sep­tem­ber bei C.H.Beck. Unser Doku­men­tar­film „Im Wahn“ läuft am 26. Okto­ber um 22.50 Uhr in der ARD.