Die Kolumne von Klaus Brinkbäumer | Wellenlehre

Müns­ter, 2. Mai 2021

Lie­be Lese­rin­nen und lie­be Leser, 

die USA waren zer­strit­ten, hilf­los, dys­funk­tio­nal, Deutsch­land war soli­da­risch, ent­schlos­sen, kon­struk­tiv. Wenn Sie RUMS seit sei­ner Grün­dung oder jeden­falls schon seit über sechs Mona­ten fol­gen, dann wis­sen Sie, dass ich die­se Kolum­ne bis zum Herbst aus New York geschrie­ben habe, dem Welt­kri­sen­zen­trum, und von dort aus über die damals und aus der Fer­ne vor­bild­li­che Bun­des­re­pu­blik staunte. 

Eine Pan­de­mie? Ja klar, na und? Deutsch­land funktionierte.

Im ers­ten Halb­jahr 2020 ging das eine Land, unse­res, die Kri­se an, schien es die­se Kri­se zu bewäl­ti­gen, wäh­rend sich das ande­re, die USA, nicht dar­über eini­gen konn­te, ob die Kri­se denn wirk­lich eine Kri­se sei, und an sich selbst zu schei­tern schien. 

In die­sen ers­ten Mona­ten des Jah­res 2021 ist es umgekehrt.

Aber war­um? Was ist passiert?

  1. Poli­tik wird nicht via Twit­ter gemacht, auch nicht via „Bild“, nicht via Lärm also und auch nicht via Denun­zia­tio­nen. Oder doch: Wenn Poli­tik als Erzeu­gung von Neben­ge­räu­schen, als Ablen­kung vom Eigent­li­chen, als Intri­ge, als per­ma­nen­te Per­so­na­li­sie­rung im Sin­ne von „wer gewinnt heu­te, und wer ver­liert“ gedeu­tet wird, dann muss Poli­tik natür­lich eben­dort und exakt so gesche­hen. Wenn Poli­tik aller­dings Geset­ze erzeu­gen und durch aus­ge­ruh­tes Ent­schei­den und ein­deu­ti­ge Kom­mu­ni­ka­ti­on einen gleich­falls ein­deu­ti­gen Kurs defi­nie­ren will, dann geht das nur anders. 

  2. Twit­ter ist still gewor­den, seit Donald Trump dort ver­schwun­den ist. Trump schimpft inzwi­schen via Pres­se­mit­tei­lung, vier-, fünf­mal pro Woche bekom­me ich eine E-Mail von ihm, es liest sich hilf­los, nied­lich und ist banal, egal. Das Wei­ße Haus Joe Bidens hin­ge­gen lässt so gut wie nichts durch­si­ckern, der einst so ver­plap­per­te Biden hat so poin­tier­te wie kon­stan­te Botschaften. 

  3. In der Bun­des­re­gie­rung und der Kon­fe­renz der Minis­ter­prä­si­den­tin­nen und Minis­ter­prä­si­den­ten gibt es kei­ne ver­trau­li­che, kei­ne ver­trau­ens­vol­le Zusam­men­ar­beit mehr, über­all dop­pel­te Böden. Der begin­nen­de Wahl­kampf dürf­te ver­hin­dern, dass dies bis zum Sep­tem­ber noch ein­mal anders wer­den wird. 

  4. Gewal­ti­ge Pro­ble­me ver­lan­gen nach Kühn­heit und Intel­li­genz, dann nach Dis­zi­plin und Strin­genz. Das Han­deln der Bun­des­re­gie­rung in der Pan­de­mie erin­nert mich an ihr Han­deln nach Fuku­shi­ma oder auch in der (lei­der) soge­nann­ten Flücht­lings­kri­se (die Flücht­lin­ge sind nicht die Ursa­che jener Kri­se). Die Mer­kel-Regie­rung reagier­te jeweils kühn und gera­de­zu eupho­risch, und intel­li­gent ist die Kanz­le­rin gewiss, aber über die Lang­stre­cke kamen die Wider­sprü­che hin­zu, auch die Lan­ge­wei­le wegen des Immer­glei­chen, letzt­lich erra­ti­sches Handeln.

  5. Joe Biden wagt Din­ge außer­halb des Gewöhn­li­chen. Er brach­te Merck dazu, dem Kon­kur­ren­ten John­son & John­son bei der Her­stel­lung des Impf­stoffs zu hel­fen. Die gera­de noch hand­lungs­un­fä­hi­gen USA imp­fen inzwi­schen drei Mil­lio­nen Men­schen pro Tag. 

  6. Die Ham­bur­ger Ärz­tin Andrea Mül­ler-Sche­ven sag­te mir bei Recher­chen für den Tages­spie­gel: Es hät­te sofort eine Task For­ce mit Apo­the­kern und Ärz­tin­nen geben müs­sen, und wie­so nur gab es nicht „einen zwei Mona­te dau­ern­den ganz stram­men Lock­down und zugleich ganz viel Impf­stoff“? Impf­stoff müs­se neun Mona­te vor sei­nem Ein­satz in defi­ni­tiv aus­rei­chen­der Men­ge bestellt wer­den. Das hat die EU nicht geschafft, Deutsch­land auch nicht, dar­un­ter lei­den wir heu­te: „die­se Unent­schlos­sen­heit, die­ses Zer­fa­sern“, so Müller-Scheven.

  7. In den USA bestell­te die Trump-Regie­rung rück­sichts­los oder auch ent­schlos­sen Impf­stof­fe in gewal­ti­gen Men­gen. Die Biden-Regie­rung über­nahm am 20. Janu­ar im exakt rich­ti­gen Moment: als Logis­tik, Prä­zi­si­on, eben Klar­heit gefragt war. 

  8. Prä­si­dent Biden ver­steht Poli­tik als Auf­trag, und er sieht die Demo­kra­tie als sol­che in der Kri­se: Die USA und die Demo­kra­tie hät­ten nicht mehr end­los Zeit, sagt er. Dar­um kam er spek­ta­ku­lär gut vor­be­rei­tet ins Wei­ße Haus, und seit dem ers­ten Tag im Amt han­delt er auf diver­sen Ebe­nen so umfas­send, wie es ihm im heu­ti­gen Washing­ton mög­lich ist. (Um das Offen­sicht­li­che trotz­dem aus­zu­spre­chen: Die amtie­ren­de Bun­des­re­gie­rung ver­mit­telt die­se Dring­lich­keit nicht.) 

  9. Bei­de übri­gens, USA und Deutsch­land bzw. Euro­pa, machen den Feh­ler, zu sehr auf sich selbst zu schau­en. Die USA expor­tie­ren nun Impf­stof­fe, ja, aber dass die Kri­se aus Indi­en und Bra­si­li­en zu uns zurück­kom­men und end­los wer­den wird, ris­kie­ren Ame­ri­ka und Euro­pa. Mei­ne Mei­nung: Die Paten­te der Impf­stof­fe müs­sen frei­ge­ge­ben wer­den, jetzt, welt­weit, trotz der juris­ti­schen und öko­no­mi­schen Kon­se­quen­zen – denn alle ande­ren Kon­se­quen­zen sind wuchtiger.

  10. Wir reden hier über Wel­len. Also über etwas Beweg­li­ches. Wenn Biden die ers­ten Nie­der­la­gen hin­ter sich hat und falls in den USA bei den soge­nann­ten Mid­terms, den Kon­gress­wah­len in ein­ein­halb Jah­ren, die Demo­kra­ten die Mehr­heit in Senat oder Reprä­sen­tan­ten­haus ver­lie­ren, wäh­rend in Deutsch­land eine neue Regie­rung Tritt fasst und sich Kühn­heit und Dis­zi­plin ver­ord­net … nun … dann kann alles wie­der ganz anders sein. 

Mit herz­li­chen Grü­ßen aus Leipzig 

Ihr Klaus Brinkbäumer


Über den Autor

Klaus Brink­bäu­mer ist in Hil­trup auf­ge­wach­sen. Er ist Jour­na­list, Autor, Fil­me­ma­cher und seit Janu­ar Pro­gramm­di­rek­tor des Mit­tel­deut­schen Rund­funks in Leip­zig. Von 2015 bis 2018 war er Chef­re­dak­teur des Nach­rich­ten­ma­ga­zins Der Spie­gel. Brink­bäu­mer gewann unter ande­rem den Egon-Erwin-Kisch- und den Hen­ri-Nan­nen-Preis, im Jahr 2016 wur­de er zum Chef­re­dak­teur des Jah­res gewählt. Im Pod­cast „Okay, Ame­ri­ca?“ spricht er ein­mal wöchent­lich mit der Zeit-US-Kor­re­spon­den­tin Rie­ke Havertz über die poli­ti­sche Lage in den USA. Klaus Brink­bäu­mer lebt in Leipzig. 


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