Die Kolumne von Michael Jung | Knalleffekte am Hafenmarkt

Müns­ter, 15. Juli 2021

Guten Tag,

wenn Sie wie ich auch schon etwas älter oder zumin­dest mit­tel­alt sind, dann kön­nen Sie sich bestimmt noch an das Jahr 2001 erin­nern. Das war das Jahr von 9/11, und es war die Zeit, als die Dot­com-Bla­se platz­te. So man­ches, was man als New Eco­no­my gefei­ert hat­te, sah plötz­lich sehr alt aus. In Müns­ter war es das Jahr, in dem ein Stück Old Eco­no­my und Indus­trie­ge­schich­te zu Ende ging: Die Fir­ma Oster­mann-Schei­we muss­te Insol­venz anmelden.

Teil der Insol­venz­mas­se waren auch zen­tra­le Betriebs­grund­stü­cke und Hal­len in direk­ter Stadt­ha­fen­la­ge. Was für die Beschäf­tig­ten ein Unglück war und lan­ge Unsi­cher­heit nach sich zog, war für die Stadt­ent­wick­lung eine Chan­ce, wie sie sich sel­ten bie­tet: Wäre nicht dort, wo gegen­über in den 1990er-Jah­ren der „Krea­tiv­kai“ ent­stan­den war, ein guter Ort für neue Woh­nun­gen, in direk­ter Hafen­la­ge und innenstadtnah?

Die Idee war schnell Kon­sens – aber wenn Sie sich heu­te am Hafen umse­hen, dann stel­len Sie fest: Zwan­zig Jah­re sind in unse­rer Stadt kei­ne Zeit, in der man mit der Rea­li­sie­rung eines wich­ti­gen Vor­ha­bens rech­nen dürf­te, auch wenn Woh­nun­gen noch so knapp sind. Eigent­lich ist das ein Skan­dal, dass Ver­wal­tung und Poli­tik hier in den letz­ten zwan­zig Jah­ren nicht sehr viel wei­ter­ge­kom­men sind und das Osmo-Are­al noch immer eine Indus­trie­bra­che ist. Man kann dar­aus drei­er­lei lernen:

Ers­tens ist es mit neu­en Woh­nun­gen doch nicht so drin­gend, wenn es drauf ankommt, und zwei­tens stört es auch nie­man­den ernst­haft. Pro­tes­te gibt es nicht, wenn Hun­der­te Woh­nun­gen auch nach zwan­zig Jah­ren nicht ent­stan­den sind. Aber wenn in der Nähe Pla­ta­nen gefällt wer­den sol­len, dann geht’s rund. Und drit­tens läuft die Zeit für den Inves­tor, die Boden­prei­se stei­gen und steigen.

Ich möch­te die­sen unschö­nen Jah­res­tag ein­mal zum Anlass neh­men, mit Ihnen einen genaue­ren Blick auf die Pro­ble­me der Hafen­ent­wick­lung und damit auf eine zen­tra­le Zone der Stadt­ent­wick­lung zu werfen.

Das Privat-vor-Staat-Mantra wirkt fort

Aus der Osmo-Insol­venz ergab sich direkt eine zen­tra­le Fra­ge für die Stadt Müns­ter: Wer wür­de die Flä­chen erwer­ben, um dort zu bau­en? Und dar­an schloss sich eine wei­te­re Fra­ge an: Soll­te die Stadt sie selbst kau­fen? Nun waren die 2000er-Jah­re in Müns­ter eine Zeit abso­lu­ter CDU-Mehr­hei­ten und spä­ter die einer schwarz-gel­ben Koali­ti­on. Wich­ti­ger als die Stadt­ent­wick­lung war die Haus­halts­kon­so­li­die­rung, und als ein Instru­ment galt dabei, Flä­chen zu reduzieren.

In die­sem Kon­text traf die Stadt unter der Ägi­de des dama­li­gen Stadt­di­rek­tors Hart­wig Schult­heiß eine Grund­ent­schei­dung von erheb­li­cher stra­te­gi­scher Trag­wei­te: Sie erwarb die Hafen­flä­chen nicht aus der Insol­venz­mas­se. Damit war die Bahn frei für zwei Her­ren namens Andre­as Deil­mann und Rai­ner Maria Kre­sing, die sich die Flä­chen sicherten.

Die zen­tra­le Ent­schei­dung war damit gefal­len: Die Stadt besaß fort­an für die­se zen­tra­len Flä­chen nur das Instru­ment der Flä­chen­nut­zungs- und Bau­leit­pla­nung, war aber selbst nicht Eigen­tü­me­rin. Sie konn­te also nur den recht­li­chen Rah­men ver­än­dern, um Ein­fluss zu nehmen.

Die Indus­trie­flä­chen wür­den zu Wohn­flä­chen wer­den. Ihr Wert wür­de erheb­lich stei­gen. Doch von den Gewin­nen wür­den allein die Investor:innen pro­fi­tie­ren. Die Stadt war also im bes­ten Fal­le Part­ne­rin, im schlech­tes­ten aber nur noch Dienst­leis­te­rin für die pri­va­ten Entwickler:innen und Investor:innen, aber nicht selbst Entwicklerin.

Die­se Leit­ent­schei­dung wirkt bis heu­te fort und zog ande­re nach sich: Die Stadt und die Stadt­wer­ke ver­äu­ßer­ten in den Jah­ren danach immer wei­te­re Grund­stü­cke selbst aus eige­nem Besitz an Privatinvestor:innen. Zuletzt fand in den Jah­ren der schwarz-grü­nen Mehr­heit 2015 bis 2020 ein regel­rech­ter Aus­ver­kauf aller noch im Besitz von Stadt oder Stadt­wer­ken befind­li­cher Flä­chen an pri­va­te Eigentümer:innen statt. Damit ist sicher­ge­stellt, dass auch in Zukunft die Gewin­ne der Hafen­ent­wick­lung pri­vat ver­ein­nahmt wer­den, nur die Las­ten trägt die Allgemeinheit.

Zugleich bedeu­tet das auch, dass der Stadt in Zukunft nur die schwä­che­ren Instru­men­te des Pla­nungs­rechts zur Ver­fü­gung ste­hen, um in die­ser zen­tra­len Zone Stadt­ent­wick­lung zu betrei­ben. Sie ist immer auf den Kon­sens mit der Investor:innenseite ange­wie­sen. Dass das so gekom­men ist, war poli­tisch nicht alternativlos.

Die Stadt hät­te die Ent­wick­lung auch selbst vor­neh­men kön­nen – so wie das zum Bei­spiel bei den Kaser­nen­flä­chen aktu­ell auch geschieht. Das müss­te nicht bedeu­ten, dass die Stadt alles selbst baut und Pri­va­te nicht zum Zuge kom­men. Die Alter­na­ti­ve wäre gewe­sen: Die Stadt hät­te die Grund­stü­cke als Indus­trie­flä­chen kau­fen und spä­ter als Wohn­flä­chen zu einem bes­se­ren Preis ver­kau­fen kön­nen. Dann hät­te auch die All­ge­mein­heit finan­zi­ell pro­fi­tiert. Und die Stadt hät­te die Ent­wick­lungs­zie­le for­mu­lie­ren können.

Gentrifizierung, das sind die anderen

Rasch zeig­te sich: Das Ver­fah­ren sorg­te für Ärger, vor allem weil der dama­li­ge Stadt­bau­rat Hart­wig Schult­heiß bei der Hafen­ent­wick­lung auch kei­ner­lei beson­de­ren Wert auf Bürger:innenbeteiligung jen­seits der im Bau­recht vor­ge­schrie­be­nen For­men Wert leg­te. Und als Schwarz-Gelb 2009 Geschich­te war, beschloss eine bun­te Mehr­heit, das zu ändern. Das soge­nann­te Hafen­fo­rum wur­de gebo­ren. Die Orga­ni­sa­ti­on über­nahm die Ver­wal­tung. Und das bedeu­te­te: Alle Teilnehmer:innen durf­ten sagen, was sie sich so wünsch­ten, und so fand jede:r hin­ter­her in den Ergeb­nis­sen, was per­sön­lich gefiel und der eige­nen Mei­nung entsprach.

Nur im Kon­sens erar­bei­te­te und gemein­sam ver­ein­bar­te Zie­le gab es nicht – und genau das war von der Ver­wal­tungs­spit­ze auch nicht gewollt. Sie woll­te die­se Zie­le lie­ber in Pla­nungs­run­den mit den Investor:innen selbst verhandeln.

Aus die­sem Umstand ent­stand dann bald im Vier­tel um den Hafen eine beacht­li­che Pro­test­sze­ne, die die Hafen­ent­wick­lung fort­an kri­tisch beglei­te­te und sich regel­mä­ßig laut zu Wort mel­de­te. Inzwi­schen hat­ten zugleich näm­lich die Gen­tri­fi­zie­rung und der Genera­ti­ons­wech­sel rund um den Hafen Fahrt aufgenommen.

Aus dem eins­ti­gen „Klein-Muf­fi“ der klei­nen Leu­te wur­de ein hip­pes Stadt­vier­tel gut­ver­die­nen­der Akademiker:innen oder sol­cher, die das wer­den woll­ten – die, nach­dem sie selbst gekauft, saniert oder hoch­prei­sig gemie­tet hat­ten, die­ses Vier­tel fort­an zu ihrem erklärten.

Die­je­ni­gen, die das Vier­tel zu bewah­ren behaup­te­ten, waren nun nicht mehr die klei­nen Leu­te der 1980er-Jah­re, son­dern die WGs, die die eins­ti­gen Fami­li­en­woh­nun­gen nun zim­mer­wei­se teu­er mie­te­ten, oder die gut­ver­die­nen­den Sin­gles und Paa­re, die neu zuzo­gen – kurz: Men­schen, die wis­sen, was sie wol­len: Vor allem kei­ne Ver­än­de­rung im gera­de neu gewon­ne­nen Wohnumfeld.

Gen­tri­fi­zie­rung ent­deckt man näm­lich, wenn man aus dem Fens­ter sieht, und nie, wenn man in den Spie­gel schaut. Und so ent­stand eine explo­si­ve Mischung: Auf der einen Sei­te eine fast aus­schließ­lich investor:innengestützte Stadt­ent­wick­lung, auf der ande­ren Sei­te eine Pro­test­sze­ne, die sich kraft­voll zu orga­ni­sie­ren wuss­te. Fehl­te nur noch ein Sym­bol, an dem man alles fest­ma­chen konnte.

Ein Supermarkt als Symbol und der Kampf um Marktanteile

Das wur­de ein Super­markt. 2004, die Osmo-Insol­venz lag kurz zurück, und die Idee für neue Woh­nun­gen war auf dem Markt, ent­stand ein neu­es Ein­zel­han­dels­kon­zept – ein gro­ßer Plan, der unter ande­rem fest­leg­te, wo in der Stadt Super­märk­te in wel­chen Grö­ßen erlaubt sind. Am Hafen sah er ein „Nah­ver­sor­gungs­zen­trum“ vor. Die Fir­ma Stroet­mann, die kurz zuvor an der Fried­rich-Ebert-Stra­ße im Bezirk Schüt­zen­hof (wo die Gen­tri­fi­zie­rung damals noch auf sich war­ten ließ) ohne Pro­tes­te und Wider­stand einen gro­ßen Markt, ein soge­nann­tes E-Cen­ter, errich­tet hat­te, plan­te nun an die­ser Stel­le ein ver­gleich­ba­res Pro­jekt. Dafür erwarb das Unter­neh­men nun die Grund­stü­cke, vor allem das Are­al, auf dem sich bis dahin die Post befun­den hatte.

Bald erhob sich Pro­test: War das nicht ein wei­te­res Bei­spiel für die ver­fehl­te, von Inves­to­ren gesteu­er­te Pla­nung am Hafen und das Gegen­teil von Nah­ver­sor­gung? Braucht das Vier­tel wirk­lich ein gro­ßes E-Cen­ter? Aus die­sen Fra­gen ent­stand bald eine gro­ße Meis­ter­erzäh­lung – näm­lich die vom bösen Inves­tor, der mit sei­nem Super­markt­raum­schiff das gewach­se­ne schö­ne Vier­tel zer­stö­ren wollte.

Sol­che Geschich­ten sind vor allem des­we­gen so ein­gän­gig, weil sie die Welt so über­sicht­lich in Gut und Böse sor­tie­ren: Hier lau­ter Men­schen, denen die gewach­se­nen Struk­tu­ren ihres Vier­tels am Her­zen lie­gen, dort ein Inves­tor, der nur schnö­des Geld ver­die­nen will.

Sol­che Geschich­ten haben meis­tens den Haken, dass die Wirk­lich­keit kom­ple­xer ist, und dass es meis­tens auf bei­den Sei­ten Men­schen gibt, die Geld ver­die­nen wol­len. Und so ist es inter­es­sant zu sehen, wer denn den Pro­test eigent­lich anschob – das waren zwar auch inter­es­sier­te Bürger:innen, aber vor allem sol­che mit hand­fes­ten eige­nen Interessen.

Zuerst waren da näm­lich die Gewer­be­trei­ben­den der Waren­dor­fer und Wol­be­cker Stra­ße, vor allem aber betraf die Pla­nung natür­lich den vor­han­de­nen roten Super­markt auf der ande­ren Stra­ßen­sei­te. Das bedeu­te­te die Aus­sicht auf bein­har­te Kon­kur­renz im mar­gen­schwa­chen Lebens­mit­tel­ein­zel­han­del. Ent­spre­chend scharf wird der Kon­flikt bis heu­te geführt. Hört man die Gegner:innen an, dann ist auch sel­ten vom geplan­ten Dis­coun­ter oder vom Dro­ge­rie­markt die Rede, son­dern stets nur vom Hafenmarkt.

Das lenkt den Blick auf den Kern des Kon­flikts – und das ist eben ein Kampf um Markt­an­tei­le; es geht um knall­har­te Geschäfts­in­ter­es­sen, und zwar auf bei­den Sei­ten, nicht nur auf einer. So prä­sen­tier­te sich der aus Dort­mund betrie­be­ne vor­han­de­ne Super­markt auf der gegen­über­lie­gen­den Stra­ßen­sei­te fort­an als das hei­me­li­ge Geschäft für das Vier­tel und rea­li­sier­te schnell eine volu­mi­nö­se eige­ne Erweiterung.

Dane­ben bekam er an der Bahn­hofsost­sei­te noch den Zuschlag für einen künf­ti­gen Markt mit Sonn­tags­öff­nung dazu. Der Kampf um Markt­an­tei­le kennt ange­sichts des blo­ckier­ten Pla­nungs­ver­fah­rens für den Hafen­markt also bis­her eine kla­re Punkt­sie­ge­rin, und das ist kei­ne Fir­ma mit Sitz in Münster.

Die Grü­nen fan­den poli­tisch auch rasch in die Spur und boten sich als poli­ti­sche Partner:innen gegen die Pla­nun­gen an. So bil­de­te sich schnell eine Dage­gen-Alli­anz aus denen, die poli­tisch zu pro­fi­tie­ren hoff­ten, denen, die kei­ne Ver­än­de­rung woll­ten, und denen, die sich vor Kon­kur­renz abschir­men wollten.

Die­se Alli­anz war erstaun­lich erfolg­reich: Unter öffent­li­chem Druck wur­den die vor­ge­se­he­nen Ver­kaufs­flä­chen bald dras­tisch redu­ziert, und bei jeder Bera­tungs­run­de fie­len wei­te­re Qua­drat­me­ter fort. Inzwi­schen ist der einst als E-Cen­ter geplan­te Hafen­markt viel klei­ner als das Pro­jekt an der Friedrich-Ebert-Straße.

Der Inves­tor bekam immer neue Auf­la­gen: Min­des­tens 30 Woh­nun­gen soll­ten auch noch dazu kom­men, und vor allem ein Quar­tier­spark­haus wur­de von CDU und SPD dekre­tiert – um den Park­such­ver­kehr zu redu­zie­ren und damit dem Argu­ment ent­ge­gen­zu­tre­ten, es ent­ste­he immer mehr Verkehr.

Das wur­de dann direkt wie­der atta­ckiert: Der Inves­tor erhal­te – wie alle, die Stell­plät­ze schaf­fen – für den Bau auch noch Stell­platz­ab­lö­se­sum­men, ein Skan­dal! Seit die Grü­nen aller­dings auch für Quar­tiers­ga­ra­gen sind und das kon­kre­te Pro­jekt auch so benen­nen, ist die­ser Teil des Pro­jekts auf die gute Sei­te gewech­selt und wird nicht mehr angegriffen.

Die wei­te­re Geschich­te ist bekannt: Das Pro­jekt ging in den Bau, eine Kla­ge dage­gen vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt schei­ter­te, vor dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richt jedoch war sie erfolg­reich. Seit­her gilt ein Bau­stopp, und ein kor­ri­gier­ter Bebau­ungs­plan lässt auf sich war­ten. Bis dahin rot­tet der Roh­bau vor sich hin, und es wer­den ger­ne Geschich­ten erzählt, wie schön alles wer­den könn­te: Ein selbst­ver­wal­te­tes Kul­tur­zen­trum statt Investor:innen, und ganz vie­le preis­wer­te Wohnungen.

Nur der Weg dahin dürf­te schwie­rig wer­den: Erst müss­te die Stadt das Are­al kau­fen – und das zu erheb­lich gestie­ge­nen Grund­stücks­prei­sen und mit einem Roh­bau dar­auf, den man mit­kau­fen müss­te, plus Ent­schä­di­gung. Und dann müss­te man ihn erst ein­mal zurück­bau­en. Aber bis jetzt lässt die Stadt­ver­wal­tung sich mit den nächs­ten Schrit­ten Zeit. Den Ent­wurf eines Sat­zungs­be­schlus­ses für einen neu­en Bebau­ungs­plan hat sie noch nicht vor­ge­legt. Man kann also jetzt schon sagen: Die Geschich­te wird noch etwas dau­ern, der Show­down kommt aber sicher bald.

Sobald der Beschluss dann vor­liegt, wird es ein Wind­hund­ren­nen geben: Ist schnel­ler fer­tig gebaut? Dann hat der Inves­tor Glück, und es gilt der Bestands­schutz. Oder ist die Kla­ge schnel­ler? Kom­pro­mis­se sind kaum noch vor­stell­bar, wie das bei Sym­bo­len und knall­har­ten Inter­es­sen ja oft ist.

Das Domino-Spiel mit den Bebauungsplänen

Das Sym­bol ver­stellt aber auch den Blick auf die eigent­li­chen Fra­gen. Vor allem aber führt die Phan­tom­de­bat­te über wei­te­re Woh­nun­gen statt Super­markt dazu, dass die eigent­li­chen Wohn­bau­plä­ne auf dem Osmo-Are­al kaum dis­ku­tiert wer­den: Dort konn­te die Stadt­ver­wal­tung zwar jetzt einen Anteil Sozi­al­woh­nun­gen in der Pla­nung fest­schrei­ben, aller­dings um den Preis zahl­rei­cher hoch­prei­si­ger Ein­raum­ap­par­te­ments und zwei­fel­haf­ter Hotel­pla­nun­gen auf der ande­ren Seite.

Die erheb­lich gestie­ge­nen Boden­wer­te machen aber auch die lan­ge Ver­zö­ge­rung des Pro­jekts zu einem ein­träg­li­chen Geschäft – es gibt nur ein Pro­blem: Da die Ver­wal­tungs­füh­rung es im Rah­men ihrer inves­to­ren­ge­stütz­ten Ent­wick­lung so für rich­tig hielt, gibt es kei­nen Bebau­ungs­plan für das gan­ze Are­al, son­dern lau­ter Ein­zel­plä­ne, pass­ge­nau für jedes Einzelinteresse.

Was einst als vor­teil­haft erschien, könn­te jetzt ein dickes Ende fin­den: Die gesam­te Ver­kehrs­pro­gno­se hängt am Hafen­markt, die Bebau­ungs­plä­ne sind – bild­lich gespro­chen – wie in einem Domi­no-Spiel auf­ge­reiht: Fällt ein Stein, wird es nicht bei einem blei­ben. Die Wider­sprü­che in der Pla­nung sind schon jetzt offensichtlich.

Auf der einen Sei­te wird der Schil­ler­stra­ße eine ent­schei­den­de Erschlie­ßungs­funk­ti­on zuge­spro­chen. Das heißt, über sie soll der Auto­ver­kehr flie­ßen, um den Ring zu ent­las­ten. Gleich­zei­tig wird die Schil­ler­stra­ße immer wei­ter zur Fahr­rad­stra­ße umge­baut. Das Pro­blem Theo­dor-Schei­we-Stra­ße bleibt wei­ter bestehen – und wie löst man das Lärmproblem?

Die­se Fra­gen wer­den nicht nur für den Ein­zel­han­del zur Gret­chen­fra­ge, son­dern sie wer­den, wenn sie kei­ne recht­lich trag­fä­hi­ge Beant­wor­tung fin­den, auch von mas­si­ver Bedeu­tung für die wei­te­ren Bebau­ungs­plä­ne für ande­re Ent­wick­lungs­vor­ha­ben sein. In Kennt­nis die­ser Din­ge hol­te Stadt­bau­rat Robin Denstorff im Som­mer letz­ten Jah­res zum ent­schei­den­den Schlag auf den Gor­di­schen Kno­ten aus: ein­fach wei­ter­pla­nen, ein gro­ßes neu­es Wohn­ge­biet direkt im Anschluss – und vor allem: den wider­stre­ben­den Eigen­tü­mern, dar­un­ter Peter Schei­we und sein Nach­fol­ger Chris­ti­an Cor­des, mit dem Instru­ment des Pla­nungs­rechts fak­tisch auf­zei­gen, dass am Ende auch eine Ent­eig­nung ste­hen könn­te („Städ­te­bau­li­ches Erneuerungsgebiet“).

Die Über­le­gung dahin­ter: auf der einen Sei­te für die Öffent­lich­keit vie­le neue Woh­nun­gen in schö­nen Bil­dern auf­ma­len, auf der ande­ren Sei­te aber die omi­nö­se pri­va­te und aktu­ell gesperr­te Theo­dor-Schei­we-Stra­ße gleich mit in städ­ti­sche Hand brin­gen, die sei­ner­zeit Anlass für das Urteil des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts gegen die Hafen­markt­pla­nung war.

Dafür erhielt Denstorff im Som­mer 2020 trotz Beden­ken einen Rats­be­schluss (nur die FDP ent­hielt sich). Die nicht unwe­sent­li­che Tat­sa­che, dass bereits Bau­vor­anfra­gen vor­la­gen, spiel­te dar­in nur eine gerin­ge Rol­le. Inso­fern kön­nen die Eigen­tü­mer juris­tisch gesi­chert bele­gen, dass sie eige­ne, wert­hal­ti­ge Ent­wick­lun­gen planen.

Damit besit­zen die nicht ver­kaufs­wil­li­gen Eigen­tü­mer nun einen mäch­ti­gen juris­ti­schen Hebel, mit dem sie die gesam­te Pla­nung für ein Wohn­ge­biet nicht nur ver­zö­gern, son­dern mit guten Chan­cen ganz kip­pen kön­nen – und am Ende ent­ste­hen so nicht ganz vie­le neue Woh­nun­gen, son­dern Industrie.

Da dies wesent­lich auch Fra­gen der ver­kehr­li­chen Erschlie­ßung für die übri­gen Pro­jek­te betrifft, zie­hen hier dunk­le Wol­ken für die gesam­te Hafen­ent­wick­lung auf – und das, weil der Stadt­bau­rat wie­der ein­mal schö­nes Wet­ter mit bun­ten Bild­chen her­bei­zu­zau­bern versprach.

Damit sind wir schon beim ent­schei­den­den Punkt: Schon bis­her ret­te­te Robin Denstorff sei­ne sto­cken­de Pla­nung nur mit immer neu­en Anord­nun­gen, soge­nann­ten Ver­än­de­rungs­sper­ren, über die Zeit. Das hat fol­gen­den Hin­ter­grund: Wenn die Stadt erklärt, einen Bebau­ungs­plan auf­stel­len oder ändern zu wol­len, kann sie Bau­vor­anfra­gen für eine gewis­se Zeit stop­pen. Doch damit ist allen­falls auf der Zeit­schie­ne etwas gewon­nen, nicht in der Sache selbst: Wenn es Denstorff nicht gelingt, die unter­schied­li­chen Enden (Hafen­cen­ter, Osmo-Are­al plus LVM/K­uhr-Pro­jek­te, Wohn­ge­biet Albers­lo­her Weg bis Hafen­kan­te) pla­ne­risch so zusam­men­zu­fü­gen, dass sie allen juris­ti­schen Anfech­tun­gen stand­hal­ten, dann wird es schiefgehen.

Die kri­ti­schen Punk­te sind die Ver­kehrs­pro­gno­sen, die auch wei­ter­hin auf im Detail bemer­kens­wer­ten Annah­men beru­hen, die Lärm­pro­ble­ma­tik sowie die Bau­vor­anfra­gen, die für meh­re­re Punk­te in unter­schied­li­chen Pla­nungs­vor­ha­ben bestehen und den städ­ti­schen Inten­tio­nen zuwi­der­lau­fen. Und die Kern­fra­ge ist schließ­lich, ob es über­haupt gelingt, die unter­schied­li­chen Ein­zel­plä­ne zu einem kon­gru­en­ten gesam­ten Ent­wick­lungs­vor­ha­ben zusammenzubinden.

Auf der ande­ren Sei­te mar­schie­ren die Gegner:innen auf: Die Kla­ge gegen den Hafen­markt ist sicher, die­je­ni­gen gegen das Ent­eig­nungs­vor­ha­ben auch, und je nach Aus­gang könn­ten schnell wei­te­re dazu­kom­men. Betrach­tet man die Art, mit der Robin Denstorff sei­ne Pla­nun­gen in der Ver­gan­gen­heit ange­gan­gen ist, und berück­sich­tigt man, dass die Stadt zuletzt bei allen Kla­gen gegen gro­ße Bebau­ungs­plä­ne unter­le­gen war, fällt die Pro­gno­se nicht gut aus.

So kann es gut sein, dass die Feh­ler vom Beginn am Ende noch zu grö­ße­ren Knall­ef­fek­ten füh­ren – und zwar dass die Stadt die Flä­chen nicht selbst gekauft und die Bebau­ungs­plä­ne investor:innenfreundlich por­tio­niert hat. Es bleibt inter­es­sant am Hafen. Wenn Sie noch jün­ger sind, kön­nen Sie dann mal sehen, was in den nächs­ten zwan­zig Jah­ren rea­li­siert sein wird.

Herz­li­che Grü­ße
Ihr Micha­el Jung 


Über den Autor

Micha­el Jung lebt schon immer in Müns­ter. Er wur­de 1976 hier gebo­ren. Er hat an der Uni Müns­ter Latein und Geschich­te stu­diert und in Geschich­te pro­mo­viert. Heu­te ist er Leh­rer am Annet­te-Gym­na­si­um in Müns­ter. Micha­el Jung war vie­le Jah­re in der Poli­tik: Von 2013 bis 2020 war er Frak­ti­ons­chef der SPD im Rat der Stadt, im Jahr 2020 trat er für die SPD bei den Kom­mu­nal­wah­len als Ober­bür­ger­meis­ter­kan­di­dat an. 

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