Die Kolumne von Michael Jung | Die Mutter aller gebrochenen Wahlversprechen

Müns­ter, 24. Juli 2022

Guten Tag,

an die­sem Wochen­en­de beginnt eine neue Fuß­ball­sai­son, und für den SC Preu­ßen Müns­ter heißt das: Auf zu Spie­len gegen Wat­ten­scheid, Kaan-Mari­en­born und Lipp­stadt. Nach dem etwas brä­si­gen Abstieg aus der drit­ten Liga vor zwei Jah­ren, als man lan­ge gegen das Ende des Lock­downs klag­te und viel über die Unge­rech­tig­kei­ten des Lebens lamen­tier­te, griff man im letz­ten Jahr in der Regio­nal­li­ga oben an. 

Es gab eine sport­lich über­zeu­gen­de Mann­schaft und eine klu­ge Kader­pla­nung, Din­ge, die man vom SC Preu­ßen lan­ge nicht kann­te. Was man aber kann­te, war, dass es tra­gisch enden muss­te, wenn es um den Auf­stieg geht. Das Spiel­glück war noch nie beim SC Preußen. 

Das Sai­son­ende brach­te eine ernüch­tern­de Bilanz: Am Ende fehl­ten drei Tore zum Auf­stieg in die drit­te Liga, und der West­fa­len­po­kal ging im Fina­le auch noch ver­lo­ren. Aber immer­hin war man im letz­ten Jahr der ein­zi­ge Ver­ein in Deutsch­land, der erst nach zwei Nie­der­la­gen aus dem DFB-Pokal aus­schied. Den Sai­son­start möch­te ich zum Anlass neh­men, mit ihnen einen Blick auf den SC Preu­ßen als kom­mu­nal­po­li­ti­sches The­ma zu werfen.

Das große Versprechen

Im Juni 1989, die Ber­li­ner Mau­er schien noch für die Ewig­keit gebaut, ver­zeich­ne­te der SC Preu­ßen Müns­ter einen gro­ßen sport­li­chen Erfolg: Der Auf­stieg in die Zwei­te Bun­des­li­ga konn­te gefei­ert wer­den. Das war ein Tag, an den sich nur noch die Älte­ren erin­nern kön­nen, alle Jün­ge­ren haben seit­her drei Abstie­ge und einen Auf­stieg erle­ben dür­fen, sieb­zehn Trai­ner hat­te der Ver­ein in der Zeit, wäh­rend Deutsch­land mit einer Kanz­le­rin auskam. 

Sport­lich gab es also viel Tris­tesse, aber das war im Som­mer 1989 eine Zukunft, die sich nie­mand vor­stel­len konn­te. Preu­ßen war wie­der da. Und da die CDU in Müns­ter immer Gro­ßes mit unse­rer Stadt vor­hat, vor allem dann, wenn kurz dar­auf eine Kom­mu­nal­wahl ansteht, gab der dama­li­ge Ober­bür­ger­meis­ter Jörg Twen­hö­ven ein Ver­spre­chen. Den auf dem Prin­zi­palmarkt ver­sam­mel­ten Fans ver­sprach er ein neu­es Stadion. 

Die­ses Wort von vor über 30 Jah­ren hallt heu­te noch nach. Es ist zur Mut­ter aller gebro­che­nen Wahl­ver­spre­chen gewor­den. Schon damals zeig­te sich näm­lich: Die lang­jäh­ri­ge Mehr­heits­par­tei in Müns­ter hat ein eher tak­ti­sches Ver­hält­nis zu gro­ßen The­men der Stadt­ent­wick­lung. Nach der gewon­ne­nen Wahl im Herbst 1989 war es nicht mehr so eilig, und der SC Preu­ßen stieg ja auch schon 1991 wie­der ab. 

Gleich­wohl wur­den in Müns­ter Pla­nun­gen betrie­ben, und wie immer, wenn ein teu­res Pro­jekt im Raum steht, war auch damals der Ruf im spar­sa­men Müns­ter: Ein neu­es Sta­di­on ger­ne, nur soll es bit­te nichts kos­ten. Und so gaben sich vor allem die CDU und die SPD – dem Mehr­heits­wech­sel im Rat­haus 1994 zum Trotz – gemein­sam der Illu­si­on hin, so kön­ne das was werden. 

Aussichten, die nicht alle freuten

Mit dem Shop­ping­mall-Betrei­ber ECE ent­stand also die Idee vom „Preu­ßen­park“ an der Ham­mer Stra­ße. Ein neu­es Sta­di­on soll­te da ent­ste­hen, aber eben auch eine rie­si­ge Ein­kaufs­mall. Das waren Aus­sich­ten, die nicht alle freu­ten, vor allem jene nicht, die an der bis­he­ri­gen Mall auf dem Prin­zi­palmarkt ihre Geschäf­te betrie­ben. Mit die­sem Kon­zept gelang es dem SC Preu­ßen, sich rele­van­ten Wort­füh­rern in der Müns­ter­i­schen Wirt­schaft zu ent­frem­den, auch das hat­te lang­fris­ti­ge Folgen. 

Stadt­po­li­tisch zeig­te sich damals, dass die Grü­nen sol­chen Vor­ha­ben gene­rell kri­tisch gegen­über­stan­den und bereit waren, die­se Hal­tung auch mit Ver­ve gegen den Ver­ein zu wen­den. Eine gan­ze Genera­ti­on grü­nen Füh­rungs­per­so­nals ver­folg­te den Ver­ein fort­an mit grim­mi­ger Ableh­nung, der eine ließ sich demons­tra­tiv im Tri­kot eines berüch­tig­ten ost­west­fä­li­schen Ver­eins sehen, der ande­re fei­er­te jede Nie­der­la­ge des SCP wie ande­re einen Sieg. 

Auch die­se Front­li­nie präg­te das Ver­hält­nis des Ver­eins zur Poli­tik für Jah­re. Der Rat ver­ab­schie­de­te 1997 den Bebau­ungs­plan für den Preu­ßen­park den­noch. Und wäh­rend es in Ober­hau­sen im glei­chen Zeit­geist zur Eröff­nung des „Cen­trO“ kam und die Innen­stadt unter­ging, klag­te man in Müns­ter vor Gericht. 

2001 war die Kla­ge erfolg­reich, der Preu­ßen­park geschei­tert. Das war eine gute Nach­richt für die Struk­tur der Innen­stadt und auch für rele­van­te Tei­le der Tra­di­ti­ons­ba­tail­lo­ne der müns­ter­i­schen Wirt­schaft, aber eine schlech­te für den Ver­ein, der nach dem Urteil eine wirt­schaft­li­che und sport­li­che Tal­fahrt erleb­te, die 2006 in der vier­ten Liga ende­te. Einen Plan B gab es näm­lich nicht. Die Stadt mach­te sich halb­her­zig auf die Suche nach einem Alter­na­tiv­stand­ort für ein Sta­di­on, da am bis­he­ri­gen Stand­ort, wo Lärm­schutz den Aus­schlag gegen den Preu­ßen­park gege­ben hat­te, kaum noch etwas mög­lich erschien. 

Fünf Millionen als städtischen Zuschuss

Es fand sich kein geeig­ne­ter Stand­ort. Am Ende half die Stadt mit einer Mehr­heit, die man damals noch nicht Jamai­ka nann­te, dem Ver­ein ein wenig, damit zumin­dest die Insol­venz abge­wen­det wer­den konn­te. CDU, Grü­ne und FDP modi­fi­zier­ten das Ver­spre­chen von 1989 grund­le­gend – fünf Mil­lio­nen Euro soll­te es noch geben für ein Sta­di­on als städ­ti­schen Zuschuss, den Rest sol­le der Ver­ein bit­te selbst erledigen. 

Ein Grund­stück an der Nie­ber­ding­stra­ße, das der Stadt gar nicht kom­plett gehör­te, wur­de mit gro­ßer Ges­te in den Flä­chen­nut­zungs­plan ein­ge­zeich­net als neu­er Stand­ort, aber wich­ti­ger war etwas ande­res: Bis es soweit wäre, soll­te der Ver­ein für maxi­mal fünf Jah­re die „Zin­sen“ der Sum­me, näm­lich eine Vier­tel­mil­li­on Euro jähr­lich, als Zuschuss erhal­ten, und wenn er für fünf Mil­lio­nen Euro kein Sta­di­on hin­be­kä­me, dann soll­ten die auch für etwas ande­res im Sta­di­on flie­ßen können. 

Das war der Grund, war­um der kurz vor der Insol­venz ste­hen­de Ver­ein zugriff: Der Preis war, dass das Ver­spre­chen von 1989 offi­zi­ell abge­räumt war. Es zeig­te sich erneut: Wenn es um Macht und Mehr­heit geht, ist das Ver­hält­nis der CDU zum Ver­ein tak­ti­scher Natur. Fort­an gab es also zwei Sta­di­en in der Stadt, eines in trü­bem Bau­zu­stand, aber real, und ein fik­ti­ves im Flä­chen­nut­zungs­plan, aber ohne Bau­recht, ohne Finan­zie­rung und ohne Realisierungschance.

Der Ver­ein mach­te mit neu­er Füh­rung das Bes­te aus der ver­fah­re­nen Lage: Er sanier­te sich mit Hil­fe des städ­ti­schen Zuschus­ses und eines neu­en star­ken Manns. Der kam – wie schon die frü­he­re Ver­eins­füh­rung – aus den Berei­chen der müns­ter­i­schen Wirt­schaft, die nicht auf Tra­di­ti­on und Erbe zäh­len konn­ten, son­dern mit neu­en Geschäfts­mo­del­len zu Geld gekom­men waren und nun im Sport gesell­schaft­li­che Repu­ta­ti­on zu kau­fen erhofften. 

Der Fußballaufschwung zog an Münster vorbei

Der eine Fran­chise­neh­mer einer Bur­ger­ket­te, der ande­re Zeit­ar­beits­fir­men­grün­der, bei­des nicht auf dem Prin­zi­palmarkt gewach­sen. Nach dem Preu­ßen­park-Deba­kel hiel­ten die eta­blier­ten Fami­li­en, das alte Geld, sich in Müns­ter wei­ter sau­ber auf Distanz zum Ver­ein. Wenn schon Sport, dann för­der­te man lie­ber den Damen­vol­ley­ball beim USC oder die Rei­te­rei. So kam es, dass der gro­ße Fuß­bal­lauf­schwung der 2000er-Jah­re an Müns­ter vor­bei­zog, trotz eines nach wie vor star­ken Mar­ken­kerns eines Tra­di­ti­ons­ver­eins und Bundesliga-Gründungsmitglieds. 

Vie­le Ver­ei­ne sah der SC Preu­ßen an sich vor­bei­zie­hen. Immer­hin gelang der Ver­eins­füh­rung die wirt­schaft­li­che Sta­bi­li­sie­rung. 2008 ent­schied man sich dann, die ver­spro­che­nen fünf Mil­lio­nen zu neh­men, um damit wenigs­tens die Haupt­tri­bü­ne zu erneu­ern. Bezeich­nen­der­wei­se muss­te viel Geld als Eigen­leis­tung in die Sanie­rung einer eigent­lich städ­ti­schen Immo­bi­lie gesteckt wer­den, wäh­rend eini­ge Kilo­me­ter wei­ter süd­lich gro­ße Tra­di­ti­ons­ver­ei­ne auch mit dem Geld ihrer Städ­te, die im Not­haus­halts­recht stan­den, ganz anders aufrüsteten. 

In Müns­ter blie­ben die Blei­stif­te gespitzt, wenn es um den SC Preu­ßen ging. Das lag auch an der Bezirks­re­gie­rung, die in Müns­ter auch schon mal auf der Grund­la­ge von Zei­tungs­be­rich­ten kri­tisch anfrag­te, ob das wohl ange­he, dass Flut­licht­mas­ten im städ­ti­schen Sta­di­on kom­mu­nal bezahlt wer­den sollten. 

Was im Zustän­dig­keits­be­reich der­sel­ben Behör­de gleich­zei­tig in königs­blau aus kom­mu­na­len Kas­sen finan­ziert wur­de, inter­es­sier­te weit weni­ger. Trotz die­ser Begleit­um­stän­de gelang es der Ver­eins­füh­rung, den Stand­ort Ham­mer Stra­ße in klei­nen Schrit­ten moder­ni­siert zu bekom­men. Dahin­ter stand die Über­zeu­gung, dass der Neu­bau­plan von einst end­gül­tig gestor­ben sei. 

Nichts ist einfach, und nichts wird einfach gut

Es war ein zähes Rin­gen um jeden Euro mit der Stadt und ihren wech­seln­den poli­ti­schen Mehr­hei­ten. Am Ende zei­tig­ten die mit der neu­en Tri­bü­ne ver­bes­ser­ten Ver­mark­tungs­mög­lich­kei­ten immer­hin einen ers­ten sport­li­chen Erfolg, 2011 gelang mit der vor­über­ge­hen­den Rück­kehr in die Dritt­klas­sig­keit auch die in den pro­fes­sio­nel­len Fußball. 

Wei­te­re Schrit­te soll­ten fol­gen, zur Mit­te des Jahr­zehnts zeich­ne­te sich ab, dass auch die West­tri­bü­ne erneu­ert wer­den soll­te. Dis­ku­tiert wur­de ein städ­ti­scher Neu­bau mit Ver­mie­tung an den Ver­ein. Hin­ter den Kulis­sen gab es dazu grund­sätz­lich die poli­ti­sche Eini­gung mit der Ver­eins­füh­rung. Doch wir reden vom SC Preu­ßen. Nichts ist ein­fach, und nichts wird ein­fach gut. Des­we­gen begann das Spiel plötz­lich von vor­ne. Das ist auch für Müns­ters Rat­haus­po­li­tik typisch: Nach zehn oder fünf­zehn Jah­ren dreht die Debat­te ein­fach wie­der auf ihren Aus­gangs­punkt zurück und fängt von vor­ne an. So ist es mit dem Ruf nach einer Musik­hal­le, so kam es auch mit dem Stadion.

In den Jah­ren 2015 und 2016 warf die Ver­eins­füh­rung nach einem Jahr­zehnt hin, eine neue über­nahm, und gleich die ers­te Pres­se­kon­fe­renz wur­de zum Fanal. Die neue Trup­pe um den dama­li­gen SPD-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten Chris­toph Sträs­ser ver­kün­de­te: Ziel sei ein neu­es Sta­di­on für 40.000 Zuschau­en­de, und die Stadt wer­de es nichts kos­ten. Inves­to­ren stün­den bereit. 

In den Mona­ten zuvor hat­te der Betrei­ber einer bun­des­weit agie­ren­den Klei­dungs­ket­te hin­ter den Kulis­sen bereits für die­ses Modell getrom­melt, in Augs­burg habe das auch geklappt. Die Inves­ti­ti­on wer­de durch die zu erwar­ten­den Fern­seh­gel­der beim Auf­stieg wirt­schaft­lich. Das Pro­blem war nur: Des­sen Auf­trit­te waren in der Rat­haus­po­li­tik völ­lig durch­ge­fal­len, nun aber mach­te die neue Ver­eins­füh­rung dies zu ihrem Programm. 

40 Millionen für ein runderneuertes Stadion

Die Poli­tik ver­hielt sich distan­ziert, nur die SPD folg­te dem Ver­ein, an des­sen Spit­ze nun ein­mal ihr eige­ner Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter stand. Es kam, wie es kom­men muss­te: Die Debat­te, die 2001 bis 2008 geführt wor­den war, wie­der­hol­te sich ein­fach, aller­dings in geraff­ter Form. Die Stadt konn­te und woll­te kein geeig­ne­tes Grund­stück fin­den, es folg­te wie 15 Jah­re zuvor der Debat­ten-Schlen­ker, ob der Ver­ein dann nicht bes­ser hin­ter der Stadt­gren­ze schau­en soll­te, schließ­lich die Ent­schei­dung: Nein, es bleibt doch bei der Ham­mer Stra­ße. Das alte Sta­di­on wird moder­ni­siert. Inzwi­schen war es 2018 gewor­den, und natür­lich war in der Zwi­schen­zeit im alten Sta­di­on auch nichts mehr passiert.

Nach­dem die Ver­eins­füh­rung nun bei­dreh­te und die Idee vom neu­en Sta­di­on fal­len ließ und auf den alten Pfad der Moder­ni­sie­rung zurück­kehr­te, beweg­te sich auch die Poli­tik. Und wie­der war es die CDU – die Wah­len 2020 fest im Blick – die zusam­men mit ihrem dama­li­gen Koali­ti­ons­part­ner von den Grü­nen eine Sum­me in den Haus­halt schrieb: 40 Mil­lio­nen für ein rund­erneu­er­tes Sta­di­on soll­ten von der Stadt kom­men, der CDU-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de sah schon die Bag­ger rollen. 

Auch wenn das noch bis in die­sen Som­mer dau­ern soll­te, war es ein typi­sches Mus­ter für die Sta­di­on­po­li­tik der CDU der letz­ten drei Jahr­zehn­te: Vor der Wahl schnell mal ein Ver­spre­chen raus­hau­en, man wird hin­ter­her sehen, was draus wird. Auf der Grund­la­ge began­nen also die Pla­nun­gen der Ver­wal­tung, und die Ent­schei­dungs­pro­zes­se gin­gen vor­an. Sogar der Abriss der alten West­kur­ve begann die­sen Som­mer nach Sai­son­schluss. Nun aber steht die Debat­te vor einem neu­en High­light. Nach dem Som­mer steht eine neue Sta­di­on­vor­la­ge zur Bera­tung an.

Deren Kern­in­halt kann man so zusam­men­fas­sen: Es ist das gesche­hen, was SPD und FDP der CDU und ihrem dama­li­gen Part­ner von den Grü­nen schon 2018 vor­ge­hal­ten hat­ten: Dass näm­lich 40 Mil­lio­nen im Haus­halt eine will­kür­lich gegrif­fe­ne Sum­me sind, nahe an der Uto­pie. Schon ein klei­ner Blick auf ver­gleich­ba­re Pro­jek­te in ande­ren Städ­ten, wo auch alte Sta­di­en saniert wer­den muss­ten wie zum Bei­spiel in Karls­ru­he, zeig­te von Anfang an: Für 40 Mil­lio­nen ist das nicht zu haben. 

100 Millionen sind die unterste Kostengrenze

Und so kommt im Sep­tem­ber jetzt die gro­ße offi­zi­el­le Über­ra­schung: Das kos­tet doch eher 100 Mil­lio­nen oder sogar dar­über. Also so viel wie in Karls­ru­he auch. Und das ist erst die Kos­ten­schät­zung, die der­zeit davon galop­pie­ren­den Bau­kos­ten dürf­ten noch man­che Über­ra­schung bereit­hal­ten. So kann man sicher sein: 100 Mil­lio­nen sind die unters­te Gren­ze bei den Kos­ten, wenn man das Sta­di­on kom­plett aus­baut. Und alles, was mit Mar­ke­ting und Logen zu tun hat, soll sowie­so der Ver­ein allei­ne tra­gen, was noch ein­mal einen mitt­le­ren ein­stel­li­gen Mil­lio­nen­be­trag kos­ten wird. Im Sep­tem­ber steht nach 30 Jah­ren Debat­te jetzt wie­der mal ein ent­schei­den­des poli­ti­sches Spit­zen­spiel an.

Zugleich zeigt sich aber auch, in wel­che Fal­le der Ver­ein wie­der ein­mal gelau­fen ist. Trotz eini­ger poli­ti­scher Erfah­rung, die in den Füh­rungs­gre­mi­en ver­sam­melt ist, hat­te man offen­bar den Unter­schied zwi­schen „es gibt 40 Mil­lio­nen“ und „es gibt ein kom­plett sanier­tes Sta­di­on“ für gering gehal­ten. Zwar war es gelun­gen, die zwi­schen­zeit­lich rele­vant erschei­nen­de Fra­ge nach der Kos­ten­über­nah­me für die Alt­las­ten am Sta­di­on­stand­ort in den Ver­hand­lun­gen der aktu­el­len Rat­haus­ko­ali­ti­on aus der Sum­me aus­zu­klam­mern, doch jetzt zeigt sich: Ent­schei­den­der war ein ganz ande­rer Punkt. 

Wäh­rend die ers­te Mach­bar­keits­stu­die zur Sanie­rung noch davon gespro­chen hat­te, dass ein Umbau als Kom­plett­maß­nah­me in einem Guss ange­gan­gen wer­den soll­te, erhob der Ver­ein Ein­spruch: Wo soll­te denn wäh­rend der Bau­zeit gespielt wer­den? Anders als der KFC Uer­din­gen, der zeit­wei­se in Lot­te spiel­te, woll­te man daheim blei­ben. Die Kon­se­quenz: In den wei­te­ren Pla­nun­gen war eine Sanie­rung in Bau­ab­schnit­ten und Modu­len geplant. 

Fin­di­ge poli­ti­sche Köp­fe hät­ten dar­auf kom­men kön­nen, was das bedeu­tet – näm­lich, dass jeder Bau­ab­schnitt neu beschlos­sen und geneh­migt wer­den müss­te. Genau das schlägt die aktu­el­le Ver­wal­tungs­vor­la­ge jetzt vor. Die auf­ge­reg­te Reak­ti­on der Ver­eins­füh­rung zeigt der Öffent­lich­keit: Die­se Gefahr hat­te man offen­bar ein wenig unter­schätzt. Denn die Rea­li­sie­rung soll (im bes­ten Fall) bis 2027 erfol­gen, dazwi­schen liegt noch eine Kom­mu­nal­wahl. Damit hät­te der Ver­ein also kei­ner­lei Pla­nungs­si­cher­heit, ob er am Ende ein kom­plett sanier­tes Sta­di­on oder eben nur eine Teil­lö­sung hat, zum Bei­spiel eine neue Westtribüne. 

Die überraschende Erkenntnis: Stadien kosten Geld

Dazu kommt die Erkennt­nis, die sich unlängst schon beim Stadt­haus IV-Pro­jekt und der Mat­hil­de-Anne­ke-Gesamt­schu­le zeig­te: Nur weil die CDU sich eine bestimm­te schö­ne, run­de Kos­ten­sum­me aus­denkt für ein Neu­bau­vor­ha­ben und sie mit Mehr­hei­ten in Rats­be­schlüs­se gießt, sind das dann nicht die rea­len Kosten. 

So wenig wie die Gesamt­schu­le für 50 Mil­lio­nen zu haben war, kos­tet die Sta­di­onsa­nie­rung 40 Mil­lio­nen. Jetzt ist klar: Für man­che über­ra­schend, kos­ten Sta­di­en doch Geld. Es kommt nir­gend­wo die Fee mit dem Füll­horn, die Geld ver­schenkt, auch wenn sie in Müns­ter bei jedem Groß­pro­jekt immer wie­der sehn­lichst erwar­tet wird (erin­nern Sie sich an die Musik-Cam­pus-Debat­te). Über drei­ßig Jah­re spä­ter liegt jetzt die Rech­nung für Jörg Twen­hö­vens Wahl­ver­spre­chen auf dem Tisch. Das ist auch gut so, denn jetzt muss die Poli­tik klar sagen, was sie will.

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Ange­fan­gen hat stan­des­ge­mäß die Par­tei, die in den letz­ten drei­ßig Jah­ren den größ­ten Anteil dar­an hat­te, dass die Debat­te so lief, wie sie lief, näm­lich die CDU. Zu Beginn der Som­mer­fe­ri­en ließ der CDU-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de ver­lau­ten, wie er sich den Umgang mit der Fra­ge vor­stellt. Er sprach sich dafür aus, das Sta­di­on-Bau­pro­gramm umzu­set­zen, aller­dings füg­te er hin­zu: „so zügig wie mög­lich und die städ­ti­schen Finan­zen es verkraften“. 

Das nennt man dann wohl einen Haus­halts­vor­be­halt, und es ist weit weg von dem Getö­se, das man vor der letz­ten Wahl wie­der ange­stimmt hat­te, als man ein kom­plett sanier­tes Sta­di­on ver­spro­chen hat­te. Dank der modu­la­ri­sier­ten Pla­nung kann man dann eben immer wie­der neu dis­ku­tie­ren, ob das denn jetzt wirk­lich noch sein muss. Die­sel­be Par­tei, die vor Wochen noch alle, die hun­dert Mil­lio­nen für einen Musik-Cam­pus kri­tisch sahen, als Klein­geis­ter abschrieb, for­mu­liert nun Haus­halts­vor­be­hal­te. Auch das ist natür­lich kein Zufall.

Brünstiges Balzverhalten

Wie­der ein­mal ist die Sta­di­on­de­bat­te Teil tak­ti­scher Spiel­chen, zual­ler­letzt geht es um den Ver­ein und die Sache. Dar­um ging es der CDU in den letz­ten drei­ßig Jah­ren nie, son­dern immer nur um den Macht­er­halt. So ist das bis heu­te geblie­ben. Und so sind die ers­ten Ein­las­sun­gen der CDU-Frak­ti­ons­spit­ze zum The­ma vor allem als brüns­ti­ges Balz­ver­hal­ten zu sehen. 

Sie zie­len nicht auf den Ver­ein oder sei­ne Fans, sie zie­len auf den umwor­be­nen Balz­part­ner, die Grü­nen. Deren Begeis­te­rung für ein der­art volu­mi­nö­ses Sta­di­on­pro­jekt dürf­te sich in Gren­zen hal­ten, auch wenn dort das eins­ti­ge Kriegs­ge­schrei gegen den Ver­ein auch dank neu­en Per­so­nals inzwi­schen einer ande­ren Ton­la­ge Platz gemacht hat. 

Zuletzt hat­te die grü­ne Frak­ti­on Sta­di­on­vor­la­gen nur noch mit aller­lei klein­tei­li­gen Nicke­lig­kei­ten ver­se­hen. Zusam­men mit den freund­li­chen Ein­las­sun­gen des CDU-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­den zu dem neu­er­dings angeb­lich bestehen­den gro­ßen Kon­sens beim alten Streit­the­ma Ver­kehr zeigt sich auch hier: Die CDU setzt wie­der voll auf die Grü­nen als poten­zi­el­len Part­ner zur Absi­che­rung poli­ti­schen Einflusses. 

Die Situa­ti­on ist güns­tig wie nie: In Düs­sel­dorf gera­de Schwarz-Grün als Gegen­mo­dell zur Ampel im Bund eta­bliert, mit etli­chen Akteur:innen aus Müns­ter dabei, im Lan­des­haus beim LWL gemein­sam unter­wegs, wünscht die CDU sich in Müns­ter das auch wieder. 

Ein Thema für die nächsten 30 Jahre

Nach dem tak­ti­schen Bruch zwei Mona­te vor der letz­ten Wahl ste­hen die Zei­chen güns­tig wie nie. Der aktu­el­le Part­ner der Grü­nen, die SPD, ist gera­de mit der Suche nach dem vier­ten Frak­ti­ons­chef in zwei Jah­ren beschäf­tigt, da erhöht die CDU die Inten­si­tät des Balz­rufs. Und man weiß jetzt schon: Ihr Ver­hal­ten zu Ver­ein und Sta­di­on war immer rein macht­tak­tisch geprägt, und das ist es wie­der: Wenn der Preis für die Rück­kehr in die Mehr­heit im Rat­haus das Sta­di­on ist, dann wird die CDU kein Pro­blem damit haben, es wie­der ein­mal zu opfern. 

Dann wird eben nur die West­tri­bü­ne gebaut, natür­lich nur wegen der schwie­ri­gen Finanz­la­ge. Alles wei­te­re viel­leicht irgend­wann mal spä­ter. Haupt­sa­che, man hat vor der nächs­ten Kom­mu­nal­wahl 2025 ein schö­nes Foto von der Eröff­nung der West­sei­te. Der Ver­ein hät­te dann genau das bekom­men, was er zehn Jah­re frü­her auch schon hät­te haben kön­nen und so wie­der ein­mal ein Jahr­zehnt Ent­wick­lung ver­lo­ren, das ande­re genutzt haben. 

Die Stadt hat ein The­ma für die nächs­ten 30 Jah­re. Gespielt wird näm­lich wei­ter. Im Rat­haus um die Macht. Im Sta­di­on gegen Kaan-Mari­en­born. Und zumin­dest für das Letz­te­re wün­sche ich an die­ser Stel­le alles Gute, sport­lich hat der Ver­ein in den letz­ten zwei Jah­ren vie­les ver­bes­sert. Es gibt Weni­ges, was ich mir in Müns­ter mehr wün­schen wür­de, als end­lich mal wie­der einen gro­ßen sport­li­chen Erfolg des SC Preu­ßen zu feiern.

Herz­li­che Grü­ße
Ihr Micha­el Jung

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Über den Autor

Micha­el Jung lebt schon immer in Müns­ter. Er wur­de 1976 hier gebo­ren. Er hat an der Uni Müns­ter Latein und Geschich­te stu­diert und in Geschich­te pro­mo­viert. Heu­te ist er Leh­rer am Annet­te-Gym­na­si­um in Müns­ter. Micha­el Jung war vie­le Jah­re in der Poli­tik: Von 2013 bis 2020 war er Frak­ti­ons­chef der SPD im Rat der Stadt. Im Jahr 2020 trat er für die SPD bei den Kom­mu­nal­wah­len als Ober­bür­ger­meis­ter­kan­di­dat an. 

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