Die Kolumne von Ruprecht Polenz | Wir haben es in der Hand

Müns­ter, 18. Okto­ber 2020

Ich wün­sche Ihnen einen schö­nen Sonntag.

Nicht schon wie­der Coro­na, wer­den Sie den­ken. Des­halb woll­te ich eigent­lich über ein ande­res The­ma schrei­ben. Aber das wäre so, als wür­de ich mich mit der Boots­ver­pfle­gung beschäf­ti­gen, wäh­rend es doch dar­um geht, wie ein Leck geschlos­sen wer­den kann, bevor das gan­ze Boot voll Was­ser gelau­fen ist.

Das Bild mag Ihnen über­trie­ben vor­kom­men. Schließ­lich hat Müns­ter über 313.000 Ein­woh­ner. Von denen waren am Frei­tag mal gera­de 119 aktu­ell infi­ziert. Und von den 83 Mil­lio­nen Ein­woh­nern in Deutsch­land sind es 50.000.

Aber die Infek­ti­ons­zah­len sta­gnie­ren nicht mehr, wie noch im Som­mer, son­dern die Neu­in­fek­tio­nen neh­men wie­der stark zu, inzwi­schen deutsch­land­weit um 5.000 täg­lich. Wird die­se Ten­denz nicht gebro­chen, droht ein expo­nen­ti­el­ler Anstieg, wie zu Beginn der Pan­de­mie im März und April.

Wir alle müssen entschlossen handeln

Lei­der sind wir nicht gut dar­in, expo­nen­ti­el­les Wachs­tum rich­tig ein­zu­schät­zen. Das zeigt ein Test von Shane Fre­de­rick, der lan­ge mit dem Psy­cho­lo­gen und Nobel­preis­trä­ger Dani­el Kah­ne­man zusam­men­ge­ar­bei­tet hat. Der Test besteht nur aus drei Fra­gen. Die drit­te ist die­se (bit­te über­le­gen Sie nur kurz, ehe Sie antworten):

„Die See­ro­sen in einem Teich ver­dop­peln Ihre Flä­che jeden Tag. Wenn der See nach 48 Tagen kom­plett mit See­ro­sen bedeckt ist, wie lan­ge hat es gedau­ert, bis er zur Hälf­te bedeckt war?“

Sehr vie­le ant­wor­ten: „24 Tage“, weil sie den­ken: Hal­ber Teich bedeckt bedeu­tet: Hälf­te der Tage. Aber die­se Ant­wort ist falsch. Rich­tig ist: Der See ist nach 47 Tagen halb bedeckt, die letz­te Ver­dop­pe­lung dau­ert nur einen Tag, so lang wie alle ande­ren Ver­dop­pe­lun­gen vor­her auch.

Viel­leicht schärft ein Blick in unse­re euro­päi­schen Nach­bar­staa­ten unse­re Vor­stel­lungs­kraft, um zu erken­nen, was uns in Deutsch­land bevor­steht, wenn jetzt nicht ent­schlos­sen gehan­delt wird. Und gleich an die­ser Stel­le sei gesagt: Es geht weni­ger dar­um, von der Poli­tik oder sonst wem ent­schlos­se­nes Han­deln zu ver­lan­gen. Das ist zwar nie ver­kehrt, ver­kennt hier aber den ent­schei­den­den Punkt: Wir alle müs­sen ent­schlos­sen han­deln. Denn jede und jeder von uns kann sich anste­cken – und dann andere.

Gesundheitsnotstand in Frankreich

In den Nie­der­lan­den betrug die Zahl der Neu­in­fi­zier­ten im März und April nie mehr als 1.300 pro Tag. Aber allein letz­ten Diens­tag gab es 7.300. Die nie­der­län­di­sche Regie­rung reagier­te und hat ein­schnei­den­de Maß­nah­men ver­fügt, um einen Lock down doch noch zu ver­mei­den: Am Mitt­woch Abend muß­ten alle Restau­rants, Knei­pen und Cafés schlie­ßen. Auch die Cof­fee-Shops, in denen legal Haschisch ange­bo­ten wird. Nach 20 Uhr darf kein Alko­hol mehr aus­ge­schenkt oder in der Öffent­lich­keit getrun­ken wer­den. Ein Haus­halt darf maxi­mal drei Per­so­nen am Tag emp­fan­gen. Die Regie­rung will außer­dem die recht­li­chen Grund­la­gen dafür schaf­fen, dass alle, die älter sind als 13 Jah­re, in Innen­räu­men eine Mas­ke tra­gen müssen.

So wol­len die Nie­der­lan­de einen Rück­fall ver­mei­den, wie er in Spa­ni­en bereits ein­ge­tre­ten ist. Seit Wochen mel­den die Behör­den dort täg­lich gut 10.000 Neu­in­fek­tio­nen; die Zahl der Toten steigt. Inzwi­schen sind über 50.000 Men­schen in Spa­ni­en an dem Coro­na­vi­rus gestorben.

In Frank­reich ver­häng­te Prä­si­dent Macron den Gesund­heits­not­stand, nach­dem die täg­li­chen Neu­in­fi­zie­run­gen auf 20.000 gestie­gen waren. (Das hat­te ich am Don­ners­tag geschrie­ben. Einen Tag spä­ter mel­de­te Frank­reich 30.000, die sich in den letz­ten 24 Stun­den neu infi­ziert hatten.)

Neue Corona-Regeln

Mehr als 40 Pro­zent der Inten­siv-Bet­ten in den Kran­ken­häu­sern sind inzwi­schen belegt. Ab die­sem Wochen­en­de gilt in den beson­ders betrof­fe­nen Groß­städ­ten und Regio­nen eine nächt­li­che Aus­gangs­sper­re. Zwi­schen 21 und 6 Uhr darf sich dort nie­mand ohne trif­ti­gen Grund auf der Stra­ße auf­hal­ten. Sonst dro­hen 135 Euro Strafe.

In Deutsch­land wur­den zuletzt 7.334 Neu­in­fek­tio­nen an nur einem Tag gemel­det. Des­halb haben Bund und Län­der letz­te Woche neue Coro­na-Regeln ver­ab­schie­det. Sie sen­ken die Schwel­le, ab der bei stei­gen­den Infek­ti­ons­zah­len eine erwei­ter­te Mas­ken­pflicht, Sperr­stun­den in der Gas­tro­no­mie und stren­ge­re Teil­neh­mer­be­gren­zun­gen bei pri­va­ten Fei­ern emp­foh­len werden.

Die NRW-Lan­des­re­gie­rung hat die Bund-Län­der-Ver­ein­ba­rung inzwi­schen umge­setzt. In den Risi­ko­ge­bie­ten, in denen es mehr als 50 Neu­in­fek­tio­nen gibt, wird eine ver­pflich­ten­de Sperr­stun­de ein­ge­führt. Zwi­schen 23 Uhr und 6 Uhr müs­sen alle gas­tro­no­mi­schen Betrie­be schlie­ßen. Alko­hol darf auch an Tank­stel­len und Kios­ken nicht mehr ver­kauft wer­den. Außer­dem gibt es eine Mas­ken­pflicht „in stark fre­quen­tier­ten Berei­chen“, wie zum Bei­spiel in Fußgängerzonen.

Von dem Schwel­len­wert 50 ist Müns­ter zwar noch ent­fernt. Aber mit inzwi­schen 30,4 Neu­in­fek­tio­nen je 100.000 Ein­woh­ner in den letz­ten sie­ben Tagen ist Müns­ter kurz davor, die Schwel­le von 35 Neu­in­fek­tio­nen zu über­schrei­ten.

Soll­te das gesche­hen und die Stadt den Emp­feh­lun­gen von Bund und Land fol­gen, wür­den Fei­ern im Fami­li­en- und Freun­des­kreis auf 25 Teil­neh­mer im öffent­li­chen Raum und auf 15 Teil­neh­mer im pri­va­ten Raum beschränkt wer­den. Außer­dem wür­de „eine ergän­zen­de Mas­ken­pflicht dort ein­ge­führt wer­den, wo Men­schen dich­ter und/oder län­ger zusam­men­kom­men“. Die Gas­tro­no­mie müss­te mit einer Sperr­stun­de rechnen.

Wir haben es in der Hand

Und wenn das alles nichts hilft? Bund und Län­der haben sich und der Bevöl­ke­rung eine Frist gesetzt: Wenn der bun­des­wei­te Anstieg der Infek­ti­ons­zah­len „nicht spä­tes­tens bin­nen zehn Tagen zum Still­stand“ kom­me, „sind wei­te­re geziel­te Beschrän­kungs­schrit­te unver­meid­lich, um öffent­li­che Kon­tak­te wei­ter­ge­hend zu redu­zie­ren“. In einem ers­ten Schritt wür­den Kon­tak­te im öffent­li­chen Raum nur noch einer Grup­pe von höchs­tens fünf Per­so­nen oder den Ange­hö­ri­gen zwei­er Haus­hal­te gestattet.

Soweit soll­te es nicht kom­men. Wir alle haben es in der Hand. Wir wis­sen, wie sich Covid-19 ver­brei­tet: durch Kon­tak­te. Des­halb soll­ten wir auf ver­meid­ba­re Kon­tak­te ver­zich­ten. Und bei unver­meid­ba­ren Kon­tak­ten die not­wen­di­ge Vor­sicht wal­ten las­sen: min­des­tens 1,50 Meter Abstand hal­ten, eine Mas­ke tra­gen und die Hygie­ne­re­geln beach­ten (Hän­de­wa­schen). Und geschlos­se­ne Räu­me gut lüf­ten, um eine mög­li­che Anste­ckung über Aero­so­le zu vermeiden.

So kön­nen wir das Leck im Boot wie­der schlie­ßen und gut über den Win­ter kom­men. Und dann gibt es auch wie­der vie­le ande­re The­men, über die man schrei­ben kann.

Ich wün­sche Ihnen eine gute Woche. Und blei­ben Sie gesund.

Ihr Ruprecht Polenz


Über den Autor

Vie­le Jah­re lang war Ruprecht Polenz Mit­glied des Rats der Stadt Müns­ter, zuletzt als CDU-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­der. Im Jahr 1994 ging er als Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter nach Ber­lin. Er war unter ande­rem CDU-Gene­ral­se­kre­tär, zwi­schen 2005 und 2013 Vor­sit­zen­der des Aus­wär­ti­gen Aus­schus­ses des Bun­des­tags. Der gebür­ti­ge Baut­zener lebt seit sei­nem Jura-Stu­di­um in Müns­ter. 2020 erhielt Polenz die Aus­zeich­nung „Gol­de­ner Blogger“.