Die Kolumne von Ruprecht Polenz | Alles hängt mit allem zusammen

Müns­ter, 28. Novem­ber 2021

Guten Tag,

ich wün­sche Ihnen einen schö­nen Sonntag.

Vor einer Woche hat Ihnen Julia­ne Rit­ter hier geschrie­ben und erklärt, war­um Pfle­ge­kräf­te in einen Streik getre­ten waren: „Wir strei­ken für stei­gen­de Gehäl­ter, für bes­se­re Arbeits­be­din­gun­gen, für mehr Per­so­nal und für spür­ba­re Ent­las­tung. Nicht nur für uns, son­dern um unse­re Patient:innen gut und mensch­lich ver­sor­gen zu kön­nen. Und das sind Ihre Freun­de, Ihre Eltern, Ihre Kin­der und viel­leicht auch Sie selbst.“

Nicht nur in den Kran­ken­häu­sern schie­ben die Pfleger:innen Ber­ge von Über­stun­den vor sich her. Auch in vie­len Arzt­pra­xen ist es kei­ne Sel­ten­heit, dass Mitarbeiter:innen inzwi­schen 40, 50 und mehr Über­stun­den abge­leis­tet haben, weil zur all­jähr­li­chen Grip­pe­imp­fung das Imp­fen gegen Coro­na dazu kommt. Oben­drauf auf die nor­ma­le Ver­sor­gung der Kran­ken. Unser Gesund­heits­we­sen ist in man­chen Berei­chen inzwi­schen am Limit.

Zwar wer­den die Über­stun­den dop­pelt ver­gü­tet. Aber durch die Steu­er­pro­gres­si­on bleibt viel von die­sem Geld beim Staat, statt auf die Kon­ten der Pfle­ge­kräf­te und des medi­zi­ni­schen Per­so­nals in den Arzt­pra­xen zu kom­men. Des­halb sinkt die Bereit­schaft, für zusätz­li­che Impf­ter­mi­ne abends oder am Wochen­en­de wei­ter­hin Über­stun­den zu leisten.

Das lie­ße sich schnell ändern. War­um ver­zich­tet der Staat nicht für die nächs­ten Mona­te dar­auf, die­se Über­stun­den von Pfle­ge­kräf­ten und Arzthelfer:innen zu besteu­ern? Steu­er­frei­heit für Über­stun­den wäre ein über­fäl­li­ges Zei­chen dafür, dass der Staat ihre außer­ge­wöhn­li­chen Leis­tun­gen anerkennt.

Beschimpfungen und Handgreiflichkeiten 

Seit dem 24. Novem­ber gel­ten in Nord­rhein-West­fa­len wie­der ver­schärf­te Coro­na-Regeln. Geimpft oder gene­sen – das ist die Ein­tritts­kar­te für Weih­nachts­märk­te genau­so wie für Sport­ver­an­stal­tun­gen, Kinos oder Aus­stel­lun­gen. Wie alle Ein­tritts­kar­ten müs­sen auch die Impf­nach­wei­se kon­trol­liert werden.

Veranstalter:innen und Betrie­be kla­gen dar­über, dass die­se Kon­trol­len häu­fig auf Unver­ständ­nis und Ableh­nung sto­ßen. Es gibt Beschimp­fun­gen, und auch über Hand­greif­lich­kei­ten wird ver­ein­zelt berich­tet. Wir soll­ten den Men­schen, die die Kon­trol­len durch­füh­ren, den Rücken stär­ken. Sie tun es zu unse­rer Sicher­heit. War­um also nicht am Ein­gang aus­drück­lich dafür bedan­ken, wenn man es mit den Kon­trol­len ernst nimmt?

Ich jeden­falls füh­le mich woh­ler in einem Restau­rant, das die Impf­aus­wei­se sorg­fäl­tig kon­trol­liert und die Besucher:innen nicht ein­fach so durch­winkt. Imp­fen bleibt der ein­zi­ge Weg aus der Pan­de­mie. Mit 93 Pro­zent aller Erwach­se­nen hat Müns­ter eine der bes­ten Impf­quo­ten in Deutschland.

Vor einem Jahr war noch unklar, wie lan­ge der Impf­schutz hal­ten wür­de. Inzwi­schen wis­sen wir, dass es drei Imp­fun­gen braucht (zwei, wenn man mit John­son & John­son geimpft ist), und dass man die Imp­fung etwa sechs Mona­te nach der zwei­ten Imp­fung auf­fri­schen las­sen muss, um den vol­len Impf­schutz zu erhalten.

40.000 bekommen dritte Impfung

„Daten aus der kli­ni­schen Prü­fung zei­gen, dass Anti­kör­per­spie­gel etwa ab dem sieb­ten, ach­ten oder neun­ten Monat nach der Imp­fung begin­nen zu sin­ken, sodass es auch zu einer Anste­ckung kom­men kann“, sagt Bio­n­tech-Chef Uğur Şahin.

Am Diens­tag öff­net des­halb die neue Impf­stel­le im Jovel. Zuvor konn­ten sich Impf­wil­li­ge vom 24. bis 26. Novem­ber am Lud­ge­ri­k­rei­sel vor einer schwe­ren Covid-Erkran­kung schüt­zen lassen.

Damit ergänzt die Stadt die Impf­an­ge­bo­te in den Arzt­pra­xen. Dort waren allein in der letz­ten Woche über 40.000 Men­schen zum drit­ten Mal geimpft wor­den, wie die West­fä­li­schen Nach­rich­ten am 23. Novem­ber berich­te­ten. Es sieht also ganz danach aus, als wür­de Müns­ter auch die drit­te Impf­run­de gut über die Büh­ne bringen.

Inzwi­schen wird auch über­re­gio­nal nach­ge­fragt, war­um Müns­ter ver­gleichs­wei­se gut durch die Coro­na-Pan­de­mie kommt. Das Heu­te-Jour­nal des ZDF ging die­ser Fra­ge nach und kam zu fol­gen­dem Ergebnis:

Neben einem sehr guten Kri­sen­stab unter der Lei­tung von Wolf­gang Heu­er, einem klar kom­mu­ni­zie­ren­den Ober­bür­ger­meis­ter Mar­kus Lewe und einer ziem­lich soli­da­ri­schen Stadt­ge­sell­schaft (AfD unter 3 Pro­zent) trägt auch der hohe Anteil des Fahr­rad­ver­kehrs dazu bei (ab Minu­te 09:40 im Video).

Es hängt eben alles mit allem zusammen. 

Ich wün­sche Ihnen eine gute Woche.

Herz­li­che Grü­ße – und blei­ben Sie gesund.

Ihr

Ruprecht Polenz

Sie möchten dieses Thema mit anderen Leser:innen diskutieren oder uns Hinweise geben?

Nut­zen Sie ein­fach unse­re Kom­men­tar­funk­ti­on unter­halb die­ses Textes.
Wenn Sie den Brief gera­de als E-Mail lesen, kli­cken Sie auf den fol­gen­den Link, um den Text auf unse­rer Web­site aufzurufen:

› die­sen Brief kommentieren


Über den Autor

Vie­le Jah­re lang war Ruprecht Polenz Mit­glied des Rats der Stadt Müns­ter, zuletzt als CDU-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­der. Im Jahr 1994 ging er als Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter nach Ber­lin. Er war unter ande­rem CDU-Gene­ral­se­kre­tär, zwi­schen 2005 und 2013 Vor­sit­zen­der des Aus­wär­ti­gen Aus­schus­ses des Bun­des­tags. Von 2000 bis 2016 war Ruprecht Polenz Mit­glied des ZDF-Fern­seh­rats, ab 2002 hat­te er den Vor­sitz. Der gebür­ti­ge Baut­zener lebt seit sei­nem Jura-Stu­di­um in Müns­ter. 2020 erhielt Polenz die Aus­zeich­nung „Gol­de­ner Blogger“.

Die Kolumne

Immer sonn­tags schi­cken wir Ihnen eine Kolum­ne. Das sind Tex­te, in denen unse­re sechs Kolum­nis­tin­nen und Kolum­nis­ten The­men ana­ly­sie­ren, bewer­ten und kom­men­tie­ren. Die Tex­te geben ihre eige­ne Mei­nung wie­der, nicht die der Redak­ti­on. Mit­glied­schaf­ten in poli­ti­schen Par­tei­en oder Orga­ni­sa­tio­nen machen wir trans­pa­rent. Wenn Sie zu den The­men der Kolum­nen ande­re Mei­nun­gen haben, schrei­ben Sie uns gern. Wenn Sie möch­ten, ver­öf­fent­li­chen wir Ihre Zuschrift im RUMS-Brief. Wenn Sie in unse­ren Tex­ten Feh­ler fin­den, freu­en wir uns über Hin­wei­se. Die Kor­rek­tu­ren ver­öf­fent­li­chen wir eben­falls im RUMS-Brie