Die Kolumne von Carla Reemtsma | Jetzt kommt das Jahr des Klimahandelns

Müns­ter, 27. Dezem­ber 2020

Lie­be Leser:innen,

in weni­gen Tagen geht das Jahr 2020 zu Ende. Ich hof­fe, dass Sie auch in die­ser außer­ge­wöhn­li­chen Situa­ti­on zumin­dest mit ihren Aller­nächs­ten schö­ne Fei­er­ta­ge ver­brin­gen konn­ten. Hät­te ich zu Beginn die­ses Jah­res mei­ne Freund:innen gefragt, ob sie sich vor­stel­len könn­ten, Weih­nachts­fei­ern frei­wil­lig in den digi­ta­len Raum zu ver­le­gen, ich hät­te ver­mut­lich irri­tier­te Bli­cke und viel­leicht ein müdes Lachen geerntet.

Wir Klimaaktivist:innen hat­ten uns Ende 2019 das kom­men­de Jahr 2020 als eines vol­ler klei­ner Revo­lu­tio­nen und gro­ßer Ent­schei­dun­gen auf dem Weg in eine kli­ma­neu­tra­le Zukunft vor­ge­stellt. Nach­dem 2019 von den Radiomoderator:innen und den Journalist:innen in den Zei­tungs­re­dak­tio­nen die­ses Lan­des das „Jahr der Kli­ma­be­we­gung“ genannt wur­de, war klar: 2020 wird das „Jahr der Klimaentscheidungen“.

2020 war das ers­te Jahr, in dem die Unter­zeich­ner­staa­ten des Pari­ser Kli­ma­ab­kom­mens ihre natio­na­len Plä­ne für die Emis­si­ons­re­duk­ti­on vor­le­gen und gegen­sei­tig über­prü­fen soll­ten. 2020 war das Jahr, in dem die Treib­haus­gas­emis­sio­nen ihren Höhe­punkt errei­chen müss­ten, um eine 50/50-Chan­ce für die Ein­hal­tung des 1,5-Grad-Ziels zu behalten. 

2020 war aller­dings auch das hei­ßes­te Jahr seit Beginn der Wet­ter­auf­zeich­nun­gen. Es begann mit Wald­brän­den in Aus­tra­li­en, bren­nen­den Per­ma­frost­bö­den in Sibi­ri­en und Feu­ern in Kali­for­ni­en, die im Herbst deut­lich mach­ten, dass auch indus­tria­li­sier­te, pri­vi­le­gier­te Regio­nen wie San Fran­cis­co nicht von den Fol­gen der Kli­ma­kri­se ver­schont bleiben. 

Schwieriges Jahr für die Klimabewegung

Die Coro­na-Pan­de­mie hat es für kli­ma­be­weg­te Men­schen um ein Viel­fa­ches kom­pli­zier­ter gemacht, dafür zu kämp­fen, dass 2020 ein Jahr der Kli­ma­ent­schei­dun­gen wird. Ver­samm­lungs­ver­bo­te, per­sön­li­che Unsi­cher­hei­ten, Unter­neh­men, bei denen plötz­lich über Kurz­ar­beit statt über Nach­hal­tig­keit dis­ku­tiert wur­de, Kli­ma­kon­fe­ren­zen im Video­for­mat, Infek­ti­ons­zah­len als media­le Dau­er­be­schal­lung – es war kein ein­fa­ches Jahr, um für gesell­schaft­li­chen Wan­del zu kämpfen. 

Dass das Jahr 2019 als „Jahr der Kli­ma­be­we­gung“ in die poli­ti­schen Chro­ni­ken ein­ge­gan­gen war, hat­te immer­hin eine Grund­la­ge geschaf­fen, von der aus 2020 die Hoff­nung, „Jahr der Kli­ma­ent­schei­dun­gen“ zu wer­den, zumin­dest augen­schein­lich noch erfül­len konnte. 

Ein neu­es EU-Kli­ma­ziel, eine glo­ba­le Mehr­heit von Staa­ten mit Net­to-Null-Zie­len, ein End­da­tum für die Koh­le­ver­stro­mung in Deutsch­land, Mil­li­ar­den für grü­ne Ener­gien im Rah­men von Kon­junk­tur­pa­ke­ten, die Hoff­nung auf den Wie­der­ein­tritt der USA ins Pari­ser Kli­ma­ab­kom­men unter Bald-Prä­si­dent Joe Biden: Fünf Jah­re nach der Unter­zeich­nung des Pari­ser Kli­ma­ab­kom­mens scheint es so, als könn­te die glo­ba­le Staa­ten­ge­mein­schaft doch den nöti­gen Wil­len zusam­men­krat­zen, um sich der Mensch­heits­auf­ga­be „Bekämp­fung der Kli­ma­kri­se“ auf den letz­ten Metern anzunehmen. 

Aller­dings wird über den Erfolg der Mensch­heit nicht erst im Jahr 2030 oder 2050 – dies sind die Jah­re, für die die meis­ten Staa­ten Reduk­ti­ons­zie­le vor­ge­legt haben – ent­schie­den. Son­dern die Poli­tik in den kom­men­den Mona­ten und Jah­ren wird aus­schlag­ge­bend dafür sein, ob die Zie­le in wei­ter Fer­ne erreich­bar wer­den und bleiben. 

Klimaziele reichen nicht aus

Die viel­fach gepfleg­te Vor­stel­lung, Kli­ma­zie­le zu benen­nen, sei gleich­zu­set­zen mit Kli­ma­po­li­tik, baut auf der ver­que­ren Logik auf, dass es ein poli­tisch defi­nier­ba­res Opti­mum an Kli­ma­zer­stö­rung gäbe. Wer aller­dings ein­mal die aktu­el­len wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­se betrach­tet, kann schnell erken­nen, dass bereits die 1,5-Grad-Grenze kei­nen Spiel­raum mehr lässt, weni­ger Emis­sio­nen als irgend mög­lich zu redu­zie­ren. Um die 1,5-Grad-Grenze noch ein­zu­hal­ten, braucht es schon heu­te von den Staa­ten und Bürger:innen die größt­mög­li­chen Emissionsreduktionen. 

Obwohl jeder neue Kli­ma­be­richt einer­seits die dra­ma­ti­schen Fol­gen der Kli­ma­kri­se, ande­rer­seits aber auch mög­li­che Sze­na­ri­en zu ihrer Ein­däm­mung auf­zeigt, haben die­se Erkennt­nis­se noch lan­ge nicht Ein­zug in die kli­ma­po­li­ti­schen Zie­le und Maß­nah­men der fast 200 Unter­zeich­ner­staa­ten des Pari­ser Kli­ma­ab­kom­mens gefun­den. Selbst wenn alle Staa­ten ihre selbst for­mu­lier­ten Kli­ma­zie­le ein­hiel­ten, wür­de sich die Erde – Stand heu­te – bis zum Ende des Jahr­hun­derts um mehr als 3,2 Grad erhitzen. 

Doch nicht nur sind die Reduk­ti­ons­zie­le unzu­rei­chend, um die Kli­ma­kri­se auf 1,5 Grad zu begren­zen – die natio­na­len poli­ti­schen Maß­nah­men von Ener­gie-, Wirt­schafts- oder Verkehrsminister:innen kon­ter­ka­rie­ren vie­ler­orts die Bekun­dun­gen, die die Umweltminister:innen auf ver­gan­ge­nen Kli­ma­kon­fe­ren­zen for­mu­liert hatten. 

Allei­ne in den G20-Staa­ten flie­ßen im Rah­men von Kon­junk­tur­maß­nah­men über 200 Mil­li­ar­den Euro in fos­si­le Ener­gie­trä­ger, wäh­rend für grü­ne Tech­no­lo­gien deut­lich weni­ger vor­ge­se­hen ist. Statt der sofort not­we­ni­gen Reduk­ti­on fos­si­ler Ener­gie­pro­duk­ti­on wird welt­weit mit einem Aus­bau in den kom­men­den Jah­ren geplant. Allei­ne durch das Ver­bren­nen der übri­gen Braun­koh­le bis zum vor­aus­sicht­li­chen Aus­stiegs­da­tum 2038 wird in Deutsch­land eine so gro­ße Men­ge an Emis­sio­nen frei, dass die Ein­hal­tung des Kli­ma­ziels schlicht unmög­lich wird. Und auf EU-Ebe­ne wird jeder drit­te Euro für Agrar­sub­ven­tio­nen genutzt, von denen meist Groß­be­trie­be mit inten­si­ver Land- und Vieh­wirt­schaft profitieren. 

Das Jahr des Klimahandelns

Auch wenn die gro­ßen Wür­fe aus­ge­blie­ben sind und obwohl die Kli­ma­ge­rech­tig­keits­be­we­gung und ihre Anlie­gen mona­te­lang klein- bis tot­ge­re­det wur­den: Das Kli­ma ist längst nicht mehr nur für Aktivist:innen ein The­ma. Der Pan­de­mie zum Trotz ist 2020 zumin­dest im Bereich der Kli­ma­zie­le ein Ent­schei­dungs­jahr geworden. 

Doch Papier ist gedul­dig und Fern­zie­le sind es auch. Wenn der not­wen­di­ge Wan­del zur Bekämp­fung der Kli­ma­kri­se statt­fin­den und gesell­schaft­lich mit­ge­stal­tet wer­den soll, dann reicht ein „Jahr der Kli­ma­ent­schei­dun­gen“ nicht aus, wie die aktu­el­len Pro­gno­sen für eine 3,2 Grad hei­ße­re Welt deut­lich machen. 

Wenn wir eine gerech­te, kli­ma­neu­tra­le Zukunft errei­chen wol­len, müs­sen wir nicht nur das Ein­fa­che, son­dern alles Mach­ba­re unter­neh­men: Dann muss 2021 das Jahr des Kli­ma­han­delns wer­den. Und 2022. Und 2023 auch. Denn nur wenn aus den gro­ßen Plä­nen und Zie­len in allen Schu­len und Rat­häu­sern, Fabri­ken und Par­la­men­ten, Büros und Super­märk­ten die Ver­än­de­rung in Rich­tung kli­ma­neu­tra­ler Zukunft folgt, kön­nen wir das Not­wen­di­ge schaf­fen und ein sta­bi­les Kli­ma­sys­tem, intak­te Öko­sys­te­me und Res­sour­cen auf­recht­erhal­ten. Klingt viel? Ist es auch. Doch gera­de im ver­gan­ge­nen Jahr konn­ten wir immer wie­der erfah­ren, wie viel die Zivil­ge­sell­schaft mit Soli­da­ri­tät und Krea­ti­vi­tät errei­chen kann. 

Ich freue mich auf 2021 und wün­sche Ihnen einen guten Rutsch! 

Lie­be Grüße

Ihre Car­la Reemtsma


Über die Autorin

Im Janu­ar 2019 hat Car­la Reem­ts­ma den ers­ten Kli­ma­st­reik in Müns­ter orga­ni­siert. Es war eine klei­ne Kund­ge­bung im Nie­sel­re­geln vor dem his­to­ri­schen Rat­haus am Prin­zi­palmarkt. Weni­ge Wochen spä­ter sprach das gan­ze Land über die Kli­ma-Pro­tes­te der „Fri­days For Future“-Bewegung. Der Rat der Stadt Müns­ter beschloss das Ziel Kli­ma­neu­tra­li­tät 2030. Inzwi­schen ist Car­la Reem­ts­ma eine der bekann­tes­ten deut­schen Kli­ma­ak­ti­vis­tin­nen. Gebo­ren wur­de sie in Berlin.