Carla Reemtsmas Kolumne | Die Zukunft des Lokaljournalismus

Müns­ter, 9. August 2020

Lie­be Leser:innen,

seit fast vier Jah­ren lebe ich nun in Müns­ter. Vor­le­sun­gen, Kli­ma­st­reiks, der Sport­ver­ein, in dem ich Kin­dern Gerä­te­tur­nen bei­brin­ge, mei­ne Freund:innen, Lieb­lings­ca­fés: Den größ­ten Teil mei­nes All­tags erle­be und ver­brin­ge ich – so wie Sie ver­mut­lich auch – in der Stadt. In die­ser Woche ist mir jedoch auf­ge­fal­len, dass ich in die­sen knapp vier Jah­ren genau eine ein­zi­ge Aus­ga­be der West­fä­li­schen Nach­rich­ten gekauft habe. Das war am Sams­tag nach dem ers­ten gro­ßen Kli­ma­st­reik im Janu­ar 2019 Müns­ter, als sich noch nie­mand von uns zu erträu­men wag­te, dass wir nur kur­ze Zeit spä­ter nicht nur im Lokal­teil von Lokal­zei­tun­gen, son­dern auch auf den Titel­sei­ten deut­scher Leit­me­di­en Platz fin­den wür­den. An die­sem Tag kauf­te ich mei­ne ers­te und ein­zi­ge WN, um den Beweis für die Rele­vanz unse­res Pro­tes­tes auch in Papier­form in den Hän­den hal­ten zu kön­nen. Lei­der habe ich mit die­ser einen Aus­ga­be der WN aber ver­mut­lich bereits häu­fi­ger eine Lokal­zei­tung aus unse­rer Stu­di­en­stadt gele­sen, als die meis­ten mei­ner Kommiliton:innen im Lau­fe ihres gesam­ten Studiums.

Auch bei ande­ren Medi­en­for­ma­ten mit loka­lem Schwer­punkt, vor­nehm­lich dem Radio, ist das Bild das­sel­be: Wer, wie die meis­ten mei­ner Freund:innen und ich, kein Auto besitzt, lässt sich nicht ein­mal aus dem Hin­ter­grund mit ein paar Neu­ig­kei­ten und Klatsch aus Müns­ter berie­seln. Nach­dem das Küchen­ra­dio schon vor Jah­ren durch die schier unend­li­chen Mög­lich­kei­ten der Musik­strea­ming­diens­te und Pod­casts ver­drängt wur­de, bleibt also kaum noch eine Gele­gen­heit, das loka­les Radio ein­fach neben­bei zuhören.

Für jede Nische gibt es einen Blog

All die­se Ten­den­zen ver­stär­ken eine Ent­wick­lung, die sich schon seit der Jahr­tau­send­wen­de voll­zieht: Mit dem Auf­kom­men des Inter­nets fiel nicht nur den gro­ßen Medi­en­häu­sern, son­dern auch den loka­len Zei­tun­gen ein Groß­teil der Anzei­gen weg. Die Finanz­kri­se 2008/09 ver­stärk­te die­sen Trend . Doch neben den Finan­zie­rungs­pro­ble­men, vor denen inzwi­schen fast alle Blät­ter ste­hen, wirkt sich längst auch die Pola­ri­sie­rung und die all­ge­mei­ne Ver­trau­ens­kri­se in Insti­tu­tio­nen auf unse­re Medi­en aus. Der Jour­na­lis­mus kann sich den fun­da­men­ta­len Ver­än­de­run­gen, die durch die Glo­ba­li­sie­rung und Digi­ta­li­sie­rung vor­an­ge­trie­ben wer­den, nicht entziehen.

Die­se Ent­wick­lun­gen sind aber alles ande­re als neu. Wir leben längst in einer Zeit, in der es für jede Nische min­des­tens einen Pod­cast und einen Blog gibt. Eine Zeit, in der tief­grei­fen­de Berich­te nicht nur zur Bun­des­li­ga oder zum poli­ti­schen Ber­lin, son­dern auch zu Skan­da­len im US-ame­ri­ka­ni­schen Tur­nen und den neu­es­ten Manage­ment-Stra­te­gien mit weni­gen Klicks abruf­bar sind. Eine Infor­ma­ti­ons­flut, dank der wir in Echt­zeit die ver­hee­ren­den Explo­sio­nen in Bei­rut über unse­re Twit­ter-App ver­fol­gen und im nächs­ten Moment mit weni­gen Klicks spen­den kön­nen. Wie­so, könn­te man sich als Lokal­me­di­um nun fra­gen, soll­ten sich Men­schen eigent­lich noch aus­gie­big für Ereig­nis­se wie Gemein­de­sit­zun­gen und Stra­ßen­aus­bau­plä­ne inter­es­sie­ren, wenn so vie­le Infor­ma­tio­nen aus aller Welt direkt an ihrem Fin­ger kleben?

Die gute Nach­richt: Sie tun es auf wun­der­sa­me Wei­se immer noch. Die schlech­te: Loka­le Medi­en nut­zen das fast nicht mehr aus. Seit Jah­ren ertönt das Kla­ge­lied sin­ken­der Auf­la­ge­zah­len, die zu Kür­zun­gen in den Redak­tio­nen füh­ren, durch die Inhal­te ver­küm­mern und die Anzeigenkund:innen erst recht weg blei­ben. Und seit Jah­ren tun die meis­ten viel zu wenig, die­sen Abwärts­trend zu stop­pen. Wer Pres­se­mit­tei­lun­gen der Stadt und Poli­zei­mel­dun­gen unver­än­dert abdruckt und den über­re­gio­na­len Teil wie alle ande­ren Lokal­aus­ga­ben aus dem gro­ßen Ver­lags­haus kopiert, muss sich nicht fra­gen, war­um es nicht mehr gut läuft. Mit der Über­nah­me der Müns­ter­schen Zei­tung durch die Aschen­dorff-Ver­lags­grup­pe und dem damit ver­bun­de­nen Abbau der Lokal­re­dak­ti­on hat auch Müns­ter schon sei­nen ganz eige­nen Vor­ge­schmack auf die­se Zukunft bekom­men. Bei­de Zei­tun­gen erschei­nen zwar nun mit eige­nem Titel, aber mehr oder weni­ger wortgleich. 

Ohne kritische Medien, keine kritische Öffentlichkeit

Wohin das füh­ren kann, demons­triert das Bei­spiel T-Online gera­de sehr anschau­lich: Strö­er, das Unter­neh­men hin­ter dem Online-Por­tal, plant in die­sen Mona­ten eine deutsch­land­wei­te Offen­si­ve zur Neu­erfin­dung des Lokal­jour­na­lis­mus, schreibt Mee­dia. Ziel ist es dabei, die­je­ni­gen Leser:innen abzu­grei­fen, die sich nicht mehr für ein Abon­ne­ment der Lokal­zei­tung begeis­tern kön­nen, auf gele­gent­li­che Nach­rich­ten aus der Hei­mat aber nicht ver­zich­ten wollen.

Dass das nicht die allei­ni­ge Zukunft loka­ler Bericht­erstat­tung sein darf, soll­te uns allen klar sein. Die Fol­gen wären dra­ma­tisch: Ohne kri­ti­sche Medi­en vor Ort gibt es kei­ne kri­ti­sche Öffent­lich­keit und ohne sie kei­ne demo­kra­ti­sche Poli­tik. Dabei könn­te es sowohl Auf­ga­be als auch Allein­stel­lungs­merk­mal loka­ler Medi­en sein, genau zu den The­men vor Ort ein­ord­nend, nach­fra­gend und kri­tisch zu berich­ten, die kei­nen Platz in der über­re­gio­na­len Bericht­erstat­tung fin­den. Auch wenn es para­dox erschei­nen mag: In einer glo­ba­li­sier­ten Welt sind es oft die Din­ge direkt vor unse­rer Haus­tür, die sowohl unse­ren All­tag als auch unser Enga­ge­ment und poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen beein­flus­sen. Selbst bei welt­um­span­nen­den Ereig­nis­sen wie der Coro­na-Pan­de­mie ist es nicht zuletzt die Ein­ord­nung der loka­len Poli­tik, die die Bil­dung einer fun­dier­ten poli­ti­schen Mei­nung erlaubt.

Dies sind kei­ne phi­lo­so­phi­schen Gedan­ken­spiel­chen: Ralf Hei­mann hat in sei­nem Brief vom 10. Juli berich­tet, dass es wis­sen­schaft­li­che Bele­ge dafür gibt, dass sich das Aus­blei­ben loka­len Jour­na­lis­mus’ nega­tiv auf die demo­kra­ti­sche Par­ti­zi­pa­ti­on aus­wirkt. Ent­hüllt nie­mand mehr etwa die Skan­da­le orts­an­säs­si­ger Unter­neh­men, poli­ti­sches Miss­ma­nage­ment oder zeigt erfolg­rei­che loka­le Pro­jek­te auf, sinkt die Betei­li­gung der Bürger:innen am demo­kra­ti­schen Pro­zess schlag­ar­tig. Schon Ein-Zei­tungs-Krei­se sind hier­für nicht för­der­lich – Kein-Zei­tungs-Krei­se erst recht nicht.

Doch auch im Sin­ne der Pres­se­frei­heit ist die­se Ent­wick­lung rele­vant: Wäh­rend die­se nicht nur in auto­ri­tä­ren Staa­ten immer wie­der bedroht ist, lebt sie auch bei uns nicht allein von der Fest­schrei­bung im Grund­ge­setz. Erst durch die kri­ti­sche und akti­ve Wahr­neh­mung ihrer Frei­heit kön­nen Journalist:innen zu einer demo­kra­ti­schen und eman­zi­pa­to­ri­schen Gesell­schaft beitragen.

Neue lokale Formate statt ein Weiter-So

Dass es auch anders geht, zei­gen neu­ar­ti­ge For­ma­te wie etwa die Lokal­re­dak­ti­on des Recher­che­kol­lek­tivs Cor­rec­tiv, die meist The­men von natio­na­ler Bedeu­tung wie Mobi­li­tät oder Wohn­markt­ver­hält­nis­se auf­greift und lokal recher­chiert. Damit ver­bin­den sie die gro­ßen Ent­wick­lun­gen die­ser Welt mit dem Wunsch der Leser:innen, die Aus­wir­kun­gen die­ser Ereig­nis­se und Trends vor Ort zu begrei­fen. Auch Mer­ku­rist, bei dem Leser:innen selbst The­men vor­schla­gen kön­nen, die dann bei aus­rei­chen­dem online-bekun­de­ten Inter­es­se von den Journalist:innen recher­chiert wer­den, ist ein Bei­spiel für einen neu­en loka­len Ansatz. Und eben auch RUMS.

Es ist nach lan­gen Jah­ren also Zeit, jetzt auf die Ent­wick­lun­gen im Pres­se­be­reich zu reagie­ren. Dabei gibt es, wie so oft, kein Geheim­re­zept. Fest steht aber, dass ein Wei­ter-So den Lokal­jour­na­lis­mus rui­nie­ren wür­de. Zwi­schen Finan­zie­rungs­schwie­rig­kei­ten, digi­ta­len Alter­na­ti­ven und gro­ßen Konkurrent:innen, die sich häu­fig gar nicht mehr pri­mär durch Jour­na­lis­mus, son­dern etwa durch Ver­lags­an­ge­bo­te, Rei­sen und Wein­sor­ti­men­te finan­zie­ren, droht der Lokal­teil nun end­gül­tig zu ver­schwin­den. Dabei sind die Erkennt­nis­se der letz­ten Jah­re viel­fäl­tig: Die Men­schen möch­ten noch immer wis­sen, was bei ihnen vor Ort pas­siert. Span­nen­der scheint es aber dann zu wer­den, wenn gro­ße Fra­gen lokal her­un­ter gebro­chen wer­den und dadurch greif­bar gemacht wer­den. Auch mit par­ti­zi­pa­ti­ven Mög­lich­kei­ten für Bürger:innen, sich an der The­men­fin­dung oder dem Recher­che­pro­zess zu betei­li­gen, kön­nen loka­le Ange­bo­te sich wie­der von ihren gro­ßen Konkurrent:innen abheben.

Wie auch immer die Zukunft des Lokal­jour­na­lis­mus aus­sieht – mit dem Wei­ter-So aus Agen­tur­mel­dun­gen, Poli­zei­be­rich­ten und Hasen­züch­ter­ver­eins­ge­schich­ten wird es nicht klap­pen. Wir wis­sen nun, wie wich­tig loka­le Bericht­erstat­tung für die Demo­kra­tie ist. Dass das hoch­ak­tu­ell, jour­na­lis­tisch anspre­chend und rele­vant sein kann, haben ganz unter­schied­li­che loka­le For­ma­te und Neu­grün­dun­gen bereits vor­ge­macht. Wir kön­nen gespannt bleiben.

Ich wün­sche Ihnen einen schö­nen Sonntag.

Ihre Car­la Reemtsma