Die Kolumne von Michael Tillmann | Wirtschaften neu denken

Müns­ter, 27. Novem­ber 2022

Guten Tag,

ist Ihnen auch schon ein­mal auf­ge­fal­len, dass Müns­ters Lit­faß­säu­len voll sind mit Pla­ka­ten zu dem Groß­pro­jekt „Unser Kli­ma 2030“? Ich habe mir in den letz­ten Tagen ein­mal vor­ge­stellt, dass auf einem die­ser Pla­ka­te die fol­gen­de Bot­schaft steht: „Natür­lich müs­sen wir uns auf Ein­schrän­kun­gen ein­stel­len. Aber es wird auch neue Lebens­wei­sen mit einer hohen Lebens­qua­li­tät geben. Höher, wei­ter, schnel­ler, bes­ser, teu­rer – das sind nicht die Attri­bu­te, die ein glück­li­ches Leben aus­ma­chen. Uns ste­hen Res­sour­cen zur Ver­fü­gung, die eben nicht kli­ma­schäd­lich sind, wie Kul­tur, Natur, wie fri­sche Luft und vie­le ande­re Din­ge auch.“ 

Gesagt hat dies – sprach­lich leicht geglät­tet – unser Ober­bür­ger­meis­ter Mar­kus Lewe in einer Video­bot­schaft anläss­lich einer Kli­ma­kon­fe­renz der Stadt­ver­wal­tung am 9. Mai die­ses Jah­res. Passt das nicht auch bes­tens in die Vorweihnachtszeit? 

Ich stel­le mir vor, wel­che „Begeis­te­rung“ sol­che Phi­lo­so­phie bei Müns­ters Kauf­leu­ten, bei der Gas­tro­no­mie und beim Chef des Flug­ha­fens Münster/Osnabrück aus­lö­sen wür­de. Abkehr von immer mehr mate­ri­el­len Gütern, Abkehr von lang gepfleg­ten Kon­sum-, Ernäh­rungs- und Urlaubs­ge­wohn­hei­ten, so etwas hören wir ab und zu von den Kirchen. 

Von unse­rem Stadt­ober­haupt wür­den wir das wohl eher nicht erwar­ten. Als vor zwei Jah­ren die hie­si­ge Green­peace-Grup­pe einen Appell zu mehr Kon­sum­zu­rück­hal­tung star­te­te, reagier­te der dama­li­ge CDU-Kreis­vor­sit­zen­de mit hel­ler Empö­rung, das kön­ne man dem durch Coro­na ohne­hin gebeu­tel­ten Ein­zel­han­del doch nicht antun.

Kein Mangel an Appellen

Dabei ist es kei­ne Fra­ge: Unser ganz nor­ma­les Kon­sum-, Ernäh­rungs- und Mobi­li­täts­ver­hal­ten stellt eine enor­me Kli­ma­be­las­tung dar. Allein die Berei­che Kon­sum und Ernäh­rung machen annä­hernd die Hälf­te des soge­nann­ten CO2-Fuß­ab­drucks aus, den jeder Deut­sche im Durch­schnitt ver­ur­sacht. Wer also in sei­nem All­tag kli­ma­scho­nen­der unter­wegs sein will, fin­det hier mit weni­ger Kla­mot­ten, weni­ger Elek­tro­ge­rä­ten, weni­ger Fleisch und mög­lichst über­haupt kei­nen Urlaubs­flü­gen den ent­schei­den­den Hebel.

Vie­le wer­den jetzt sagen, das pas­se jetzt aber so gar nicht in die kon­junk­tu­rel­le Land­schaft. Ein Gespenst geht näm­lich um in deut­schen Lan­den, das Gespenst der Rezes­si­on, der Insol­ven­zen und nach­fol­gen­der Arbeits­lo­sig­keit, aus­ge­löst durch Kon­sum­zu­rück­hal­tung, Kauf­streik und eine unzu­rei­chen­de Binnennachfrage. 

Und so man­gelt es nicht an Appel­len, man möge doch nicht so viel Geld zurück­le­gen, son­dern die­ses dem Wirt­schafts­kreis­lauf zufüh­ren. Natür­lich gibt es einen Teil der Bevöl­ke­rung, für den sich die­se Fra­ge so gar nicht stellt. Die­ser Teil hat Mühe, mit dem monat­li­chen Bud­get über­haupt über die Run­den zu kom­men. Die­ser Bevöl­ke­rungs­an­teil dürf­te in Müns­ter aber wohl eher unter dem bun­des­deut­schen Durch­schnitt liegen.

Für eine Hal­tung, die sich an dem ori­en­tiert, was Ein­zel­ne für ein gutes Leben als aus­rei­chend betrach­ten, gibt es einen Begriff: Suf­fi­zi­enz. Das Wort ist abge­lei­tet vom latei­ni­schen „suf­fi­ce­re“, es bedeu­tet „genü­gen“ oder „aus­rei­chen“. Hin­ter dem Begriff steckt häu­fig die Erfah­rung, dass die im Lau­fe der Jah­re ange­sam­mel­ten Kla­mot­ten, Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­de oder Elek­tro­ge­rä­te die Woh­nung eher ver­stop­fen und das Leben mehr belas­ten als bereichern. 

Als Müns­ter vor eini­gen Jah­ren mit dem Mas­ter­plan 100% Kli­ma­schutz sei­ne kli­ma­po­li­ti­schen Ambi­tio­nen deut­lich erhöh­te, hat man gleich­zei­tig eine „Suf­fi­zi­enz­stra­te­gie“ erar­bei­tet. Ein wenig Stolz war dabei auch im Spiel, weil Müns­ter damit als ers­te Stadt in Deutsch­land ein sol­ches Pro­jekt anging. Aber bald zeig­te sich auch, dass man sich schwer damit tat, die Suf­fi­zi­enz­idee offen­siv zu ver­tre­ten. Man sprach und spricht von der „Stra­te­gie für kli­ma­scho­nen­de Entscheidungen“. 

Das ent­spre­chen­de Papier wur­de nur in Aus­zü­gen öffent­lich zugäng­lich gemacht. Und gera­de­zu man­tra­ar­tig wird immer wie­der betont, die Stadt kön­ne ihren Bür­gern „kei­ne Vor­ga­ben für kli­ma­scho­nen­de Lebens­ent­wür­fe und Lebens­zie­le“ machen. 

Natür­lich han­delt es sich hier wirk­lich um ein sen­si­bles The­ma, weil Bürger:innen leicht den Ein­druck gewin­nen kön­nen, hier sol­le in ihre Frei­heits­rech­te ein­ge­grif­fen wer­den. So ist es ver­ständ­lich, dass Poli­tik und Ver­wal­tung eher auf Anrei­ze zu einem suf­fi­zi­en­ten Ver­hal­ten set­zen, als ord­nungs­po­li­ti­sche Maß­nah­men in Erwä­gung zu ziehen.

Etwas for­scher packt eine Arbeits­grup­pe des Kli­ma­bei­rats das The­ma in einem kürz­lich ver­öf­fent­lich­ten Papier an. Weni­ger das gute Leben der Ein­zel­nen steht im Mit­tel­punkt, son­dern eher das gute Leben für alle auf unse­rer Erde. Aus­gangs­punkt ist dabei der Blick auf die soge­nann­ten pla­ne­ta­ri­schen Leit­plan­ken, die dem Pro­du­zie­ren und Kon­su­mie­ren abso­lu­te Gren­zen set­zen (müss­ten).

Zu erin­nern ist dar­an, dass unser Lebens­stil und unse­re Wirt­schafts­wei­se in Deutsch­land eigent­lich die Res­sour­cen von drei Erden benö­tig­ten, woll­ten alle Men­schen so leben wir wir. Damit begrün­den die Autor:innen die Not­wen­dig­keit einer „Suf­fi­zi­enz­po­li­tik“.

Dar­un­ter ver­ste­hen sie einen poli­ti­schen Rah­men, der sich nicht auf Anrei­ze für ein suf­fi­zi­en­tes Ver­hal­ten beschränkt, son­dern selbst­ver­ständ­lich auch ord­nungs­po­li­ti­sche Maß­nah­men – sprich „Ver­bo­te“ – mit­ein­schließt. Ich den­ke, ansatz­wei­se ist davon in der städ­ti­schen Ver­kehrs­po­li­tik etwas zu erahnen.

Kei­ne Fra­ge: Es ist ein Dilem­ma, in dem sich poli­ti­sche und wirt­schaft­li­che Akteu­re befin­den. Wie brin­gen sie ele­men­ta­re betriebs- und volks­wirt­schaft­li­che Inter­es­sen in Ein­klang mit den zumeist durch­aus aner­kann­ten kli­ma­po­li­ti­schen Not­wen­dig­kei­ten? Wie kann ein Ober­bür­ger­meis­ter sei­ne Vor­stel­lun­gen von einem bes­se­ren, vom Über­fluss befrei­ten Leben ver­kün­den, ohne den Ein­zel­han­del zu ver­grau­len, aus­blei­ben­de Steu­er­ein­nah­men in Kauf zu neh­men und den Ein­druck mora­li­sie­ren­der Bot­schaf­ten zu erwecken? 

Abkehr vom Wachstumszwang

In den letz­ten Mona­ten hat die Jour­na­lis­tin Ulri­ke Herr­mann in ihrem Buch „Das Ende des Kapi­ta­lis­mus“ auf die­sen Wider­spruch zwi­schen unse­rem Wirt­schafts­sys­tem mit sei­nem Wachs­tums­zwang und einer am Pari­ser Kli­ma­ab­kom­men ori­en­tier­ten Poli­tik hin­ge­wie­sen. Ohne Abkehr von die­sem Wachs­tums­zwang sieht sie kei­ne Mög­lich­keit, den Pla­ne­ten vor unvor­stell­ba­ren Kli­ma­ka­ta­stro­phen zu bewahren. 

Das Beun­ru­hi­gen­de ist: Den Wider­spruch zwi­schen einem kon­sum­ge­trie­be­nen Wachs­tum und der Begren­zung der Erd­er­hit­zung bemer­ken vie­le; er wird aber nicht annä­hernd ange­mes­sen bear­bei­tet. Er gehört in die Mit­te des gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Dis­kur­ses, auch hier in Münster.

Und was machen wir jetzt in der Vor­weih­nachts­zeit, in der vie­le Einzelhändler:innen sonst bis zu einem Drit­tel ihres Jah­res­um­sat­zes erzie­len? Sol­len wir also aus volks­wirt­schaft­li­cher Ver­ant­wor­tung über unse­ren kon­sum­kri­ti­schen Schat­ten sprin­gen und unser Geld zur Ver­hin­de­rung von Rezes­si­on und Arbeits­lo­sig­keit aus­ge­ben? Nein, das kann’s nicht sein!

Wenn unser Wirt­schafts­sys­tem nur so funk­tio­niert, dass Men­schen Güter kau­fen müs­sen, die sie eigent­lich gar nicht brau­chen, für deren Nut­zung sie auch kei­ne Zeit haben, wenn Kom­mu­nen, Län­der und Bund mit ihren Steu­er­ein­nah­men nur dann ihre Auf­ga­ben erfül­len kön­nen, wenn ihre Bürger:innen wei­ter auf Kos­ten der Zukunft kon­su­mie­ren, dann müs­sen wir die Grund­la­gen unse­res Lebens und Wirt­schaf­tens überdenken.

In die­sem Sin­ne wün­sche ich Ihnen eine besinn­li­che Advents­zeit.
Micha­el Tillmann

Diesen Brief teilen und RUMS weiterempfehlen:

Über den Autor

Micha­el Till­mann hat an der Uni Müns­ter Mathe­ma­tik und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten stu­diert und die­se Fächer über 36 Jah­re unter­rich­tet. In den 90er-Jah­ren gehör­te er dem Len­kungs­kreis an, der für Müns­ter eine Loka­le Agen­da erar­bei­tet hat – ein Hand­lungs­pro­gramm, um Kom­mu­nen nach­hal­tig wer­den zu las­sen. Zusam­men mit Müns­ters spä­te­rem Ober­bür­ger­meis­ter Bert­hold Till­mann (mit dem er nicht ver­wandt ist) hat er im Jahr 1998 den Dis­kus­si­ons­band Über unse­re Ver­hält­nis­se zur nach­hal­ti­gen Stadt­ent­wick­lung Müns­ters her­aus­ge­ge­ben. Außer­dem ist er stell­ver­tre­ten­des Mit­glied im Kli­ma­bei­rat der Stadt Müns­ter, war von 2015 bis 2020 ver­ant­wort­lich für den News­let­ter „Kli­ma-Info Müns­ter kom­pakt“ und ist Initia­tor und Koor­di­na­tor der „Müns­te­ra­ner Kli­ma­ge­s­prä­che“. Micha­el Till­mann ist 74 Jah­re alt, seit 2020 Mit­glied der Par­tei Bündnis90/Die Grü­nen und Groß­va­ter von fünf Enkelkinder.