„Es fasziniert mich, wie Jugendliche bei unseren Projekten ihre Persönlichkeit entwickeln“

Mit Kon­takt­ver­bot Kon­tak­te knüp­fen – noch nie war das Bedürf­nis nach Gemein­schafts­le­ben grö­ßer und gleich­zei­tig schwie­ri­ger zu orga­ni­sie­ren. Beson­ders für Jugend­li­che und Kin­der. Die Stu­den­tin Jana Win­kel­jann ist Vor­sit­zen­de der Sport­ju­gend in Müns­ter. Loris Hoff­mann hat mit ihr dar­über gespro­chen, wie es ist, mit­ten in der Coro­na­pan­de­mie ein neu­es Amt anzu­tre­ten, und war­um es in den Sport­ver­ei­nen nicht nur um Sport geht.

TEXT: LORIS HOFFMANN
REDAKTION: CONSTANZE BUSCH
TITELFOTO: MERLE TRAUTWEIN

Jana Win­kel­jann, Vor­sit­zen­de der Sport­ju­gend Müns­ter. Foto: Mer­le Trautwein.

Frau Win­kel­jann, Sie haben mit­ten in der ers­ten Coro­na­wel­le den Vor­sitz der Sport­ju­gend ange­tre­ten. Nicht unbe­dingt der idea­le Zeit­punkt für einen Amtsantritt.

Das kann man so sagen. Aber ich habe ver­sucht, die neue Auf­ga­be so anzu­neh­men, wie sie ist.

Ist der Start geglückt?

Ich den­ke schon. Vor allem, weil ich zu Beginn der Coro­na­zeit noch mein Frei­wil­li­ges Sozia­les Jahr bei der Sport­ju­gend absol­viert habe. Im August wur­de ich dann zur Vor­sit­zen­den gewählt. Dadurch habe ich bereits zu Beginn der Pan­de­mie wich­ti­ge Ein­bli­cke aus ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven bekommen.

Hat Ihnen das gehol­fen, die neu ent­stan­de­nen Pro­ble­me zu meistern?

Ja, weil ich inner­halb der Sport­ju­gend schon sehr gut ver­netzt war. Wir haben schnell reagiert und natür­lich vie­le Ange­bo­te in die digi­ta­le Welt ver­la­gert, um den Kon­takt zu den Kin­dern nicht zu ver­lie­ren. Aber klar, ins­ge­samt war und ist es natür­lich den­noch auch für uns kei­ne ein­fa­che Zeit.

Sie stu­die­ren Erzie­hungs­wis­sen­schaf­ten und arbei­ten ehren­amt­lich für die Sport­ju­gend. Das nimmt bestimmt viel Zeit in Anspruch.

Stimmt, vor allem, seit ich den Vor­sitz habe. Ich arbei­te min­des­tens zehn Stun­den in der Woche für die Sportjugend.

Hat das Aus­wir­kun­gen auf die Leis­tun­gen im Studium?

Bis­her zum Glück noch nicht.

War­um inves­tie­ren Sie so viel Zeit in ein Ehrenamt?

Jeden Tag zu erle­ben, wie Jugend­li­che durch unse­re Ange­bo­te ihre Per­sön­lich­keit ent­wi­ckeln, fas­zi­niert mich. Ich habe selbst durch die Sport­ju­gend viel gelernt und erlebt. Und das möch­te ich ger­ne an die Kin­der wei­ter­ge­ben. Durch die Arbeit als Vor­sit­zen­de bin ich außer­dem immer wie­der gezwun­gen, mei­ne Kom­fort­zo­ne zu ver­las­sen und Neu­es zu ler­nen und umzu­set­zen. Mich die­ser Her­aus­for­de­rung zu stel­len, fin­de ich toll.

Könn­ten Sie kurz erklä­ren, wel­che Auf­ga­ben die Sport­ju­gend hat?

Grob gesagt för­dern wir die außer­sport­li­che Jugend­ar­beit – also alles, was an Ver­an­stal­tun­gen und Aus­flü­gen neben dem Trai­ning statt­fin­det, um Kin­der und Jugend­li­che zusam­men­zu­brin­gen und zu unter­stüt­zen. Wir sind außer­dem ein Bin­de­glied zwi­schen den Ver­ei­nen und der Stadt. Die Kin­der und Jugend­li­chen in den Ver­ei­nen wäh­len Jugend­ver­tre­ter, die wie­der­um uns wäh­len. So ver­tre­ten wir gegen­über der Stadt die Inter­es­sen der Kin­der und Jugend­li­chen, die Mit­glie­der in den Jugend­ab­tei­lun­gen der Sport­ver­ei­ne in Müns­ter sind. Das sind knapp 27.000 jun­ge Menschen.

Ohne einen direk­ten Draht zu den Kin­dern klingt das nach einer gro­ßen Herausforderung.

Wir haben eige­ne Leit­li­ni­en und einen engen Kon­takt zu den Jugend­ver­tre­tern in den Ver­ei­nen. Dadurch haben wir zwar nicht unbe­dingt einen direk­ten Kon­takt zu den Kin­dern und Jugend­li­chen, aber wir bekom­men die­sen Draht über Pro­jek­te oder Ver­an­stal­tun­gen. Inwie­weit unse­re Anlie­gen und Ideen durch kon­kre­te Ver­ein­s­an­ge­bo­te an die Kin­der wei­ter­ge­ge­ben wer­den, kommt aller­dings auf die Paten an. Das macht es manch­mal schwierig.

Kön­nen Sie als Vor­sit­zen­de kei­nen Ein­fluss dar­auf nehmen?

Ich arbei­te bei den Pro­jek­ten mit und bin dadurch auch in Kon­takt mit Kin­dern. Die Arbeit in den Ver­ei­nen kann ich aber nicht steu­ern. Und ins­ge­samt haben sich mei­ne Per­spek­ti­ve und damit mei­ne Auf­ga­ben geän­dert. Mitt­ler­wei­le füh­re ich auch vie­le Gesprä­che mit der Poli­tik und unse­ren Koope­ra­ti­ons­part­nern. Dadurch erken­ne ich Schwie­rig­kei­ten und ver­su­che, Lösun­gen zu finden.

Wel­che Schwierigkeiten?

Wir haben ganz ver­schie­de­ne Ange­bo­te. Zum Bei­spiel Qua­li­fi­ka­tio­nen für Jugend­li­che, die Betreu­ung von Kin­dern in den Som­mer­fe­ri­en und jugend­po­li­ti­sche Pro­jek­te. Wir ver­su­chen, die Jugend­li­chen schon bei der Pla­nung ein­zu­be­zie­hen und unse­re Ver­an­stal­tun­gen und Kur­se par­ti­zi­pa­tiv zu gestal­ten. Das ist sehr span­nend, aber auch eine gro­ße Herausforderung.

Kön­nen Sie das an einem Bei­spiel erklären?

Für unse­re Feri­en­be­treu­ung „Beweg­te Kids“ pla­nen und orga­ni­sie­ren wir das Pro­gramm gemein­sam mit den Kin­dern und Jugend­li­chen. Dafür neh­men wir uns immer sehr viel Zeit, denn der par­ti­zi­pa­ti­ve Ansatz bedeu­tet uns viel. Wir gera­ten oft in Dis­kus­sio­nen, weil die vie­len ver­schie­de­nen Mei­nun­gen natür­lich viel Zeit kos­ten, aber für uns zählt vor allem das Ergebnis.

Wor­um geht es bei den jugend­po­li­ti­schen Pro­jek­ten, die Sie erwähnt haben?

Wir pla­nen zu jeder Wahl ein Pro­jekt gemein­sam mit unse­ren Jugend­li­chen. Dabei bespre­chen wir Fra­gen, die uns bei der anste­hen­den Wahl wich­tig sind, und brin­gen Jugend­li­che und Politiker:innen mit­ein­an­der ins Gespräch.

Sie betreu­en auch vie­le geflüch­te­te Kin­der und Kin­der mit Behin­de­rung. Wie för­dern Sie die Inklu­si­on die­ser Kinder?

Bei unse­rem Dach­ver­band, dem Stadt­sport­bund Müns­ter, gibt es eine Fach­kraft, die aus­schließ­lich für Inte­gra­ti­on und Inklu­si­on ver­ant­wort­lich ist. Mit ihr arbei­ten wir natür­lich zusam­men. Und wir bie­ten zum Bei­spiel Übungs­lei­ter­aus­bil­dun­gen für geflüch­te­te Frau­en und Män­ner an, damit die­se eine bes­se­re Chan­ce haben, sich in Sport­ver­ei­ne zu integrieren.

Wür­den Sie sagen, mit nur einer Fach­kraft ist der Bedarf an Ange­bo­ten für die­se Kin­der gedeckt?

Die­se Fach­kraft ist nicht die ein­zi­ge Per­son im Stadt­sport­bund, die sich für das The­ma enga­giert. Es gibt auch noch eine Fach­kraft für Jugend­ar­beit und einen Frei­wil­li­gen­dienst, die voll und ganz für uns da sind. Um in Zukunft noch mehr Pro­jek­te auf die Bei­ne stel­len zu kön­nen, wäre es schon wich­tig für uns, noch mehr Haupt­äm­ter zu haben. Dann könn­ten wir noch mehr unse­rer Ideen ver­wirk­li­chen. Grund­sätz­lich leben wir aber Viel­falt, ohne beson­de­re Ange­bo­te für bestimm­te Men­schen oder Grup­pen – etwa für Men­schen mit Behin­de­rung oder Migra­ti­ons­ge­schich­te – zu schaf­fen. Bei uns ist jeder und jede immer willkommen.

In Ihrer Rol­le als Vor­sit­zen­de sind Sie in stän­di­gem Kon­takt mit der Stadt und der Poli­tik. Wie emp­fin­den Sie die­sen Austausch?

Ich habe das Gefühl, dass uns zuge­hört wird. Die Sport­ju­gend sitzt aber auch im Aus­schuss für Kin­der, Jugend­li­che und Fami­li­en. Das macht für uns vie­les ein­fa­cher und wir kön­nen die The­men, die uns wich­tig sind, direkt in die Debat­ten einbringen.

Kooperation mit der Hochschule der Medien

Die­ser Text ist im Rah­men eines Aus­bil­dungs­pro­jek­tes in Koope­ra­ti­on mit der Hoch­schu­le der Medi­en in Stutt­gart ent­stan­den. Stu­die­ren­de eines inter­na­tio­na­len Kur­ses zum kon­struk­ti­ven und dia­log­ori­en­tier­ten Jour­na­lis­mus haben für RUMS Inter­views geführt und geschrie­ben. Die Redak­ti­on hat zusam­men mit den Dozent:innen die Stu­die­ren­den bei der The­men­fin­dung, Inter­view­vor­be­rei­tung und Text­be­ar­bei­tung unter­stützt. Die Inter­views ver­öf­fent­li­chen wir nun in unre­gel­mä­ßi­gen Abstän­den hier auf unse­rer Web­site.


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