Streit um den Hafen – Wer bestimmt, wie die Stadt wächst?

Zwi­schen Hafen und Han­sa­ring wol­len Inves­to­ren ein Ein­kaufs­zen­trum bau­en. Doch die Geg­ner haben das Pro­jekt zu Fall gebracht. Der Streit wirft eine gro­ße Fra­ge auf: Wie viel Macht haben die Bürger:innen?

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Die Ver­kaufs­flä­che des Hafen­cen­ters bzw. Hafen­mark­tes am Han­sa­ring soll im Ver­gleich zu 2010 um knapp die Hälf­te ver­klei­nert wer­den. Doch wie gut ist die­ser neue Plan? Mehr dazu im Essay unse­res Gast­au­toren Nils Diet­rich.

Zurück auf Los

Von Nils Diet­rich

In der Dra­ma­tur­gie von Fil­men gibt es soge­nann­te Plot-Points. An die­sen Stel­len nimmt die Hand­lung eine uner­war­te­te Wen­dung; die Plot-Points geben der Erzäh­lung eine Dyna­mik. Sie kom­men über­ra­schend und las­sen alles in einem ande­ren Licht erschei­nen. In der Geschich­te des Hafen­cen­ters ergibt sich am 16. Dezem­ber 2015 so ein Punkt. An die­sem Tag soll im Rat­haus der Stadt Müns­ter der Bebau­ungs­plan für das neue Ein­kaufs­zen­trum beschlos­sen wer­den, das auf dem Gelän­de der Alten Post und der Tank­stel­le am Han­sa­ring geplant ist. Der Plan ist die Vor­aus­set­zung dafür, dass dort spä­ter ein­mal gebaut wer­den kann.

Um den Bebau­ungs­plan auf­stel­len zu kön­nen, hat die Stadt vor­her unter­sucht, ob die Stra­ßen den zusätz­li­chen Ver­kehr durch das Hafen­cen­ter aus­hal­ten wer­den. Dabei hat es kei­ne Pro­ble­me gege­ben. Die Stadt ist mit dem Ergeb­nis zufrie­den. Doch an die­sem Tag ver­kün­det der Eigen­tü­mer der pri­va­ten Theo­dor-Schei­we-Stra­ße auf der ande­ren Sei­te des Kanals, dass er die­sen Weg für die Öffent­lich­keit sper­ren wird. In der Sit­zung im Rat­haus sagt der dama­li­ge Stadt­di­rek­tor Hart­wig Schult­heiß laut Pro­to­koll auf eine Nach­fra­ge, es bestehe „kein Zusam­men­hang zwi­schen Hafen­cen­ter und Theo­dor-Schei­we-Stra­ße”. Eine Mehr­heit aus CDU, FDP und der bis zuletzt zwei­feln­den SPD stimmt dem Pro­jekt dar­auf­hin zu. Zwei­ein­halb Jah­re spä­ter wird sich her­aus­stel­len: Die Ein­schät­zung des Stadt­di­rek­tors war ein Feh­ler. Und die­ser Feh­ler hat­te Fol­gen. 

Die­se Fol­gen sind heu­te am Han­sa­ring zu besich­ti­gen. Man muss nur in Höhe der Kur­ve über den Bau­zaun schau­en. Dort steht ein nack­ter Roh­bau, seit dem 1. Febru­ar 2019 weit­ge­hend unbe­rührt – außer von Graffiti-Sprayer:innen, den Ein­zi­gen, die sich seit­dem um die Rui­ne geküm­mert haben. Der Beton rot­tet lang­sam vor sich hin, seit das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt die Bau­ge­neh­mi­gung zurück­ge­nom­men hat. Und wenn man anfängt, sich mit der Fra­ge zu beschäf­ti­gen, wie das pas­sie­ren konn­te, stellt man sehr schnell fest, dass es hier nicht nur dar­um geht, ob auf die­sem Grund­stück ein Ein­kaufs­zen­trum gebaut wer­den soll. Es geht um etwas Grö­ße­res – um Fra­gen, die nicht nur die­sen Ort betref­fen und auch nicht nur Müns­ter. Es geht dar­um, ob man ein Pro­jekt von die­ser Grö­ßen­ord­nung ein­fach über die Köp­fe der Men­schen hin­weg beschlie­ßen kann. 

I. Der Plan

Die Demo­kra­tie erin­nert manch­mal an ein kom­pli­zier­tes Gesell­schafts­spiel. Es gibt ver­schie­de­ne Spieler:innen, die an einem Tisch sit­zen und gewin­nen wol­len. Es gibt Spiel­re­geln, die für alle gel­ten, aber an die sich nicht immer alle hal­ten. Das Regel­werk ist sehr umfang­reich und auch nicht immer ein­deu­tig. Nur anders als bei einem Gesell­schafts­spiel gibt es in der Demo­kra­tie Schieds­rich­ter, die am Ende ent­schei­den. Das sind die Gerich­te. Und weil Gerichts­ent­schei­dun­gen viel Zeit in Anspruch neh­men, kann so ein Spiel vie­le Jah­re dau­ern, manch­mal Jahr­zehn­te.

Wenn der Spiel­be­ginn der Punkt ist, an dem die Brü­der Lutz und Max Stroet­mann einen Teil des Gelän­des am Hafen gekauft haben, läuft das Spiel nun schon seit fast 20 Jah­ren. Am 8. Okto­ber 2002 steht auf der ers­ten Lokal­sei­te der West­fä­li­schen Nach­rich­ten ein kur­zer Arti­kel, in dem eher bei­läu­fig erwähnt wird, dass das Gelän­de seit Anfang des Jah­res nicht mehr der Post gehört, son­dern der Stroet­mann-Immo­bi­li­en GmbH, einem von vie­len Unter­neh­men in Müns­ter, hin­ter dem die Brü­der Max und Lutz Stroet­mann ste­hen. Sie füh­ren in der sechs­ten Genera­ti­on ein Han­dels­un­ter­neh­men, das in der Stadt tief ver­wur­zelt ist. Gegrün­det hat es der Kauf­mann Chris­to­pher Holt­mann im Jahr 1791 als Kolo­ni­al­wa­ren­ge­schäft. Die ers­te Adres­se war die Aegi­di­i­stra­ße 18, an der Ecke zur Brei­ten Gas­se, so steht es auf der Fir­men­web­site. Das Unter­neh­men ist heu­te weit ver­zweigt, es hat nach eige­nen Anga­ben 19 Stand­or­te, 1.500 Mit­ar­bei­ter und, auch das steht da, „110.250 zufrie­de­ne Kun­den“. 

Der Fir­men­na­me geht auf Lud­wig Stroet­mann zurück, der knapp 40 Jah­re nach der Grün­dung durch eine Hoch­zeit Teil der Fami­lie wur­de. Das Unter­neh­men L. Stroet­mann – das ist der exak­te Fir­men­na­me – ver­kauft heu­te Getrei­de, Saat­gut und Heim­ti­er­nah­rung. Bekannt ist Stroet­mann aber vor allem als Lebens­mit­tel­händ­ler.

Das Unter­neh­men belie­fert Ede­ka-Märk­te, nach eige­nen Anga­ben etwa hun­dert. In Coes­feld, Borg­horst, Schüt­torf und Hil­trup betreibt es soge­nann­te E-Cen­ter, gro­ße Ede­ka-Super­märk­te. Ein fünf­tes E-Cen­ter steht in Müns­ter an der Fried­rich-Ebert-Stra­ße. Es war das ers­te, das gebaut wur­de. Grö­ße­re Kom­pli­ka­tio­nen gab es dabei nicht. Stroet­mann kauf­te das Grund­stück, zog das Ein­kaufs­zen­trum hoch und eröff­ne­te es. Bei der Eröff­nung im Mai 2002 sag­te Max Stroet­mann der Zei­tung: „Ich kann sagen, dass das hier nicht unser letz­ter Markt sein wird.“ Unge­fähr so pro­blem­los hat­ten die Stroet­mann-Brü­der sich den Bau wahr­schein­lich auch am Hafen vor­ge­stellt.

Ob das wirk­lich so war, möch­ten sie uns nicht sagen. Ein Gespräch wol­len sie mit uns nicht füh­ren. Aber es lässt sich auch so eini­ges über sie sagen. Zwi­schen den Sät­zen, mit denen sie in den ver­gan­ge­nen Jah­ren in der Öffent­lich­keit zitiert wur­den, scheint das Selbst­bild der Fami­lie recht deut­lich durch.

Lutz Stroet­mann war meh­re­re Jah­re lang Vor­sit­zen­der der müns­ter­schen Kauf­mann­schaft, die ein­mal im Jahr im Rat­haus das Kram­er­mahl ver­an­stal­tet, ein Her­ren­abend mit Fracks, gro­ßen Reden und Grün­kohl, an dem Kauf­män­ner, die Stadt-Pro­mi­nenz und ein Ehren­gast teil­neh­men. Bei sei­ner Rede im Jahr 2004 zitier­te Lutz Stroet­mann Win­s­ton Chur­chill, er sag­te: „Man­che hal­ten den Unter­neh­mer für einen räu­di­gen Wolf, den man tot­schla­gen muss, ande­re für eine Kuh, die man mel­ken muss, nur weni­ge sehen in ihnen das Pferd, das den Kar­ren zieht.“ Ehren­gast war in die­sem Jahr der dama­li­ge Post­chef Klaus Zum­win­kel. Der griff das Bild auf und ver­glich sein eige­nes Unter­neh­men mit einem Renn­pferd. Als Zum­win­kel frag­te, in wel­cher Geschwin­dig­keit die Stadt Müns­ter sich denn fort­be­we­ge, schwieg Stroet­mann. So stand es in der Zei­tung.

Sechs Jah­res spä­ter stel­len Lutz und Max Stroet­mann ihre Idee vom Hafen­cen­ter zum ers­ten Mal der Öffent­lich­keit vor. Sie schei­nen damals nicht mit gro­ßem Wider­stand zu rech­nen. Dafür spre­chen unter ande­rem die enor­men Dimen­sio­nen ihrer Plä­ne. 8.000 Qua­drat­me­ter Ver­kaufs­flä­che schla­gen sie vor. Ein län­der­spiel­taug­li­ches Fuß­ball­feld hat 7.140 Qua­drat­me­ter. Im Lau­fe der Jah­re wer­den Poli­tik und Gerich­te das Pro­jekt immer wei­ter zurecht­stut­zen. Und irgend­wann spä­ter wird aus dem Hafen­cen­ter der Hafen­markt

Das Kon­zept sieht nun etwas anders aus. Ein­kau­fen und Schlem­men mit Flair, vege­ta­risch, lokal, bio, weni­ger in der bekann­ten Super­markt-Atmo­sphä­re mit ihren Schluch­ten aus befüll­ten Rega­len. Drau­ßen ein klei­ner Park mit Grün­flä­chen, Arzt­pra­xen, Woh­nun­gen. Das ist der neue Plan. Die Ver­kaufs­flä­che soll nach dem aktu­el­len Stand 4.450 Qua­drat­me­ter betra­gen. Der Han­del steht nicht mehr im Mit­tel­punkt. Bei einer Pres­se­kon­fe­renz auf der Bau­stel­le im Sep­tem­ber 2019 sagt Lutz Stroet­mann, die neu­en Plä­ne mach­ten den Cha­rak­ter die­ses Ortes viel deut­li­cher. Und der Han­del, „an dem unser Herz hängt“, so Stroet­mann, fal­le nicht völ­lig unter den Tisch. Es ist für sie, so scheint es, eine Not­lö­sung.


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II. Die Brüder Stroetmann

Für Max und Lutz Stroet­mann muss es sich anfüh­len wie ein Alb­traum, jeden­falls wie ein finan­zi­el­ler Alb­traum. Seit andert­halb Jah­ren steht auf der Bau­stel­le alles still. Der Roh­bau ist totes Kapi­tal, das kei­ne Umsät­ze und erst recht kei­ne Gewin­ne erwirt­schaf­tet. Die Stroet­manns sagen, sie hät­ten schon eine zwei­stel­li­ge Mil­lio­nen­sum­me in die Bau­stel­le inves­tiert. Natür­lich mit der Absicht, hier spä­ter Geld zu ver­die­nen, aber auch, so haben sie es schon vor Jah­ren gesagt, mit Blick auf die Men­schen, die hier woh­nen. „Unser Hafen­cen­ter gibt dem Vier­tel ein Gesicht“, schreibt Max Stroet­mann vor zehn Jah­ren auf Anfra­ge der Müns­ter­schen Zei­tung. Kri­tik an den Plä­nen gibt es schon damals. Dar­auf ange­spro­chen, also auf die Fra­ge, ob er auch Nach­tei­le sehe, sagt Stroet­mann der Zei­tung: „Nach­tei­le kön­nen wir kei­ne erken­nen.“ Im Gegen­teil: Sie sei­en von der Stadt gera­de­zu auf­ge­for­dert wor­den, an die­ser Stel­le zu inves­tie­ren.“ Das sagen die Brü­der der Zei­tung im ver­gan­ge­nen Jahr. 

Der Hafen­markt wäre für die Stroet­manns eine Rück­kehr. Von 1901 bis 1966 hat­te ihr Unter­neh­men sei­nen Sitz nur weni­ge Meter wei­ter. Den Hafen nen­nen sie „unse­re geschäft­li­che Hei­mat“. So eine Aus­sa­ge sen­det eine Bot­schaft. Sie lau­tet: Uns geht es nicht nur ums Geld, son­dern auch um die­sen Ort. Das wider­spricht dem Bild, das sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren bei vie­len Men­schen fest­ge­setzt hat. Die­ses Bild sieht so aus: Auf der einen Sei­te ste­hen die ren­di­te­fi­xier­ten Kauf­leu­te, die die­sen Klotz um jeden Preis ins Vier­tel wür­feln wol­len, weil sie fet­te Gewin­ne wit­tern. Das sind die Stroet­manns. Auf der ande­ren Sei­te ban­gen die macht­lo­sen Anwoh­ner um das Flair ihres Vier­tels, die klei­nen Läden und die Viel­falt. Doch das ist ein sehr ver­ein­fach­tes Bild. 

Natür­lich wol­len die Stroet­manns mit ihrem Hafen­markt Geld ver­die­nen. Aber gleich­zei­tig ent­ste­hen auch Arbeits­plät­ze. Ein Teil der Gewin­ne geht in Form von Steu­ern an den Staat und damit an die Gesell­schaft. Außer­dem gehört das Grund­stück den Stroet­manns. Es ist ihr Eigen­tum. Das ist eben­falls Teil des Bil­des. Und auf der ande­ren Sei­te ste­hen nicht nur Men­schen, die sich um das Flair in ihrem Vier­tel sor­gen, son­dern auch sol­che, denen es eben­falls um ihr Geld geht. Um Kauf­leu­te. Die neue Kon­kur­renz wür­de ihre Gewin­ne schmä­lern. Man kann ver­ste­hen, dass sie das ver­hin­dern möch­ten. Aber die­se Men­schen wol­len – auch das ist eine Per­spek­ti­ve – bestim­men, was ande­re mit ihrem Eigen­tum anstel­len. Das kann man so oder so bewer­ten. Es gibt für bei­de Posi­tio­nen Argu­men­te, die von der jewei­li­gen Per­spek­ti­ve abhän­gen. Aber egal, wo man steht, man muss aner­ken­nen: Auf bei­den Sei­ten ste­hen Men­schen mit Inter­es­sen, die auch aus der jeweils ande­ren Per­spek­ti­ve eine gewis­se Berech­ti­gung haben. Und dann gibt es noch eine wei­te­re Per­spek­ti­ve, die Chris­ti­an Schowe, der dama­li­ge Lei­ter des Stadt­pla­nungs­am­tes, im Juli 2012 bei einer Info­ver­an­stal­tung zu den Bau­plä­nen am Hafen for­mu­liert hat. Er sag­te damals: „Pro­zes­se der Stadt­ent­wick­lung und Stadt­pla­nung sind immer das Ergeb­nis von Abwä­gun­gen und Kom­pro­mis­sen. Eine voll­stän­di­ge Berück­sich­ti­gung von Ein­zel­in­ter­es­sen ist damit nahe­zu immer aus­ge­schlos­sen.“ 

Im Herbst 2019, neun Jah­re nach der ers­ten Prä­sen­ta­ti­on, klin­gen Lutz und Max Stroet­mann zum ers­ten Mal ein wenig resi­gniert. Die West­fä­li­schen Nach­rich­ten zitie­ren sie mit dem Satz: „Wir füh­len uns aus­ge­presst wie eine Zitro­ne.“ Der Hafen­markt sei der „letz­te Anlauf“, das Pro­jekt nun doch noch irgend­wie umset­zen. Kom­plett auf­ge­ben kom­me aber nicht infra­ge „Im Fege­feu­er sind wir schon lan­ge“, sagt Lutz Stroet­mann. Dann fügt er noch an: „Aber gedank­lich in die Höl­le bege­ben wir uns nicht.

III. Die Gegner

Rai­ner Bode ist der Mann, der Max und Lutz Stroet­mann wie eine Zitro­ne aus­ge­presst hat. Bode ist jemand, bei dem man das Gefühl hat, er mischt irgend­wie über­all mit. Seit dem letz­ten Jahr ist er im Ruhe­stand, aber Ruhe­stand kann man das eigent­lich nicht nen­nen. Im Moment küm­mert er sich um Frei­be­ruf­ler und Künst­ler, die in der Coro­na-Kri­se in Schwie­rig­kei­ten gera­ten sind. Er spricht bei Kli­ma­de­mons­tra­tio­nen. Vie­le Jah­re lang hat er sich als Geschäfts­füh­rer einer Lan­des­ar­beits­ge­mein­schaft für sozio­kul­tu­rel­le Zen­tren ein­ge­setzt. Das Kul­tur­zen­trum cuba an der Ach­ter­mann­stra­ße hat er mit­ge­rün­det. Und auf ihn konn­te man sich immer ver­las­sen, wenn es dar­um ging, etwas zu ver­hin­dern

Im Jahr 1996 trat Rai­ner Bode als Spä­tein­stei­ger bei den Grü­nen ein, weil er nicht zulas­sen woll­te, dass die dama­li­ge Rat­haus­ko­ali­ti­on mit der SPD platzt. Am Ende stimm­te eine Mehr­heit von drei Stim­men für die Fort­set­zung des Bünd­nis­ses. Vor 13 Jah­ren war Bode das Gesicht einer Initia­ti­ve, die eine Musik­hal­le ver­hin­der­te. Das Pro­jekt hat­te mäch­ti­ge Unter­stüt­zer, die das Bild in der Öffent­lich­keit präg­ten. Die Dis­kus­si­on ist Jahr­zehn­te alt. Aber dies­mal sah es so aus, als könn­te es klap­pen. Zunächst. Doch Rai­ner Bode spür­te, dass das Gefühl in der Bevöl­ke­rung ein ande­res war. Er mobi­li­sier­te die Geg­ner und schaff­te das Unwahr­schein­li­che. In einem Bür­ger­ent­scheid stimm­ten 70 Pro­zent der Men­schen gegen das Pro­jektUnd dann kam das Hafen­cen­ter

Rai­ner Bode wohnt selbst in der Gegend. Er hat eine Woh­nung im Ost­vier­tel und ist damit Anwoh­ner. Für das Ein­kaufs­zen­trum in sei­ner Nach­bar­schaft begann er sich zu inter­es­sie­ren, als die Plä­ne im Jahr 2010 zum ers­ten Mal vor­ge­stellt wur­den. Da habe sich bereits abge­zeich­net, dass das Pro­jekt kein Selbst­läu­fer wer­de, sagt er heu­te. 

Bei einer Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung zur Ent­wick­lung des Vier­tels ist der Wider­stand bereits abseh­bar. Bode erin­nert sich noch gut. „90 Pro­zent der Anwe­sen­den waren dage­gen“, sagt er. Die Kauf­leu­te am Han­sa­ring, an der Wol­be­cker und Waren­dor­fer Stra­ße woll­ten das Hafen­cen­ter nicht, weil sie ihr eige­nes Geschäft in Gefahr sahen. So sah auch Bode es. „Es gibt genug Märk­te, die klei­nen Läden krie­gen Pro­ble­me, das gefähr­det die Stadt­teil­struk­tur“, sagt er heu­te. Das sei sei­ne Moti­va­ti­on gewe­sen, aber für eine Kla­ge war das noch nicht genug. 

Rai­ner Bode erin­nert sich in die­ser Zeit an sei­ne Erfah­run­gen aus dem Bür­ger­be­geh­ren gegen die Musik­hal­le. Dabei hat er gese­hen, dass man mit „einer gut for­mu­lier­ten Argu­men­ta­ti­on“, wie er sagt, etwas errei­chen kön­ne. Und damals hat­te er ein Schlüs­sel­er­leb­nis. Das war am 7. März 2008. Rai­ner Bode war an die­sem Abend selbst gar nicht dabei, aber es stand spä­ter in allen Zei­tun­gen. Beim Kram­er­mahl im Rat­haus schenk­te Jür­gen Rütt­gers, damals nord­rhein-west­fä­li­scher Minis­ter­prä­si­dent, der Stadt ein Grund­stück am Schloss­platz, der damals noch Hin­den­burg­platz hieß – für den Fall, dass die Stadt dort eine Musik­hal­le baut. Als Bode davon hör­te, war sein Gedan­ke: „Das ist die Arro­ganz der Macht. Denen gehört das.“ Die Macht han­delt alles unter sich aus, die Men­schen sind dabei egal. Das war Bodes Gefühl.

Weni­ge Jah­re spä­ter, als es um das Hafen­cen­ter geht, hat Rai­ner Bode ein Déjà vu. Bei dem Gedan­ken dar­an steigt noch heu­te der Ärger in ihm hoch. „Die erlauch­ten Krei­se bestim­men, was gemacht wird. Ohne die Leu­te zu fra­gen: Wollt ihr das? Braucht ihr das?“, sagt er. Es gebe Betei­li­gungs­pro­zes­se. Aber das sei­en nur For­ma­li­tä­ten. Hin­ter alle­dem ste­he ein Kon­glo­me­rat aus Stadt, Ver­wal­tung und Poli­tik. „Wir haben das frü­her die Prin­zi­palmarkt-Mafia genannt“, sagt er. 

Gegen die­ses Kon­glo­me­rat wol­len Bode und sei­ne Mit­strei­ter sich beim Hafen­cen­ter zur Wehr set­zen. Doch das ist nicht ein­fach, denn die Spiel­re­geln sehen kein Veto vor, weil Men­schen die Stadt­teil­struk­tur in Gefahr sehen. Aber sie sehen vor, dass alle sich an die Regeln hal­ten müs­sen. Wer das nicht macht, ris­kiert, am Ende wie­der ganz am Anfang zu ste­hen. Und hier fin­det Bode einen Hebel: den Lärm. 

Bevor ein Bau­pro­jekt in die­ser Grö­ßen­ord­nung begin­nen kann, muss die Stadt mit einem Gut­ach­ten bele­gen, dass der Lärm durch den zusätz­li­chen Ver­kehr die zuläs­si­gen Grenz­wer­te nicht über­schrei­tet. Dass es lau­ter wer­den wird und mehr Autos über den Ring fah­ren, ist bereits klar. Das will Stroet­mann dadurch abfe­dern, dass eini­ge Anwoh­ner eine Schall­schutz­ver­gla­sung erhal­ten

Bode und sei­ne Mit­strei­ter machen selbst Lärm­mes­sun­gen. Am Ende blei­ben weni­ge Woh­nun­gen übrig, die der Lärm betref­fen könn­te. „50, 60, 70“, sagt Bode. Sie kom­men als Klä­ger in Fra­ge, denn kla­gen kann nur, wer selbst betrof­fen ist. Men­schen zu fin­den, die dazu auch bereit sind, ist nicht leicht. „Ich habe Klin­ken geputzt“, sagt Bode. Erschwe­rend kommt hin­zu, dass die Per­son, die klagt, eine Ein­ga­be gemacht haben muss, als es um den Bebau­ungs­plan ging. Sie muss sich also schon beschwert haben. Zwi­schen­durch erscheint alles aus­sichts­los. „Ich hat­te schon auf­ge­ge­ben“, sagt Bode. Doch dann ergibt sich plötz­lich wie­der ein Plot-Point.  

Als Rai­ner Bode am Abend des 12. Aprils 2018 etwas ver­spä­tet die Knei­pe Bohe­me Bou­let­te am Han­sa­ring betritt, war­ten sie drin­nen schon auf ihn. Sie applau­die­ren und jubeln, als er auf die Büh­ne steigt. Bodes Stim­me ist ange­schla­gen. Es war ein lan­ger Tag. Er hat viel gere­det. „Rich­ti­ger Durch­marsch“, ruft er erleich­tert von oben. Wie­der jubeln sie. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat den Bebau­ungs­plan gekippt. 

IV. Die nächste Runde

Zehn Mona­te spä­ter, am 1. Febru­ar 2019 erklärt das Ver­wal­tungs­ge­richt nach dem Bebau­ungs­plan auch die Bau­ge­neh­mi­gung für ungül­tig. Die Begrün­dung lau­tet: Die Theo­dor-Schei­we-Stra­ße ist in der Pla­nung nicht berück­sich­tigt wor­den. 

Zurück auf Los. Alles auf Anfang. Das Hafen­cen­ter soll wei­ter­hin kom­men. Das ist der erklär­te Wil­le von CDU und FDP. Es braucht ein neu­es Ver­kehrs­gut­ach­ten, ein paar Ände­run­gen am Kon­zept. Dass die Grü­nen, die zu die­ser Zeit eine Rat­haus-Koali­ti­on mit der CDU bil­den, ein­kni­cken, wird ver­hin­dert. Von wem? Von Rai­ner Bode. Natür­lich. Auf der Ver­samm­lung des Kreis­ver­bands. 

Doch die Stim­men der Grü­nen wer­den nicht gebraucht. Die SPD hilft CDU und FDP wie­der aus. Im Gegen­zug bekommt das Pro­jekt einen neu­en Namen, und das Kon­zept sieht jetzt etwas anders aus. Eine neue Ver­kehrs­stu­die soll die Plä­ne absi­chern. 

Inzwi­schen ist bekannt, dass hin­ter dem Hafen­cen­ter ein neu­es Vier­tel wach­sen wird. Knapp 700 Woh­nun­gen, Gas­tro­no­mie und Hotels, vie­le Büros, etwa 2.000 Men­schen sol­len hier arbei­ten. Der Ver­kehr, der dadurch erwar­tet wird, ist in der Stu­die bereits ein­kal­ku­liert. Das sagt Stadt­bau­rat Robin Denstorff, der Nach­fol­ger von Hart­wig Schult­heiß, am Ran­de einer Info­ver­an­stal­tung im März 2020. Es klingt, als wären jetzt alle Hin­der­nis­se aus dem Weg geräumt. 

Rai­ner Bode ist da nicht ganz so sicher. „Die sagen sich: Das wird schon funk­tio­nie­ren“, sagt er. Doch die  eigent­li­chen Pro­ble­me kämen erst noch. Das Ver­kehrs­gut­ach­ten sei nicht an der Rea­li­tät ori­en­tiert. „Was nicht passt, wird pas­send gemacht“, sagt Bode. 

Wie­der­holt sich nun die glei­che Geschich­te? Der neue Ent­wurf eines Bebau­ungs­plans lässt noch auf sich war­ten. Man hole noch die Stel­lung­nah­men von ande­ren Behör­den ein, teilt die Stadt Müns­ter auf Anfra­ge mit. Vor August wer­de man es wohl nicht schaf­fen. Dann tagt der Rat der Stadt zum letz­ten Mal vor der Kom­mu­nal­wahl am 13. Sep­tem­ber. Mit dem Ent­wurf sei also wohl erst zu den ers­ten Sit­zun­gen des neu­en Rats zu rechen, schreibt die Stadt – gegen Ende des Jah­res

Dann beginnt das Spiel von vor­ne. Wie es wei­ter­geht, hängt auch davon ab, wie die Ergeb­nis­se der Kom­mu­nal­wahl aus­fal­len und wel­che Mehr­heits­ver­hält­nis­se sich dann erge­ben. Was nach der Wahl sein wird? Rai­ner Bode legt sich schon fest: „Der Hafen­markt ist in die­ser Grö­ßen­ord­nung wei­ter unmög­lich“, sagt er. Der Roh­bau kön­ne fer­tig­ge­stellt wer­den. Für den ande­ren Teil sieht er nur eine Mög­lich­keit: Woh­nun­gen. „Dazwi­schen gibt es kei­nen Kom­pro­miss“, sagt er.

Auch gegen den nächs­ten Bebau­ungs­plan will Bode wie­der kla­gen. „Ich habe immer gesagt: Lasst uns eine Eini­gung ohne Ein­kaufs­zen­trum fin­den“, sagt er. Dann hät­te man schon in die­sem Jahr fer­tig wer­den kön­nen. Wenn man Rai­ner Bode fragt, wor­an, das sei­ner Mei­nung alles liegt, gibt er eine ein­fa­che Ant­wort: „Die Leu­te müs­sen ernst genom­men wer­den. Sie wer­den aber nicht ernst genom­men.“

Mit­ar­beit: Ralf Hei­mann


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