Die Preußen machen wieder Spaß

Preu­ßen Müns­ter spielt am Sams­tag um den Auf­stieg in die 3. Liga. Egal ob das klappt, an der Ham­mer Stra­ße stimmt die Rich­tung wie­der. Was der Ver­ein schon gut macht und was er vom SC Frei­burg ler­nen könnte.

Text: DIETRICH SCHULZE-MARMELING
Redak­ti­on: CONSTANZE BUSCH
Lek­to­rat: LAURA BADURA
Titel­fo­to: TRAVIS JONES

Dass der SCP in der Regio­nal­li­ga West noch am letz­ten Spiel­tag um die Meis­ter­schaft und den damit ver­bun­de­nen Auf­stieg in die 3. Liga spie­len wür­de, konn­te man nicht unbe­dingt erwar­ten. Rot-Weiss Essen war beim 13. Anlauf ein biss­chen gesetzt, allein schon wegen des Bud­gets. Auch der Wup­per­ta­ler SV, wo es der 82-jäh­ri­ge Haupt­spon­sor und Mäzen Fried­helm Run­ge noch ein­mal wis­sen woll­te, wur­de gehan­delt. Des Wei­te­ren wur­de For­tu­na Köln genannt und Borus­sia Mön­chen­glad­bach unter­stellt, man wol­le dem Bei­spiel von Frei­burg und Dort­mund fol­gen und mit dem U23-Team, der soge­nann­ten 2. Mann­schaft, eben­falls in die 3. Liga streben. 

Unab­hän­gig davon, wie der letz­te Spiel­tag nun aus­geht: Stim­mungs­mä­ßig war es die bes­te Sai­son seit vie­len Jah­ren. Hier­zu trug auch der DFB-Pokal bei, für den sich der SCP als Sie­ger im West­fa­len­po­kal erst­mals seit 2014 wie­der qua­li­fi­zie­ren konn­te. Mit den Bun­des­li­gis­ten VfL Wolfs­burg und Her­tha BSC kam end­lich wie­der gro­ßer Fuß­ball in die Antik-Are­na an der Ham­mer Straße. 

Gut 111.000 Zuschauer:innen besuch­ten 20 Regio­nal­li­ga-Heim­spie­le – macht im Schnitt 5.550 Gäs­te pro Spiel. Bun­des­weit mobi­li­sier­te nur Essen in die­ser Liga noch bes­ser. 5.550 sind nur etwa 1.000 weni­ger als in der Sai­son 2019/20, Preu­ßens bis­lang letz­ter in der 3. Liga. Ohne die pan­de­mie­be­ding­ten Kapa­zi­täts­be­schrän­kun­gen bei eini­gen Spie­len wäre die Dif­fe­renz noch gerin­ger aus­ge­fal­len. Bei den Pokal­spie­len gegen Wolfs­burg und Her­tha BSC waren nur 7.000 bezie­hungs­wei­se 11.000 Gäs­te zuge­las­sen. Zuzüg­lich der West­fa­len­po­kal­spie­le kom­men die Müns­ter­sche Zei­tung auf 133.485 Fans, die die Heim­spie­le des SCP in die­ser Spiel­zeit besuchten. 

Der SCP und seine Fans: ein Generationenkonflikt?

Nach dem Abstieg aus der 3. Liga im Som­mer 2020 war die Stim­mung zunächst mise­ra­bel. Eini­ge Wochen spä­ter fan­den vie­le Men­schen den Abstieg gar nicht mehr so schreck­lich. In der Regio­nal­li­ga wink­ten kür­ze­re Fahr­ten und nam­haf­te Kon­tra­hen­ten wie eben Rot-Weiss Essen, For­tu­na Köln, Ale­man­nia Aachen, Wup­per­ta­ler SV und Rot-Weiß Ober­hau­sen, soge­nann­te Tra­di­ti­ons­klubs, die eben­falls schon höher­klas­sig gespielt hat­ten. Man fand Gefal­len an einer Preu­ßen-Mann­schaft, die jung und stark lokal oder regio­nal geprägt war. Recht bald wur­de deut­lich, dass die Sor­ge, die Preu­ßen wür­den nun bis in die Ober­li­ga durch­ge­reicht, unbe­grün­det war. 

Der Über­le­bens­kampf in der 3. Liga, der sich ja nicht auf die Sai­son 2019/20 beschränk­te, hat­te hef­tig an den Ner­ven gezerrt. Aber Fans möch­ten ihr Team sie­gen sehen. Und die Preu­ßen sieg­ten, seit dem Abstieg in 76 Meis­ter­schafts­spie­len, 48 Mal. In der aktu­el­len Sai­son ver­ließ der SCP in den bis­lang 37 Spie­len nur drei­mal als Ver­lie­rer den Platz. Dass es „nur“ die Regio­nal­li­ga war, stör­te nicht wirk­lich. Die Preu­ßen mach­ten wie­der Spaß.

Viel­leicht ist die­se posi­ti­ve Hal­tung aber auch genera­tio­nen­ab­hän­gig. Die Mei­nung, Preu­ßen Müns­ter, Vize­meis­ter 1951 und 1963 Grün­dungs­mit­glied der Bun­des­li­ga, gehö­re in die 2. Liga (min­des­tens!), ist vor allem unter Men­schen ver­brei­tet, die älter als 50 sind und sich noch an „bes­se­re Zei­ten“ erin­nern können. 

Wer 35 und jün­ger ist, hat den Zweit­li­gis­ten Preu­ßen Müns­ter nie erlebt. Schon gar nicht Preu­ßens ein­zi­ges Bun­des­li­ga­jahr 1963/64 und die Bei­na­he-Auf­stie­ge des Klubs in der zwei­ten Hälf­te der 1970er-Jah­re. Er wuchs in einer ande­ren Fuß­ball­land­schaft auf. Einer Fuß­ball­land­schaft, in der der SCP nie bes­ser als dritt­klas­sig war. Die seit 2008 bestehen­de ein­glei­si­ge 3. Liga, zeit­wei­se ein Sam­mel­be­cken für gefal­le­ne „Tra­di­ti­ons­klubs“, fühl­te sich dann zumin­dest ein biss­chen wie die Bun­des­li­ga an. 

Dass der SCP ein BVB wird, erwar­tet die­se Genera­ti­on nicht. Wes­halb man von Men­schen unter 35 auch nur sel­ten „Die Preu­ßen müs­sen doch…“, „Die Preu­ßen sind immer noch ein gro­ßer Tra­di­ti­ons­ver­ein!“ oder „Zwei­te Liga und ein Sta­di­on für min­des­tens 40.000!“ zu hören bekommt. 

Die Durch­läs­sig­keit im Fuß­ball hat deut­lich nach­ge­las­sen, die Ver­hält­nis­se wir­ken zemen­tier­ter als in der Ver­gan­gen­heit. Ein BVB wird nie mehr abstei­gen. Und wenn doch, dann wird er schnell wie­der auf­stei­gen. Viel­leicht wird der Ver­ein aber auch in eine euro­päi­sche Super League ver­schwin­den. Klubs wie der SCP (oder in der Bun­des­li­ga der VfL Bochum) füh­ren einen völ­lig ande­ren Kampf. Müs­sen sie auch, wenn sie über­le­ben wol­len. Fürs Über­le­ben braucht es ein gewis­ses Maß an Abgren­zung. Wie die­se aus­se­hen kann, wird in der Bun­des­li­ga zum Bei­spiel vom VfL Bochum vor­ge­führt. „Für uns zeich­net sich der Trend ab, dass ein Teil des Fuß­balls zur Unter­hal­tungs­in­dus­trie wird. Wir wol­len das Gegen­pro­dukt zu die­ser Welt aus Gla­mour, Geld und Enter­tain­ment sein. Der VfL soll Volks­sport und Kul­tur­gut blei­ben“, so for­mu­liert es VfL-Mana­ger Ilja Kaenzig.

In der Sai­son 2020/21, der ers­ten Spiel­zeit nach dem Abstieg, wur­de der SCP in der Regio­nal­li­ga Drit­ter – 15 Punk­te hin­ter dem Meis­ter und zwölf hin­ter dem Vize­meis­ter. Ange­sichts der Pro­ble­me bei der Zusam­men­stel­lung des Kaders, bedingt durch den Abstieg und die vor­über­ge­hen­de Leer­stel­le auf der Posi­ti­on des Sport­di­rek­tors, war dies zumin­dest in Ord­nung. Nein, eigent­lich war es sogar mehr, als man erwar­tet hat­te. Hin­zu kam der bereits erwähn­te Gewinn des West­fa­len­po­kals, wo der SCP im Fina­le den klas­sen­hö­he­ren SC Verl besiegte.

In die­ser Sai­son wer­den die Preu­ßen mit einer gewis­sen Wahr­schein­lich­keit punkt­gleich mit Rot-Weiss Essen durchs Ziel gehen. Aber mög­li­cher­wei­se trotz­dem nicht auf­stei­gen, da das Tor­ver­hält­nis für den Kon­kur­ren­ten spricht. Trotz­dem mar­kiert die­se Sai­son einen wei­te­ren Schritt in die rich­ti­ge Richtung. 

Im Breisgau lernen 

Ja, es schmerzt. Und eigent­lich will man es ja auch nicht mehr hören. Aber um zu ver­ste­hen, was beim SCP in der Ver­gan­gen­heit falsch lief und jetzt bes­ser läuft, muss man sich einem ande­ren Klub wid­men: dem SC Frei­burg, dem Bun­des­li­ga­klub der Sai­son 2021/22.

Dass die Frei­bur­ger in die­ser Spiel­zeit sogar an das Tor zur Cham­pions League klopf­ten, ist das Resul­tat orga­ni­schen Wachs­tums. Als der SCF im Som­mer 1993 in die Bun­des­li­ga auf­stieg – zwei Jah­re nach­dem der SCP aus deren Unter­haus abge­stie­gen war – befand sich das Sta­di­on des Neu­lings in kei­nem bes­se­ren Zustand als die Antik-Are­na an der Ham­mer Stra­ße. Das­sel­be galt für die Trai­nings­be­din­gun­gen. Der Zuschau­er­zu­spruch der Breis­gau­er ent­sprach im Auf­stiegs­jahr in etwa dem des SCP im Abstiegs­jahr. Frei­burg war nicht mehr und nicht weni­ger Fuß­ball­stadt als Müns­ter – eher weni­ger. Und die loka­le Poli­tik? Die war dem SCF auch nicht bes­ser geson­nen als dem SCP. 

Der Unter­schied zwi­schen den bei­den Klubs bestand dar­in, dass man beim SCF eine Vor­stel­lung von der wei­te­ren Ent­wick­lung des Fuß­ball­stand­orts hat­te. Eine Vor­stel­lung, die sich nicht auf das Sta­di­on und das Wer­ben um Spon­so­ren redu­zier­te, son­dern deren Kern ein sport­li­cher war. Und wäh­rend in Müns­ter ganz vie­le Men­schen mit­re­den woll­ten, waren es in Frei­burg ver­gleichs­wei­se weni­ge – dafür aber eben Leu­te von der Qua­li­tät eines Vol­ker Fin­ke. Schon damals galt, was Ilja Kaen­zig heu­te so aus­drückt: „Mit Raf­fi­nes­se, Cle­ver­ness und einem hohen Ver­ständ­nis für Qua­li­tät schlägt man im Fuß­ball­busi­ness 90 Pro­zent der Konkurrenz.“ 

In Müns­ter hin­ge­gen herrsch­te ein gewis­ser Man­gel an Wis­sen dar­über, wie sich der Fuß­ball in die­sem Land ent­wi­ckeln wür­de. Man rede­te viel von der unwi­der­steh­li­chen Mar­ke Preu­ßen Müns­ter, über­schätz­te die eige­ne Bedeu­tung, bekam nicht mit, wie ande­re vor­bei­zo­gen, und beschäf­tig­te sich wenig mit der Ent­wick­lung an ande­ren Orten und den Wegen, die Ver­ei­ne ähn­li­cher Grö­ßen­ord­nung ein­schlu­gen. Im Umgang mit der Poli­tik hat­te der SCF den Vor­teil, dass er mit sport­li­chen Vor­leis­tun­gen argu­men­tie­ren konn­te – dank sei­ner Kom­pe­tenz auf die­sem Gebiet. Er agier­te hier auch wesent­lich geschick­ter. Leu­te wie Vol­ker Fin­ke ver­stan­den, wie die „grü­ne Stadt“ tickte. 

Seit­her hat der SCF 22 Sai­sons in der ers­ten und sie­ben in der 2. Bun­des­li­ga ver­bracht. Und der SCP? 22 Sai­sons in der drit­ten und sie­ben in der vier­ten Liga. Der SCP sie­del­te sich also exakt zwei Eta­gen tie­fer an. Wobei 13 der 22 Dritt­li­ga­jah­re in die Zeit fal­len, als die drit­te Eta­ge des Liga­fuß­balls noch Regio­nal- oder Ober­li­ga hieß, mehr­glei­sig war und somit nicht so leis­tungs­stark wie heu­te. Der SCF beschäf­tig­te in die­sen 29 Jah­ren vier Trai­ner, der SCP 30, was auch dem Feh­len kon­zep­tio­nel­ler Leit­plan­ken geschul­det war.

Blockaden

Nach dem Abstieg aus der 2. Bun­des­li­ga im Som­mer 1991 iden­ti­fi­zier­te man in Müns­ter das Sta­di­on als größ­tes Pro­blem für sport­li­chen Fort­schritt und ver­biss sich in die­ses The­ma. Prag­ma­tis­mus kehr­te hier erst wie­der unter den Vor­stän­den Mar­co de Ange­lis und Georg Krim­pho­ve ein. Mit dem Ergeb­nis, dass sich an der Ham­mer Stra­ße nach Jahr­zehn­ten end­lich etwas beweg­te. In ihre Amts­zei­ten fal­len der Bau einer neu­en Haupt­tri­bü­ne und eines Trai­nings­plat­zes sowie der Ein­bau einer Rasenheizung. 

In Müns­ter hat­te sich alles viel zu lan­ge und viel zu stark um das Sta­di­on gedreht, was die Ent­wick­lung des Klubs in ande­ren Berei­chen blo­ckier­te. In Frei­burg war das anders. Hier ging es dar­um, wie man durch Kon­zep­te und Struk­tu­ren den Fuß­ball des Klubs ent­wi­ckeln konn­te. Als um die Jahr­tau­send­wen­de ande­re Klubs die Kirch-Mil­lio­nen ver­feu­er­ten, bau­te der SC Frei­burg sei­ne Fuß­ball­schu­le. Als Vor­bild dien­te der fran­zö­si­sche Klub AJ Auxer­re. In der aktu­el­len Sai­son 2021/22 kamen im Pokal-Halb­fi­na­le gegen den Ham­bur­ger SV sechs Spie­ler zum Ein­satz, die aus der haus­ei­ge­nen Nach­wuchs­schmie­de (ein­schließ­lich der U23) stam­men. In der Sai­son 2021/22 sind Frei­burg, Mainz und Köln in der Bun­des­li­ga die Klubs mit den meis­ten Eigen­ge­wäch­sen im Kader, wobei der SCF bei den Ein­satz­zei­ten Spit­ze ist. 

Es ist noch nicht all­zu lan­ge her, dass man belä­chelt wur­de, wenn man beim SCP eine enge­re Ver­zah­nung von Pro­fis und Nach­wuchs anmahn­te, eine stär­ke­re Kon­zen­tra­ti­on auf den Unter­bau bezie­hungs­wei­se die Aus­bil­dung. Obwohl Bernd Nie­wöh­ners SCP-Jugend schon immer gut war. 

Der SC Frei­burg ist das bes­te Bei­spiel für einen orga­nisch gewach­se­nen Ver­ein – sport­lich, wirt­schaft­lich und struk­tu­rell –, der fast immer die Prio­ri­tä­ten rich­tig setz­te und sich nicht an fal­schen Vor­bil­dern ori­en­tier­te. Ein Ver­ein, der ver­stand, was kon­zep­tio­nel­les Arbei­ten bedeu­tet, und dass dazu auch eine gehö­ri­ge Por­ti­on Geduld gehört. 

Bei Abstie­gen ver­fiel die Klub­füh­rung nicht in Hek­tik und schmiss auch nicht alles über den Hau­fen. Vier­mal stieg der SCF ab, ohne dass in Frei­burg eine Welt zusam­men­brach oder ein radi­ka­ler Wech­sel in Stra­te­gie und Phi­lo­so­phie erfolg­te. Nicht ein­mal der Trai­ner wur­de ent­las­sen. War­um auch, wenn man der Auf­fas­sung ist, dass der Abstieg nicht in die Ver­ant­wor­tung des Trai­ners fällt, son­dern vor­wie­gend den Kräf­te­ver­hält­nis­sen in einer Sai­son geschul­det ist. Für vie­le ist das schwer zu akzep­tie­ren: Auch wenn 18 von 18 Klubs in einer Sai­son im Rah­men ihrer Mög­lich­kei­ten alles rich­tig machen: Zwei bis drei stei­gen ab. 

Der Klub bewegt und ent­wi­ckelt sich seit Jah­ren inner­halb fes­ter Leit­plan­ken. So konn­te er sich Schritt für Schritt nach oben vor­ar­bei­ten. Auch nahm man in Frei­burg den Mund nie zu voll. Dafür ver­stan­den die Klub­ver­ant­wort­li­chen viel­leicht zu viel von ihrem Sport. 

Auch ein Sta­di­on, das man im Ver­gleich zu den Spiel­stät­ten der Kon­kur­ren­ten kaum als wett­be­werbs­fä­hig bezeich­nen konn­te, hin­der­te den Klub nicht dar­an, die Sai­son zumin­dest unter den Top 25 abzu­schlie­ßen. Das Fas­sungs­ver­mö­gen des alten Sta­di­ons an der Drei­sam: 24.000, davon 10.000 Steh­plät­ze. Hospitality/Business: 1.100 – das waren 100 mehr als beim Dritt-/Viert­li­gis­ten Preu­ßen Müns­ter, 700 weni­ger als beim Noch-Dritt­li­gis­ten 1. FC Kai­sers­lau­tern und 2.500 weni­ger als beim Zweit­li­gis­ten Ham­bur­ger SV.

Erst zur Sai­son 2021/22 bezog der Klub ein neu­es Sta­di­on, das 10.000 Plät­ze mehr bie­tet als die alte Spiel­stät­te und mit 80 Mil­lio­nen Euro selbst finan­ziert wurde. 

Natür­lich war (und ist) Müns­ters Antik-Are­na ein Pro­blem, aber ein neu­es Sta­di­on ist kein All­heil­mit­tel und schießt auch kei­ne Tore. Ansons­ten hät­te es die Erfolgs­ge­schich­te des SC Frei­burg nicht gege­ben. Und auch nicht die Auf­stie­ge von Mainz und Darmstadt.

Der SCF ist der per­fek­te „Mit­tel­klas­sen­klub“ und „nicht mehr das klei­ne gal­li­sche Dorf“ (Fre­di Bobic). Und sein Ver­ständ­nis von einem „rich­ti­gen Pro­fi­klub“ geht weit über die Pro­fi­mann­schaft der Män­ner hin­aus. Die 2. Mannschaft/U23 spielt in der 3. Liga. Die Frau­en spie­len in der Bun­des­li­ga, die „Frei­bur­ger Fuß­ball­schu­le“ zählt zu den renom­mier­tes­ten Nach­wuchs­leis­tungs­zen­tren in Deutsch­land. Der Jah­res­um­satz beträgt 110 Mil­lio­nen Euro, der Jah­res­über­schuss 9,8 Mil­lio­nen, das Eigen­ka­pi­tal 93 Mil­lio­nen, der Per­so­nal­auf­wand 49 Mil­lio­nen Euro. Gegen­über 315 Mil­lio­nen Euro Per­so­nal­kos­ten beim FC Bay­ern, was bedeu­tet: Der FC Bay­ern gab für jeden Punkt in der Bun­des­li­ga 4,2 Mil­lio­nen Euro aus, der SCF 0,89 Millionen.

Ein bisschen Breisgau in Münster?

Man darf es nicht laut sagen. Viel­leicht aber schrei­ben. Dass der SCP im Som­mer 2020 die 3. Liga ver­las­sen muss­te, öff­ne­te mög­li­cher­wei­se erst so rich­tig die Tore für eine posi­ti­ve Ent­wick­lung und ein neu­es Den­ken. Wobei der Pro­zess einer nach­ho­len­den Ent­wick­lung bereits unter dem Sport­ge­schäfts­füh­rer Mal­te Met­zel­der begon­nen hat­te. Glück­li­cher­wei­se fand man mit Peter Nie­mey­er einen Nach­fol­ger, der ähn­lich dach­te, den ein­ge­schla­ge­nen Kurs fort­setz­te und um eige­ne Vor­stel­lun­gen berei­cher­te. Beim SCP ist in den letz­ten Jah­ren etwas im Paket gewachsen. 

Nach­dem der Traum von der Sein’schen 40.000-Mann-Arena alles ande­re als über­ra­schend geplatzt war, kehr­te in der Sta­di­on­fra­ge wie­der Rea­lis­mus ein. Vie­le Fans woll­ten ohne­hin an der Ham­mer Stra­ße blei­ben. Eigent­lich ein wun­der­ba­rer Stand­ort, der von der Innen­stadt aus zu Fuß oder mit dem Fahr­rad zu errei­chen ist. Eine Grup­pe älte­rer bis sehr alter Sta­di­on­kämp­fer begehr­te zwar noch ein­mal auf und woll­te ein grö­ße­res Sta­di­on außer­halb der Stadt, aber dies war eher eine Fuß­no­te. So rich­tig ernst nahm dies wohl nie­mand mehr. 

Der­zeit wer­den zwei wei­te­re Trai­nings­plät­ze gebaut, auch um die infra­struk­tu­rel­len Vor­aus­set­zun­gen für die Aner­ken­nung als Nach­wuchs­leis­tungs­zen­trum zu erfül­len. Ein sol­ches ist auch eine Ein­nah­me­quel­le. Mit Blick auf die Trai­nings­ka­pa­zi­tä­ten war der SCP bis­lang schlech­ter auf­ge­stellt als eini­ge Ama­teur­ver­ei­ne im Fuß­ball­kreis. Auch in der West­kur­ve des Sta­di­ons tut sich etwas. Die Klub-Füh­rung um Prä­si­dent Chris­toph Sträs­ser und den Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­den Frank Wes­ter­mann hat hier rich­tig gute Arbeit geleistet. 

Werte schaffen

Da nach dem Abstieg im Som­mer 2020 zunächst kei­ne fer­ti­ge Mann­schaft zur Ver­fü­gung stand, durf­ten sich Talen­te aus dem eige­nen Stall prä­sen­tie­ren. Und sol­che, die im Vor­jahr nicht zum Zuge gekom­men waren – wie Mar­cel Hoff­mei­er, der zur Sai­son 2019/20 vom Viert­li­gis­ten SV Lipp­stadt zum dama­li­gen Dritt­li­gis­ten SCP gekom­men war und nun wohl zum SC Pader­born in die zwei­te Liga wech­selt. In der Abstiegs­sai­son 2019/20 durf­te er erst am letz­ten Spiel­tag sei­ne Qua­li­tä­ten zei­gen, als der Abstieg des SCP bereits besie­gelt war. Hoff­mei­er war einer der ers­ten Ver­pflich­tun­gen, die auf einem gründ­li­chen Scou­ting basier­ten. Dies traf auch auf Spie­ler wie Şeref Özcan und Okan Erdoğan zu, die eben­falls von Viert­li­gis­ten kamen und nun in der 2. Liga der Tür­kei kicken.

Über­haupt: Aus dem Kader, der 2019/20 aus der 3. Liga abstieg, hat sich seit­her eine erstaun­lich gro­ße Zahl Spie­ler sport­lich (und finan­zi­ell) ver­bes­sert: der „Edel­tech­ni­ker“ („Säch­si­sche Zei­tung“) Heinz Mör­schel, Lucas Cue­to und Mau­rice Lidt­ka ste­hen heu­te bei deut­schen Zweit­li­gis­ten unter Ver­trag, Fri­do­lin Wag­ner, Jan Löh­manns­rö­ben und Noel Gro­dow­ski ver­die­nen ihr Salär in der 3. Liga. Aktu­ell beträgt der addier­te Markt­wert der auf­ge­lis­te­ten Spie­ler über zwei Mil­lio­nen Euro. 

Was in der Abstiegs­sai­son 2019/20 nicht gelang: Aus dem (auch finan­zi­ell beding­ten) gro­ßen Umbruch wur­de nicht wirk­lich eine Mann­schaft mit kla­rer Melo­die. Dies sah in den letz­ten bei­den Jah­ren ganz anders aus. Und damit bestä­tigt sich die The­se, dass ein erfolg­rei­cher Umbruch häu­fig zwei, drei Trans­fer­pe­ri­oden benö­tigt. Jeden­falls dann, wenn man nicht hef­tig Geld her­aus­hau­en und so die Pro­ble­me im Hau­ruck­ver­fah­ren lösen kann. 

Wobei: Vie­le kön­nen das eigent­lich nicht, tun es aber trotz­dem, gera­de in der 3. Liga. Dahin­ter steckt meist die Hoff­nung, dass das damit ver­folg­te Ziel – Auf­stieg oder Klas­sen­er­halt – die Inves­ti­tio­nen spä­ter refi­nan­ziert. Den meis­ten Klubs gelingt das aber nicht, weil jeder Platz in der Tabel­le nur ein­mal besetzt wer­den kann. In die­sem Umfeld ist es extrem schwer, einen Kader kon­ti­nu­ier­lich zu ent­wi­ckeln. Es besteht die Gefahr, dass seriö­ses Wirt­schaf­ten und eine „ruhi­ge“ Kader­ent­wick­lung sport­lich bestraft werden. 

Für den SCP muss es in Zukunft auch dar­um gehen, Wer­te zu schaf­fen. So wie im Fall von Mar­cel Hoff­mei­er, der den Klub aller­dings ablö­se­frei ver­lässt, sowie Nico­lai Rem­berg und Deniz Bin­de­mann, die bei­de aus dem haus­ei­ge­nen Nach­wuchs kom­men. Oder Henok Tek­lab, der in der Regio­nal­li­ga Süd­west ent­deckt wur­de. Wie schafft man Wer­te? Durch eine gute Jugend­ar­beit, deren Schwer­punkt auf indi­vi­du­el­ler Aus­bil­dung liegt und weni­ger dar­auf, einen bestimm­ten Tabel­len­platz zu erzie­len. Sowie durch ein Scou­ting, das nicht nur auf fer­ti­ge Spie­ler blickt. 

„Viel, viel besser als viele Leistungszentren“

Zum Schluss noch ein Blick auf das, was sich unter­halb des Pro­fi­be­reichs tut und in Müns­ter nicht immer die not­wen­di­ge Aner­ken­nung fin­det, für den SCP und des­sen Zukunft aber von her­aus­ra­gen­der Bedeu­tung sein soll­te – aus finan­zi­el­len wie aus sport­li­chen Gründen.

Viel Aner­ken­nung fin­det die Nach­wuchs­ar­beit des SCP vor allem außer­halb Müns­ters, zum Bei­spiel bei Oli­ver Ruh­nert, dem Mana­ger von Uni­on Ber­lin: „Preu­ßen Müns­ter ist ein Para­de­bei­spiel für einen Ver­ein ohne Nach­wuchs­leis­tungs­zen­trum, der seit Jah­ren in allen Alters­klas­sen in der Jugend-Bun­des­li­ga spielt und das rich­tig gut.“ Die Preu­ßen sei­en „viel, viel bes­ser als vie­le Leis­tungs­zen­tren“. Das Lob aus der Bun­des­li­ga, vor­ge­tra­gen im „kicker“, blieb in Müns­ter bis­her weit­ge­hend uner­wähnt und damit auch unbemerkt. 

Von den 100 Regio­nal­li­gis­ten sind 18 mit ihrer A-Jugend­/U19 in der Bun­des­li­ga ver­tre­ten, die aus drei Staf­feln mit ins­ge­samt 47 Teams besteht. Eini­ge von ihnen wer­den in die­ser Sai­son abstei­gen. Nicht so der SCP, der in der star­ken West-Staf­fel Ach­ter wur­de – mit 7 bezie­hungs­wei­se 16 Punk­ten mehr als der Nach­wuchs der Erst­li­gis­ten Mön­chen­glad­bach und Bie­le­feld. Bun­des­weit schnit­ten nur drei U19-Teams von Regio­nal­li­gis­ten noch bes­ser ab: Ener­gie Cott­bus, SpVgg Unter­ha­ching und Rot-Weiss Essen (drei Punk­te mehr). Von den 20 Dritt­li­gis­ten sind nur acht mit ihrer U19/A-Jugend in der Eli­te­klas­se ver­tre­ten. Von die­sen waren nur zwei bes­ser plat­ziert als der SCP: Vik­to­ria Ber­lin und MSV Duis­burg (ein Punkt mehr). Auch die U17/B-Junio­ren des SCP sind Bun­des­li­gist und been­de­ten ihre Staf­fel mit Platz sechs, zwei Plät­ze und nur drei Punk­te hin­ter dem BVB. 

Die U23 des SCP spielt in der Ober­li­ga, also nur eine Liga unter ihrer „Ers­ten“, wo man sich unter ande­rem mit deren ehe­ma­li­gen Geg­nern misst: Wat­ten­scheid 09, FC Güters­loh, Ein­tracht Rhei­ne, Ham­mer SpVgg, Sport­freun­de Sie­gen, West­fa­lia Her­ne. Eine Eta­ge über den Preu­ßen-Pro­fis, also in der 3. Liga, gibt es aktu­ell nur einen Ver­ein, des­sen U23/2. Mann­schaft so hoch­klas­sig spielt wie die des SCP: 1860 Mün­chen. Nur sechs der 100 Regio­nal­li­gis­ten erfreu­en sich eben­falls einer „Zweit­ver­tre­tung“, die so hoch­klas­sig ver­tre­ten ist wie die der Preu­ßen: For­tu­na Köln, SV Elvers­berg, VfB Lübeck, VfL Olden­burg, FC Asto­ria Wall­dorf und Carl Zeiss Jena.

Auch wenn es mit dem Auf­stieg in die 3. Liga nicht klap­pen soll­te: Das Paket SC Preu­ßen wird immer stim­mi­ger. Und wenn es mit dem Auf­stieg doch klap­pen soll­te? Dann ist der SCP zurück in der Liga der Insol­ven­zen, der Angst und der per­so­nel­len Fluk­tua­ti­on. Seriö­ses Wirt­schaf­ten zahlt sich hier nicht unbe­dingt aus, wie der SCP in der Sai­son sei­nes Abstiegs erfah­ren muss­te. Im Gegen­teil. Bei vier Abstei­gern und bis zu drei Auf­stei­gern ist der Hang zur „Über-Inves­ti­ti­on“ extrem aus­ge­prägt, zumal eine Rei­he von Klubs die Liga nur als Durch­lauf­er­hit­zer begreift. Denn die TV-Gel­der, die ihre Inves­ti­tio­nen decken könn­ten, kas­siert man erst eine Eta­ge höher. Aller­dings wür­de der SCP die­se Liga mit einem Fun­da­ment betre­ten, das sta­bi­ler ist als in den letz­ten Jah­ren der Drittligazugehörigkeit. 


Über den Autor

Diet­rich Schul­ze-Mar­me­ling ist u. a. Autor von „Preu­ßen & Müns­ter. Ein Sport­club und sei­ne Stadt“ (2019, gemein­sam mit Hubert Dah­l­kamp). Ende Mai erscheint sein neu­es Buch „Tra­di­ti­on schießt kei­ne Tore. Wer­der Bre­men und die Her­aus­for­de­run­gen des moder­nen Fuß­balls“, das er gemein­sam mit Mar­co Bode geschrie­ben hat, dem ehe­ma­li­gen Fuß­ball-Euro­pa­meis­ter und Auf­sichts­rats­chef von Wer­der Bre­men. Laut den Autoren „ein klei­ner Kon­tra­punkt zur über­trie­be­nen – manch­mal gera­de­zu hys­te­ri­schen – Auf­re­gung im und um den Fuß­ball. Und zu der Bericht­erstat­tung über ihn, in der stän­dig Zen­su­ren ver­teilt wer­den, in der von ‚Schuld‘, ‚Desas­tern‘, ‚Kata­stro­phen‘, ‚Nie­der- und Unter­gän­gen‘ die Rede ist. Und auch ein biss­chen der Ver­such, den Fuß­ball, ein über­dreh­tes Gewer­be, vom Kopf auf die Füße zu stellen.“


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