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Foto: Stadtwerke Münster

Windradausbau: Gegenwind aus dem Westen

Die Stadtwerke Münster planen in Nottuln acht neue Windräder. Die Menschen dort sorgen sich um die Landschaft und ihre Ruhe. Warum bauen die Stadtwerke eigentlich nicht in Münster?

von Raphael Balke • Redaktion: Ralf Heimann • Titelfoto: Stadtwerke Münster

Was ist genau geplant?

Die Stadtwerke Münster wollen an mehreren Orten in der Region Windräder bauen, im Westen von Nottuln acht. Ob das wirklich klappt, steht allerdings noch nicht fest. Der Kreis Coesfeld hat das Vorhaben zwar grundsätzlich genehmigt, eine finale Zusage gibt es bislang aber nicht. Vorher müssen die Pläne durch die Umweltprüfung. Liegen die Anlagen weit genug von Wohnhäusern entfernt? Welchen Schatten werfen die Rotoren? Wird der Artenschutz beachtet? Die Stadtwerke wollen im kommenden Jahr ihre Unterlagen einreichen. Passt alles, können sie danach mit dem Bau beginnen. Neben den Stadtwerken Münster möchten noch andere Unternehmen Windkraftanlagen in Nottuln bauen: zusätzlich acht Stück, außerdem sollen drei bestehende durch neue Anlagen ersetzt werden. Der Unterschied: Die geplanten Anlagen der Stadtwerke sollen teilweise näher an den Wohnhäusern in Nottuln liegen.

Wo ist das Problem?

Einige Bürger und Bürgerinnen in Nottuln sind über die Pläne verärgert. Sie fragen sich: Was sollen Windräder der Stadtwerke Münster in Nottuln? Eine Petition gegen die geplanten Anlagen haben über tausend Menschen unterschrieben. Die Bürgerinitiative „Windsinn Nottuln“ schreibt auf ihrer Website: „Die Stadtwerke Münster nutzen die Flächen Nottulns, um Millionengewinne für die Stadt Münster zu erwirtschaften. Und das zu Lasten der Nottulner Landschaft und insbesondere Nottulner Bürger:innen!“

Die Initiative sorgt sich vor allem um die Natur rund um ihre Stadt. Auf der Website sind KI-generierte Bilder zu sehen, die die Landschaft nach dem Ausbau zeigen sollen. Auf den Feldern vor dem Ort stehen große Windräder, die alles überragen. „Wir sind hier das Tor zu den Baumbergen, eine markante Landschaft. Wir wollen die Windräder weiter entfernt vom Ort”, sagt Rainer Schoof, Sprecher der Initiative. Er finde außerdem, dass das Vorhaben wenig transparent sei.

Auch der Bürgermeister der Gemeinde Nottuln, Dietmar Thönnes, hat sich zuletzt gegen einen möglichen Windrad-Standort ausgesprochen. Er betonte allerdings auch, dass Nottuln jedes Jahr viel Geld durch Beteiligung und Steuern bekommen könnte. Auf ihrer Website schreibt die Initiative, sie sei nicht grundsätzlich gegen Windenergie. „Hier fahren viele E-Autos und haben Photovoltaik-Anlagen auf dem Dach”, sagt Schoof. Windkraft also ja, aber nicht bei uns? Zumindest mit entsprechendem Abstand: Die Petition fordert, dass der Abstand mindestens zwei Kilometer Luftlinie zwischen den Anlagen und Wohnhäusern beträgt. Dafür gibt es zwei Bezeichnungen. Die eine ist Nimby. Das steht für „Not in my backyard“ und benennt die Haltung, etwas generell zu befürworten, solange es nicht in der eigenen Umgebung steht. Die andere bedeutet genau das Gleiche. Sie lautet: St.-Florians-Prinzip.

Warum braucht es überhaupt neue Windräder im Münsterland?

Dass die Windenergie ausgebaut wird, ist in Deutschland Pflicht. Die Planung dahinter ist wie eine Leiter organisiert: Ganz oben steht die Bundesregierung. Sie beschlossen, dass bis 2032 auf zwei Prozent der Fläche DeutschlandsWindenergie gebaut werden können muss.

Klettert man die Leiter eine Stufe herab, steht dort das Land Nordrhein-Westfalen. Hier sollen künftig 1,8 Prozent der Fläche für Windenergie genutzt werden. Das ist besonders ambitioniert. Die Landesregierung will ihr Ziel noch in diesem Jahr erreichen.

Eine Ebene darunter kommen die Regionen ins Spiel: Nordrhein-Westfalen ist in mehrere Regionalpläne aufgeteilt, die festlegen, wie sich eine Region räumlich entwickeln soll – inklusive der Flächen für Windenergie.

Für Münster ist der Regionalplan Münsterland relevant. Der wurde im April 2025 überarbeitet und legt fest, wo in der Region vorrangig Windenergie entstehen soll. Die neuen Windräder, die in Nottuln geplant sind, liegen allerdings nicht in diesen Bereichen. Das hat einen besonderen Grund – und zwar das Timing.

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Warum sollen die Anlagen nicht in den ausgewiesenen Bereichen liegen?

Bevor der Regionalplan Münsterland im Frühjahr geändert wurde, hat die Gemeinde Nottuln ihren Flächennutzungsplan aufgehoben. Dadurch sollte der Windenergie deutlich mehr Raum gegeben werden, schreibt der Kreis Coesfeld. Theoretisch dürfen dadurch überall im Außenbereich Windräder entstehen – solange die gesetzlichen Vorgaben eingehalten werden.

Schon vor drei Jahren gab es Kritik an der Entscheidung. Weil es für die betroffenen Flächen keinen eigenen Plan gab, musste der Kreis die Anträge der Stadtwerke sofort prüfen und durfte nicht warten, bis der neue Regionalplan fertig war. Warum? Damit es schnell geht. „Das Warten auf eine Gesetzesänderung ist rechtlich nicht zulässig“, schreibt der Kreis Coesfeld. Juliette Polenz, Pressesprecherin der Stadtwerke Münster, sagt: „Abwarten ist keine Option – wir müssen mehrere Wege gleichzeitig gehen, um beim Klimaschutz voranzukommen.“ Rainer Schoof kritisiert das Vorgehen: “Es wurde ganz gezielt diese regelungsfreie Lücke genutzt.” Er verweist auf die im Regionalplan festgelegten Flächen.

Weshalb bauen die Stadtwerke nicht in Münster?

In Münster stehen aktuell 34 Windräder. Damit ist das „Flächenpotenzial für Münster beinahe ausgeschöpft“, sagen die Stadtwerke. Dabei ist Münster nach Köln bezogen auf die Fläche die zweitgrößte Stadt in Nordrhein-Westfalen. Münster ist im Flächenvergleich etwa so groß wie München. Reicht das wirklich nur für 34 Windräder?

Beinahe. Es ist kompliziert. Im Westen von Münster liegen an der A1 zwei Standorte, an denen die Stadt weiteres Potenzial für Windräder sieht. Dort soll künftig gebaut werden. Bislang verhindert das noch die Bürokratie.

Die Flächen müssen noch planungsrechtlich ausgewiesen, also offiziell freigegeben werden. Für den Standort am Autobahnkreuz Münster-Süd passiert das zurzeit. Anschließend plant der Projektentwickler „Wind2B“ dort eine Windenergieanlage, die Stadtwerke eine Photovoltaik-Anlage.

Warum nutzen die Stadtwerke nicht längst andere geeignete Flächen in Münster?

Im integrierten Flächenkonzept der Stadt, dem Plan, der festlegt, wo Wohn-, Gewerbe- sowie Freiflächen entstehen sollen, und wie man gleichzeitig Natur, Landschaft und erneuerbare Energie vor Ort schützt, sind weitere Flächen für Windkraft ausgewiesen und nicht bebaut.

Die meisten überschneiden sich mit den Windenergieflächen aus dem Regionalplan (hier auf den Seiten 69 und 70). Zuerst schaue man immer auf solche Gebiete, sagt Polenz. Warum bauen die Stadtwerke also nicht dort, wenn die Flächen doch schon für genau diesen Zweck ausgewiesen sind? “Der Plan besteht seit 2016, und bislang ist keine konkrete Planung auf diesen Flächen erfolgt”, sagt Polenz. Es sei davon auszugehen, dass es sich vorwiegend um ein theoretisches Potenzial handle, während in der Praxis verschiedene Faktoren gegen die Realisierung von Windenergie sprächen. Juliette Polenz nennt vor allem einen Grund: Die Flächen liegen nicht zusammen. „Möglich wären daher vorwiegend Einzelanlagen mit einer geringeren Höhe als mittlerweile üblich.“ Jede der Anlagen bräuchte dazu noch eine eigene technische Infrastruktur – und das kostet.

Kommen andere Flächen in Münster in Frage?

Die Stadt prüft elf weitere Gebiete, auf denen die Abstandsregeln für Windräder eingehalten werden. Maximal 16 Anlagen könnten dort theoretisch entstehen. Das würde den aktuellen Bestand an Windkraftanlagen in Münster beinahe verdoppeln. Klingt gut. Aber ob diese Flächen wirklich genutzt werden können, ist noch nicht sicher. Die Stadt nennt sie „eingeschränkt geeignet“. Hindernisse entstünden durch Vorgaben zum Natur-, Arten- und Denkmalschutz.

Aus all diesen Planungen ergibt sich eine Reihe weiterer Fragen, die auch über Münsters Stadtgrenzen oder Nottulns Landschaften hinweg relevant sind. Wie hoch ist das Potenzial der Windenergiebereiche aus dem Regionalplan wirklich? Sind diese Flächen nur theoretisch geeignet, oder lohnt sich der Bau dort auch wirtschaftlich? Und lassen sich mit ihnen die Klimaziele von Land und Bund überhaupt erreichen?

Die Stadtwerke schauen jedenfalls auch über Münsters Grenzen hinaus. „Die Windräder, die wir heute planen, liefern erst in einigen Jahren klimafreundlichen Strom“, sagt Juliette Polenz. Die Nottulner sind mit diesem Problem also nicht allein. Auch in Südlohn-Eschlohn, in Detmold und weiteren Orten stehen Windräder der Stadtwerke Münster. In Dülmen, Lemgo und Warendorf sind Anlagen geplant. In den Kommunen werde das sehr unterschiedlich aufgenommen, sagt Polenz. In Südlohn sei die Rückmeldung der Bürger und Bürgerinnen sehr positiv gewesen. „Wir sind auch alle aufeinander angewiesen“, sagt Polenz. Der Strom fließe außerdem nicht erst nach Münster zurück, sondern werde direkt dort verbraucht, wo er entsteht. Nur was darüber hinaus produziert werde, lande im Netz und werde automatisch zu den nächstgelegenen Verbrauchern weitergeleitet.

Was passiert jetzt?

Zuerst sprechen die beiden Parteien wieder miteinander statt übereinander. Am 27. November organisiert die Gemeinde Nottuln eine „Windmesse“ für ihre Bürger und Bürgerinnen. Die Stadtwerke Münster erklären dort ihre Pläne und sprechen über Bürgerbeteiligungen. Ob die Windräder dann gesetzlich gebaut werden dürfen und in welchem Ausmaß, das wird das Verfahren im kommenden Jahr zeigen. Übrigens: In München stehen aktuell zwei Windräder auf dem Stadtgebiet, in Köln kein einziges.

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