In der Dramaturgie von Filmen gibt es sogenannte Plot-Points. An diesen Stellen nimmt die Handlung eine unerwartete Wendung; die Plot-Points geben der Erzählung eine Dynamik. Sie kommen überraschend und lassen alles in einem anderen Licht erscheinen. In der Geschichte des Hafencenters ergibt sich am 16. Dezember 2015 so ein Punkt. An diesem Tag soll im Rathaus der Stadt Münster der Bebauungsplan für das neue Einkaufszentrum beschlossen werden, das auf dem Gelände der Alten Post und der Tankstelle am Hansaring geplant ist. Der Plan ist die Voraussetzung dafür, dass dort später einmal gebaut werden kann.
Um den Bebauungsplan aufstellen zu können, hat die Stadt vorher untersucht, ob die Straßen den zusätzlichen Verkehr durch das Hafencenter aushalten werden. Dabei hat es keine Probleme gegeben. Die Stadt ist mit dem Ergebnis zufrieden. Doch an diesem Tag verkündet der Eigentümer der privaten Theodor-Scheiwe-Straße auf der anderen Seite des Kanals, dass er diesen Weg für die Öffentlichkeit sperren wird. In der Sitzung im Rathaus sagt der damalige Stadtdirektor Hartwig Schultheiß laut Protokoll auf eine Nachfrage, es bestehe „kein Zusammenhang zwischen Hafencenter und Theodor-Scheiwe-Straße”. Eine Mehrheit aus CDU, FDP und der bis zuletzt zweifelnden SPD stimmt dem Projekt daraufhin zu. Zweieinhalb Jahre später wird sich herausstellen: Die Einschätzung des Stadtdirektors war ein Fehler. Und dieser Fehler hatte Folgen.
Diese Folgen sind heute am Hansaring zu besichtigen. Man muss nur in Höhe der Kurve über den Bauzaun schauen. Dort steht ein nackter Rohbau, seit dem 1. Februar 2019 weitgehend unberührt – außer von Graffiti-Sprayer:innen, den Einzigen, die sich seitdem um die Ruine gekümmert haben. Der Beton rottet langsam vor sich hin, seit das Oberverwaltungsgericht die Baugenehmigung zurückgenommen hat. Und wenn man anfängt, sich mit der Frage zu beschäftigen, wie das passieren konnte, stellt man sehr schnell fest, dass es hier nicht nur darum geht, ob auf diesem Grundstück ein Einkaufszentrum gebaut werden soll. Es geht um etwas Größeres – um Fragen, die nicht nur diesen Ort betreffen und auch nicht nur Münster. Es geht darum, ob man ein Projekt von dieser Größenordnung einfach über die Köpfe der Menschen hinweg beschließen kann.