Aber Hallo

In Müns­ter blei­ben jede Woche gro­ße Sta­pel der Gra­tis­zei­tung „Hal­lo“ unver­teilt an der Stra­ße lie­gen. Das ist ein Pro­blem für die Umwelt. Wir woll­ten wis­sen, was mit den Zei­tun­gen pas­siert. Dazu haben wir einen GPS-Tra­cker in einen Sta­pel gesteckt. Das letz­te Signal kam aus Köln.

TEXT: CONSTANZE BUSCH
MITARBEIT: JAN GRO­ßE NOBIS, VIKTORIA PEHLKE, EVA STREHLKE, ANTONIA STROTMANN
LEKTORAT: JULIA ALBERS
TITELFOTO: RUMS

Spä­tes­tens am Sams­tag­mit­tag steckt in den Brief­käs­ten in Müns­ter die neue Aus­ga­be der Gra­tis­zei­tung „Hal­lo“. Nach­mit­tags lie­gen an etli­chen Orten in der Stadt Woche für Woche Sta­pel mit wei­te­ren Exem­pla­ren. Es sind Tau­sen­de. Sie sind offen­bar übrig geblie­ben. Aber war­um pro­du­ziert ein Ver­lag immer wie­der viel mehr Zei­tun­gen, als gebraucht wer­den? Und was pas­siert mit den über­schüs­si­gen Ausgaben?

Um die­se Fra­gen zu beant­wor­ten, haben wir mit Zusteller:innen gespro­chen und in den ver­gan­ge­nen Mona­ten sams­tags immer wie­der an ver­schie­de­nen Stel­len in der Stadt nach­ge­zählt, wie vie­le Aus­ga­ben der „Hal­lo“ dort für die Zusteller:innen ange­lie­fert wur­den und wie vie­le nach­mit­tags noch dort lagen, nach­dem die Bot:innen das Blatt schon in ihren Bezir­ken ver­teilt hat­ten. Und wir haben den Weg eines über­schüs­si­gen Sta­pels mit einem GPS-Gerät verfolgt.

Lokale Meldungen, Rezepte, Supermarktwerbung

Aber fan­gen wir erst mal ganz vor­ne an. War­um wird die Zei­tung über­haupt kos­ten­los in Müns­ter verteilt?

Die „Hal­lo“ ist ein soge­nann­tes Anzei­gen­blatt (auch Gra­tis­zei­tung oder kos­ten­lo­se Wochen­zei­tung) der Anzei­gen­blatt­grup­pe Müns­ter­land, die zur Unter­neh­mens­grup­pe Aschen­dorff gehört. Das bedeu­tet: Sie erscheint regel­mä­ßig und wird unauf­ge­for­dert flä­chen­de­ckend ver­teilt. Der Ver­lag finan­ziert das nicht über Abos oder Kiosk­ver­käu­fe. Son­dern aus­schließ­lich über Wer­bung regio­na­ler und über­re­gio­na­ler Unter­neh­men und über Pro­spekt­bei­la­gen, zum Bei­spiel von Super­markt-, Dro­ge­rie- und Bau­markt­ket­ten. Neben den Wer­be­an­zei­gen und Klein­an­zei­gen ste­hen in dem Blatt vor allem loka­le Mel­dun­gen (dazu spä­ter mehr), oft gibt es auch einen Ser­vice­teil mit Rezep­ten oder Filmtipps.

In Deutsch­land gibt es laut dem Bun­des­ver­band Deut­scher Anzei­gen­blät­ter (BVDA), dem etwa die Hälf­te der Anzei­gen­blatt-Ver­la­ge ange­hö­ren, 856 sol­cher Gra­tis­zei­tun­gen. Die Gesamt­auf­la­ge liegt bei 58,9 Mil­lio­nen Exem­pla­ren pro Woche.

Die Auf­la­ge der „Hal­lo“ gibt der Ver­lag in den Media­da­ten (dem Preis- und Info­blatt für Anzeigenkund:innen) mit 105.470 ver­teil­ten Exem­pla­ren an. „Die ver­brei­te­te Auf­la­ge ist die Kal­ku­la­ti­ons­grund­la­ge für unse­re Geschäfts­be­zie­hun­gen im Wer­be­markt“, schreibt uns die Anzei­gen­blatt­grup­pe Müns­ter­land auf Nachfrage.

Auf der Web­site, die sich an die Anzeigenkund:innen rich­tet, wird eben­falls die Auf­la­ge von 105.470 Exem­pla­ren genannt. Und dort steht, dass alle die­se Aus­ga­ben ver­teilt und damit alle Haus­hal­te in Müns­ter abge­deckt wer­den. Laut der städ­ti­schen Sta­tis­tik gibt es in Müns­ter 172.659 Haus­hal­te (Stand: 31.12.2021, hier auf Sei­te 88).

1.280 überschüssige Ausgaben am Geistmarkt, 1.000 an der Wolbecker Straße

Auch wenn es also nicht für alle Haus­hal­te rei­chen kann, blei­ben jeden Sams­tag vie­le „Hallo“-Ausgaben übrig. Wir haben an vier Sams­ta­gen zwi­schen Juni und Okto­ber Ver­teil­stel­len besucht, an denen die Zeitungsbot:innen ihre Kon­tin­gen­te des Anzei­gen­blatts abho­len, um sie auszutragen.

Das Ergeb­nis: Jede Woche blie­ben an allen die­sen Ver­teil­stel­len etli­che Aus­ga­ben lie­gen, die nicht zuge­stellt wur­den – je nach Ort zwi­schen einem klei­nen Anteil und der Hälf­te der Exem­pla­re, die mor­gens ange­lie­fert wurden.

Wir haben unse­re Recher­che am 4. Juni am Geist­markt und an der Ober­schle­si­er Straße/Ecke Insel­bo­gen begon­nen. Nach unse­ren Infor­ma­tio­nen müs­sen die Bot:innen die „Hallo“-Ausgaben ab 8 Uhr an den Ver­teil­stel­len abho­len und sie bis 12 Uhr mit­tags ver­teilt haben, des­halb haben wir die übrig­ge­blie­be­nen Exem­pla­re jeweils nach­mit­tags nach 12 Uhr gezählt. Am Geist­markt lagen nach­mit­tags noch 96 Pake­te à 20 Zei­tun­gen (Titel­fo­to), am Insel­bo­gen 40 Pake­te. Ins­ge­samt haben wir an die­sem Tag an die­sen bei­den Stel­len zusam­men also einen Über­schuss von 2.720 Zei­tun­gen gezählt.

Am 11. Juni haben wir uns die Ver­teil­stel­le an der Wol­be­cker Stra­ße ange­schaut. Dort blie­ben von rund 220 Pake­ten mit je 20 Zei­tun­gen nach­mit­tags 30 übrig, also ein Über­schuss von rund 600 Zeitungen.

Am 13. August waren wir an den Ver­teil­stel­len Wol­be­cker Stra­ße, Blü­cher­stra­ße, Geist­markt, Ober­schle­si­er Stra­ße und Boe­sela­ger­stra­ße. Ins­ge­samt blie­ben an die­sen fünf Orten rund 5.000 Zei­tun­gen übrig.

Am ver­gan­ge­nen Sams­tag, dem 15. Okto­ber, haben wir die­se fünf Ver­teil­stel­len wie­der besucht. Mor­gens lagen dort ins­ge­samt gut 10.000 Zei­tun­gen, nach­mit­tags noch mehr als 4.400. Ein Über­schuss von gut 44 Prozent.

Laut meh­re­ren Bot:innen, mit denen wir gespro­chen haben, gibt es in ihren Ver­teil­be­zir­ken schon seit mehr als zwei Jah­ren nen­nens­wer­te Überschüsse.

„Die Druckauflage variiert leicht“

Wir haben bei der Anzei­gen­blatt­grup­pe Müns­ter­land nach­ge­fragt, war­um so vie­le Aus­ga­ben übrig blei­ben. Der Ver­lag schreibt dazu: „Die ver­brei­te­te Auf­la­ge der Hal­lo-Aus­ga­be Müns­ter beträgt aktu­ell 105.470 Exem­pla­re, die Druck­auf­la­ge vari­iert leicht ent­spre­chend der jewei­li­gen Zustel­lerfor­der­nis­se. (…) Aus Grün­den des Umwelt­schut­zes und vor dem Hin­ter­grund einer Ver­drei­fa­chung der Papier­prei­se seit 2020 wird kei­ne über­schüs­si­ge Auf­la­ge pro­du­ziert. Die not­wen­di­gen Exem­pla­re pro Zustell­be­zirk wer­den per­ma­nent über­prüft, opti­miert und ggf. ange­passt. Rest­men­gen an Ver­teil­stel­len kön­nen in ver­ein­zel­ten Aus­nah­me­fäl­len auf­tre­ten, wenn z.B. ein Zustel­ler erkrankt. Die­se Men­gen wer­den dann nachverteilt.“

In der Stel­lung­nah­me steht außer­dem ein Hin­weis auf die Qua­li­täts­kon­trol­le: „Die Zustel­lung der Hal­lo Müns­ter erfolgt in aner­kannt hoher Qua­li­tät, die­se wird mehr­mals pro Jahr vom unab­hän­gi­gen Insti­tut Weigel tes­tiert“, schreibt der Ver­lag. Das genann­te Insti­tut Weigel heißt mit vol­lem Namen „Weigel GmbH – Insti­tut für Markt- und Media­for­schung, Sta­tis­tik und Qua­li­täts­ma­nage­ment“ und schreibt auf sei­ner Web­site zu sei­nen Leis­tun­gen: „Unse­re Mess­ver­fah­ren und eta­blier­ten Kenn­zah­len zur Erfas­sung der Leser­reich­wei­te und Ver­teil­qua­li­tät von Print­me­di­en basie­ren auf tes­tier­ten Messmethoden.“

Dazu ein Hin­weis: Das Insti­tut Weigel ist nach eige­nen Anga­ben För­der­mit­glied im Bun­des­ver­band Deut­scher Anzei­gen­blät­ter. „Die Mit­glied­schaft im BVDA zeigt die lang­jäh­ri­ge Ver­bun­den­heit unse­res Hau­ses mit der Ver­lags­bran­che“, schreibt es dazu auf sei­ner Website.

Wir haben auch den Bun­des­ver­band Deut­scher Anzei­gen­blät­ter ange­schrie­ben und um eine Stel­lung­nah­me gebe­ten. Die Anzei­gen­blatt­grup­pe Müns­ter­land ist seit min­des­tens Anfang 2020 nicht mehr Mit­glied in der Dach­or­ga­ni­sa­ti­on, die als ein­ge­tra­ge­ner Ver­ein orga­ni­siert ist. Unse­re Recher­che­er­geb­nis­se in Müns­ter woll­te der Ver­band des­halb nicht kom­men­tie­ren. Die Pres­se­spre­che­rin schreibt uns aber: „Eine Über­schuss­pro­duk­ti­on hat wirt­schaft­lich noch nie Sinn gemacht. Vor dem Hin­ter­grund des der­zei­ti­gen Papier­prei­ses und -man­gels wür­de dies erst recht nicht sinn­voll sein. Ver­la­ge sind ganz im Gegen­teil in der aktu­el­len Lage dar­auf bedacht, Papier zu spa­ren, Zustell­ge­bie­te zu opti­mie­ren und an aktu­el­le Gege­ben­hei­ten anzu­pas­sen. Eine bewuss­te Über­schuss­pro­duk­ti­on ist daher als sehr unwahr­schein­lich einzuschätzen.“

1,8 Tonnen Müll, an einem Samstag, an fünf Straßen in Münster

Je nach­dem, wie vie­le Pro­spek­te der Gra­tis­zei­tung bei­lie­gen, wiegt ein Exem­plar der „Hal­lo“ im Schnitt gut 400 Gramm. An den fünf Orten, die wir uns am ver­gan­ge­nen Sams­tag ange­schaut haben, blie­ben also rund 1,8 Ton­nen Papier­müll liegen.

Die Dimen­sio­nen, in denen sich das Abfall­pro­blem der Bran­che bewegt, zeigt ein Blick aufs gan­ze Land: Mehr als eine Mil­li­on Ton­nen Wer­be­pro­spek­te wer­den pro Jahr in Deutsch­land pro­du­ziert, schät­zen Umwelt­ver­bän­de. Nicht alle die­ser Pro­spek­te ste­cken in Anzei­gen­blät­tern. Aber alle lan­den irgend­wann – gele­sen oder unge­le­sen – im Papiermüll.

Und wo lan­den die „Hallo“-Exemplare, die nicht ver­teilt wer­den? Um das her­aus­zu­fin­den, haben wir Mit­te Juli einen GPS-Tra­cker in einen der übrig­ge­blie­be­nen Sta­pel am Stra­ßen­rand gesteckt. Ein sol­ches Gerät ist etwa halb so groß wie ein Smart­pho­ne. Wo es sich befin­det oder bewegt, lässt sich mit­hil­fe einer Han­dy-App ver­fol­gen. Der Tra­cker hat einen Sen­sor, der anhand von Vibra­tio­nen regis­triert, wenn er sich bewegt. Und einen GPS-Emp­fän­ger, der regel­mä­ßig den Stand­ort bestimmt und an die App sen­det. Dort lässt sich auf einer Kar­te mit­ver­fol­gen, wo sich das Gerät befindet.

Das Gerät ist mit den Zei­tun­gen erst eine Run­de durch Müns­ter gefah­ren, bis zur Han­sa­li­nie in Meck­len­beck, wo die Aschen­dorff-Dru­cke­rei ange­sie­delt ist. Von dort ging es wei­ter durchs Ruhr­ge­biet ins Rhein­land, End­sta­ti­on nach drei Tagen Bewe­gung: die Papier­fa­brik von Rhein-Papier in Köln-Hürth. Die­se Fir­ma stellt unter ande­rem Zei­tungs­pa­pier her.

Zeitung oder Werbung?

Laut unse­ren Recher­chen soll sich an den Abläu­fen jetzt etwas ver­än­dern. Die Zusteller:innen sol­len die tat­säch­lich ver­teil­ten Aus­ga­ben zäh­len. Wir haben den Ver­lag gefragt, war­um, aber kei­ne Ant­wort bekommen.

Die Bot:innen berich­te­ten uns noch von einer wei­te­ren Ände­rung: Bis­her soll­ten sie die „Hal­lo“ nicht in Brief­käs­ten mit einem „Kei­ne Werbung“-Aufkleber ste­cken. Nun haben sie nach unse­ren Infor­ma­tio­nen die Anwei­sung bekom­men, die „Hal­lo“ auch dort ein­zu­wer­fen, weil sie ja kei­ne Wer­bung, son­dern eine Zei­tung sei.

Der Ver­lag schreibt uns dazu: „Da es sich bei der Hal­lo Müns­ter um eine Gra­tis­zei­tung mit redak­tio­nel­len Inhal­ten han­delt, fand schon immer auch eine Ver­tei­lung an die Haus­hal­te statt, wel­che den Brief­kas­ten mit ‚Kei­ne Wer­bung‘ gekenn­zeich­net haben. Ledig­lich die Haus­hal­te mit der Kenn­zeich­nung ‚Kei­ne Gra­tis­zei­tung‘ wer­den nicht beliefert.“

Mit der Fra­ge, ob ein Anzei­gen­blatt eine Zei­tung oder Wer­bung ist, hat sich 2011 das Ober­lan­des­ge­richt in Hamm beschäf­tigt und ent­schie­den: Anzei­gen­blät­ter dür­fen in Brief­käs­ten mit einem „Kei­ne Werbung“-Aufkleber gesteckt wer­den. Denn ein sol­cher Auf­kle­ber bezie­he sich nur auf Pro­spek­te, nicht aber auf Anzei­gen­blät­ter, die ja auch einen redak­tio­nel­len Teil enthalten.

Mit dem „redak­tio­nel­len Teil“ sind die loka­len Mel­dun­gen gemeint. In der „Hal­lo“ wer­den Ver­an­stal­tun­gen ange­kün­digt, es gibt Infor­ma­tio­nen über Ener­gie­spar­maß­nah­men auf dem Send und über Bus­se, die wegen des Per­so­nal­man­gels sel­te­ner fahren.

Woher kom­men die­se Tex­te eigentlich?

Eigene Texte für die Anzeigensonderveröffentlichung

Seit Anfang Janu­ar sind 41 Aus­ga­ben der „Hal­lo“ erschie­nen. Wir haben im Online-Archiv 20 davon durch­ge­se­hen, dar­un­ter die letz­ten 13 Aus­ga­ben und stich­pro­ben­ar­tig sie­ben wei­te­re Aus­ga­ben seit Jah­res­an­fang. In 19 die­ser 20 gesich­te­ten Aus­ga­ben gibt es kei­ne von der Redak­ti­on geschrie­be­nen Tex­te. Der Inhalt besteht aus Ver­an­stal­tungs­an­kün­di­gun­gen und Pres­se­mit­tei­lun­gen, haupt­säch­lich von der Stadt Müns­ter. Die redak­tio­nel­le Arbeit für die­se 19 Aus­ga­ben bestand also dar­in, die Pres­se­mit­tei­lun­gen aus­zu­su­chen, auf die pas­sen­de Län­ge zu kür­zen und bei Bedarf leicht umzu­for­mu­lie­ren, etwa weil ein Ereig­nis für „mor­gen“ ange­kün­digt war, am Erschei­nungs­tag der „Hal­lo“ aber schon in der Ver­gan­gen­heit lag.

Wir haben die Quel­len für alle Tex­te in den genann­ten Aus­ga­ben recher­chiert, hier exem­pla­risch die Tex­te in der Aus­ga­be vom 8. Okto­ber: Von neun Tex­ten in der Aus­ga­be sind drei Pres­se­mit­tei­lun­gen der Stadt. Die übri­gen Arti­kel stam­men aus Pres­se­tex­ten von ande­ren Orga­ni­sa­tio­nen, unter ande­rem des Land­schafts­ver­bands West­fa­len-Lip­pe und der Süd­deut­schen Klas­sen­lot­te­rie. Eine Kino-Rezen­si­on kommt von der Deut­schen Presse-Agentur.

Nur eine der 20 „Hallo“-Ausgaben – die vom 20. August – ent­hält meh­re­re Arti­kel mit einer Autorin­nen­zei­le, also dem Hin­weis auf selbst geschrie­be­ne Tex­te. Sie gehö­ren zu einer soge­nann­ten Anzei­gen­son­der­ver­öf­fent­li­chung. Die Tex­te in einer sol­chen Ver­öf­fent­li­chung sind ent­we­der PR-Mate­ri­al von Unter­neh­men oder behan­deln zumin­dest das Ober­the­ma der Ver­öf­fent­li­chung. In der Son­der­ver­öf­fent­li­chung vom 20. August geht es um Schwan­ger­schaft, Geburt und Eltern­sein. Die Redak­teu­rin hat für ihre Tex­te mit Fach­leu­ten gespro­chen und stellt zum Bei­spiel Anlauf­stel­len für (wer­den­de) Eltern vor. Dar­un­ter wer­ben die Geburts­sta­tio­nen der Kli­ni­ken in Müns­ter und Umge­bung mit groß­for­ma­ti­gen Anzeigen.

Wir haben bei der Anzei­gen­blatt­grup­pe Müns­ter­land nach­ge­fragt, wie vie­le Redakteur:innen an der Müns­ter-Aus­ga­be der „Hal­lo“ arbei­ten und wie häu­fig sie eige­ne Recher­chen ver­öf­fent­li­chen. Der Ver­lag hat uns dar­auf nicht geantwortet.

Er schreibt statt­des­sen: „Laut Allens­ba­cher Wer­be­trä­ger Ana­ly­se (AWA) ver­fü­gen Anzei­gen­blät­ter über eine Reich­wei­te von 48,9 Mio. Lesern (WLK) bzw. 69,2% in der Gesamt­be­völ­ke­rung ab 14 Jah­ren und genie­ßen somit eine über­aus hohe Akzep­tanz. Auf­grund der mas­siv stei­gen­den Prei­se u.a. für Lebens­mit­tel ist die ent­hal­te­ne Ange­bots­wer­bung für vie­le Haus­hal­te ein wich­ti­ges Ele­ment für die Nut­zung von Anzei­gen­blät­tern.“ (Anm.: Die Abkür­zung WLK steht für „Wei­tes­ter Leser­kreis“.)

Prospekte und Anzeigenblätter – ein Ausblick

Das ist eine inter­es­san­te Aus­sa­ge, denn sie führt wie­der zurück zu der Fra­ge: Was sind Anzei­gen­blät­ter über­haupt? Und war­um möch­ten Men­schen sie bekommen?

Der Bun­des­ver­band Deut­scher Anzei­gen­blät­ter weist auf sei­ner Web­site auf eine ande­re Stu­die des Insti­tuts für Demo­sko­pie Allens­bach (IfD) hin, die soge­nann­te Leser­ak­zep­tanz­stu­die, die der BVDA selbst beim IfD in Auf­trag gege­ben hat. Der voll­stän­di­ge Titel der Erhe­bung lau­tet „Akzep­tanz und Nut­zung von Anzei­gen­blät­tern und Pro­spek­ten“. Das Ergeb­nis fasst der BVDA so zusam­men: „Die Ergeb­nis­se der aktu­el­len Leser­ak­zep­tanz­stu­die (…) bele­gen eine hohe Rele­vanz von gedruck­ten Pro­spek­ten für Kon­su­men­ten.“ Digi­ta­le Vari­an­ten wie etwa Apps – so etwas gibt es schon – sei­en für die Mehr­heit kei­ne Alter­na­ti­ven zum Print­pro­spekt: „Kon­fron­tiert mit der hypo­the­ti­schen Mög­lich­keit, zwi­schen gedruck­ten und digi­ta­len Pro­spek­ten wäh­len zu kön­nen, wür­den sich 62 Pro­zent der deut­schen Wohn­be­völ­ke­rung für gedruck­te Pro­spek­te und nur 12 Pro­zent für digi­ta­le Alter­na­ti­ven entscheiden.“

Die Super­markt­ket­te Rewe, die bis­her Pro­spekt­bei­la­gen auch über Anzei­gen­blät­ter ver­tei­len ließ, hat nun aller­dings schon ihren Rück­zug ange­kün­digt. Ab dem nächs­ten Som­mer sol­len kei­ne Rewe-Pro­spek­te mehr ver­teilt wer­den; vor­her hat­te das auch die Bau­markt­ket­te Obi schon so angekündigt.

Für die Anzei­gen­blatt­ver­la­ge ist das nicht die ers­te Her­aus­for­de­rung. Seit Beginn der Coro­na­pan­de­mie haben vie­le ihre Gra­tis­zei­tun­gen ein­ge­stellt: Laut dem BVDA gab es 2020 noch 1.208 Titel in Deutsch­land, inzwi­schen sind es nur noch 856. Die Gesamt­auf­la­ge ist in dem Zeit­raum von 79,8 Mil­lio­nen auf 58,9 Mil­lio­nen Exem­pla­re zurück­ge­gan­gen. Schaut man noch ein paar Jah­re wei­ter in die Ver­gan­gen­heit, wird der Rück­gang noch deut­li­cher: 2014 gab es noch 1.406 Titel mit einer Gesamt­auf­la­ge von 91,4 Mil­lio­nen Exemplaren.

BVDA-Haupt­ge­schäfts­füh­rer Jörg Eggers sag­te im Mai in einem Inter­view, die äuße­ren Rah­men­be­din­gun­gen sei­en „alles ande­re als rosig“. Wäh­rend der Coro­na­lock­downs sei­en die Wer­be­er­lö­se um 90 Pro­zent ein­ge­bro­chen, die Papier­kos­ten sei­en „explo­diert“, Anfang Okto­ber ist außer­dem der Min­dest­lohn auch für Bot:innen auf zwölf Euro ange­stie­gen (mit eini­gen Aus­nah­men). All das brin­ge die Ver­la­ge in Schwie­rig­kei­ten, und das sei „eine aku­te Bedro­hung für die Pres­se- und Meinungsvielfalt“.

Der BVDA for­dert des­halb auch für Anzei­gen­blät­ter eine Pres­se­för­de­rung, die die Bun­des­re­gie­rung dem­nächst mög­li­cher­wei­se auf­le­gen wird, etwa in die­sem Inter­view und in die­ser Pres­se­er­klä­rung. Auf RUMS-Anfra­ge schreibt uns der Ver­band zur Rol­le der Anzei­gen­blät­ter: „Kos­ten­lo­se Wochen­zei­tun­gen stel­len eine wich­ti­ge Säu­le der viel­fäl­ti­gen Medi­en­land­schaft in Deutsch­land dar. Sie bil­den das Gesche­hen vor Ort ab und sind Sprach­rohr für loka­le Poli­tik, Händ­ler, Ver­ei­ne und das Ehren­amt. Kos­ten­lo­se Wochen­zei­tun­gen berich­ten über all­tags­re­le­van­te The­men aus dem Nah­be­reich, bie­ten nut­zer­wer­te Ser­vice­an­ge­bo­te und trans­por­tie­ren über­wie­gend posi­ti­ve Bot­schaf­ten. Auf die­se Wei­se ermög­li­chen sie einen nied­rig­schwel­li­gen Zugang zu den wich­tigs­ten Inhal­ten des Lokal­jour­na­lis­mus, wodurch gesell­schaft­li­che Teil­ha­be geför­dert wird.“

Im Koali­ti­ons­ver­trag steht zum The­ma Pres­se­för­de­rung der Satz: „Wir wol­len die flä­chen­de­cken­de Ver­sor­gung mit peri­odi­schen Pres­se­er­zeug­nis­sen gewähr­leis­ten und prü­fen, wel­che För­der­mög­lich­kei­ten dazu geeig­net sind.“ Kon­kret dis­ku­tiert wird nun eine Zustell­för­de­rung, mit der der Bund die Ver­la­ge dabei unter­stüt­zen könn­te, Zei­tun­gen in die Brief­käs­ten zu brin­gen. Ob und unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen auch Anzei­gen­blät­ter geför­dert wer­den sol­len, ist noch nicht bekannt.

Wir möch­ten ger­ne wis­sen, wie groß das Umwelt­pro­blem mit den Gra­tis­zei­tun­gen ist. Wenn Sie in Ihrem Wohn­vier­tel sams­tag­nach­mit­tags Sta­pel mit Aus­ga­ben der Gra­tis­zei­tung sehen, mel­den Sie sich ger­ne per E-Mail bei uns. Am bes­ten mit dem genau­en Stand­ort und einem Foto.

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