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2026-06-25-Labyrinth-Clemens-privat

Im Labyrinth

Viele Betriebe suchen Fachkräfte. Viele Geflüchtete würden gern arbeiten. Dazwischen liegen Bürokratie, Unsicherheit und lange Verfahren. Ahmad El Omars Geschichte zeigt die Widersprüche der deutschen Migrationspolitik.

von Clemens Stein

In einer Wohnung im Hansaviertel qualmt ein Räucherstäbchen, an der Wand hängt ein „Free Palestine“-Poster. Davor sitzt Ahmad El Omar auf seinem braunen Stoffsofa und grübelt über seine Zukunft.

Vor elf Jahren kam er aus dem Libanon. Kurz danach begann der mühevolle Weg auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Im März 2026, nach Jahren der Ausbildung mit Fortschritten und Rückschritten, gerät wieder mal alles ins Wanken. Ahmad El Omar sucht einen neuen Job. Doch seine Aufenthaltsbescheinigung läuft bald aus.

An diesem Nachmittag will er mit Petra Höller-Rieping besprechen, wie er am besten vorgeht. Er muss beim richtigen Amt zur richtigen Zeit die richtige Bescheinigung beantragen. Auf diesem Weg kann man schnell falsch abbiegen. Doch Petra Höller-Rieping kennt sich gut aus in diesem Labyrinth der deutschen Behörden.

Die Architektin begleitet mit ihrer Gruppe „Nachbarschaftshilfe Rinkerode“ seit Jahrzehnten in ihrer Freizeit Geflüchtete auf dem Weg in ihr neues Leben. Ahmad El Omar lernte sie in der Turnhalle in Rinkerode kennen, in der er zum Hoch der Fluchtbewegung unterkam.

El Omar hielt sie zunächst für eine Mitarbeiterin der Stadt und zögerte. Über seine Trennwand hinweg beobachtete er, wie Höller-Rieping sich mit anderen Geflüchteten in einem Stuhlkreis zusammensetzte. Nach einer Weile traute er sich und sprach sie einfach an.

Im Rückblick war das eine sehr gute Entscheidung. Ohne Petra Höller-Rieping wäre Ahmad El Omar in diesem Labyrinth wahrscheinlich sehr viel öfter falsch abgebogen und auf Irrwege geraten, von denen man nur schwer wieder zurückfindet. So geht es vielen Geflüchteten, die keine Unterstützung bekommen.

Erstaunlich geradlinig

Kurz nach seiner Ankunft hatte Ahmad El Omar zunächst auf seine Weise versucht, den richtigen Weg zu finden. Er setzte sich auf sein Fahrrad, klapperte die Betriebe im Gewerbegebiet ab und fragte nach einem Job. So kannte er es aus seiner Heimat. Doch hier schien es anders zu laufen. Die Betriebe suchten zwar dringend Leute. Aber einfach anfangen konnte er dort nicht. Das war seine erste Begegnung mit der deutschen Bürokratie.

Petra Höller-Rieping half ihm, die passenden Formulare zu finden, sie korrekt auszufüllen und so die ersten richtigen Abzweigungen im Labyrinth zu nehmen. Doch sogar sie, die pragmatische Muttersprachlerin, stößt im Kontakt mit den Behörden oft an ihre Grenzen. „Die Betriebe sagen uns: Ja, der kann morgen anfangen, und dann muss man erst mal Formulare ausfüllen und stundenlang rumtelefonieren“, sagt sie. Anträge auf Arbeitserlaubnis, Aufenthaltstitel oder die Anerkennung ausländischer Qualifikationen.

In Münster hilft neben Ehrenamtlern wie Petra Höller-Rieping ein Flickenteppich an Organisationen Geflüchteten dabei, Arbeit zu finden: die Flüchtlingshilfe GGUA, die Kreishandwerkerschaft, die Handwerkskammer, das Integrationsprojekt MAMBA und weitere Organisationen.

Mit Petra Höller-Riepings Hilfe fand Ahmad El Omar kurz nach seiner Ankunft eine bessere Unterkunft, später ein Praktikum und schließlich einen Ausbildungsplatz in einem Handwerksbetrieb. Sein Weg wirkte zunächst erstaunlich geradlinig. Ahmad El Omar beendete seine Ausbildung erfolgreich und begann, im Handwerk zu arbeiten.

So ist es gedacht, und laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung gelingt das deutlich häufiger, als viele Menschen vermuten. Die Beschäftigungsquote unter Geflüchteten liegt inzwischen bei 64 Prozent; in der Gesamtbevölkerung beträgt sie 70 Prozent. Bis hierher wirkt Ahmad El Omars Geschichte wie der Idealfall.

Die andere Seite

Marcel Fratzscher, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), sagte zu Beginn des Jahres dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“, um die Wachstumsraten der Vergangenheit zu erreichen, fehlten Deutschland Arbeitskräfte.

Die Bevölkerung wird älter, viele Menschen gehen in Rente, auf dem Arbeitsmarkt entstehen Lücken. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung schätzt, dass Deutschland in den kommenden Jahren Hunderttausende zusätzliche Arbeitskräfte pro Jahr braucht, um die Folgen des demografischen Wandels abzufedern.

Beim DIW ist von rund 400.000 Zuwanderern jährlich die Rede. Auch die Bundesregierung sieht das Problem. Sie setzt allerdings vor allem auf gesteuerte Fachkräfteeinwanderung – nicht auf das, was sie als irreguläre Migration bezeichnet.

Weil mehr Menschen Deutschland wieder verlassen, sank die Nettozuwanderung – also der Unterschied zwischen Zu- und Wegzügen – im vergangenen Jahr auf weniger als 250.000 Menschen. Deutschland bräuchte viel mehr Menschen wie Ahmad El Omar, um das System vor einem Kollaps zu bewahren. Doch seine Geschichte hat auch noch eine andere Seite.

„Die haben immer darüber geredet, was ich gepostet habe“: Ahmad El Omar nach der Überquerung des Mittelmeers auf Leros in Griechenland. Foto: privat

Ahmad El Omar hat sich in Münster ein neues Leben aufgebaut. Er trifft Freunde im Ex-Café am Hansaring, organisiert gemeinnützige Kunstausstellungen und spielt in einer Musikgruppe. Von außen wirkt es, als wäre er angekommen. Aber Integration verläuft selten geradlinig.

Für Ahmad El Omar nahm der Weg eine Abzweigung, als im Oktober vor drei Jahren der Gaza-Krieg begann. Die Kämpfe weiteten sich schnell auf seine Heimat aus, den Libanon. Ahmad war weit weg von seiner Familie, aber er wollte etwas tun.

Seine Wohnung lag damals direkt über dem Betrieb, für den er arbeitete. Einsätze außerhalb der regulären Arbeitszeiten gehörten zum Alltag. Doch das fiel ihm in dieser Zeit zunehmend schwerer. An den Wochenenden malte er Plakate und ging zu Pro-Palästina-Demonstrationen.

„Ich konnte nicht mehr auf Abruf bereitstehen“, sagt er. Bei der Arbeit sei das nicht gut angekommen. Auch die Atmosphäre mit seinen Kollegen litt unter dem polarisierenden Thema. „Die haben immer darüber geredet, was ich gepostet habe“, sagt er.

Das Soziale ist im Handwerk sehr wichtig. Man arbeitet in Gruppen, macht gemeinsame Pausen. Anfangs funktionierte das gut. Doch die wohlwollende Stimmung schlug um. Ahmad El Omar fühlte sich nicht mehr wohl. So endete seine Zeit im Handwerk. Und so geriet er wieder hinein in das Labyrinth, in dem sehr viele Menschen nach einem Ausgang suchen, und dort, am Ausgang, von Unternehmen durchaus erwartet werden.

Regel bleibt Regel

Keine zehn Minuten mit dem Fahrrad vom Hansaviertel entfernt, befindet sich am Gustav-Stresemann-Weg in der Loddenheide der Betrieb von Sven Peters und Max Lackmann. Sie machen Gebäudetechnik, installieren Wärmepumpen, Lüftungs- oder Sanitäranlagen. Gute Leute zu finden, wird für sie immer schwerer.

Laut der Industrie- und Handelskammer sind sie damit nicht allein. Im vergangenen Jahr bezeichneten 71 Prozent der Unternehmen im nördlichen Westfalen den Fachkräftemangel als Gefahr für den eigenen Betrieb.

Max Lackmann weiß, dass es in Münster durch die Migration ein großes Potenzial an Auszubildenden gibt, aber er weiß auch, dass der Weg in den Beruf nicht leicht ist. Er kennt aus den Betrieben viele Geschichten über Probleme mit den Behörden und der deutschen Bürokratie.

In einem Fall beantragte der Auszubildende den Führerschein einen Tag nach Abschluss des Ausbildungsvertrags. „Dann wollte die Agentur für Arbeit das nicht mehr unterstützen“, sagt Lackmann. Das Argument war: Für die Ausbildung war der Führerschein offenbar keine Voraussetzung. Der Vertrag war ja schon unterschrieben.

Lackmann schüttelt da nur mit dem Kopf. Für Flexibilität gebe es oft keinen Spielraum. Da kann der Chef auch beim Amt anrufen und erklären, dass die Ausbildung ohne Führerschein nicht möglich ist. Es ändert nichts. Regel bleibt Regel.

Auch bei Wohnungsverträgen gebe es immer wieder ähnlichen Ärger. Hier müsse man ebenfalls genau auf das Datum achten, sagt Lackmann. Der Mietvertrag dürfe auf keinen Fall vor dem Ausbildungsvertrag unterschrieben werden. Dann gebe es keine Unterstützung. Aber wenn man sich auf dem Wohnungsmarkt in Münster zu lange mit dem Mietvertrag Zeit lässt, dann ist die Wohnung weg.

Die vielen Regeln haben durchaus einen Sinn. Fristen, Voraussetzungen oder Stichtage schützen das System davor, ausgenutzt zu werden. Das Problem beginnt da, wo Regeln ein Eigenleben entwickeln, weil es so viele werden, dass sie das System lähmen und viele Menschen, die arbeiten wollen, zum Warten zwingen.

„Wallah, Krise“

Petra Höller-Rieping erlebt das immer wieder. „Die meisten Geflüchteten wollen arbeiten“, sagt sie. Die langen Phasen des Wartens oder Arbeitsverbote seien für viele Geflüchtete schwer auszuhalten.

Zu einer ähnlichen Erkenntnis kommt auch die Psychologin Nina Lilienthal vom Behandlungszentrum für Folteropfer in Berlin. Gerade Geflüchtete, die in ihrer Heimat oder auf der Flucht Traumatisches erlebt haben, entwickelten oft einen starken Wunsch zu arbeiten; Arbeit bedeute Struktur, Ablenkung und das Gefühl, gebraucht zu werden, sagt sie. Lange Arbeitsverbote könnten deshalb schwere Folgen haben.

Ende März schreibt Ahmad El Omar in einer Whatsapp-Nachricht, zu Hause herumsitzen wolle er auf keinen Fall. Doch im Moment findet er keine Stelle. In einem Restaurant am Hansaring haben sie ihn abgelehnt. Ohne gültige Übergangsbescheinigung könne man ihn nicht einstellen, habe es dort geheißen. „Wallah, Krise“, schreibt er. Ist das jetzt schon wieder eine Sackgasse?

Als Ahmad El Omar nach Deutschland kam, traf er Petra Höller-Rieping. Sie half ihm, sich im Labyrinth der deutschen Behörden zurechtzufinden. Heute sind sie befreundet. Foto: Clemens Stein

Petra Höller-Rieping ist optimistisch, dass es für ihn auch nach dieser Abzweigung weitergeht. Doch sie sieht auch die Probleme. Viele ließen sich nach ihrem Eindruck entschärfen, wenn man das wirklich wollte. „Man könnte den Betrieben mehr vertrauen und so für mehr Flexibilität sorgen“, sagt sie. Man könnte Praktika zugänglicher machen. Darin sähe sie einen wichtigen Schritt.

Doch statt Lösungen sieht Petra Höller-Rieping eher neue Schwierigkeiten. Die Bundesregierung plant, den Zugang zu Sprach- und Integrationskursen deutlich einzuschränken und freiwillige Kursteilnahmen künftig nur noch begrenzt zu finanzieren. Das verschärfe die Situation für viele zusätzlich. Sorgen macht ihr außerdem die Stimmung im Land.

Petra Höller-Rieping erzählt von einem Geflüchteten, der aus Rinkerode nach Brandenburg zog, um dort zu arbeiten. Nach sechs Wochen sei er zurückgekommen. Nachts habe er sich dort nicht mehr auf die Straße getraut, so habe er es berichtet.

Münster sei in vielerlei Hinsicht eine Blase, sagt Petra Höller-Rieping. Hier sei noch vieles in Ordnung. Mehr jedenfalls als anderswo.

Die Folgen treffen die Wirtschaft

Diskriminierungserfahrungen und zu viel Bürokratie gehören laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zu den Gründen, warum mehr als zwei Millionen Zuwanderer darüber nachdenken, Deutschland wieder zu verlassen.

Angesichts der Forderung nach deutlich mehr Zuwanderung, wie sie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung erhebt, wäre das eine fatale Entwicklung. Die Folgen würden am Ende vor allem die deutsche Wirtschaft treffen – und damit die Gesellschaft.

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Gleichzeitig wünschen sich viele Menschen, dass Migration begrenzt wird. Im vergangenen Jahr sagten laut einer repräsentativen Umfrage über die Hälfte der Deutschen (52 Prozent), dass zu viele Ausländer im Land seien. Im Jahr 2022 hatte nur ein Drittel dasselbe behauptet.

Laut dem ARD-Deutschlandtrend nannten im vergangenen Jahr 37 Prozent „Zuwanderung und Flucht“ als eines der wichtigsten politischen Probleme des Landes. Eine Mehrheit sprach sich für strengere Maßnahmen in der Migrationspolitik aus. Auch andere Institute wie Ipsos kommen regelmäßig zu ähnlichen Ergebnissen.

Hinter den politischen Debatten und Stimmungen stehen einzelne Menschen, deren Leben unmittelbar davon abhängt, ob sie kommen, bleiben und ob sie hier arbeiten dürfen. Menschen wie Ahmad El Omar.

Für ihn löste sich das Problem mit Petras Hilfe doch noch, zumindest vorerst. Im April wurde seine Aufenthaltserlaubnis um sechs Monate verlängert. Jetzt kann er sich wieder voll auf die Jobsuche konzentrieren. In den Libanon möchte er nicht zurück. Da wird seit Februar wieder gekämpft.

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