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2026-06-22-RUMS-Podcast-Verhaltensbiolgie-Kakadus

„Auch die Anpassungsfähigkeit von Tieren hat Grenzen“

Münster gilt als einer der wichtigsten Standorte für Verhaltensbiologie in Europa. Im Interview erklären beiden Forscher Norbert Sachser und Niklas Kästner, wie Klimawandel, Artensterben und menschliche Eingriffe Tiere weltweit unter Druck setzen.

von Anna Niere • Lektorat: Maria Schubarth

Dieses Interview ist gleichzeitig Teil der siebten Folge des RUMS-Podcasts „Die große Frage“. Wenn Sie das Gespräch in voller Länge hören möchten, klicken Sie auf den Link zur Folge. Unten finden Sie eine gekürzte Version des Interviews.

Sie beide haben sich in Münster kennengelernt. Was macht die Stadt eigentlich zu einem so wichtigen Ort für die Verhaltensbiologie?

Sachser: Münster hat eine außergewöhnlich lange Tradition in diesem Forschungsbereich. Schon Konrad Lorenz, einer der Begründer der modernen Verhaltensbiologie, war in den 1950er-Jahren einige Zeit hier tätig. Später haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Münster wichtige Erkenntnisse zur Intelligenz und Wahrnehmung von Tieren gewonnen – etwa dazu, dass sich Menschenaffen im Spiegel erkennen können oder welche Farben Bienen unterscheiden. Als ich vor rund 30 Jahren nach Münster gekommen bin, war mein Ziel, diese Tradition weiterzuführen. Gemeinsam mit vielen hervorragenden Studierenden und Forschenden ist es gelungen, Münster zu einem der wichtigsten Zentren der Verhaltensbiologie in Europa zu machen.

Kommen wir zu Ihrem Buch: Es heißt „Tierwelt am Limit“. Wie lange können sich Tiere noch an unsere Welt anpassen?

Kästner: Tiere passen sich seit Millionen Jahren an Veränderungen an. Auch heute sehen wir beeindruckende Beispiele dafür. Kakadus in Australien haben zum Beispiel gelernt, Mülltonnen zu öffnen und dieses Wissen an andere Tiere weiterzugeben. Andere Arten verschieben ihre Lebensräume, weil die Temperaturen steigen. Aber diese Anpassungsfähigkeit hat Grenzen.

Sachser: Einige Arten sind bereits gescheitert. Viele haben wir für immer verloren. Und viele weitere geraten zunehmend unter Druck. Deshalb wird es höchste Zeit zu handeln.

Oft hört man aber doch auch von Tieren, die erstaunlich gut mit den Veränderungen klarkommen. Ist das nicht auch eine positive Entwicklung?

Sachser: Diese Beispiele gibt es. Aber wenn man die Gesamtheit der wissenschaftlichen Daten betrachtet, ergibt sich ein anderes Bild. Wir haben einige wenige Gewinner im Anthropozän, unserem jetzigen Zeitalter, aber sehr viele Verlierer. Insgesamt bewegen wir uns auf eine Entwicklung zu, die man durchaus als Beginn eines neuen Massenaussterbens bezeichnen kann.

Kästner: Man darf auch nicht vergessen, dass die Klimakrise nur ein Teil des Problems ist. Tiere kämpfen gleichzeitig mit Lebensraumverlust, Umweltverschmutzung und vielen anderen Belastungen. Alles zusammen erschwert die Anpassung.

In Ihrem Buch geht es nicht nur um Wildtiere, sondern auch um Haustiere und Nutztiere. Was hat Sie besonders beeindruckt?

Sachser: Schweine zum Beispiel. Studien zeigen, dass sie Artgenossen helfen können. Wenn ein Schwein in einer misslichen Lage steckt, befreien andere Tiere es gezielt. Wir wissen außerdem, dass Schweine trösten können und dass ihre Haltungsbedingungen beeinflussen, ob sie eher optimistisch oder pessimistisch auf neue Situationen reagieren.

Welche Schlüsse ziehen Sie aus solchen Beobachtungen?

Sachser: Dass wir die Frage nach dem Tierwohl sehr ernst nehmen müssen. Diese Tiere sind deutlich komplexer, als viele Menschen denken.Und das sage ich nicht nur, weil uns die Tiere am Herzen liegen. Sondern auch, weil wir Menschen von funktionierenden Ökosystemen abhängig sind. Wenn wir die Natur zerstören, zerstören wir langfristig auch unsere eigene Lebensgrundlage.

Gibt es trotzdem noch etwas Grund zur Hoffnung?

Kästner: Auf jeden Fall. Es ist kein Alles-oder-Nichts-Szenario. Jede Verbesserung hilft. Je mehr wir tun, desto mehr Arten werden überleben und desto weniger Tiere werden leiden.

Sachser: Was wir heute entscheiden, bestimmt, wie die Welt in 20, 30 oder 50 Jahren aussehen wird. Deshalb sollten wir jetzt handeln – nicht irgendwann.

Titelfoto: Patty Jansen, Pixabay

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