Lieber tot als zurück

80

Ein jun­ger Mann möch­te leben. In sei­ner ira­ni­schen Hei­mat ist das nicht mög­lich. Woan­ders auch nicht. Am Ende ver­sucht er, sich umzu­brin­gen – obwohl er nicht ster­ben möch­te. Die Geschich­te eines Men­schen, der nie nach Deutsch­land wollte.

Text: ANDREAS HOLZAPFEL
Redak­ti­on: CONSTANZE BUSCH, RALF HEIMANN
Titel­fo­to: LAURA SCHENK


Warnhinweis

In die­sem Text wer­den ein Sui­zid­ver­such und selbst­ver­let­zen­de Hand­lun­gen, Kriegs­hand­lun­gen, Gewalt, Flucht und Abschie­bung sowie ein Hun­ger­streik geschil­dert. Bei man­chen Men­schen kön­nen die­se The­men nega­ti­ve Reak­tio­nen aus­lö­sen. Bit­te sei­en Sie acht­sam, wenn das bei Ihnen der Fall ist.


Shaky kramt die Schach­tel Beru­hi­gungs­ta­blet­ten aus der Hosen­ta­sche. Er sitzt auf den Flie­sen zwi­schen der Toi­let­te und dem Wasch­be­cken, die Tür hat er abge­schlos­sen. Er drückt ein paar Pil­len aus der Ver­pa­ckung und wirft sie sich in den Mund. Dann nimmt er das Mes­ser. Als er fer­tig ist, steckt er sich eine Ziga­ret­te zwi­schen die Lip­pen. Er sitzt da und raucht. Er war­tet. Irgend­wann ver­liert er das Bewusstsein.

Als Shaky vier Tage spä­ter auf­wacht, viel­leicht waren es auch fünf, so genau weiß er das nicht mehr, liegt er im Kran­ken­haus. Die Bil­der im Kopf ver­schwim­men, nur das gan­ze Blut hat er vor Augen. Er will sei­nem Bru­der eine Nach­richt schrei­ben. Er schickt sie jemand ande­rem. Es ist alles noch trüb. Aber zum ers­ten Mal ist da die­ses Gefühl: Ich bin sicher.

So erzählt er die Geschich­te, heu­te, knapp zwei Jah­re später.

Zwei Mal, sagt Shaky, habe er sich bei­na­he umge­bracht. Ein­mal mit dem Mes­ser. Ein­mal mit Tablet­ten. Er sagt: Er woll­te nie ster­ben. Er woll­te nur blei­ben. Aber dafür habe er ris­kie­ren müs­sen, zu ster­ben. Wer labil ist, darf nicht abge­scho­ben wer­den. „Für mich war alles total klar: Ent­we­der ich lebe hier. Oder ich ster­be. Aber ich las­se nicht zu, dass sie mir mein Leben nehmen.“

Für ein Leben in Frie­den müs­sen Geflüch­te­te oft den Tod ris­kie­ren. Auf der Flucht, aber auch vor der Abschie­bung. Vie­le ster­ben lie­ber, als in ihrer Hei­mat zu leben. In den fünf Jah­ren zwi­schen 2015 und 2019 hat es in Deutsch­land min­des­tens 1.792 Sui­zid­ver­su­che und Selbst­ver­let­zun­gen gege­ben, doku­men­tiert der Ver­ein „Anti­ras­sis­ti­sche Initia­ti­ve“ (Ari). Min­des­tens 134 Geflüch­te­te haben sich umge­bracht oder sind auf der Flucht vor der Abschie­bung gestorben.

Sie fin­den, sol­che Fens­ter nerven?

Wir auch. Aber einen ele­gan­te­ren Weg haben wir lei­der noch nicht gefun­den, um auch wei­ter­hin Arti­kel wie die­sen anbie­ten zu kön­nen – denn wir brau­chen dafür Ihre Unter­stüt­zung. Tes­ten Sie uns 30 Tage lang kostenlos.

RUMS 30 Tage kos­ten­los lesen Schon Mit­glied? Hier ein­log­gen