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Keine Zeit für Unsinn
Mit elf Jahren begann Emmy Teupe, Spenden zu sammeln. Heute ist sie 15, hat ein eigenes Festival veranstaltet und mehr als 40.000 Euro eingeworben. Was treibt sie an?
Unter Emmys Bettdecke liegen Kuscheltiere versteckt. Ein Bär, fast schon zu klein zum Kuscheln. Er trägt eine Jacke vom Arbeiter-Samariter-Bund. Die gleiche, nur um einiges größer, hängt in ihrem Kleiderschrank. Emmy trägt sie nur selten. Immer, wenn sie einen mehrstelligen Scheck in den Händen hält.
Sie hat kein TikTok, geht nicht auf Partys, trinkt keinen Alkohol und trägt keine Flared Jeans. Emmy sammelt Spenden, schreibt Gedichte, liebt Mascha Kaléko und sortiert Freunde aus, die keine echten sind.

Emmy könnte als Studentin durchgehen und das würde sie am liebsten auch – die nächsten Jahre einfach überspringen. Dann müsste sie nicht mehr jeden Tag im Unterricht sitzen und Zeit mit Menschen verbringen, die sie eh nicht verstehen.
Schule war für Emmy nie leicht. Jungs sagten ihr ins Gesicht, was sie von ihr halten. Oft war das nicht nett. Manchmal so schlimm, dass Emmy überlegte, die Schule zu wechseln. Bis sich etwas an ihrer Einstellung änderte. Emmy beschloss, zur Schulleitung zu gehen und sich selbst zu helfen. Ihr war klar: Nicht sie ist das Problem. Heute sagt sie, es hat sich angefühlt, als hätte jemand einen Schalter in ihrem Kopf umgelegt.
Emmy ist 15 Jahre alt, ein Kind nach dem Gesetz, aber eigentlich schon eine junge Frau.
Emmy weiß nicht, was der Auslöser gewesen sein könnte. Aber ihr Zimmer lässt mutmaßen.
An der Wand gegenüber vom Bett hängen Bilder von Frida Kahlo und Anne Frank. Die eine malte sich selbst, obwohl sie nach einem Unfall ans Bett gefesselt war. Die andere dokumentierte Schrecken in Tagebüchern, obwohl Nazis nach ihr suchten.
Emmy hat über Frauen wie sie ein Gedicht geschrieben. Sie seien Inspiration. Vielmehr sogar. Es scheint, als schöpfe sie aus ihren Geschichten neue Kraft für ihre eigene.

Seit Januar 2023 sammelt Emmy Spenden für den ASB-Wünschewagen, ihr Herzensprojekt. Ein umgebauter Krankenwagen, der schwerstkranken Menschen noch einmal an einen schönen Ort bringt, bevor sie sterben. Manche wünschen sich einen Helikopterflug, einen letzten Urlaub mit der Frau, andere wollen nur noch einmal ins Stadion und ihr Lieblingsteam gewinnen sehen.
Von den 40.000 Euro, die Emmy bisher für den Arbeiter-Samariter-Bund gesammelt hat, wurden mehr als 20 solcher Wünsche erfüllt. Alles durch Spenden. Ohne die geht es nicht.
Angefangen hat alles mit einem Spendenaufruf an Emmys Schule. Sie selbst war elf Jahre alt, als die russische Armee in die Ukraine einmarschierte. In ganz Deutschland brach eine Welle der Solidarität aus. Kinder an ihrer Schule verkauften selbstgebackene Kuchen, andere ihre zu klein gewordenen Hosen. Emmy hatte eine andere Idee.
Sie wollte helfen, aber noch lieber vor der eigenen Haustür als in fernen Ländern. Also suchte sie sich ein eigenes Projekt. Zuerst wollte sie an ein Hospiz in Münster spenden, aber dann konnte sie sich nicht entscheiden – soll sie den todkranken Kindern helfen oder den Erwachsenen? Sie wollte allen helfen.
Emmy begann damit, selbst gebackene Kekse und eingekochte Marmelade im Friseursalon ihrer Mutter zu verkaufen. Später kam sie auf die Idee, Prominente um Unterstützung zu bitten. Sie schrieb mehr als 40 Briefe – an Bruce Darnell, Tim Mälzer und Olivia Jones. Viele schrieben zurück. Daniela Katzenberger schickte fünf Autogrammkarten und eine Wimpernschere, die Donots, ihre Lieblingsband, ein signiertes Instrumententeil, die Toten Hosen ein Bobbycar. Was Emmy zugeschickt bekam, versteigerte sie für den guten Zweck.
Sie schrieb auch Henning Wehland, Frontsänger der Band H-Blockx. Die beiden verstanden sich auf Anhieb, trotz der 40 Jahre Altersunterschied. Irgendwann veranstalteten sie zusammen ein Wohnzimmerkonzert bei den Teupes, Wehland spielte Gitarre und sang. Später stellte er Emmy eine Frage. Er wollte wissen, was denn ihr größter Wunsch sei.
Ein Festival, sagte sie. Nicht nur mit guter Musik. Sondern ein Ort für alle.
Am 13. September 2025 wurde aus dem Wunsch tatsächlich Wirklichkeit.

Dass Emmy sich mit elf für den Wünschewagen entschieden hat, war Zufall. Den Wunsch, mit dem Tod zu arbeiten, hat sie aber schon lange.
Als Kind beobachtete sie ihre Mutter dabei, wie sie den verstorbenen Großvater wusch. Sie schaute Serien, die im Obduktionssaal spielen und Dokumentationen über das Sterben. Mit 14 machte sie ihr Schulpraktikum in einem Bestattungsinstitut.
Nach der Schule will sie Medizin studieren und Leichen sezieren. Nicht Ärztin werden. Dann müsste sie ja Menschen für tot erklären, und das bringe sie nicht übers Herz. Sie will lieber die Todesursache herausfinden. Gewissheit schenken. Helfen, auf eine besondere Art.

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Emmy teilt sich den Geburtstag mit ihrem Zwillingsbruder Luiz. Er läuft jedes Jahr gleich ab, fast wie ein Ritual. Am Abend vorher fragt Sandra, ihre Mutter, welches Lied sie beide am liebsten mögen. Dieses spielt sie dann am nächsten Morgen ab. Emmy wünscht sich seit drei Jahren dasselbe Lied. „An Tagen wie diesen“ von den Toten Hosen.
Sandra Teupe ist der Geburtstag ihrer Kinder wichtig, noch wichtiger, dass sie glücklich sind. Sie fährt die beiden vor Dienstbeginn zur Schule und verschiebt ihre Mittagspause nach hinten, um sie wieder abzuholen.
Ihr linker Arm ist vom Handgelenk bis zur Schulter mit Tattoos bedeckt. Eine Löwenmutter, die über zwei Babys wacht. „Family first“. Ein Diamant mit zwei eingravierten Buchstaben: E und L.
Zum 15. Geburtstag hat sie Emmy einen Ring geschenkt. Er ist silbern und mit winzigen Fischen verziert. Alle schwimmen in dieselbe Richtung. Nur einer nicht. Er ist golden und schwimmt gegen den Strom.
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