Das Kreuz mit den Rädern

Tim Hes­se will Wind­rä­der in Havix­beck bau­en, Anja Hol­len­horst will ein Wind­rad in Loeve­ling­loh abschal­ten las­sen. Bei­de haben eine gemein­sa­me Geg­ne­rin: die Bürokratie.

TEXT: YVES BELLINGHAUSEN
REDAKTION: RALF HEIMANN
TITELFOTO: NIKOLAUS URBAN

Anja Hol­len­horst steht vor der Lager­hal­le der Spe­di­ti­on Hol­len­horst – im Wes­ten rauscht die Auto­bahn 1, im Osten eine Land­stra­ße und tags­über rum­peln LKW auf das Gelän­de der Spe­di­ti­on, um hier Waren umzu­la­den. Bis vor einem Jahr hat Anja Hol­len­horst, die Geschäfts­füh­re­rin der Spe­di­ti­on, noch in einer klei­nen Woh­nung mit Bal­kon auf dem Gelän­de des Unter­neh­mens in Müns­ter Loeve­ling­loh gewohnt. Aber der Krach habe sie krank gemacht, sagt sie. Des­halb ist sie aus­ge­zo­gen und pen­delt jetzt jeden Tag 20 Kilo­me­ter zur Arbeit.

Der Krach: Das ist für Anja Hol­len­horst nicht die A1, nicht die Land­stra­ße, und es sind auch nicht die rum­peln­den LKW auf dem Hof – son­dern ein Wind­rad, 175 Meter hoch, 3,7 Mega­watt Leis­tung, im Jahr 2017 von Gene­ral Electric gebaut. Das Wind­rad steht still, fast still: Es dreht sich gera­de noch so lang­sam, dass der Wind es nicht umsto­ßen kann. Oder wie Exper­ten sagen: Es dreht sich im Trudellauf.

Im Dickicht der deutschen Bürokratie

15 Kilo­me­ter nord­öst­lich von der Spe­di­ti­on Hol­len­horst sitzt Tim Hes­se auf einer dun­kel­grü­nen Leder­couch, im Wohn­zim­mer des hüb­schen Klin­ker­baus in Havix­beck, in dem er auf­ge­wach­sen ist. Hes­se wohnt hier zusam­men mit sei­nen Eltern. Hes­se betreibt ein klei­nes Pla­nungs­bü­ro für Wind­kraft­an­la­gen in Müns­ter. Er sucht nach Grund­stü­cken, auf denen man Wind­kraft­an­la­gen errich­ten kann, bringt sie durch die Geneh­mi­gungs­ver­fah­ren und ver­kauft sie dann wei­ter. Tim Hes­se schiebt für sei­ne Auftraggeber:innen Wind­kraft­an­la­gen durch das Dickicht der deut­schen Büro­kra­tie. Aber als er selbst in sei­nem Hei­mat­ort Havix­beck drei Wind­rä­der bau­en will, da ver­liert er sich in dem Dschun­gel aus Vor­schrif­ten, Kla­gen und Einwendungen.

Pro­test gegen Wind­rä­der: Die Höhe des Köl­ner Doms und der Baum­ber­ge als abschre­cken­der Vergleich?

Tim Hes­se steht von der dun­kel­grü­nen Leder­couch auf, ver­lässt den Klin­ker­bau und steigt in sei­nen Citro­en C4. Er will zei­gen, wo sei­ne drei Wind­rä­der ste­hen sol­len. Er fährt fünf Minu­ten mit dem Auto aus dem Ort raus und hält schließ­lich bei einem Mais­feld an. „Da drü­ben woh­nen Leu­te, die gegen uns sind“, sagt er und zeigt auf einen Hof am Ende der Land­stra­ße. An ihrer Fas­sa­de hängt ein Pla­kat, dar­auf eine Abbil­dung von den Wind­rä­dern, die Hes­se bau­en will, neben dem Köl­ner Dom. Der Dom und die Wind­rä­der sind fast gleich groß.

Hes­se steht vor dem Mais­feld, auf das er drei Wind­rä­der vom Her­stel­ler Nordex stel­len möch­te, jedes mit einer Maxi­mal­leis­tung von 4,5 Mega­watt. „Das ist rech­ne­risch genug Strom, um Havix­beck mit Wind­ener­gie zu ver­sor­gen“, sagt er. Als Hes­se begon­nen hat, die Anla­gen zu pla­nen, dach­te er, dass es viel­leicht vier Jah­re dau­ern wür­de, bis sie ste­hen. Das war im Jahr 2012.

Gleicher Kampf, unterschiedliche Seiten

Anja Hol­len­horst und Tim Hes­se ken­nen sich nicht per­sön­lich, aber sie haben schon von­ein­an­der gehört, denn sie kämp­fen den glei­chen Kampf – nur auf unter­schied­li­chen Sei­ten. Dies ist die Geschich­te von zwei Men­schen, die ihren Kampf um Wind­rä­der in Dut­zen­den Leit­zord­nern doku­men­tiert und ein klei­nes Ver­mö­gen inves­tiert haben. Anja Hol­len­horst hat gekämpft, um ein Wind­rad in Loeve­ling­loh still­zu­le­gen. Tim Hes­se hat gekämpft, um drei Wind­rä­der in Havix­beck bau­en zu dürfen.

Nicht nur Müns­ter, son­dern jeder Ort in Deutsch­land kennt sol­che Bei­spie­le. Die Ener­gie­wen­de kos­tet das Land nicht nur etli­che Mil­li­ar­den Euro, sie kos­tet vie­le Deut­sche auch Ner­ven, Zeit und manch­mal ihre Gesundheit.

Es ist ja nicht so, als habe es in Deutsch­land kei­ne Kon­flik­te gege­ben, als der Strom noch aus Kern­re­ak­to­ren und Koh­le­kraft­wer­ken kam. Aber die Kon­flik­te fan­den kon­zen­trier­ter statt, an eini­gen weni­gen Orten: Wenn im Rhein­land ein Dorf weg­ge­bag­gert wur­de, weil dar­un­ter Braun­koh­le lager­te, oder wenn sich im Wend­land jahr­zehn­te­lang ein Dorf gegen Atom­müll wehr­te. Garz­wei­ler und Gor­le­ben waren unzäh­li­ge Male in der Tages­schau, Aktivist:innen aus der gan­zen Repu­blik kamen vor­bei, um hier zu demons­trie­ren. Anja Hol­len­horst und Tim Hes­se haben kei­ne gro­ßen Demons­tra­tio­nen ver­an­stal­tet. Wer wür­de denn auch schon extra nach Müns­ter rei­sen, um hier für oder gegen ein Wind­rad zu demons­trie­ren? In ganz Deutsch­land ste­hen ja schon 30.000 davon.

Der Streit um die deut­sche Ener­gie ver­la­gert sich: weg von den sym­bol­träch­ti­gen Orten wie Kern­re­ak­to­ren und Braun­koh­le­ta­ge­baue, die sowie­so schon ange­zählt sind, hin zu den Hun­der­ten Orten in Deutsch­land, wo Wind­rä­der gebaut wer­den sol­len. Der Streit wird dezen­tra­ler. Und er wird nicht mehr auf der Stra­ße aus­ge­tra­gen, son­dern vor Ver­wal­tungs­ge­rich­ten und in Bürgersprechstunden.

Windrad als Lebensthema

Anja Hol­len­horst sitzt in ihrem Büro, 450 Meter Luft­li­nie zum Wind­rad, an der Wand ein Regal mit 20 Leit­zord­nern, in denen sie Schrift­wech­sel mit den Stadt­wer­ken, der Bezirks­re­gie­rung, Anwält:innen und Gutachter:innen doku­men­tiert. Man­che Doku­men­te hat Anja Hol­len­horst so inten­siv stu­diert, dass sie aus­se­hen wie Thea­ter­tex­te: Eini­ge Pas­sa­gen sind mit einem gel­ben Text­mar­ker ange­stri­chen, man­che Sei­ten mit pin­ken Post-its her­vor­ge­ho­ben. Bevor sie ihre Geschich­te erzählt, inter­viewt sie erst mal den Repor­ter: Wie er denn auf den Fall auf­merk­sam gewor­den sei? Und was er davon hal­te? Sie sagt, sie sei vor­sich­tig gewor­den mit Medi­en. Man­che hiel­ten sie für eine Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ke­rin. Anja Hol­len­horst glaubt, Infra­schall mache sie krank. Infra­schall sind Töne, die so tief sind, dass Men­schen sie nicht hören können.

2017 wuss­te Anja Hol­len­horst noch nicht, was Infra­schall ist. Sie sagt, damals hat­te sie kei­ne Mei­nung zu Windrädern.

Als die Bezirks­re­gie­rung Müns­ter sie im Janu­ar 2017 dar­über infor­miert, dass gleich neben ihrer Spe­di­ti­on ein Wind­rad geneh­migt wor­den sei, da denkt sie sich nicht viel dabei. Die Wider­spruchs­frist lässt sie ver­strei­chen. Das Wind­rad wird gebaut, ab Okto­ber geht es in Betrieb.

Am 7. Okto­ber, so erzählt es Anja Hol­len­horst, sei sie gera­de auf einer Par­ty gewe­sen, da habe ihr Vater sie ange­ru­fen. Sie sol­le sofort her­kom­men, das neue Wind­rad sei uner­träg­lich laut. Genau wie Anja Hol­len­horst woh­nen auch die Eltern auf dem Gelän­de der Spe­di­ti­on. Anja Hol­len­horst ruft bei der Stör­stel­le an, doch die sagen, sie sol­le sich schrift­lich melden.

Ab die­sem Tag wird das Wind­rad Loeve­ling­loh zum Lebens­the­ma von Anja Hol­len­horst. Sie wird unzäh­li­ge Brie­fe an Bezirks­re­gie­rung und Stadt­wer­ke schreiben. 

Kopf­schmer­zen, Schlaf- und Konzentrationsstörungen

Anja Hol­len­horst sagt: Seit­dem das Wind­rad in Loeve­ling­loh steht, kön­ne sie abends nicht mehr ein­schla­fen, und wenn es ihr doch gelin­ge, wache sie stän­dig auf, so laut sei das Wind­rad. Nach ein paar Mona­ten habe sie gemerkt, dass sie plötz­lich schlecht höre, Kopf­schmer­zen bekom­me und sich nicht mehr kon­zen­trie­ren kön­ne. In der Weih­nachts­zeit sei­en alle ner­vös gewe­sen, kaputt, und sie hät­ten ste­chen­de Ohren­schmer­zen gehabt. Kurz vor Weih­nach­ten 2017 rei­chen die Hol­len­horsts eine Kla­ge gegen die Bezirks­re­gie­rung ein. Das Ver­fah­ren wird sich bis zum Janu­ar 2020 hin­zie­hen und abge­wie­sen werden.

Im März 2018, sagt Anja Hol­len­horst, habe auch ein Mit­ar­bei­ter über Ohren­schmer­zen geklagt.

Im Mai 2018, sagt sie, sei ihr Vater von dem Gelän­de der Spe­di­ti­on weg­ge­zo­gen. Ein Arzt habe Tini­tus dia­gnos­ti­ziert. Alles wegen des Infraschalls.

Einen Arzt, der das bestä­ti­gen kann, haben die Hol­len­horsts nicht.

Tat­säch­lich ist es sehr umstrit­ten, ob Infra­schall für Men­schen schäd­lich ist. Es kann aller­dings schon aus­rei­chen, dar­an zu glau­ben, dass etwas krank macht, um krank zu wer­den. In der Medi­zin spricht man dann vom Noce­bo-Effekt. Auch das ist eine mög­li­che Erklärung.

Anti-Wind­kraft-Pla­ka­te an der Straße.

Die Familie soll Personal von Messbüros angepöbelt haben

Fakt ist aber auch: Das Wind­rad in Loeve­ling­loh ist ein Mon­tags­wind­rad. Der Her­stel­ler Gene­ral Electric hat den Stadt­wer­ken Müns­ter ein Wind­rad ver­kauft, das lau­ter ist, als es sein dürf­te, oder wie Exper­ten sagen: Es hat eine erhöh­te Ton­hal­tig­keit. Des­halb unter­sagt die Bezirks­re­gie­rung den Stadt­wer­ken im März 2018 den Nacht­be­trieb und im Okto­ber 2018 auch den Tag­be­trieb. Danach stan­den die Roto­ren still, bezie­hungs­wei­se: Sie dreh­ten sich nur noch im Trudellauf.

Ein Jahr lang repa­rie­ren die Stadt­wer­ke jetzt das Windrad.

Anja Hol­len­horst sagt: In der Zeit, als das Wind­rad sich nicht dreh­te, sei­en die Sym­pto­me ver­schwun­den, aber im Okto­ber 2019, als die Stadt­wer­ke das Wind­rad wie­der anstel­len, da kom­men die Sym­pto­me zurück.

Die Stadt­wer­ke schi­cken wie­der ihre Fach­leu­te vor­bei, sie sol­len mes­sen, ob das Wind­rad nach den Repa­ra­tu­ren end­lich die gesetz­li­chen Vor­ga­ben ein­hält oder ob es noch immer zu laut ist.

Stadt­wer­ke und Bezirks­re­gie­rung berich­ten gegen­über RUMS über­ein­stim­mend, dass Fami­lie Hol­len­horst immer wie­der das Per­so­nal von Mess­bü­ros beschimpft und ange­pö­belt habe, als die das Wind­rad in Loeve­ling­loh ver­mes­sen haben. Auch ande­re Per­so­nen, die in den Fall invol­viert sind, bestä­ti­gen, dass die Hol­len­horsts mehr­fach aus­fäl­lig gewor­den seien.

Ein Montagswindrad

Anja Hol­len­horst strei­tet das ab. Sie sagt: Immer, wenn sie gese­hen habe, dass die Mess­bü­ros anrück­ten, dann sei­en sie und ihr Bru­der los­ge­gan­gen und hät­ten selbst gemes­sen. Schon ein­mal hat­te Anja Hol­len­horst einen eige­nen Gut­ach­ter beauf­tragt, der prü­fen soll­te, ob das Wind­rad zu laut ist. Aber das habe 15.000 Euro gekos­tet, und so ent­schei­det ihr Bru­der sich, selbst ein Mess­ge­rät zu kau­fen und eine Schu­lung zu machen. Die Hol­len­horsts stel­len schnell fest: Das Wind­rad ist genau­so laut wie vorher.

Auch die Stadt­wer­ke räu­men ein, dass sie ihr Mon­tags­wind­rad nicht in den Griff bekom­men haben. Eine Spre­che­rin der Stadt­wer­ke sagt: „Das Wind­rad in Loeve­ling­loh ist mitt­ler­wei­le viel­leicht das best­ver­mes­sens­te Wind­rad in Deutsch­land. Wür­de man alle Wind­rä­der so inten­siv ver­mes­sen, wür­de man auch mehr auf­fäl­li­ge Wer­te entdecken.“

Ein Spre­cher der Bezirks­re­gie­rung sagt: „Die Klä­ger mögen schwie­ri­ge Men­schen sein, sie sind viel­leicht auch sehr fixiert auf die­ses Wind­rad, aber in einem Punkt haben sie recht: Das Wind­rad in Loeve­ling­loh ist trotz aller bis­he­ri­gen Nach­bes­se­run­gen immer wie­der lau­ter als gesetz­lich erlaubt.“ Dar­um unter­sagt die Bezirks­re­gie­rung im Juli 2020 erneut den Nacht­be­trieb, und im März 2021 steht das Pro­blem­wind­rad wie­der ganz still.

Anja Hol­len­horst ist am Ziel, aber zufrie­den ist sie nicht. Sie läuft durch die ver­wais­ten Vor­zim­mer ihrer Spe­di­ti­on. Hier hät­ten frü­her neun Leu­te gear­bei­tet, jetzt sei­en nur noch drei Büro­kräf­te da. Im Febru­ar 2020 hat­te die Spe­di­ti­on Hol­len­horst in einer Pres­se­mit­tei­lung ange­kün­digt, 25 Mitarbeiter:innen zu ent­las­sen, 80 Pro­zent der Beleg­schaft. Die Lokal­zei­tung berich­te­te. Ob das spä­ter so auch pas­sier­te, wis­sen wir nicht.

Die Stadt­wer­ke wol­len das Rad wie­der zum Lau­fen brin­gen. Heu­te beginnt ein Pro­be­be­trieb, fünf Tage lang, jeweils von 6 bis 22 Uhr. In die­ser Zeit kann das Unter­neh­men die Anla­ge war­ten und kon­trol­lie­ren. Im Dezem­ber haben die Stadt­wer­ke wie­der fünf Tage lang Zeit. Das sei mit der Bezirks­re­gie­rung abge­spro­chen, schreibt das Unter­neh­men in einer Mit­tei­lung. So könn­te es nun wei­ter­ge­hen. Bis alles beho­ben ist.

Extrembeispiel für ein bundesweites Drama

Das Dra­ma von Loeve­ling­loh ist ein Extrem­bei­spiel für die Dra­men, die sich schon hun­dert­fach in ganz Deutsch­land abge­spielt haben: einem Land, das im Eil­tem­po aus der Atom­ener­gie und aus der Koh­le­en­er­gie aus­steigt, das zu die­sig ist, um sich nur mit Solar­ener­gie zu ver­sor­gen, und zu wenig Küs­te hat, um alle Wind­rä­der raus aufs Meer zu stel­len, wo sie die Men­schen nicht stören.

Einer­seits muss Deutsch­land sei­nen Bürger:innen die Wind­rä­der direkt vor die Nase stel­len, wenn die Lich­ter in der Repu­blik nicht aus­ge­hen sollen.

Ande­rer­seits treibt das Men­schen wie Anja Hol­len­horst in den Wahn­sinn – ob sie nun schwie­rig sind oder nicht.

Und weil es eben so ver­trackt ist, in einem Land, das so dicht besie­delt ist wie Deutsch­land, zwi­schen Wohn­ge­bie­ten, Natur­schutz­ge­bie­ten und Ein­flug­schnei­sen noch Wind­kraft­an­la­gen dazwi­schen zu quet­schen, dau­ert auch der Kampf von Tim Hes­se für sei­ne drei Wind­kraft­an­la­gen in Havix­beck schon ewig an: Bald ist es zehn Jah­re her, dass er mit der Pla­nung begann.

„Es wird immer schwie­ri­ger, in Deutsch­land noch Flä­chen zu fin­den, auf denen Wind­rä­der gebaut wer­den kön­nen“, sagt Hesse.

Keine Wohngebiete, keine Naturschutzflächen

2012 beginnt sein Pro­jekt so: Er klickt sich durch die Kar­ten des Geo­in­for­ma­ti­ons­sys­tems vom Kreis Coes­feld, zu dem Havix­beck gehört, um zu schau­en, wo er in sei­nem Hei­mat­ort Wind­rä­der bau­en könn­te. Er sucht nach einem Ort, an dem kei­ne Richt­funk­mas­ten ste­hen, nach einem Ort, der weder Natur­schutz­ge­biet noch Land­schafts­schutz­ge­biet ist – und wo kei­ne Men­schen im Umkreis von 450 Metern woh­nen. Mitt­ler­wei­le müs­sen Wind­kraft­an­la­gen in NRW einen Abstand von 1.000 Metern zu Wohn­ge­bie­ten haben.

Tim Hes­se zeigt, wo er die Wind­rä­der bau­en will. 

Als Hes­se end­lich eine Flä­che fin­det, drau­ßen auf den Äckern vor Havix­beck, spricht er die Eigentümer:innen an: sechs Land­wir­te. Er rech­net ihnen vor, was sie viel­leicht mal dar­an ver­die­nen könn­ten: Bis zu 40 Mil­lio­nen Kilo­watt­stun­den könn­ten sie hier erzeu­gen, das könn­te dann einen fünf­stel­li­gen Betrag für jeden im Jahr bedeu­ten. Hes­se sagt: „Wind­rä­der bau­en lohnt sich schon, das machen wir nicht nur aus Idealismus.“

Die Land­wir­te sind ange­tan und die Gemein­de Havix­beck signa­li­siert, dass sie das Pro­jekt unterstützt.

Also begin­nen Hes­se und die sechs Land­wir­te, in das Pro­jekt zu inves­tie­ren: Sie las­sen ein Ertrags­gut­ach­ten erstel­len, um zu sehen, wie viel Strom sie wirk­lich erzeu­gen kön­nen. Sie las­sen Fach­leu­te nach Vogel­hors­ten und Fle­der­mäu­sen in der Umge­bung suchen – oder wie Exper­ten sagen: Man lässt ein avifau­nis­ti­sches Gut­ach­ten erstellen.

Bürgerinitiativen machen Druck

2017 soll die Gemein­de einen neu­en Flä­chen­nut­zungs­plan für Havix­beck beschlie­ßen und die Zone, in der Hes­se sei­ne Anla­gen bau­en will, offi­zi­ell für die Wind­kraft ausweisen.

Plötz­lich wer­den die Anla­gen zum Orts­ge­spräch in Havix­beck, und prompt grün­den sich Bürgerinitiativen.

Wäre es Ihnen selbst denn völ­lig egal, wenn Sie plötz­lich ein Wind­rad vor Ihrem Fens­ter hätten?

„Das ist jetzt schwer zu beur­tei­len“, sagt Hesse.

Als die Bür­ger­initia­ti­ven Druck machen, zögert der Gemein­de­rat, die Flä­chen aus­zu­wei­sen, aber er ist sich sicher, dass der alte Flä­chen­nut­zungs­plan über­fäl­lig ist.

Also gibt Hes­se die Gut­ach­ten in Auf­trag, die er für eine Geneh­mi­gung braucht: Boden­gut­ach­ten, Schall­gut­ach­ten, er lässt einen land­schafts­pfle­ge­ri­schen Begleit­plan erstel­len und lässt die Flug­si­cher­heit prü­fen. Alles zusam­men wer­de ihn und die sechs Land­wir­te das eine hohe fünf­stel­li­ge Sum­me kosten.

2019 ent­schei­det sich die Gemein­de, erst mal kei­nen neu­en Flä­chen­nut­zungs­plan zu beschlie­ßen – anders als es der Regio­nal­plan vor­sieht, und auch anders, als die Gemein­de es Hes­se zuvor signa­li­siert hatte.

Plötzlich sind überall Windräder möglich

Als der Kreis Coes­feld Hes­se dar­über infor­miert, dass er die Geneh­mi­gung nicht ertei­len wird, wenn die Gemein­de nicht ihr Ein­ver­ständ­nis gibt, schal­tet Hes­se einen Anwalt ein – und jetzt wird es kom­pli­ziert: Im Febru­ar 2021 macht der Kreis Coes­feld Druck auf die Gemein­de, dass die Gemein­de sich bit­te schnell um einen rechts­si­che­ren Flä­chen­nut­zungs­plan küm­mern möge. Aber weil die Gemein­de jetzt nicht mehr schnell genug einen neu­en Flä­chen­nut­zungs­plan erstel­len kann, kip­pen sie ein­fach den alten. Jetzt gibt es in Havix­beck gar kei­nen Flä­chen­nut­zungs­plan. Und weil es kei­nen Flä­chen­nut­zungs­plan mehr gibt, könn­ten jetzt theo­re­tisch über­all neue Wind­rä­der gebaut wer­den – ver­rück­te Dialektik.

„Wir haben auch schon geschaut, ob wir jetzt noch woan­ders bau­en kön­nen“, sagt Hes­se, aber zunächst will er sei­ne drei Wind­rä­der bau­en, die er schon seit 2012 vorantreibt.

Beide haben ihr Ziel erreicht, aber zufrieden sind sie nicht

Im Juni 2021 bekommt er end­lich die Geneh­mi­gung. Ins­ge­samt hat es Tim Hes­se und die sechs Land­wir­te etwa eine Vier­tel­mil­li­on Euro gekos­tet, die drei Wind­rä­der bis zur Geneh­mi­gung zu bringen.

Anja Hol­len­horst sagt, in Loeve­ling­loh habe sie eine sechs­stel­li­ge Sum­me dafür aus­ge­ge­ben, das Wind­rad zu bekämpfen.

Rich­tig glück­lich sind bei­de nicht, obwohl das Wind­rad in Loeve­ling­loh still­steht und die Anla­gen in Havix­beck geneh­migt sind.

Anja Hol­len­horst steht auf dem Gelän­de der Spe­di­ti­on, wo sie und ihr Bru­der auf­ge­wach­sen sind. Sie starrt auf das Wind­rad in Loeve­ling­loh, das sie so sehr hasst. Viel­leicht muss sie bald den gan­zen Betrieb auf­ge­ben. Auch sie hat davon gehört, dass die Stadt­wer­ke es ger­ne wie­der in Betrieb neh­men würden.

Vor dem Mais­feld holt Tim Hes­se sein Han­dy her­aus und ver­sucht, genau zu zei­gen, wo sei­ne geneh­mig­ten Anla­gen hin­kom­men sol­len. Zwei oder drei Jah­re könn­te es jetzt viel­leicht noch dau­ern. Aber obwohl die drei Wind­rä­der jetzt geneh­migt sind: Genau wie bei Anja Hol­len­horst ist der Aus­gang des jah­re­lan­gen Kamp­fes noch offen.

Bei­de sagen: Sie wol­len end­lich Sicher­heit und kei­ne end­lo­sen Ver­fah­ren, die sie ihr Ver­mö­gen kos­ten. Eine neue Mes­sung, ein neu­es Gut­ach­ten, ein neu­es Urteil vom Ver­wal­tungs­ge­richt kann alles wie­der ändern. Dann beginnt die Odys­see von vorne.


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