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2026-04-30-RUMS-Interview-Beitrag-Anja Rosen

„Wir plündern die Erde aus“

Bezahlbarer Wohnraum fehlt, Rohstoffe werden knapp, Bauen immer teurer. Die Bauprofessorin Anja Rosen erklärt im Interview, warum die Branche umdenken muss, wieso ein Abriss oft keine gute Lösung ist – und wie ein Pavillon auf dem Domplatz zeigt, was mit altem Material möglich ist.

von Anna Niere • Lektorat: Maria Schubarth

Dieses Interview ist gleichzeitig Teil der vierten Folge des RUMS-Podcasts „Die große Frage“. Wenn Sie das Gespräch in voller Länge hören möchten, klicken Sie auf den Link zur Folge.

Frau Rosen, was ist denn momentan Ihrer Meinung nach das größte Problem der Baubranche?

Rosen: Momentan drückt die Baubranche hohe Preise, hohe Zinsen. Wir merken, dass die Baubranche wirtschaftliche Schwierigkeiten hat. Ich möchte nicht sagen, zum Erliegen gekommen ist, das wäre falsch, aber natürlich bauen immer weniger Leute oder sie bauen immer weniger um, weil sie kein Geld haben. Und das liegt daran, dass wir eine Phase hinter uns haben, wo das Bauen geboomt hat und aufgrund dieses Booms natürlich die Preise enorm gestiegen sind. Hinzu kam dann der Krieg in der Ukraine, jetzt der Krieg im Iran, die Energiepreise sind gestiegen.

Es hat aber doch bestimmt schon früher angefangen, oder?

Rosen: Covid hat auch ein Teil dazu beigetragen, dass die Preise gestiegen sind. Was aber noch im Hintergrund schlummert: Uns werden schlicht die Baustoffe ausgehen. Das heißt, das Bauen wird noch mal wieder teurer, weil wir nicht genug Ressourcen haben. Die Baubranche ist einer der größten Abfallproduzenten und einer der größten Treiber des Ressourcenverbrauchs. Man denkt zum Beispiel, Sand gibt es wie Sand am Meer. Das darf man eigentlich nicht mehr sagen, weil mittlerweile geht uns tatsächlich sogar auch der Sand zum Bauen aus.

Eine Lösung könnte das zirkuläre Bauen sein, was ist das?

Rosen: Im Großen und Ganzen geht es darum, dass wir die natürlichen Kreisläufe der Erde beachten. Wir haben kein Energieproblem, weil die Sonne uns Energie ohne Ende liefert. Wir haben aber ein Ressourcenproblem. Wir verbrauchen als Menschheit momentan circa 1,7 Erden. Das heißt, wir plündern die Erde aus. Das zirkuläre Bauen versucht das lineare System von „take, make, waste“ zu durchbrechen. Im engeren Sinn versteht man darunter, dass Materialien im Kreislauf geführt werden. Wir verwenden Produkte wieder, um daraus wieder Produkte gleicher Qualität herzustellen.

Wo fängt man denn am besten an?

Rosen: Oberstes Gebot ist Bestandserhalt, also nicht abreißen und neu bauen. Wir müssen viel mehr Gebäude erhalten und umbauen, weil damit der geringste Ressourcenverbrauch und auch der geringste CO2-Fußabdruck einhergeht. Ungefähr 50% des Energieverbrauchs und der entstehenden CO2-Emissionen im gesamten Lebenszyklus eines Bauwerks sind schon verbraucht, wenn das Gebäude gerade erst steht. Das bedeutet, wir dürfen nicht mehr so viel neu bauen.

Wie sieht es in Münster aus? Gibt es hier schon Beispiele, Gebäude, die zirkulär gebaut wurden?

Rosen: Im Münsterland gibt’s ganz viele solche Häuser, allerdings sind die schon über 100 Jahre alt. Früher war es selbstverständlich, mit Materialien weiterzubauen. Heute haben wir eine umgekehrte Situation. Die Löhne sind sehr hoch, Material ist billig und das führt dazu, dass wir in den letzten Jahrzehnten immer mit Neumaterial gearbeitet haben.

Heißt also: Momentan arbeitet die Braubranche eher rückschrittlich in Münster?

Rosen: Aktuelle Beispiele gibt es zumindest weniger. Eins ist die Grundschule in der York-Kaserne, die eine Fassade aus gebrauchten Klinkern hat. Die große Kunst ist dabei, das Tragwerk aus gebrauchtem Material herzustellen und da gibt’s deutschlandweit nur sehr wenige und kein einziges in Münster.

Gibt es Orte, wo es besser läuft?

Rosen: Beispielsweise in der Schweiz. Da gibt es einige Projekte vom Baubüro in situ in Basel, wo mit sehr vielen gebrauchten Materialien gearbeitet wurde, bis hin zu tragenden Betonbauteilen.

Zurück nach Münster: Bald steht die „Kreisl Kiste“ auf dem Domplatz. Die haben sie zusammen mit ihren Studierenden an der FH gebaut. Das ist so ein Pavillon, der ab Ende des Monats bis Ende des Sommers dort stehen wird. Was hat es damit auf sich?

Rosen: Die Kreiselkiste ist ein Experimentalbau. Wir testen quasi am lebenden Objekt, wie gut zirkuläres Bauen funktioniert. Die Idee war, einen Kiosk zu entwickeln, der Kreislaufwirtschaft zeigt und als Veranstaltungsort dient. Es geht nicht nur ums Bauen, sondern auch um Ernährung, Verpackungsabfall, Lebensmittelverschwendung.

Gestartet sind Sie mit dem Projekt schon vor fast drei Jahren. Warum hat es so lange gedauert, bis der Pavillon auf dem Domplatz steht: Was waren die größten Hürden?

Rosen: Zuerst hat es eine Weile gedauert, überhaupt einen Standort zu finden. Es war erst ein anderer Ort im Gespräch. Die Idee, die Kreislaufkiste auf dem Domplatz umzusetzen, ist dann eher zufällig entstanden, als wir in Workshops mit der Stadt darüber gesprochen haben, wie man Kreislaufwirtschaft in Münster sichtbarer machen kann. Dann kamen die praktischen Probleme. Das Besondere an der „Kreisl Kiste“ ist ja, dass sie möglichst komplett aus gebrauchten Materialien gebaut werden sollte, auch das Tragwerk. Die Studierenden haben also zuerst Material gesucht und darauf basierend die Konstruktion entwickelt – eigentlich genau andersherum als es bisher üblich ist. Die Materialien, die sie gefunden hatten, waren dann nur später nicht mehr verfügbar. Das hat uns gezwungen, die Konstruktion noch einmal anzupassen. Ein großes Thema war auch die Bürokratie und die Normen. Materialien verlieren nach dem Ausbau aus einem Gebäude ihre Zulassung. Wenn ich sie dann wieder verbaue, liefere ich rein rechtlich ein mangelbehaftetes Werk ab – selbst, wenn technisch alles in Ordnung ist.

Ganz hypothetisch: Wenn Sie drei Sofortmaßnahmen in der Stadt Münster umsetzen dürften, welche wären das?

Rosen: Erstens: Jeden Abriss hinterfragen. Zweitens: Gebäuderessourcenpässe verpflichtend machen, damit wir wissen, was in welchen Häusern verbaut ist. Drittens: Alle Ausschreibungen auf Zirkularität ausrichten. Dazu muss ich aber auch sagen: All das müsste erst einmal auf Landesebene angegangen werden – sonst kann Münster wenig machen.

Titelfoto: FH Münster/Wilfried Gerharz

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