Kein Ort zum Bleiben

In der Unter­kunft für Geflüch­te­te in der ehe­ma­li­gen York-Kaser­ne gibt es immer wie­der Ärger. Bewohner:innen berich­ten von Dieb­stäh­len, unan­ge­kün­dig­ten Durch­su­chun­gen der Schlaf­räu­me und Hygie­ne­pro­ble­men. Und es gibt offen­bar auch struk­tu­rel­le Schwie­rig­kei­ten, die die psy­chi­sche Gesund­heit der Men­schen in der Ein­rich­tung gefährden.

TEXT: JANNIK JÜRGENS UND PIA STENDERA
REDAKTION: CONSTANZE BUSCH
TITELFOTO: MERLE TRAUTWEIN

Mey­sam Dasta­mooz trägt schwar­ze Leder­schu­he, eine grau melier­te Wes­te und einen ele­gan­ten, dun­kel­blau­en Man­tel, als er die RUMS-Redak­ti­on betritt. Der 38-jäh­ri­ge Ira­ner sieht aus, als käme er gera­de von einer Hoch­zeits­fei­er oder einem Model­job. Doch er kommt aus der Zen­tra­len Unter­brin­gungs­ein­rich­tung für Geflüch­te­te (ZUE) in der ehe­ma­li­gen York-Kaser­ne, Back­stein­häu­ser in Reih und Glied, umge­ben von Mau­ern, Bau­zaun und Sta­chel­draht, „irgend­wo im Nie­mands­land“, wie er selbst sagt. Dasta­mooz erhebt schwe­re Vor­wür­fe gegen die Ein­rich­tung: „Ich habe dort kei­ne Menschenrechte“.

Mey­sam Dasta­mooz lebt seit über einem Jahr in der ZUE. Er hat einen Job, darf aber kei­ne eige­ne Woh­nung mie­ten. Foto: Mer­le Trautwein

Die ZUE in Müns­ter ist eine von 29 Zen­tra­len Unter­brin­gungs­ein­rich­tun­gen in Nord­rhein-West­fa­len. Trä­ge­rin ist die Bezirks­re­gie­rung Müns­ter, der Arbei­ter-Sama­ri­ter-Bund (ASB) betreibt die Ein­rich­tung in deren Auf­trag. Geflüch­te­te leben in den ZUE, bis über ihren Asyl­an­trag ent­schie­den wur­de. Wer lan­ge bleibt, hat meis­tens eine schlech­te Bleibeperspektive.

Wie lan­ge Geflüch­te­te maxi­mal in Zen­tra­len Unter­brin­gun­gen woh­nen, regelt der Para­graph 47 des Asyl­ge­set­zes. Vor 2015 sah das Gesetz bis zu sechs Wochen Auf­ent­halt vor, ab Herbst 2015 min­des­tens sechs Wochen bis höchs­tens sechs Mona­te. Inzwi­schen haben alle Bun­des­län­der die Mög­lich­keit, die Dau­er auf 24 Mona­te aus­zu­wei­ten – eine lan­ge Zeit in einem Schwebezustand.

Schon Anfang des Jahres Beschwerden

Dasta­mooz ist nicht der ers­te Bewoh­ner, der die Zustän­de in der ZUE in Müns­ter kri­ti­siert. Anfang des Jah­res berich­te­ten die West­fä­li­schen Nach­rich­ten über mas­si­ve Vor­wür­fe: Nach­dem wie­der­holt Feu­er­alarm aus­ge­löst wur­de, soll die Lei­te­rin der Ein­rich­tung Bewohner:innen gezwun­gen haben, stun­den­lang drau­ßen in der Käl­te aus­zu­har­ren. Außer­dem sei­en per­sön­li­che Berei­che der Bewohner:innen durch­sucht wor­den, ohne dass die­se ein­ver­stan­den waren. Das Lei­tungs­per­so­nal habe sich ras­sis­tisch geäu­ßert, schrie­ben die West­fä­li­schen Nachrichten.

Die Bezirks­re­gie­rung demen­tier­te die Vor­wür­fe zunächst, führ­te im Früh­jahr jedoch Gesprä­che mit Bewohner:innen, um Auf­klä­rung zu leis­ten. Im Sep­tem­ber schick­te sie einen Zwi­schen­be­richt an die Mit­glie­der des Sozi­al­aus­schus­ses. Dar­in lis­te­te sie auf, was bis­her ver­bes­sert wor­den sein soll: Eine Bewoh­ner­ver­tre­tung habe sich schon meh­re­re Male getrof­fen, der Inte­gra­ti­ons­rat habe die ZUE besucht und die Bezirks­re­gie­rung habe eine Hand­lungs­an­wei­sung für Zim­mer­be­ge­hun­gen geschrieben.

Wie sind die Zustän­de in der ZUE wirk­lich? Um ein Bild davon zu zeich­nen, haben wir Ende Sep­tem­ber mit aktu­el­len und ehe­ma­li­gen Bewohner:innen gespro­chen, inter­ne und exter­ne Mitarbeiter:innen inter­viewt, Doku­men­te, Fotos und Vide­os aus­ge­wer­tet und die Bezirks­re­gie­rung mit unse­rer Recher­che konfrontiert.

Ein Vollzeitjob, aber keine eigene Wohnung

Nicht alle Per­so­nen, die mit uns gespro­chen haben, möch­ten mit Namen genannt wer­den. Mey­sam Dasta­mooz schon. Er hat eine Map­pe mit Papie­ren zum Inter­view mit­ge­bracht. Zu allem, was er erzählt, zieht er einen schrift­li­chen Beweis aus der Map­pe her­vor. Dasta­mooz arbei­tet in Voll­zeit für ein Logis­tik­un­ter­neh­men und ver­kauft Kaf­fee auf dem Wochen­markt. Er ver­dient etwa 2.000 Euro, zahlt Ver­si­che­run­gen und Steu­ern. Er möch­te eine Woh­nung mie­ten, eigen­stän­dig sein, sich inte­grie­ren. „Aber ich muss an so einem Ort leben“, sagt er.

Seit 16 Mona­ten wohnt er in Haus 19 der ZUE, der Unter­kunft für allein­ste­hen­de Män­ner. Aus der Sum­me der Berich­te ergibt sich: Es ist das Pro­blem­haus. Hier wur­de immer wie­der der Feu­er­alarm aus­ge­löst. Hier gibt es Streit, unter den Bewoh­nern und zwi­schen Bewoh­nern und Per­so­nal. 125 Men­schen leben auf engem Raum. Anders als in den ande­ren bei­den Wohn­häu­sern, dem Fami­li­en­haus und dem Haus für vul­nerable Grup­pen, tei­len sich hier meh­re­re Bewoh­ner ein Zim­mer und es gibt kei­ne pri­va­ten Bäder. 

Ins­ge­samt woh­nen Anfang Okto­ber 420 Men­schen in der Ein­rich­tung, die wegen Coro­na nur zu 60 Pro­zent belegt ist.

Verschimmelte Waschräume, leere Seifenspender

Der RUMS-Redak­ti­on wur­den Vide­os und Fotos aus dem Haus zuge­sen­det, die ver­schie­de­ne Per­so­nen unab­hän­gig von­ein­an­der und zu unter­schied­li­chen Zeit­punk­ten auf­ge­nom­men haben. Die Bil­der zei­gen meh­re­re Dusch- und Toi­let­ten­räu­me im Haus 19. In den Fugen eines Wasch­be­ckens, auf Dusch­wän­den und Dusch­vor­hän­gen ist dunk­ler Schim­mel zu sehen. Auf den Flie­sen steht Was­ser. Die Sei­fen- und Des­in­fek­ti­ons­mit­tel­spen­der sind leer oder abmon­tiert. Papier zum Abtrock­nen der Hän­de fehlt. In den Pis­soirs steht Urin, auf dem Por­zel­lan hat sich ein dun­kel­gel­ber Rand abge­zeich­net. Die Toi­let­ten sind voll­ge­ko­tet, Toi­let­ten­pa­pier gibt es nicht. Das sei seit etwa fünf Mona­ten so, sagt ein Bewohner.

„Feh­len­de Sei­fe, Des­in­fek­ti­ons­mit­tel, Papier oder auch ver­stopf­te Toi­let­ten kön­nen allen­falls eine Moment­auf­nah­me dar­stel­len“, heißt es in einer schrift­li­chen Stel­lung­nah­me, mit der die Bezirks­re­gie­rung Müns­ter auf unse­re Fra­gen geant­wor­tet hat. Die Sani­tär­an­la­gen wür­den mehr­mals täg­lich gerei­nigt und kon­trol­liert. In der Coro­na-Zeit sei es aber häu­fi­ger vor­ge­kom­men, dass Hygie­ne­mit­tel ent­wen­det wur­den. „Sobald etwas fehlt, wird dies jedoch schnellst­mög­lich vom Rei­ni­gungs­dienst wie­der aufgefüllt.“

Um zu über­prü­fen, ob die Duschen ver­schim­melt sei­en, habe die Bezirks­re­gie­rung eine Kon­trol­le durch­ge­führt. Dabei sei an „drei von ins­ge­samt 40 Duschen im Haus 19 eine in Dusche­cken leicht begin­nen­de Schim­mel­bil­dung fest­ge­stellt wor­den, die umge­hend von der Rei­ni­gungs­fir­ma besei­tigt wird.“ Alle Toi­let­ten sei­en frei von Verstopfungen.

Mey­sam Dasta­mooz hat ande­re Erfah­run­gen gemacht und kri­ti­siert die hygie­ni­schen Zustän­de in den Wasch­räu­men. „Ich habe dort nie geduscht, weil ich Angst habe, krank zu wer­den“, sagt er. Er fah­re jeden Tag zu einem Freund nach Sen­den, um sich zu waschen und zu duschen. Mit sei­nem dun­kel­blau­en Motor­rol­ler braucht er für die Stre­cke gut 40 Minu­ten. Auch sei­ne Klei­dung wasche er nicht in der Unter­kunft, son­dern in einem Waschsalon.

Es gibt noch einen ande­ren Grund, war­um Dasta­mooz die ZUE ver­las­sen will. „Ich möch­te nicht auf Kos­ten des Staa­tes leben“, sagt er. Viel lie­ber wür­de er sei­nen Lebens­un­ter­halt und eine eige­ne Woh­nung mit einem Ein­kom­men selbst finan­zie­ren. Doch solan­ge sein Asyl­an­trag nicht ent­schie­den ist, sieht das Gesetz so viel Eigen­stän­dig­keit nicht vor.

„Ein dicht belegtes Haus birgt viel Konfliktpotenzial“

Domi­nik Hüging kennt die Berich­te, und er kennt die ZUE. Er arbei­tet für die Gemein­nüt­zi­ge Gesell­schaft zur Unter­stüt­zung Asyl­su­chen­der (GGUA), deren Arbeit unter ande­rem durch Spen­den und öffent­li­che Zuschüs­se finan­ziert wird. Vier Tage in der Woche berät er in einem Gebäu­de auf dem Gelän­de die Bewohner:innen zu Rechts­fra­gen. In die Wohn­häu­ser geht er nur, wenn sei­ne Klient:innen nicht zu ihm kom­men kön­nen. Obwohl es nicht in sei­ne Zustän­dig­keit als Asyl­be­ra­ter fällt, sieht er sich häu­fig mit Beschwer­den über die Ein­rich­tung kon­fron­tiert. Wir tref­fen ihn im Büro der GGUA.

Hüging sagt: „Als mit­tel­al­ter, allein­ste­hen­der Mann hat man unter den Geflüch­te­ten den schlech­tes­ten Stand.“ Das zei­ge sich nicht nur in der Außen­wahr­neh­mung, son­dern auch in der Unter­brin­gung: „Haus 19 ist bau­lich das Schlech­tes­te und ist am dich­tes­ten belegt. Das birgt gro­ßes Kon­flikt­po­ten­zi­al.“ Das füh­re zu Pro­ble­men, wor­auf­hin die Ein­rich­tungs­lei­tung ein­grei­fen müs­se. „So wird eine Spi­ra­le in Gang gesetzt“, sagt Hüging.

Handy gestohlen, Mehrfachstecker für den Laptop verboten

Mey­sam Dasta­mooz ver­sucht, das Bes­te aus sei­ner Situa­ti­on zu machen. In sei­nem Zim­mer ste­hen Ker­zen, Pflan­zen und Bücher auf einem Fens­ter­brett, über dem Bett hängt ein Druck von Mark Roth­ko. „Das ist wahr­schein­lich das schöns­te Zim­mer auf dem gan­zen Gelän­de“, sagt Dastamooz.

Ein siche­rer Ort ist das Zim­mer nicht, er darf es nicht abschlie­ßen. Anfang Sep­tem­ber wur­de sein iPho­ne aus dem Zim­mer gestoh­len, mehr als 500 Euro war es wert. Er zeig­te den Dieb­stahl bei der Poli­zei an, doch das Han­dy tauch­te nicht wie­der auf.

Dasta­mooz darf auch kei­nen Was­ser­ko­cher, kei­nen Kühl­schrank und nicht ein­mal ein Obst­mes­ser auf dem Zim­mer haben. Die­se Regel bekla­gen auch Bewohner:innen aus dem Fami­li­en­haus 17a. Die Bezirks­re­gie­rung begrün­det sie mit Brand­schutz, der Gefahr der Selbst­ver­let­zung oder der Ver­let­zung ande­rer. Das Pro­blem: Für die etwa 400 Bewohner:innen gibt es nur einen Was­ser­ko­cher am Info-Point, einem ande­ren Gebäu­de des Kasernenkomplexes.

Auch an ande­ren Stel­len erschwe­ren die Regeln der ZUE das Leben. Pey­man Bahra­mi, der frü­her eben­falls in der ZUE gelebt hat, berich­tet, die ASB-Mitarbeiter:innen hät­ten ihm sei­nen Mehr­fach­ste­cker abge­nom­men. Den habe er eigent­lich drin­gend gebraucht, um per Lap­top an einem Deutsch­kurs teil­zu­neh­men. Wäh­rend Dasta­mooz ernst und ruhig berich­tet, erzählt Bahra­mi anek­do­tisch, fast wit­zelnd über sein Leben in der ZUE, die er „Camp“, also Lager, nennt. Die Suche nach sei­nem Eigen­tum führ­te ihn ins Büro der Ein­rich­tungs­lei­tung. Die habe ihm vor­ge­schla­gen, tags­über einen Mehr­fach­ste­cker aus­zu­lei­hen und die­sen abends zurück­zu­ge­ben. Heu­te kann er dar­über lachen.

Pey­man Bahra­mi nennt die ZUE ein „Camp“, ein Lager. Die Zim­mer sei­en kei­ne geschütz­ten Räu­me: Die Bewohner:innen hät­ten kei­ne Pri­vat­sphä­re und immer wie­der wür­den Din­ge gestoh­len. Foto: Mer­le Trautwein

Sei­nen Mehr­fach­ste­cker sah Bahra­mi nie wie­der. Kon­fis­zier­te Gegen­stän­de wie Föh­ne, Rasie­rer oder Was­ser­ko­cher sol­len eigent­lich sicher auf­be­wahrt und den Bewohner:innen beim Aus­zug zurück­ge­ge­ben wer­den. Doch immer wie­der wür­den Din­ge gestoh­len, berich­tet eine Mit­ar­bei­te­rin. Sie sei­en in einem Raum auf­be­wahrt wor­den, der abge­schlos­sen, aber ihres Wis­sens für sehr vie­le Mit­ar­bei­ten­de zugäng­lich sei. Die Bezirks­re­gie­rung schreibt in ihrer Stel­lung­nah­me: „Ein spä­te­res Feh­len sol­cher Gegen­stän­de ist nicht bekannt.“

„Der Sicherheitsdienst respektiert die Privatsphäre nicht“

Auch in ande­rer Hin­sicht sei­en die Zim­mer kei­ne geschütz­ten Räu­me, so Bahra­mi: „Pri­vat­sphä­re ist ein Witz im Camp.“ Der Sicher­heits­dienst respek­tie­re die­se jeden­falls nicht. Das sehe man auch dar­an, wie Hygie­ne- und Sicher­heits­kon­trol­len in den Zim­mern mit­un­ter ablie­fen, sagt eine Mit­ar­bei­ten­de. „Betreu­ungs­per­so­nal und Sicher­heits­dienst gehen in die Zim­mer, ohne die Zustim­mung der Bewoh­ner abzuwarten.“

Dabei steht in der Hand­lungs­an­wei­sung der Bezirks­re­gie­rung zu Zim­mer­be­ge­hun­gen, dass Mitarbeiter:innen zunächst klop­fen und drau­ßen war­ten sol­len. Wenn die Bewohner:innen sie nicht ein­las­sen möch­ten, dür­fen sie grund­sätz­lich auch nicht ein­tre­ten. Aus­nah­men sind nur mög­lich, wenn Lebens­ge­fahr besteht. Der Sicher­heits­dienst müs­se zudem immer auf dem Flur war­ten. Laut Bezirks­re­gie­rung hal­te man sich daran.

Kein selbstbestimmtes Leben, nur ein Taschengeld

Vie­le Pro­ble­me hän­gen damit zusam­men, dass die Bewohner:innen in sol­chen Ein­rich­tun­gen kein selbst­be­stimm­tes Leben füh­ren und ihnen so gut wie alle All­tags­auf­ga­ben abge­nom­men wer­den. Essen, Waschen, Arbei­ten, um nichts müss­ten sie sich küm­mern. Sie bekom­men ein Taschen­geld, 146 Euro im Monat, und allein die Wort­wahl mache deut­lich, dass man die Men­schen in der ZUE nicht ernst neh­me, sagt Domi­nik Hüging von der GGUA: „Das sind kei­ne Kin­der, die zum Bon­bon­kau­fen geschickt wer­den kön­nen.“ Und wie die ASB-Mit­ar­bei­te­rin uns berich­tet, wird in man­chen Sprech­stun­den mit der Bezirks­re­gie­rung über die Bewohner:innen gespro­chen, statt mit ihnen. All das macht Men­schen unzu­frie­den und reizbar.

Wer möch­te, kann in der Ein­rich­tung arbei­ten: Wäsche waschen, Unkraut jäten, in der Fahr­rad­werk­statt schrau­ben. Die soge­nann­ten Job­ber­stel­len wer­den mit 80 Cent pro Stun­de ver­gü­tet. Vie­le Bewohner:innen machen das, für 20, 40 oder 80 Euro mehr im Monat. Für ein biss­chen mehr Selbst­be­stim­mung. „Es ist trotz­dem völ­li­ge Aus­beu­tung“, sagt Hüging.

Probleme werden nur verlagert, nicht gelöst

Pey­man Bahra­mi kommt wie Dasta­mooz aus dem Iran. „Wenn du weit weg von zu Hau­se bist, kommt es auf die klei­nen Din­ge im Leben an“, sagt er. Etwa auf das Essen. Die Qua­li­tät der Lebens­mit­tel sei gut, sagt Bahra­mi, doch die Spei­sen sei­en nicht nach sei­nem Geschmack. Er habe wäh­rend des Auf­ent­halts in den Ein­rich­tun­gen 15 Kilo Gewicht ver­lo­ren. Er aß nur ein­mal am Tag, nur so viel wie nötig. Selbst kochen darf er nicht. „Die Bewoh­ner schmug­geln immer wie­der Essen rein, das sie lie­ber mögen“, sagt Bahra­mi. Weil sie es in ihren Zim­mern zube­rei­ten und kochen, kom­me es zu Kon­flik­ten mit dem Sicher­heits­dienst, die nie grund­le­gend gelöst würden.

„Ich nen­ne es den Pro­ble­mer­hal­tungs­satz“, sagt Bahra­mi. Er funk­tio­nie­re wie der Ener­gie­er­hal­tungs­satz in der Phy­sik: Die Pro­ble­me lös­ten sich nie auf, sie wür­den verlagert.

Was Bahra­mi, Dasta­mooz und ande­re Bewohner:innen unab­hän­gig von­ein­an­der beto­nen: Nicht für alle Schwie­rig­kei­ten und Kon­flik­te sei die Ein­rich­tungs­lei­tung ver­ant­wort­lich. Auch die Bewohner:innen trü­gen ihren Teil dazu bei. „Vie­le hal­ten sich nicht an die Regeln“, sagt Dasta­mooz. Auf den Zim­mern wer­de geraucht, bis tief in die Nacht getrun­ken und Musik gehört. Ihm selbst, der mor­gens um 6:30 Uhr in einem Lager arbei­tet, rau­ben sie dadurch den Schlaf.

Dasta­mooz ver­steht nicht, dass die Lei­tung der ZUE bei der Orga­ni­sa­ti­on ihrer Ange­bo­te kei­ne Rück­sicht nimmt auf die Bewohner:innen, die einen Job haben. Um mit einem Bera­ter der ZUE über sein Asyl­ver­fah­ren zu spre­chen, müs­se er Urlaub neh­men, denn die Sprech­zei­ten lägen inner­halb sei­ner Arbeits­zei­ten. Die war­me Mit­tags­mahl­zeit ver­pas­se er ebenfalls.

„Permanent wie eine Gefahrenquelle behandelt“

„Die fes­ten Sprech­zei­ten der ZUE Müns­ter lie­gen mit vier Stun­den in der Woche im Durch­schnitt“, sagt die Bezirks­re­gie­rung. Sie ver­weist auf eine Sprech­stun­de am Don­ners­tag­nach­mit­tag, die für Berufs­tä­ti­ge gedacht ist.

„Gera­de die Leu­te, die täg­lich arbei­ten gehen, sind schlicht­weg genervt“, sagt Hüging. Das lie­ge an den Ver­bo­ten und an den Kon­trol­len, um die­se Ver­bo­te durch­zu­set­zen. Wer auf das Gelän­de der ZUE wol­le, müs­se Bewohner:innenausweis, Licht­bild­aus­weis und Taschen­in­halt vor­zei­gen. Die Geflüch­te­ten wür­den wie per­ma­nen­te Gefah­ren­quel­len behan­delt. Nicht ein oder zwei Wochen, son­dern ein oder zwei Jah­re lang. Täg­lich. „Da schau­keln sich Kon­flik­te schnell hoch“, sagt Bera­ter Hüging.

Er hält es für erstaun­lich, dass so wenig pas­sie­re, obwohl Men­schen mit ganz unter­schied­li­chen Vor­ge­schich­ten und teils trau­ma­ti­schen Erfah­run­gen in Mehr­bett­zim­mern leben. Sie hät­ten ver­schie­de­ne Tages­ab­läu­fe und wenig fami­liä­re oder freund­schaft­li­che Bin­dun­gen. Und manch­mal kämen Zimmernachbar:innen sogar aus dem­sel­ben Bür­ger­kriegs­land, gehör­ten aber unter­schied­li­chen Kon­flikt­par­tei­en an.

Keine gesellschaftlichen Kontakte, Integration kaum möglich

Eine Frau, die in der Ein­rich­tung lebt, nennt noch einen ande­ren Grund dafür, dass es hier Schwie­rig­kei­ten gibt: „Die Regeln müs­sen bes­ser erklärt wer­den.“ Vie­le neue Bewohner:innen bekä­men die Haus­ord­nung ledig­lich in Papier­form in die Hand gedrückt, nur weni­ge wür­den sie lesen. Gemein­sam mit ihrem Mann lebt sie seit 15 Mona­ten im Haus für Fami­li­en. Die bei­den haben ein Pri­vat­zim­mer mit Bade­zim­mer. Es gebe Deutsch­kur­se, Sport­an­ge­bo­te und eine Biblio­thek. Kin­der kön­nen an einem schul­ähn­li­chen Ange­bot teil­neh­men. Die Mitarbeiter:innen der Ein­rich­tung sei­en nett und das Essen sei in Ord­nung. „Die Haupt­sa­che ist, dass wir leben“, sagt die Frau.

Doch was ist es für ein Leben? Dass es so gut wie kei­ne Anknüp­fungs­punk­te zur deut­schen Gesell­schaft bie­tet, scheint in Kauf genom­men zu wer­den. Nicht nur Dasta­mooz und Bahra­mi beto­nen das. Sogar der Spre­cher der Bezirks­re­gie­rung gibt zu, dass die ZUE den Bewohner:innen eine „ungu­te“ Situa­ti­on bie­te. „Inte­gra­ti­on ist erst in der Kom­mu­ne mög­lich“, sagt er.

Der lan­ge Auf­ent­halt in der ZUE soll dazu füh­ren, die Städ­te und Gemein­den zu ent­las­ten. „Die­ser Schuss geht nach hin­ten los: Die Kom­mu­nen krie­gen völ­lig zer­mürb­te Men­schen mit schlech­te­ren Vor­aus­set­zun­gen als bei ihrer Ankunft in Deutsch­land“, sagt Geflüch­te­ten­be­ra­ter Domi­nik Hüging. Er spricht von Schä­den, die spä­ter nicht zu repa­rie­ren seien.

Ein lan­ger Auf­ent­halt in der ZUE füh­re, so fasst Hüging zusam­men, nicht nur zu völ­li­ger Des­in­te­gra­ti­on, son­dern er schä­di­ge auch die Psy­che der Bewohner:innen. „Wir sehen mit zuneh­men­der Wohn­dau­er auch eine Stei­ge­rung der Ein­wei­sun­gen in psych­ia­tri­sche Kli­ni­ken“, sagt Hüging. Die Unter­künf­te sei­en kei­ne Orte, an denen Men­schen Mona­te oder Jah­re ver­brin­gen könnten.

Eine neue Beschwerdestelle

Der drei­ma­li­ge Feu­er­alarm im ver­gan­ge­nen Herbst war wohl ein ver­zwei­fel­ter Akt der Selbst­er­mäch­ti­gung, aus­ge­löst von Bewoh­nern des Hau­ses 19. Unter ihnen ging das Gerücht um, dass jeder Feu­er­wehr­ein­satz die Ein­rich­tungs­lei­tung ein paar Tau­send Euro kos­te. Wer den Alarm drück­te, räch­te sich für feh­len­de Pri­vat­sphä­re und gefühl­te Schi­ka­ne. Die Feu­er­wehr stell­te der ZUE den Alarm nicht in Rech­nung. Doch das Bei­spiel zeigt, wie groß das Miss­trau­en ist, das zwi­schen Bewohner:innen und Bezirks­re­gie­rung herrscht. Dass Dasta­mooz, Bahra­mi, wei­te­re Bewohner:innen und Mit­ar­bei­ten­de das Gespräch suchen, zeigt, wie macht­los sie sich in der Situa­ti­on fühlen.

Zum Abschluss der Recher­che wur­de die unab­hän­gi­ge Beschwer­de­stel­le der ZUE neu besetzt. Viel­leicht kann sie dafür sor­gen, dass das Miss­trau­en in Zukunft etwas klei­ner wird.


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