Fluchtfahrzeug: Rollator | RUMS 3 Monate lang zum halben Preis

Porträt von Svenja Stühmeier
von Svenja Stühmeier

Münster, 14. Juli 2023

kennen Sie den Begriff „Fringsen“? Vielleicht war es das, was eine 75-Jährige am Mittwochabend in einem Supermarkt in Münster versucht hat. Die Stadt Köln beschreibt „Fringsen“ jedenfalls so: „Man begeht Mundraub, um sich das Überleben zu sichern.“ Zurückführen lässt sich das auf den Kölner Erzbischof Josef Kardinal Frings. Der, oder vielmehr seine Silvesteransprache von 1946, ist in Erinnerung geblieben.

Darin hat er gesagt: Es ist okay, wenn Menschen, die sich in einer schlimmen Notlage befinden, nehmen, was sie zum Leben brauchen – ohne dafür zu bezahlen. Im eisigen Nachkriegswinter waren das insbesondere Kohle und Lebensmittel.

Moment, das klingt doch nicht ganz unbekannt. Im vergangenen Winter haben wir viel über enorme Heizkosten und zu kalte Wohnungen gesprochen. Dass Lebensmittel viel teurer werden, merken alle seit Monaten.

Und manche leider ganz besonders stark. Immer mehr Menschen gehen zu den Tafeln, die immer weniger Lebensmittel anbieten können. Einige in Nordrhein-Westfalen haben Aufnahmestopp oder -begrenzungen eingeführt. Und abgesehen davon sind insbesondere Frauen von Altersarmut betroffen.

Warten auf die Polizei, warten auf die Strafanzeige

So, und nun ist da eine ältere Frau, die in einem Supermarkt an der Westhoffstraße in Kinderhaus Tiefkühllebensmittel in ihren Rollator packt und versucht, damit abzuhauen. Das hat laut Polizei nicht funktioniert, denn Mitarbeiter:innen und Kund:innen haben sich ihr in den Weg gestellt. Die Frau hat versucht, sie beiseite zu stoßen, ebenfalls erfolglos. Sie hat also im Laden auf die Polizei gewartet. Die verkündet wiederum, dass sie jetzt mit einer Strafanzeige rechnen kann.

Wir wissen über den Fall nur das, was in der Polizeimeldung steht. Ob die Frau einen Grund für den Diebstahlversuch genannt hat und welcher das war, teilt die Polizei nicht mit. Aber ein paar Gedanken noch dazu: In einen Rollator passen keine Unmengen an Tiefkühlkartons. Die Menschen, die in meinem Umfeld einen Rollator benutzen, sind damit nur in der Öffentlichkeit unterwegs, wenn es wirklich nicht anders geht. Und sie gehen ziemlich sicher nicht davon aus, dass sie Supermarktmitarbeitende aus dem Weg schaffen könnten, wenn die sich ihnen in den Weg stellen.

Die anderen Kund:innen, die sie aufhalten könnten, natürlich auch nicht. Überhaupt, eine seltsame Reaktion, oder? Ist es eine starke Prinzipientreue gegenüber dem Gebot „Du sollst nicht stehlen“, die sie dazu bewegt hat? Wollten sie ein bisschen Hausmeister:in spielen? Grundsätzlich ist es ja auch ganz richtig, dass Leute die Supermärkte nicht ausplündern, sondern an der Kasse bezahlen. Manche können das aber wirklich nicht.

Und wer bezahlt, ist am Ende auch irgendwie egal, oder? Die, die etwas Geld übrig haben, können ja zum Beispiel mal lesen, wie das mit dem Spenden für die Tafel geht. Oder anbieten, die Rechnung zu übernehmen, wenn sie mitbekommen, dass eine Person Essen in ihrem Rollator versteckt. (sst)

Ein-Satz-Zentrale

+++ Der verdächtige Fund an der Achtermannstraße war doch kein Blindgänger. (Stadt Münster)

+++ Wegen Arbeiten an Wasser- und Gasleitungen am Koldering wird es ab Montag drei bis vier Wochen lang an der Kreuzung zur Weseler Straße eng. (Stadtnetze Münster I)

+++ In den ersten sechs Monaten des Jahres sind in Münster mehr Photovoltaikanlagen installiert worden als im kompletten vergangenen Jahr. (Stadtnetze Münster II)

+++ Mit der vor zwei Jahren beschlossenen Modernisierung des Sportparks Sentruper Höhe wird es wohl frühestens übernächstes Jahr etwas. (Westfälische Nachrichten)

+++ Der Abriss eines Bunkers an der Emsstraße dauert länger als geplant, weil das Fundament stärker ist, als man gedacht hätte. (Westfälische Nachrichten)

+++ Die Naturfreunde fordern eine parteiübergreifende Vereinbarung, um die Verkehrswende durchzusetzen und ein Konzept für den Verkehr in der Altstadt. (Naturfreunde, nicht online)

+++ Johannes Sabel wird neuer Direktor der Akademie im Franz-Hitze-Haus und damit Nachfolger von Antonius Kerkhoff, der in den Ruhestand geht. (Bistum Münster)

+++ Jana Bregulla hat in ihrer Dissertation untersucht, wie Zahnärzt:innen, dabei helfen können, häusliche Gewalt zu identifizieren, indem sie auf Gesichtsverletzungen achten. (Uni Münster)

+++ Die Staatsanwalt hat den 21-Jährigen, der im März einen 31-jährigen Mann auf dem Send mit einem Messer getötet haben soll, wegen Mordes angeklagt. (Staatsanwaltschaft Münster)

+++ Die Behörden haben im vergangenen Jahr deutlich mehr Gewalt gegen Kinder registriert als im Jahr zuvor. (Antenne Münster)

+++ Stand-Up-Paddling auf dem Aasee ist verboten. (Stadt Münster)

Unbezahlte Werbung

Manchmal braucht man einfach ein Auto. Oder? Testen Sie doch mal ein Lastenrad. Bei der Hansaflotte, beheimatet im gleichnamigen Viertel, können Sie kostenlos oder gegen Spende verschiedene Räder und Lastenanhänger ausleihen. Sie müssen sich vorher nur anmelden und einen kurzen Crashkurs besuchen. Das Konzept funktioniert inzwischen seit über einem Jahr und arbeitet ohne Gewinnabsicht. Schauen Sie doch mal auf der Webseite vorbei, vielleicht ist das ja was für den nächsten Baumarktbesuch.

Hier finden Sie alle unsere Empfehlungen. Sollte Ihnen ein Tipp besonders gut gefallen, teilen Sie ihn gerne einfach über den Link.

Drinnen und Draußen

Heute hat Fabian Cohrs ein paar schöne Veranstaltungstipps aufgeschrieben:

+++ Das „Goenndir-Kollektiv“ stellt dieses Wochenende im Localhost bei uns gegenüber vom Theater aus. Heute Abend ab 19 Uhr geht es mit einem DJ-Set los. Samstag und Sonntag können Sie zwischen 14 und 23 Uhr die Ausstellung inklusive Klanginstallationen und Konzerte besuchen. Der Eintritt ist frei.

+++ Sie werden es vermutlich schon gesehen haben, es ist wieder Send. Gestern hat er mit dem Familientag begonnen, die letzte Chance auf einen Besuch haben Sie am Montag. Neben den üblichen Attraktionen ist heute Abend bei Einbruch der Dunkelheit ein Feuerwerk zu sehen, vermutlich gegen 22:30 Uhr.

+++ Vor einigen Wochen habe ich Ihnen einen Spaziergang über den Waldfriedhof Lauheide empfohlen, der mal als schönster Friedhof Deutschlands ausgezeichnet wurde. Diesen Sonntag gibt das Amt für Grünflächen eine Führung über das Gelände, bei der Sie frische Luft schnappen und was über den Friedhof lernen können. Eine Anmeldung ist nicht nötig, los geht es um 15 Uhr. Die Führung dauert etwa zwei Stunden, weitere Infos gibt es hier.

+++ Heute Abend ist langer Freitag im LWL-Museum für Kunst und Kultur. Hier gibt es von 18 bis 24 Uhr freien Eintritt in die Sammlung und die aktuelle Ausstellung „Sommer der Moderne“. Außerdem gibt es heute Workshops und abends spielt ein DJ. Das Programm finden Sie hier.

+++ Und falls Sie nichts auf den Tanzflächen der Stadt verpassen wollen: Die Nachtbürgermeister:innen Münsters teilen auf ihrer Instagram-Seite jede Woche eine Übersicht dazu, was am Hawerkamp und in der Clubszene los ist.

Was steht sonst noch im RUMS-Brief?

Johanna Bauhus hat ein Musiklabel mitgegründet, das sich offen als „sexistisch“ bezeichnet. Damit will es deutlich machen, dass die Musik-Industrie Menschen wegen ihres Geschlechts diskriminiert. Und gleichzeitig Künstler:innen aus marginalisierten Gruppen unterstützen. Svenja Stühmeier hat mit ihr darüber gesprochen, warum das so ist – und warum sich neulich die Band Rammstein meldete.

Möchten Sie mehr erfahren? Dann testen Sie RUMS drei Monate lang zum halben Preis.

Herzliche Grüße
Svenja Stühmeier

Mitarbeit: Fabian Cohrs (fco), Ralf Heimann (rhe), Antonia Strotmann (ast), Elija Winter (ewi)
Lektorat: Antonia Strotmann

PS

An dieser Stelle ist eine rührselige Floskel mal erlaubt, finde ich. Also, los geht’s: Die besten Geschichten schreibt immer noch das Leben. Asbirg Naranjo ist Filmemacherin aus Münster und hat aus ihren Erlebnissen mit ihrem älter werdenden Nachbarn einen Kurzfilm gemacht. Titel: „Der Nachbar“. Der ist jetzt in zwei Kategorien bei der Long Island International Film Expo nominiert, und zwar als „Bester internationaler Film“ und als „Beste Geschichte“. Mit einem Crowdfunding hat die Regisseurin das nötige Kleingeld für die Reise zum Event nach New York gesammelt. Los geht es am 19. Juli. Und es scheint gerade gut zu laufen bei Asbirg Naranjo: Die Filmstiftung NRW fördert laut WDR ihr nächstes Projekt, den ersten Spielfilm.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.
Anmelden oder registrieren