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99 Sozialwohnungen: Stadt verfehlt eigenes Ziel | Koreanische Reisgerichte von Hamo | RUMS jetzt abonnieren und 3 Monate zum halben Preis lesen


Münster, 27. Januar 2023
gestern hat die Stadt Münster eine Pressemitteilung mit dem Titel „Soziale Wohnraumförderung kommt wieder in Schwung“ verschickt. Das lässt hoffen. Wenn man die Pressemeldung aber ganz liest, versteht man erst, was die Überschrift in Wirklichkeit bedeutet. Sie ist ein elegant formuliertes Eingeständnis für: „Im vergangenen Jahr lief’s so richtig schlecht.“
Im Jahr 2014 hat der Rat beschlossen, jedes Jahr den Bau oder die Sanierung von 300 sozial geförderten Wohnungen umzusetzen. Die Stadt selbst baut keine neuen Sozialwohnungen, sie fördert den Bau nur. 2022 hat die Stadt laut Pressemeldung ihr selbstgestecktes Ziel aber eindeutig verfehlt: Im vergangenen Jahr sind 99 Wohnungen und fünf Häuser sozial gefördert worden. Der Großteil davon sind Sanierungen. Nur 47 Wohnungen sind neu gebaut worden.
Das ist weit weniger als die Zahlen an neuen Sozialwohnungen, die uns die Stadt bisher mitgeteilt hat. Bisher war immer die Rede von 200 Sozialwohnungen, die 2022 hätten entstehen sollen. Jetzt schreibt uns das Presseamt, dass so viele Wohnungen nur „in Prüfung“ waren. Den übrigen Teil, der im vergangenen Jahr nicht fertig gebaut wurde, wolle man 2023 anpacken.
In den vergangenen fünf Jahren hat Münster die eigene Quote an neuen Sozialwohnungen immer erfüllt oder übertroffen. Was aber nicht bedeutet, dass sich dadurch jedes Jahr der Bestand an bezahlbarem Wohnraum erhöht hat. Die staatliche Förderung für Sozialwohnungen ist nämlich zeitlich begrenzt; jedes Jahr verlieren einige Wohnungen ihre Sozialbindung. Ein Beispiel: 2020 sind 505 neue Sozialwohnungen in Münster entstanden, gleichzeitig ist aber bei 544 die Förderung ausgelaufen. Heißt: Unterm Strich ist die Zahl der Sozialwohnungen in Münster 2020 geschrumpft. Wie viele Wohnungen im vergangenen Jahr ihre Sozialbindung verloren haben, steht erst Ende März fest.
Die Stadt schreibt, Schuld am Einbruch der sozialen Wohnraumförderung hätten die steigenden Kosten und Zinsen fürs Bauen sowie die chronische Personal- und Materialknappheit. Laut Pressemeldung habe die Stadt in diesem Jahr zwar „ein größeres Vorhaben mit rund 140 Wohneinheiten“ und Förderanträge für das Baugebiet Moldrickx in Aussicht, allerdings seien unter den derzeitigen Bedingungen „die geplanten Vorhaben nur noch schwer zu kalkulieren“.
Wohnen wie in Wien
Keine guten Aussichten. Aber muss das so sein? Dazu ein Ortswechsel nach Wien. Die Stadt gilt seit Langem als leuchtendes Vorbild für den sozialen Wohnbau. Sechs von zehn Wiener:innen leben in sozial geförderten Wohnungen. Die städtische Immobiliengesellschaft „Wiener Wohnen“ verwaltet allein mehr als 200.000 Wohnungen in Österreichs Hauptstadt. Alle Mieter:innen zahlen dieselbe Miete, das sind schlappe 5,80 Euro pro Quadratmeter.
Weil aber nicht alle von dieser Förderung profitieren sollen, sondern nur diejenigen, die sie brauchen, bekommen Menschen mit einem jährlichen Nettoeinkommen von über 44.000 Euro keine Gemeindewohnung in Wien. Trotz dieser Gehaltsgrenze erfüllen immer noch drei Viertel der Einwohner:innen die Voraussetzungen für eine sozial geförderte Wohnung.
Das Wiener Modell ist allerdings kostspielig: Rund 600 Millionen Euro investiert die Stadt jedes Jahr in den sozialen Wohnraum. Daran müssen sich alle beteiligen: Arbeitnehmer:innen und Arbeitgeber:innen drücken 0,5 Prozent von ihrem Bruttolohn dafür ab.
Eine Mogelpackung?
Das klingt aber himmlisch – wäre das Wiener Mietmodell nicht auch etwas für Münster? Der Volkswirt Harald Simons von der Fachhochschule in Leipzig sähe diese Idee wahrscheinlich kritisch. Er hat die Wohnbaupolitik von Wien vor zwei Jahren in einer von der deutschen Immobilienwirtschaft beauftragten Studie und später in einem „Spiegel“-Interview regelrecht zerrissen. Sein Fazit: Das Ganze sei „teuer, unsicher, streitanfällig, bürokratisch, intransparent und ungerecht“.
Und warum? Unter anderem, weil die „Wiener Wohnen“ sämtliche Betriebs- und Instandshaltungskosten auf die Mieter:innen abwälzen kann. Das ist im österreichischen Mietrecht so vorgesehen. Laut Simons hätten fast 18 Prozent der Gemeindewohnungen keine Heizung und kein eigenes Bad. Er glaubt, viele Mieter:innen würden sich damit nicht abfinden und stattdessen ihre Sozialwohnungen renovieren – finanziert aus eigener Tasche.
Und die „Wiener Wohnen“ habe jahrelang am Bedarf vorbei gebaut, sagt Simons. Verließen Menschen Wien, baute die Gesellschaft neue Wohnungen. Stieg die Einwohnerzahl hingegen, entstanden wenige Neubauten. Im Jahr 2004 hat die „Wiener Wohnen“ den Neubau eingestellt, obwohl seit 2000 mehr Menschen nach Wien ziehen, und saniert stattdessen bestehende Gemeindewohnungen. Dazu komme: Die „Wiener Wohnen“ dürfe keine Gewinne machen. Es fehlen aber Erlöse, um die Gemeindewohnungen „in Schuss zu halten“. Immerhin: Seit 2015 werden wieder neue Gemeindewohnungen gebaut, aber nicht von der „Wiener Wohnen“.
Unterm Strich stünden die Wiener:innen nicht besser oder schlechter als die Menschen da, die in Hamburg oder Berlin eine Wohnung mieten, argumentiert Harald Simons. Halten wir also fest: Irgendwo hakt es beim sozialen Wohnungsbau immer. (sfo)
Ein-Satz-Zentrale
+++ Die Bezirksvertretung Mitte möchte nicht, dass die Spinne an der Weseler Straße weitere Abbiegespuren für Autos bekommt. (Westfälische Nachrichten)
+++ Die Stadt will an der Wolbecker Straße Bäume aufstellen, Raum für Tische vor Restaurants und Bars schaffen und die Zahl der Unfälle verringern. (Westfälische Nachrichten)
+++ Die Stadt informiert bei einer Veranstaltung am nächsten Donnerstag über den Ausbau der Uniklinik. (Stadt Münster)
+++ Die Wohnungsgesellschaft LEG will ihre maroden Mietwohnungen in Berg Fidel wegen der wirtschaftlich schwierigen Lage vorerst nicht sanieren. (Westfälische Nachrichten)
+++ CDU-Ratsfrau Carmen Greefrath wünscht sich von der LEG, dass sie wenigstens das Nötigste saniert. (CDU-Fraktion)
+++ Die Bezirksvertretung Münster-Mitte will das Glasverbot am Aasee nicht verlängern, damit die Jugend die entgangene Feierei der beiden Pandemiejahre nachholen kann. (Westfälische Nachrichten)
+++ Stefan Leschniok und Babette Lichtenstein van Lengerich aus der CDU-Ratsfraktion kritisieren das geplante Ende des Glasverbots am Aasee und eine nach Meinung von Lichtenstein van Lengerich zynische Äußerung der SPD. (CDU-Fraktion)
+++ Jörg Albrecht bleibt Künstlerischer Leiter des „Center for Literature”. (LWL-Pressemitteilung, nicht online, aber hier veröffentlicht vom Magazin Westfalium)
+++ Im Priesterseminar Borromaeum wohnen nicht mehr nur Priesteramtskandidaten, sondern neuerdings auch getaufte Studierende aller möglichen Fachrichtungen. (Bistum Münster)
+++ Die Fast-Food-Kette „Gustav Grün“ aus Münster hat eine Filiale auf der indonesischen Urlaubsinsel Bali eröffnet. (Gustav Grün auf Instagram)
+++ Die Ärztekammer fordert mehr Schutz für Ärzt:innen und Rettungskräfte. (Ärztekammer Westfalen-Lippe)
+++ Der Verkehrsforscher Andreas Knie hat beim Neujahrsempfang der Grünen den „allgemeinen Wahn, den kompletten öffentlichen Raum mit Autos zuzustellen“ kritisiert. (Westfälische Nachrichten)
+++ Das Stadtplanungsamt hat nach eigenen Angaben alle 18 gestellten Anträge für Solarmodule innerhalb der Altstadt genehmigt. (Westfälische Nachrichten)
+++ Die Stadt hat 41.500 Luftbilder von Hausdächern an Menschen geschickt, denen in Münster Häuser gehören, um Stellen zu finden, an denen sich Energie sparen lässt. (Stadt Münster)
+++ Die Stadt gibt 32.000 Euro, um das freie Internet in der Stadt zu verbessern. (Stadt Münster)
+++ Die CDU schlägt vor, die Admiral-Scheer-Straße künftig nach Walter Lübcke zu benennen. (Westfälische Nachrichten)
+++ Der Astrophysiker Tobias Jogler übernimmt die Nachfolge von Björn Voss als Leiter des Planetariums, dessen Stellvertreter Jogler bislang war. (Landschaftsverband Westfalen-Lippe)
+++ Das Theater im Pumpenhaus trauert um seinen Mitgründer und langjährigen Intendanten Ludger Schnieder, der am Wochenende im Alter von 67 Jahren gestorben ist. (Pumpenhaus, Grüne Münster)
+++ Über 500 Pflegekräfte haben auf dem Prinzipalmarkt für bessere Arbeitsbedingungen demonstriert. (Kirche und Leben)
Unbezahlte Werbung
Kennen Sie Bibimbap? Aus dem Koreanischen übersetzt bedeutet es so viel wie „gemischter Reis“, und dahinter versteckt sich eins der populärsten Gerichte aus Korea. Wenn Sie es noch nicht kennen, sollten Sie es bei Hamo in der Neubrückenstraße probieren. Serviert wird Ihnen – Überraschung – Reis in einer Schüssel, zusammen mit gegarten Gemüsen, Ei und Tofu oder Fleisch. Vor dem Verzehr wird alles mit einer Würzpaste gut durchgemischt. Bei Hamo bekommen Sie außerdem noch andere koreanische Getränke und andere Spezialitäten, zum Beispiel Kimbap, das wie Sushi aussieht, aber – darauf legen die Inhaber:innen wert – kein Sushi ist. Sitzplätze gibt es nur ein paar, das Essen kann man aber auch prima mitnehmen.
Hier finden Sie alle unsere Empfehlungen. Sollte Ihnen ein Tipp besonders gut gefallen, teilen Sie ihn gerne einfach über den Link.
Drinnen und Draußen
Eva Strehlke hat heute nachgeschaut, was am Wochenende alles in der Stadt los ist. Das sind ihre Tipps:
+++ Das Fahrrad ist wieder kaputt? Wenn Sie nicht immer gleich in die Werkstatt gehen wollen, aber selbst auch nicht weiter wissen, gibt’s am Samstag von 12 Uhr bis 18 Uhr im Innenhof des Cuba Nova einen guten Kompromiss: begleitetes Selbstreparieren. Profis stehen Ihnen dabei mit Rat und Werkzeug zur Seite.
+++ Morgen gibt es eine Premiere im Stadttheater und eine letzte Chance im Wolfgang-Borchert-Theater: Im Stadttheater wird zum ersten Mal ein Stück von Thomas Köck gezeigt, dessen Titel ein wahrer Zungenbrecher ist: „und wenn ich von der zeit spreche spreche ich von der zeit die schon nicht mehr ist (am rande des rollfelds)“. Es geht um eine gar nicht so ferne Zukunft, in der einiges schiefgelaufen ist, um einen Chor auf einer Zeitreise und um die Frage, was die Gegenwart mit so einer Zukunft zu tun hat. Wenn Sie Ihre Tickets hier online bestellen, können Sie gleich ein neues technisches Hilfsmittel auf der Website ausprobieren. Durch ein dynamisches Foto bekommen Sie bei der Platzwahl einen Eindruck von den Sichtverhältnissen während der Vorstellung.
+++ Im Wolfgang-Borchert-Theater haben Sie morgen das letzte Mal die Chance, sich das Stück „Heisenberg“ anzuschauen. Anders als der wissenschaftliche Titel vermuten lässt, geht es hier um eine Beziehung – und um die uralte Frage, ob Gegensätze sich nun wirklich anziehen. Tickets gibt es hier.
+++ Der Stuttgarter Sebastian Fritsch hat den Deutschen Musikwettbewerb gewonnen und ist seit kurzem Stimmführer der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Am Sonntagabend spielt das Nachwuchstalent mit seiner Duopartnerin Naoko Sonoda Werke von Mendelssohn, Schumann und Rachmaninow im Rathausfestsaal. Karten gibt es für 24 Euro hier.
Und hier noch ein paar Tipps von unserer Praktikantin Lara Gelbhardt:
+++ Im Wewerka-Pavillon am Aasee zeigt die Kunststudentin Youn Hee Park ihre Ausstellung „Behind White“. Sie beschäftigt sich mit der Macht von Sprache im Kontext von Rassismus und Imperialismus. Die Ausstellung ist noch bis zum 28. März zu sehen, besonders empfehlenswert ist es in der Dämmerung.
+++ In der Frauenstraße 24 stellt die Künstlerin Diana Garcia ihre Kunst mit dem Namen „Second Life“ aus. Garcia recycelt alte Kaffeesäcke als Leinwände. Die Ausstellung läuft bis zum 3. März. Der Eintritt ist frei.
+++ Suchan Kinoshita zeigt im Westfälischen Kunstverein an der Rothenburgstraße die Ausstellung „Architektonische Psychodramen“. Und um das zu erklären: Der Raum soll sich in ein solches Psychodrama verwandeln. Die Ausstellung läuft bis zum 12. Februar. Eintritt 4 Euro, ermäßigt 2 Euro.
+++ Lust auf Sport am Samstagmorgen? Um 9 Uhr beginnt im Wienburgpark wie an jedem Samstag der Parkrun. Die Teilnahme ist kostenlos. Treffpunkt: neben dem Basketballplatz.
Was sonst noch im RUMS-Brief steht
- Die Namensdebatte um die Westfälische-Wilhelms-Universität Münster hat bald ein Ende. Sie soll künftig nur noch Universität Münster heißen. Wie es dazu gekommen ist, hat Ralf Heimann für Sie recherchiert.
- Der Umbau am Bremer Platz beginnt im März. Schon jetzt ist die Toilette, die dort die sogenannte Szene benutzt, abgebaut worden. Was das für die Szene bedeutet und wie es am Bremer Platz weitergeht, habe ich für Sie aufgeschrieben.
- Jede fünfte Person, die häusliche Gewalt erlebt, ist ein Mann. Hätten Sie das gedacht? Ob und wie die betroffenen Männer Hilfe finden, hängt von ihrem Wohnort ab. Ich habe recherchiert, welche Hilfe es in Münster gibt und wo sich noch Lücken im System befinden.
Hört sich das alles interessant an? Dann würde ich mich freuen, wenn Sie RUMS abonnieren. In den ersten drei Monaten lesen Sie die volle Ladung Analysen, Kommentare und Kolumnen zum halben Preis.
Am Dienstag schreibt Ihnen Ralf Heimann. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.
Herzliche Grüße
Sebastian Fobbe
Mitarbeit: Lara Gelbhardt (lge), Jan Große Nobis (jgn), Ralf Heimann (rhe), Eva Strehlke (est), Svenja Stühmeier (sst)
Lektorat: Melanie Kelter
PS
Es gibt Mitmenschen, die so stolz darauf sind, wie vorbildlich Deutschland seine düstere Vergangenheit aufgearbeitet hat, dass sie fordern, man könnte endlich mal aufhören mit diesen ganzen Gedenkstunden und Kranzniederlegungen. Nur würde so ein Schlussstrich auch bedeuten, dass die vielen blinden Flecken in der Aufarbeitung der deutschen Geschichte für alle Zeit blieben. Um einen solchen blinden Fleck ging es heute in der Holocaust-Gedenkstunde im Bundestag, zu der die Aktivist:innen Rozette Kats und Klaus Schirdewahn sowie die Schauspieler:innen Maren Kroymann und Jannik Schümann eingeladen waren. Sie erinnerten in ihren Reden an die Verfolgung von queeren Menschen im Nationalsozialismus. Ein Thema, das leider auch heute noch erschreckend aktuell ist, wie die Bundestagspräsidentin Bärbel Bas hervorhob. Sie sagte: „In den sozialen Netzwerken wird gegen queere Menschen in unerträglicher Weise gehetzt. Schwule, Lesben und trans Personen werden beleidigt, bedrängt und angegriffen, sogar auf den Paraden des Christopher Street Day, wie im vergangenen Jahr der Tod von Malte gezeigt hat. Malte war ein trans Mann. Auch hier sind wir alle gefordert, gegen Diskriminierungen aufzustehen.“