Anti-AfD-Demos: Vom Versuch, über den eigenen Schatten zu springen | Unbezahlte Werbung: Bildband über Corona

Porträt von Ralf Heimann
Mit Ralf Heimann

Guten Tag,

auf einem Foto, das Münsters Grüne bei Facebook veröffentlicht haben, ist ein Plakat der Partei zu sehen, auf dem steht: „Gegen Rechts. Für Demokratie & Diversität. Hass ist keine Alternative.“ Ein anderes Bild aus der Galerie zeigt ein Pappschild mit der Aufschrift: „Ganz Münster hasst die AfD.“ 

Susanne Weißheimer und Artur Funk schreiben in einer E-Mail an Grünen-Ratsmitglied und Demo-Organisator Carstens Peters, die sie auch an RUMS geschickt haben: „Toll, wie du immer die Demos organisierst. Dafür danken wir dir sehr.“ Mit der Wortwahl, dass ganz Münster die AfD hasse, seien sie allerdings nicht einverstanden. 

„Wir greifen die AfD an, weil sie Hass sät“, schreiben sie. „Dann sollten wir nicht genau dieses Vokabular gegen die AfD anwenden.“ Hass habe in der Politik nichts zu suchen. Stattdessen schlagen Weißheimer und Funk einen anderen Satz vor: „Ganz Münster liebt die Demokratie!“

Dieser Satz beschreibt in etwa das, was der Bielefelder Konfliktforscher Andreas Zick dem Deutschlandfunk gesagt hat. In der Gesellschaft formiere sich jetzt eine neue Allianz um die Frage, wie man Demokratie positiver gestalten könnte. Wichtig dabei sei, dass verschiedene Gruppen mitmachen. 

Zick meint gesellschaftliche Gruppen wie die Kirche, Sportvereine oder Unternehmen. Aber es geht auch um politische Parteien. Ein Bild vom Freitag (das neunte in dieser Bildergalerie) zeigt die Spitzen von Münsters Ratsfraktion zusammen bei der Demo auf dem Prinzipalmarkt. Es fehlt die Linke, die allerdings nicht im Verdacht steht, aufgrund von Sympathien mit der AfD nicht dabei zu sein. 

Eine große Bühne

Wenn sich viele Gruppen an einem Protest beteiligen sollen, ist es wichtig, dass sie es auch können, ohne das Gefühl zu haben, hier irgendwie falsch zu sein. Es fängt an mit der Formulierung „Gegen Rechts“, die auch auf dem Grünen-Plakat steht. 

Die Zweideutigkeit gefällt möglicherweise denen, die gegen Rechtsextreme sind, aber im Grunde generell gegen rechte Politik. Nur wenn man von der CDU fordert, sich sauber von den Rechtsextremen abzugrenzen, dann wäre es fair, diese Abgrenzung umgekehrt auch selbst vorzunehmen. 

Die Proteste sind für Parteien und politische Gruppen eine große Bühne. In der Politik ist so etwas immer sehr nützlich. Das Schwierige in diesem Fall ist interessanterweise die Aufgabe: Damit der gemeinsame Protest gelingt, müssen die Parteien beweisen, dass sie verstanden haben, worum es in der Demokratie geht. 

Zum einen braucht Demokratie die Fähigkeit und Bereitschaft, andere Meinungen zu ertragen. Menschen müssen dazu bereit sein, miteinander zu reden, auch wenn sie die jeweils andere Meinung aus tiefstem Herzen ablehnen. 

Der FDP-Kreisvorsitzende Paavo Czwikla sagte am Montag, seine Partei hätte bei der Demo am Freitag gern eine Rede gehalten. Aber man habe ihm gesagt, einige der beteiligten Gruppen hätten das nicht gewollt. Stimmt das?

Demo-Organisator Carsten Peters sagt, die FDP sei eben nicht Teil des Bündnisses „Keinen Meter den Nazis“, das die Demonstration angemeldet hatte. Es sei auch alles etwas kurzfristig gewesen. Aber es kämen ja weitere Demos, am 16. Februar zum Beispiel. Dann veranstaltet die AfD im Rathaus ihren Neujahrsempfang. 

Es wäre gut, wenn es gelingen würde, die FDP und die CDU bei Demonstrationen gegen die AfD mit auf die Bühne zu bekommen, denn die Botschaft soll ja nicht sein: Linke Gruppen gehen gegen Nazis auf die Straße. Sondern: Alle Menschen, die ein demokratisches Land wollen, zeigen, dass sie auf einem gemeinsamen Boden stehen. 

Damit das möglich wird, ist auch noch etwas anderes wichtig: die Bereitschaft, nach Gemeinsamkeiten zu suchen, um das zu finden, worum es in der Politik meistens geht: einen Kompromiss, vielleicht auch die Bereitschaft, sich selbst und die eigenen Interessen für die gemeinsame Sache etwas zurückzunehmen.

Berufungsverfahren im Februar

Nicht demokratisch denkenden Gruppen gelingt so etwas nicht. Die Gruppe „Palästina antikolonial“ hat das am Freitag eindrucksvoll vorgeführt. Sie hat das Recht, das die Demokratie ihnen gewährt, ausgenutzt, um sich selbst einen Vorteil zu verschaffen. Sie hat mit Fahnen und Sprechchören Aufmerksamkeit auf sich gezogen und das „Jugendbündnis gegen Antisemitismus“ an einem Vortrag gehindert – beziehungsweise: Das Bündnis entschied sich letztlich dagegen, eine Rede zu halten. Die Gruppe „Palästina antikolonial“ hat im Grunde genau das getan, wogegen die Leute auf dem Domplatz demonstrierten. 

Es wird bald weitere Gelegenheiten geben, um zu zeigen, wie man es besser macht. Am 16. Februar beim AfD-Neujahrsempfang. Und kurz darauf gegen Ende des Monats mindestens ein weiteres Mal.  

Nach zwei Verhandlungsterminen am 27. und 28. Februar entscheidet das Oberverwaltungsgericht Münster im Berufungsverfahren der AfD gegen das Bundesamt für Verfassungsschutz. Die Partei wehrt sich juristisch dagegen, vom Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall geführt zu werden. Urteilen Sie selbst, wie gut es der AfD in den vergangenen Wochen gelungen ist, diesen Verdacht zu zerstreuen. (rhe)

Ein-Satz-Zentrale

+++ Die Deutsche Bahn hat wegen des Bahnstreiks einen Notfahrplan fürs Münsterland aufgestellt. (Antenne Münster)

+++ CDU-Ratsherr Walter von Göwels hofft, dass es beim Glasfaserausbau in Mauritz-Ost nicht zu Doppelbaustellen kommt. (CDU Fraktion)

+++ Im Herbst soll ein asiatisches Restaurant in die Großraumdisko im Cineplex ziehen, die seit acht Jahren leersteht. (Westfälische Nachrichten)

+++ Die Ukraine hat gestern den Tag der Einheit gefeiert, unter anderem in Münsters Partnerstadt Winnyzja. (Stadt Winnyzja bei Instagram)

+++ Markus Johow hat sein Team für die Wahl um den Vorsitz der CDU Münster vorgestellt und kritisiert, dass im Kreisverband viele Entscheidungen „schon vorher in Hinterzimmern geklärt“ werden. (Westfälische Nachrichten)

+++ Das Bistum Münster hat bisher Anerkennungsleistungen in Höhe von 6,2 Millionen Euro an 247 Betroffene sexualisierter Gewalt im Bistum gezahlt. (Kirche und Leben)

+++ Die Uni Münster hat die geplante Vorführung des wegen Antisemitismus in der Kritik stehenden Films „Roadmap to Apartheid“ kurzfristig abgesagt. (Westfälische Nachrichten

+++ Die Stadt Münster richtet am Donnerstag und Freitag eine Hotline ein für den Fall, dass es Ärger wegen schlechter Zeugnisnoten gibt – wir drücken die Daumen, dass keine Tränen kullern! (Stadt Münster)

+++ Oberbürgermeister Markus Lewe wurde zum Ehrenmajor der Prinzengarde Köln ernannt – herzlichen Glückwunsch, Alaaf und Helau! (Westfälische Nachrichten)

+++ Bei der „Stunde der Wintervögel“ wurde in Münster der Haussperling am häufigsten gezählt. (Nabu)

Anonymer Briefkasten

Anonymer Briefkasten

Haben Sie eine Information für uns, von der Sie denken, sie sollte öffentlich werden? Und möchten Sie, dass sich nicht zurückverfolgen lässt, woher die Information stammt? Dann nutzen Sie unseren anonymen Briefkasten. Sie können uns über diesen Weg auch anonym Fotos oder Dokumente schicken.

zum anonymen Briefkasten

Unbezahlte Werbung

Erinnern Sie sich noch an diesen Kurzfilm aus dem April 2020? Zu sehen ist ein junger Mann, der auf dem Fahrrad durch ein gespenstisch leeres Münster fährt. Das Video ist ein bisschen bearbeitet, bildet aber sehr gut ab, wie der erste Coronalockdown das Leben in der Stadt mit einem Schlag verändert hatte. Diesen Ausnahmezustand wollten auch eine Gruppe von Fotograf:innen festhalten, als sie damit begannen, die Pandemie in Deutschland mit der Kamera zu dokumentieren. Herausgekommen ist das Fotobuch „Call It Corona“, erschienen im münsterschen „Edition Bildperlen“-Verlag. Die Kulturjournalistin Katrin Bettina Müller lobt in ihrer Rezension in der taz: „Viele Bilder, und das ist dann sogar unterhaltsam, fangen das Gefühl der Absurdität ein, das der Rhythmuswechsel im Alltag mit sich brachte.“ Die 256 Seiten kosten 49,95 Euro.

Hier finden Sie alle unsere Empfehlungen. Sollte Ihnen ein Tipp besonders gut gefallen, teilen Sie ihn gerne!

Drinnen und Draußen

Sebastian Fobbe hat im Terminkalender nach ein paar schönen Veranstaltungen geschaut. Das kann er Ihnen empfehlen:

+++ Wie informieren Sie sich eigentlich? Da Sie gerade den RUMS-Brief lesen, gehe ich davon aus, dass Sie Qualitätsjournalismus zu schätzen wissen. Aber mal ehrlich: Auch Instagram, Youtube und Tiktok sind heutzutage beliebte Nachrichtenquellen, gerade bei jungen Leuten. Die Medienforscherin Leonie Wunderlich und die Journalistin Vanessa Bitter von der Presseagentur dpa beschäftigen sich mit diesem Nachrichtentrend. Morgen Abend sprechen sie bei der Fachhochschule Münster am Leonardocampus 6 darüber. Der Vortrag beginnt um 18:30 Uhr, der Eintritt ist frei.

+++ Meine Familie wohnt in vier unterschiedlichen Bundesländern. Gerade in der Coronazeit, in der jedes Land ihr eigenes Schutzverordnungssüppchen kochen konnte, stiftete der deutsche Föderalismus vor allem eines: Verwirrung. Andererseits ist der Föderalismus auch eine Voraussetzung für Demokratie in Deutschland. Das Streitgespräch über seinen Sinn und Zweck ist wahrscheinlich schon so alt wie das Grundgesetz und wird am Donnerstag im LWL-Museum für Kunst und Kultur fortgeführt. Mit dabei ist der Bundestagsabgeordnete Stefan Nacke von der CDU Münster. Los geht’s um 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.

+++ Puh, so viele ernste Themen. Wenn Sie lieber Lust auf was Lustiges haben, gehen Sie am Donnerstag um 20:30 Uhr zum Pubquiz in die Pension Schmidt. Die Teilnahme kostet 3 Euro pro Person. Kleiner Tipp: Reservieren Sie rechtzeitig einen Tisch. Das Quiz ist immer gut besucht.

+++ Am Freitag und Samstag führt das freie Musicalensemble Münster zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz ein Gedenkkonzert auf. Veranstaltungsort ist die Kapelle im Hiltruper Herz-Jesu-Krankenhaus. Die Konzerte beginnen jeweils um 19 Uhr und sind kostenlos. Sie müssen sich aber hier anmelden.

+++ Das Berliner Ensemble brachte vergangene Woche die Investigativrecherche über die Deportationspläne von Neonazis, AfD- und CDU-Politiker:innen auf die Theaterbühne. Am Sonntag inszeniert auch der Kleine Bühnenboden die Enthüllungen des Recherchezentrums „Correctiv“. Die Vorstellung um 18 Uhr ist schon ausverkauft. Ein paar Theaterkarten für 20:15 Uhr sind aber noch erhältlich.

Und sonst?

Ein SPD-Politiker hat im Finanzausschuss einen Satz gesagt, über den der Westfälische Reiterverein und die CDU sich jetzt ärgern. Die CDU kritisiert fehlenden Anstand, allerdings auf etwas unanständige Weise.

Möchten Sie mehr erfahren? Dann testen Sie RUMS drei Monate zum halben Preis.

Herzliche Grüße
Ralf Heimann

Mitarbeit: Jan Große Nobis (jgn), Sebastian Fobbe (sfo), Svenja Stühmeier (sst)
Lektorat: Maria Schubarth

PS

Wir haben mit der AfD angefangen. Das kommt im RUMS-Brief ja eher selten vor. Heute hören wir ausnahmsweise auch mal mit der AfD auf. In der ARD-Mediathek finden Sie zurzeit die Doku „Wir waren in der AfD“. 90 Minuten lang erzählen sechs Menschen, warum sie sich der Partei anschlossen, und warum sie am Ende wieder austraten. Mich selbst hat vor allem überrascht, dass diese Menschen nicht nur selbstkritisch und sehr reflektiert wirken, sondern überwiegend sogar sympathisch. Einer von ihnen ist Alexander Leschik aus Münster, der auf dem Annette-Gymnasium war und vor drei Jahren aus der AfD austrat. Er sagt heute, er sei viel zu lange ein „bürgerliches Gesicht einer zunehmend enthemmten Partei“ gewesen. Schauen Sie es sich an. Es sind lohnende 90 Minuten. (rhe)

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.
Anmelden oder registrieren