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Die CDU und ihr grünes Flugblatt | 3 Monate lang RUMS zum halben Preis


Münster, 19. September 2023
an der Sentruper Höhe lag vor zwei Wochen ein Flugblatt in den Briefkästen. Absender war die CDU-Ortsunion Sentruper Höhe. Es ging um ein Thema, über das die politischen Gremien seit Wochen diskutieren – die Frage, wo die Menschen in Münster in Zukunft leben werden.
Wenn man die Positionen einmal verstanden hat, ist die Debatte vorhersehbar. Das Ratsbündnis aus Grünen, SPD und Volt möchte möglichst wenig Natur für neue Wohngebiete opfern und ist daher für höhere Häuser und dichtere Siedlungen, am besten da, wo schon Wohnungen stehen. Die CDU befürchtet, dass für Menschen, die gern einen kleinen Garten vor dem Haus hätten, vor allem junge Familien, dann nichts dabei wäre, und sie der Stadt den Rücken kehren.
An der Sentruper Höhe scheint das alles etwas anders zu sein. Dort hat die Stadtverwaltung im Regionalplan, also da, wo es um langfristige Möglichkeiten geht, eine knapp hundert Hektar große Fläche nördlich des Zoos als sogenannte „Potenzialfläche“ gekennzeichnet. Das bedeutet: Dort könnte gebaut werden. Das Rathausbündnis will die Fläche zwar deutlich verkleinern, kann sich dort aber Wohnungen vorstellen.
Die CDU-Ortsunion dagegen schreibt in ihrem Flugblatt, ihr sei es wichtig, „dass diese Fläche in jedem Fall als vollständige Grünfläche erhalten bleibt und dass dort keinerlei Bebauung ermöglicht wird“. Was ist da los?
Die Ortsunion führt eine ganze Reihe von Gründen auf, die gegen ein Wohngebiet an dieser Stelle sprechen. Es klingt ein bisschen wie aus einem Flugblatt der Grünen.
Die Fläche sei Frischluftschneise und Landschaftsschutzgebiet, dort lebten gefährdete Kiebitze, die Bezirksregierung habe die Fläche zudem als eingeschränkt geeignet gekennzeichnet. Außerdem habe der Regionalplan lediglich das Ziel, Planungen abzustimmen. Bislang habe die Stadt mit der Fläche nichts vor, und das werde „mit sehr großer Wahrscheinlichkeit“ so bleiben.
Auch „Münsters Charakter“ spiele eine Rolle. Innenstadt und die Außenstadtteile sollten nicht nahtlos ineinander übergehen, es sollten Grünflächen zur Naherholung bleiben. Am Ende ruft die Ortsunion dazu auf, bis zum 30. September bei der Bezirksregierung seine Meinung darzulegen. Der letzte Satz lautet: „Je mehr Leute sich beteiligen, desto mehr kann deutlich werden, dass diese grüne Fläche zu unserem Stadtteil gehört und erhalten bleiben muss.“
Aber was ist mit den Wohngebieten, die Münster so dringend braucht?
CDU-Fraktionschef Stefan Weber hatte den Westfälischen Nachrichten gesagt, wenn man etwas gegen die Wohnungsnot machen wolle, aber dann kaum Wohnflächen im Regionalplan ausweise, sei das „als wollte man erzählen, man spiele gern Fußball, aber ohne Ball und Tor“. In einer Pressemitteilung hatte er gesagt, im Regionalplan müsse es mehr Fläche für den Wohnungsbau geben, als „die Grünen und ihre Gefolgschaft“ es wollten. Die Fläche nördlich des Zoos ist eine der größten in Münster, die als Neubaugebiet zur Verfügung steht.
Albert Wenzel, der direkt gewählte grüne Ratsherr für Sentrup, sagt: „Es hat mich sehr gewundert, dass die CDU auf der Sentruper Höhe das Gegenteil von dem fordert, was die CDU-Ratsfraktion in Ausschüssen und in der Presse vertritt.“
Hier liegt vermutlich das Problem. Die CDU-Ratsfraktion schaut auf die Stadt, die CDU-Ortsunion auf ihr eigenes Viertel. Und wenn Anton Gillessen, der Vorsitzende der Ortsunion, aus dem Fenster seines Hauses schaut, dann sieht er das Feld, das in ein paar Jahren ein Wohngebiet sein könnte.
Was sagt er dazu, dass es so aussieht, als wolle die Ortsunion mit Argumenten der Grünen CDU-Ziele verhindern?
„Ich sehe den Widerspruch nicht“, sagt Gillessen. Das Thema sei in der Bezirksvertretung diskutiert worden. Nach einem Zeitungsartikel hätten sich viele Menschen gemeldet. Man habe deren Argumente ins Flugblatt aufgenommen. Und natürlich vertrete er hier auch sein eigenes Anliegen, sagt Gillessen, aber er stehe dazu.
Es gebe jedenfalls weder einen Dissens mit Stefan Weber noch mit Ratsherr Tobias Jainta oder Bezirksvertreter Nicholas Reuting, die das Flugblatt beide ebenfalls unterzeichnet haben.
Tobias Jainta sagt, die Position der Ortsunion sei am Ende sogar in ein Positionspapier zur Regionalplanung aufgenommen worden, das die Ratsfraktion am vergangenen Montag beschlossen hat. Die Formulierung sei ein Kompromiss. Unter dem Punkt „Grünzüge als grüne Lebensadern“ steht nun der Satz: „Diese grünen Lebensadern sind nicht nur als Frischluftschneisen für die Innenstadt von hoher Bedeutung, sondern auch Lebensraum gefährdeter Tierarten wie zum Beispiel den Kiebitz und müssen daher erhalten bleiben.”
Auch das klingt wie aus einer Erklärung der Grünen, und man kann das Ganze nun als Posse abtun, in der die eine Seite die Argumente der Gegenseite entdeckt, weil sie im speziellen Fall doch ganz nützlich sind. Man kann aber auch etwas wohlwollender auf die Sache schauen und feststellen: Gute Argumente sind eben gute Argumente. (rhe)
Korrekturhinweis:
Im Text war an einer Stelle von einer knapp hundert Quadratmeter großen Potenzialfläche die Rede. Das wäre etwas wenig. Tatsächlich sind es knapp hundert Hektar. Wir haben das korrigiert.
Klima-Update
+++ Dieses Jahr sind die Meere ungewöhnlich warm. Wenn Temperaturen an fünf aufeinander folgenden Tagen höher sind als an 90 Prozent der Werte im 30-jährigen Vergleichszeitraum, spricht man von marinen Hitzewellen. Die Nordsee war vor der britischen Ostküste im Juni etwa fünf Grad wärmer als normal. Diese Messungen werden meistens allerdings an der Wasseroberfläche getätigt. Forscher:innen haben untersucht, wie sehr sich die Erwärmung auf Temperaturdaten in bis zu 2.000 Meter Tiefe auswirkt. Ihre Studie wurde gerade im Fachmagazin „Nature Climate Change“ veröffentlicht. Sie zeigt: In 50 bis 200 Metern Tiefe sind die Hitzewellen noch intensiver und länger als an der Oberfläche. Das birgt laut Studie ein besonderes Risiko für die Tiere, die dort leben. Dr. Sonia Bejarano aus dem Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung erklärt dem Science Media Center gegenüber, dass bewegliche Tiere sich zwar in passende Gewässer bewegen. Das gehe aber nur im Rahmen der Temperaturen, die für sie erträglich sind und in denen sie sich fortpflanzen können. Beim ZDF gibt es eine ausführlichere Auseinandersetzung mit der Studie. (sst)
+++ Haben Sie eigentlich auch gar keine Lust mehr auf diese Rubrik, weil sie Ihnen oft schlechte Laune bereitet? Dem Aktivisten Andrew Boyd würde es wahrscheinlich ähnlich gehen, wenn er RUMS lesen würde. Wie er mit seiner Hoffnungslosigkeit umgegangen ist? Er hat ein Flowchart gebastelt. Schauen Sie sich doch „I Want a Better Catastrophe“ mal an. Sie können klicken und hören. Und vielleicht Ihre eigenen Denkmuster wiedererkennen. (sst)
Ein-Satz-Zentrale
+++ Die Stadtwerke Münster haben im vergangenen Jahr genau 662 Strafanzeigen wegen Schwarzfahrens gestellt und wollen das auch weiterhin machen. (Westfälische Nachrichten)
+++ Die Betreuungszeit in den städtischen Kindertageseinrichtungen auf 35 Stunden zu begrenzen, stößt bei den freien Trägern auf Unmut. (Westfälische Nachrichten)
+++ Das Jugendamt Münster verzeichnet mehr unbegleitete minderjährige Geflüchtete, mehr Inobhutnahmen von Jugendlichen, und außerdem, dass sie länger in ersten Aufnahmeeinrichtungen bleiben. (Westfälische Nachrichten)
+++ Die Stadt lädt am 29. September von 10 bis 19 Uhr zum Austausch über das Baugebiet Hiltrup-Ost am Designkiosk K67 ein. (Stadt Münster)
+++ Die Stadtwerke wollen das Pannen-Windrad Loevelingloh verkaufen. (Antenne Münster)
+++ Die Kneipe „Spooky’s“ an der Hammer Straße hat neue Besitzer. (Westfälische Nachrichten)
+++ Das NRW-Familienministerium gibt Kitas ab August 2024 zehn Prozent mehr Geld und zahlt einmalig 100 Millionen Euro. (Robin Korte und Dorothea Deppermann)
+++ Für die Videoserie „Die Münster-Macher“ hat das städtische Kommunikationsamt einen Preis bekommen. (Stadt Münster)
+++ Die Rathauskoalition will mit einem Kontingent an Wohnungen in neuen Wohngebieten mehr Hilfe für wohnungslose Familien anbieten. (Grüne Münster)
+++ Die CDU will sich für mehr Pflegeplätze in den Außenbezirken einsetzen. (CDU-Fraktion)
+++ Vier Lehrer:innen und 21 Schüler:innen der Erna-de-Vries-Realschule sind 540 Kilometer auf den Spuren der Holocaust-Überlebenden Erna de Vries geradelt. (Westfälische Nachrichten)
Unbezahlte Werbung
Waren Sie schon im Geomuseum? Das hat ja vor Kurzem erst wieder aufgemacht. 16 Jahre hat der Umbau an der Pferdegasse 3 in Beschlag genommen. Jetzt ist das Gebäude aber fertig saniert und auch das Ahlener Mammut ist wieder zurück. Daneben gibt es noch jede Menge Fossilien, Mineralien und andere Ausstellungsstücke zu sehen, die die Entstehung des heutigen Westfalens und die Erdgeschichte nacherzählen. Das Geomuseum hat von Dienstag bis Sonntag zwischen 10 und 18 Uhr geöffnet und jeden zweiten Freitag im Monat traditionsgemäß vier Stunden länger. Der Eintritt ist frei.
Hier finden Sie alle unsere Empfehlungen. Sollte Ihnen ein Tipp besonders gut gefallen, teilen Sie ihn gerne einfach über den Link.
Drinnen und Draußen
Fabian Cohrs hat für Sie heute in paar schöne Tipps zusammengestellt:
+++ Am Freitag beginnt das Filmfestival Münster zum zwanzigsten Mal. Bis zum 1. Oktober wird eine Reihe von Filmen im Schlosstheater gezeigt, vom Kurzfilm über regional-verortete Filmproduktionen hin zu niederländischen Streifen. Den Auftakt macht am Freitagabend um 19:30 Uhr „Es brennt“, ein Drama von Erol Afsin über eine arabische Familie, die nach Deutschland einwandert.
+++ Am Freitag ist der autofreie Tag, ein weltweiter Aktionstag: Das nimmt das Basketball-Team der Uni-Baskets zum Anlass, Fans einzuladen. Motto: „Mit dem Fahrrad zum Season Opener“. Treffpunkt ist um 17 Uhr vor dem Stadthaus 2 am Ludgeriplatz. Anschließend geht es über die Hammer Straße zur Halle Berg Fidel, wo die Basketballer um 19 Uhr gegen die Eisbären Bremerhaven antreten. Alles weitere hier. Und von uns dann noch viel Erfolg!
+++ Am Donnerstagabend findet im Wolfgang Borchert Theater die Premiere von „Anfang und Ende des Anthropozäns“ statt. Das Stück wagt einen satirischen Blick in die Zukunft der Menschheit und begleitet dabei Personen mit verschiedenen Schicksalen und Hintergründen. Tickets für die Aufführung um 20 Uhr und weitere Termine gibt es hier. Die Karten kosten zwischen 24 und 29 Euro.
+++ Wir bleiben beim Donnerstagabend, wechseln aber die Hafenseite zum Hot Jazz Club. Dort tritt Henrik Freischlader ab 20 Uhr mit seiner Bluesrock-Band auf. Tickets gibt es für 25 Euro hier.
+++ Ein Tipp fürs Wochenende: Im LWL-Museum am Domplatz beginnt am Freitag um 19 Uhr ein literarischer Kammermusikabend. Der Blick geht dabei genau hundert Jahre zurück, ins Krisenjahr 1923. Der Schauspieler Roman Knižka führt durch Presseberichte, politische Reden und literarische Werke von Kurt Tucholsky, Bertolt Brecht oder Rainer Maria Rilke. Musik, unter anderem von Carl Nielsen und Paul Hindemith, macht das Bläsequintett „Opus 45“. Planen Sie am besten knapp zwei Stunden ein. Die gute Nachricht zum Schluss: Der Eintritt ist frei.
+++ Am Sonntagabend findet wieder die Faltenrock-Party statt, diesmal im Gleis 22. Gespielt wird alles außer Schlager, vor allem aber Pop und Rock. Wer noch keine 60 Jahre alt ist, braucht eine ältere Begleitung. Weitere Informationen erhalten Sie hier.
+++ Der Börsenverein des deutschen Buchhandels hat heute die Shortlist für den deutschen Buchpreis bekannt gegeben, auf der die sechs Bücher stehen, die es in die engere Auswahl für den Roman des Jahres 2023 geschafft haben. Wenn Sie mitreden wollen, aber keine Zeit, keine Lust oder eine Mischung aus beidem haben, um alle nominierten Romane komplett zu lesen, gehen Sie zu Poertgen Herder. Dort liegt ein graues Büchlein aus, das Sie kostenlos mitnehmen dürfen. Darin werden alle Buchpreis-Romane mitsamt Autor:innen vorgestellt.
Und außerdem?
Wenn es um Missbrauch und sexualisierte Gewalt im Zusammenhang mit der Kirche geht, denken die meisten Menschen wahrscheinlich erst einmal an die katholische Kirche. Sie steht im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit; gerade erst hat die Uni Zürich erste Ergebnisse einer Studie zu Missbrauchsfällen in der Schweiz veröffentlicht und es gibt Vorwürfe gegen einen verstorbenen deutschen Kardinal.
Aber was ist eigentlich mit der evangelischen Kirche? Ist da wirklich so viel weniger passiert, als es die schmale öffentliche Wahrnehmung vermuten lässt? Constanze Busch hat recherchiert und versucht, einen Überblick über die Situation in Münster und der Region zu bekommen.
Möchten Sie mehr erfahren? Dann testen Sie RUMS drei Monate lang zum halben Preis.
Herzliche Grüße
Ralf Heimann
Mitarbeit: Constanze Busch (cbu), Jan Große Nobis (jgn), Sebastian Fobbe (sfo), Svenja Stühmeier (sst)
Lektorat: Antonia Strotmann
PS
Der katholische Priester Thomas Hüwe aus Rheine wird im Netz angefeindet, wie das ZDF hier berichtet, weil Hüwe in einem Gottesdienst mit einem Besucher diskutiert und gesagt hatte: „Die AfD können wir als Christen nicht unterstützen.“ Vor zwei Monaten saß Thomas Hüwe zu Hause bei uns auf der Terrasse, um die Beerdigung meiner Mutter vorzubereiten. Er war so warmherzig und empathisch, wie man es sich von einem Menschen in so einer schwierigen Situation wünschen würde. Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, dass dieser Mann je hetzen könnte. Doch das werfen Rechtsradikale ihm vor. Die Westfälischen Nachrichten haben dokumentiert, was Hüwe gesagt hat. Der Publizist Andreas Püttmann zeigt bei Twitter einen 45-sekündigen Ausschnitt aus der Messe. Dort sieht man: Wenn Rechtsradikale von Hetze sprechen, kann es sein, dass sie meinen: Da bittet einer um Menschlichkeit. Das muss niemand hinnehmen. Der SPD-Politiker und frühere Kriminalbeamte Sebastian Fiedler zeigt hier anderthalb Minuten lang, wie man auf so etwas im besten Fall reagiert. (rhe)