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Hengsbach umdrehen? Ein Interview | RUMS 3 Monate lang zum halben Preis


Münster, 26. September 2023
in Essen hat gestern Morgen ein Kran eine Skulptur von Kardinal Franz Hengsbach aus der Verankerung gehoben und auf die Ladefläche eines Lastwagens gelegt. Der Lastwagen fuhr davon, die Skulptur liegt jetzt vermutlich in einem Lager.
Franz Hengsbach ist seit 32 Jahren tot, aber erst in der vergangenen Woche teilte das Bistum Essen mit, es bestehe der „gravierende“ Verdacht, dass er in seiner Zeit als Weihbischof in Paderborn eine 16-jährige Frau sexuell missbraucht habe.
Es gibt noch einen Vorwurf aus dem Jahr 1967. Und seit die Nachricht in der Welt ist, haben sich weitere Frauen gemeldet.
Der Essener Bischof Franz Overbeck, früher Weihbischof in Münster, hat sich in einem Brief, der im Gottesdienst verlesen wurde, dafür entschuldigt, dass er ersten Vorwürfen vor zwölf Jahren nicht nachgegangen ist. Aus Rom habe es damals geheißen, die Vorwürfe seien nicht plausibel. Im gleichen Jahr stellte man vor der Kirche die Statue auf.
Die Bildhauerin Silke Rehberg aus Münster hat die Skulptur damals im Auftrag des Bistums erstellt. Ein Anruf in ihrem Atelier in Angelmodde.
Frau Rehberg, wie haben Sie davon erfahren, dass Ihre Skulptur jetzt abgebaut wird?
Ich habe das alles in der Presse verfolgt.
Das Bistum hat sich nicht bei Ihnen gemeldet?
Nein, bei mir hat sich in der vergangenen Woche niemand gemeldet. Ich bin auch nicht darüber informiert worden, dass die Statue abgebaut wird. Die Entscheidung fiel ohne mich.
Und was denken Sie jetzt? Sind Sie enttäuscht?
Nein, jedenfalls nicht, weil man nicht mit mir gesprochen hat. Das ist nicht das Entscheidende.
Worum geht es dann?
Was ich dem Bistum vorwerfe, ist, dass es jetzt wieder so verfährt wie in den vergangenen Jahren. Wenn es Missbrauchsvorwürfe gab, hat man von oben entschieden, man hat den Priester weggeschafft, damit war das Problem dann gelöst. Aus den Augen, aus dem Sinn. Dass man diese Praxis jetzt fortführt, das stört mich massiv.
Die Statue besteht aus zwei Teilen: dem aufrecht stehenden Bischof und einem Wolf, der zu seinen Füßen mit dem Rücken nach unten hängt. Auf Ihrer Instagram-Seite haben Sie vorgeschlagen, die Statue umzudrehen.
Ja, man würde sie damit konsequent weiterentwickeln. Zurzeit hängt der Wolf am Kardinal, dann würde der Kardinal vom Wolf abhängen. Die Idee war schon in der Skulptur angelegt.
Welche Bedeutung hat denn der Wolf?
Es gibt eine Erzählung vom Wolf von Gubbio. Darin überzeugt Franz von Assisi einen Wolf davon, dass die Menschen ihn füttern werden, wenn er sich friedlich verhält. Das macht der Wolf. Er wird zum zahmen Haustier. Wir kennen aber auch den Ausspruch, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist: Und in diesem Wolf, der ambivalenten Gestalt, spiegelt sich die Statue.
In einem Interview haben Sie gesagt, der Wolf sei schon immer Ausdruck Ihrer Skepsis gegenüber Hengsbach gewesen. Wussten Sie 2011, als die Statue aufgestellt wurde, von den Vorwürfen gegen den Kardinal?
Nein, es waren keine konkreten Zweifel. Damals gab es keine bekannten Vorwürfe. Man hatte mich beauftragt, ein Porträt von Kardinal Hengsbach zu erschaffen, das auf dem Domplatz stehen sollte. Dieser Aufgabe habe ich mich gestellt. Und weil ich ihn nicht persönlich kannte und er zu dieser Zeit ja schon tot war, habe ich angefangen zu recherchieren.
Was haben Sie herausgefunden?
Dass Hengsbach eine sehr illustre Gestalt war, und dass er sehr gut beschrieben ist. Im Ruhrgebiet ist kaum eine Person so oft fotografiert worden wie er. Hengsbach hat eine unglaubliche Bedeutung für das Ruhrgebiet. Er ist ja Gründungsbischof des Bistums.
Welchen Eindruck hatten Sie selbst von ihm, nachdem Sie sich mit ihm beschäftigt haben?
Er wurde mir immer als Lichtgestalt verkauft, also als einer, der im Grunde nur positive Eigenschaften hat. Und das hat mich doch skeptisch gemacht. Ich hörte immer: Der war einfach nur ein Gutmensch. Und wenn ich so etwas höre, dann recherchiere ich doch weiter.
Auf was sind Sie gestoßen?
Unter anderem darauf, dass Hengsbach neben seinen offenbar großen kommunikativen und diplomatischen Fähigkeiten auch eine sehr autoritäre und im Kirchenkontext konservativ bewahrende Gestalt war. Diese allegorische Zutat des Wolfes stand schon immer für diese Ambivalenz.
Wissen Sie, wo die Statue sich gerade befindet?
Nein, sie ist irgendwo eingelagert. Aber wo, das weiß ich nicht.
Haben Sie Einfluss darauf, was jetzt mit ihr passiert?
Ich habe die Urheberrechte an der Figur. Aber die gelten für den Fall, dass jemand das Werk verändert. Die Skulptur ist Eigentum des Domkapitels. Und das darf sie abbauen. Ich habe da wohl keine Rechte. Ich könnte das prüfen lassen, aber ich habe gar kein so großes Interesse daran, meine Rechte geltend zu machen. Ich denke nicht in juristischen Bahnen, sondern kümmere mich um Bilder und Formen: Ich bin Plastikerin.
Stehen Sie denn inzwischen in Kontakt mit dem Bistum?
Der designierte Domprobst hat mich Anfang der Woche angerufen. Er hat mich informiert, und jetzt sucht man das Gespräch, um zu überlegen, wie es weitergeht. (rhe)
Ein-Satz-Zentrale
+++ Die Sperrung der Bergstraße endet am Donnerstag, eineinhalb Monate früher als geplant. (Stadt Münster)
+++ Wegen des Radrennens am nächsten Dienstag sind tagsüber mehrere Straßen gesperrt. (Stadt Münster)
+++ Nach dem Tod eines dreijährigen Kindes bei einem Verkehrsunfall in Angelmodde am Wochenende kommt die Polizei zu dem vorläufigen Ergebnis, dass der Fahrer den Unfall nicht hätte vermeiden können. (Westfälische Nachrichten)
+++ Ein brennender Güterzug in der Region Hannover hat heute Morgen Verspätungen von Zügen auch in Münster verursacht. (Neue Westfälische)
+++ Die Aral-Tankstelle an der Wolbecker Straße wird abgerissen. (Westfälische Nachrichten)
+++ Maria Näther übernimmt die Leitung der Halle Münsterland und wird damit die Nachfolgerin von Ursula Paschke, die in Rente geht. (Antenne Münster)
+++ Die Münsteraner FDP kritisiert, dass das Land NRW das Programm „NRW.Zuschuss Wohneigentum“ eingestellt hat und nennt das einen „Feldzug gegen Wohneigentum“. (FDP Münster)
+++ Die umweltpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion, Babette Lichtenstein van Lengerich, schlägt vor, nicht genehmigte Förderanträge zur Gebäudesanierung noch einmal zu prüfen, damit der bislang noch mit 1,4 Millionen Euro gefüllte Fördertopf dann am Ende auch leer und das Ziel, mehr Gebäude zu sanieren, erreicht ist. (CDU Münster)
+++ Dem Bistum Münster fehlen im nächsten Jahr über 30 Millionen Euro an Einnahmen, um die Ausgaben zu decken. (Bistum Münster)
Unbezahlte Werbung
Sieben Freunde und ein gemeinsamer Traum: die eigene Bar. Mit der Eröffnung des Zwanzig20 an der Hammer Straße (Ecke Goebenstraße) haben sie sich ihn erfüllt. Der Pachtvertrag lief zunächst bis 2020 – so entstand der Name. Seitdem hat sich die Eckkneipe in Münsters Süden etabliert. Auf der Karte stehen ausschließlich lokal produzierte Getränke. Das Zwanzig20 hat dienstags bis freitags ab 18 Uhr und samstags ab 14 Uhr geöffnet. Für Festanlässe kann man die Bar mieten.
Hier finden Sie alle unsere Empfehlungen. Sollte Ihnen ein Tipp besonders gut gefallen, teilen Sie ihn gerne einfach über den Link.
Drinnen und Draußen
Heute hat Deike Terhorst ein paar Veranstaltungstipps für Sie gesammelt:
+++ Das Stück „Koreality“ des Tanz-Theaters „bodytalk“ berichtet über Mythen und Realitäten eines geteilten Landes. Die neunköpfige Gruppe tritt morgen um 20 Uhr im Pumpenhaus auf. Tickets gibt es im Online-Vorverkauf für 18 Euro, ermäßigt für 10.
+++ Das Cinema zeigt am Donnerstag um 18 Uhr die hochgelobte Dokumentation „Vergiss Meyn nicht“. Der Film setzt sich aus den Aufnahmen des 2018 im Hambacher Forst tödlich verunglückten Filmstudenten Steffen Meyn zusammen. Es geht unter anderem um die Frage, wie weit Klimaaktivismus gehen darf. Eine sehr gute Kritik des Films ist in der Frankfurter Rundschau erschienen. Regisseur Kilian Kuhlendahl und Elisabeth Meyn, die Mutter von Steffen Meyn, sind für einen Austausch vor Ort. Karten für die Veranstaltung sind online und an der Cinema-Kasse erhältlich.
+++ Am Safe Abortion Day, der auf sichere Schwangerschaftsabbrüche aufmerksam machen will, ist im Specops am Aegidiimarkt der Film „Call Jane“ zu sehen. Er erzählt die Geschichte einer Gruppe von Frauen, die Ende der Sechzigerjahre in Chicago ein geheimes Netzwerk für Schwangerschaftsabbrüche aufgebaut hat. Vor der Filmvorführung gibt pro familia Einblicke in die aktuelle Versorgungslage, nach dem Film besteht die Möglichkeit zum Austausch. Los geht es um 18:30 Uhr. Der Eintritt ist frei.
+++ Die Kunsthistorikerin Wendy Shaw hält am Donnerstag um 19 Uhr im LWL-Museum für Kunst und Kultur einen Vortrag über islamische Kunst und ihre Wahrnehmung. Dabei bezieht sich die Professorin der Freien Universität Berlin vor allem auf philosophische, religiöse und theologische Texte in Arabisch, Persisch, Türkisch und Urdu. Eintritt: 5 Euro. Tickets gibt es online und an der Abendkasse.
Und sonst?
Wie kann Wirtschaft sozialer und ökologischer werden? Mit Gemeinwohlbilanzen zum Beispiel, das haben 2018 schon CDU und Grüne für Unternehmen in Münster angeregt. Fünf Jahre später ist allerdings noch nicht so viel passiert. Woran das liegt und was man sich von solchen Bilanzen erhofft, hat Sebastian Fobbe im RUMS-Brief aufgeschrieben.
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Herzliche Grüße
Ralf Heimann
Mitarbeit: Svenja Stühmeier (sst), Jan Große Nobis (jgn), Imke Noetzel (ino), Deike Terhorst (dte)
Lektorat: Antonia Strotmann
PS
Das Tolle an Wimmelbüchern ist: Man findet immer wieder neue Details, die man vorher noch nicht gesehen hatte. Manchmal sucht man allerdings auch Details vergebens, von denen man sich eigentlich sicher war, dass es sie gab. In dem vor vier Jahren erschienenen Buch „Münster wimmelt“ zum Beispiel fehlen am Turm der Lambertikirche drei Körbe, die dort – ich habe es gestern überprüft – in Wirklichkeit weiterhin hängen. Und dann findet man in Wimmelbüchern auch Dinge, bei denen man schon auf den ersten Blick sieht: Irgendwas stimmt da nicht. In dem Münster-Wimmelbuch sieht man zum Beispiel auf der rechten Seite ganz zweifelsfrei das Gebäude, in dem vor 375 Jahren der westfälische Friede geschlossen wurde. Vorne rechts am Eingang sitzt Onkel Willi und spielt Gitarre, rechts unten sieht man den Bischof, und über den Säulen steht in großen Buchstaben: „Photo Porst“. (rhe)
PPS
Und noch etwas in eigener Sache: Im September hatten wir einen großen Relaunch angekündigt, voraussichtlich für Oktober. Und wie das mit Voraussagen so ist: Der Termin verschiebt sich. Warum genau, das wollen Sie gar nicht wissen. Kurz gesagt: technische Probleme. Wer sich beruflich oder freiwillig mit Websites, Zahlungsdienstleistern und anderem Technik-Kram beschäftigt, kann sich das ungefähr vorstellen. Die gute Nachricht zum Schluss: Wir haben schon einen neuen Termin, wenn diesmal alles klappt. Und der liegt voraussichtlich im Januar.