Vorerst keine Margot-Friedländer-Straße | Familienunternehmer zur AfD | Unbezahlte Werbung: Klunie’s

Portrait Raphael Balke neu
von Raphael Balke

Guten Tag,

am 8. Februar entscheiden die Bewohner des Bezirks Münster-Mitte, ob fünf Straßen in Münster umbenannt werden. Die aktuellen Straßennamen haben Bezug zum Nationalsozialismus. Die Langemarckstraße ist beispielsweise nach der Schlacht von Langemarck aus dem Ersten Weltkrieg benannt. Bei der Schlacht starben viele junge Soldaten. Die Nationalsozialisten instrumentalisierten die Schlacht zum Mythos für ihre Kriegspolitik.

Auch RUMS-Leser Matthias Pape beschäftigen die Straßennamen in Münster, wie er uns schrieb. Er wünscht sich, dass eine Straße künftig einen besonderen Namen trägt: Den der im Mai verstorbenen Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer. Sie überlebte während der NS-Zeit das Konzentrationslager Theresienstadt und engagierte sich nach ihrer Rückkehr nach Deutschland 2004 für Freiheit, Demokratie und Menschlichkeit.

Die Wirtschaftliche Gesellschaft für Westfalen und Lippe ehrte Friedländer kurz vor ihrem Tod mit dem Westfälischen Friedenspreis (RUMS-Brief). Die damals 103-Jährige trug sich außerdem in das goldene Buch der Stadt ein. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte: „Sie helfen uns nicht nur, uns zu erinnern. Sie klären auf, was Deutschland vor 1933 in den Abgrund geführt hat.“

Pape fragte bereits im Mai bei der Stadt an, ob eine wichtige Straße in Münster nach Friedländer benannt werden könnte. Damals verschob die Stadt den Vorschlag – um zehn Jahre. Sie nannte zwei Gründe. Zum einen muss die Person mindestens zehn Jahre vor der Ehrung gestorben sein. Das ist in den Leitlinien der Stadt zur Ehrung im öffentlichen Raum festgelegt. Zum anderen sei die Wirkung einer Umbenennung dann noch größer als jetzt, wo die Person noch allseits präsent sei.

Zur Einordnung: Die Zehn-Jahres-Frist ist Teil der Ratsleitlinien für Ehrungen im öffentlichen Raum. Beschlossen hat sie der Rat der Stadt. Die Verwaltung – und damit auch der Oberbürgermeister – kann die Regeln nicht eigenständig ändern, aber ein Oberbürgermeister könnte politisch anregen, sie zu überprüfen oder eine entsprechende Vorlage in den Rat einzubringen. Entscheiden würde dann aber wieder der Rat.

Als Matthias Pape die Stadt fragte, hieß der Oberbürgermeister in Münster noch Markus Lewe und war von der CDU, die bei der Benennung oder Umbenennung von Straßen oft andere Vorstellungen haben als die Grünen. Bewertet die Stadt die Situation unter dem Grünen Tilman Fuchs jetzt anders?

Nein, die Stadt werde nicht darauf hinwirken, die fragliche Frist zu verkürzen, schreibt das Kommunikationsamt. Eine Margot-Friedländer-Straße wird es in Münster also frühestens ab 2035 geben. Ihr Name stehe aber bereits auf der Vorschlagsliste.

Korrekturhinweis: Aus der ursprünglichen Version ging nicht klar hervor, dass der Oberbürgermeister die Zehn-Jahres-Fristg selbst nicht ändern könnte. Er könnte lediglich eine Änderung anregen. Entscheiden würde darüber der Rat. Wir haben das verdeutlicht. Vielen Dank an Jolanta Vogelberg für den Hinweis.

Andere Städte sind damit schneller. Berlin plant bis zu ihrem Todestag den Platz vor dem Berliner Abgeordnetenhaus nach Margot Friedländer zu benennen. Auch dort ist das eigentlich erst fünf Jahre nach dem Tod einer Person erlaubt. In diesem Fall soll der Senat aber eine Ausnahme beschließen. Auch Hamburg möchte eine Straße im Viertel Wandsbek nach Friedländer benennen, allerdings erst zwei Jahre nach ihrem Tod. In Bad Bramstedt im Kreis Segeberg soll in einem Baugebiet künftig die Margot-Friedländer-Straße sein. Und Menden ist allen voraus: Dort wurde bereits der Margot-Friedländer-Platz eingeweiht.

Auch wenn eine Margot-Friedländer-Straße in Münster frühestens in zehn Jahren geplant ist, alle anderen Kriterien erfüllt der Vorschlag bereits jetzt schon. Frauen sollen künftig Vorrang haben bei der Benennung von Straßen. Außerdem schreibt die Stadt: „Verfolgte und Opfer des Nationalsozialismus und von Verbrechen gegen die Menschlichkeit können durch die Benennung von Infrastruktur geehrt werden.“

Vor allen anderen Richtlinien steht an erster Stelle der Auflistung, dass Münster sich als Friedensstadt versteht und einen Beitrag zur Völkerverständigung leisten möchte. Ehrungen sollen dazu passen. Margot Friedländer forderte immer wieder Respekt füreinander und betonte die Gleichheit der Menschen. Besonders oft appellierte sie: „Wir sind alle gleich. Seid Menschen!“ (rba)

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Wie es weiterging

…mit dem Vorwurf, Münster sei selbst schuld an der leeren Kasse

Der stellvertretende Grünen-Fraktionssprecher Albert Wenzel widerspricht der Darstellung der CDU-Landtagsabgeordneten Simone Wendland (RUMS-Brief), Münster sei für seine finanziellen Probleme selbst verantwortlich. Zum einen habe Essens CDU-Oberbürgermeister Thomas Kufen erst in der vergangenen Woche Land und Bund für die unzureichende Finanzausstattung der Städte kritisiert. Zum anderen sei es „befremdlich“, mit welchem Engagement Wendland eine Regelung verteidigt, die die Menschen in Münster um 35 Millionen Euro schlechter stelle. Um das Statement hatten wir die Grünen am Dienstag gebeten, es dann aber im Postfach übersehen. (rhe)

Wie es weiterging

…mit der Debatte über den OB-Podcast

Nach seiner Analyse im RUMS-Brief am Dienstag über den neuen OB-Podcast der Stadt hat Ralf Heimann in einem Kommentar für den MDR die Hintergründe der Debatte noch etwas genauer analysiert. Und heute Nachmittag hat er im Deutschlandfunk-Medienmagazin „@mediasres“ mit der Medienprofessorin Leyla Dogruel und dem Chefredakteur der„Märkischen Oderzeitung“, Claus Liesegang, diskutiert. Das komplette Gespräch finden Sie hier. (rhe)

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Kurz und Klein

+++ In vielen Bahnhöfen in Nordrhein-Westfalen kommen Reisende inzwischen ohne Stufen zum Gleis – laut dem WDR sind 84 Prozent komplett stufenfrei. Glaubt man der Grafik vom WDR, geht Münster geht mit gutem Beispiel voran: Bis auf den Bahnhof in Amelsbüren seien alle Bahnhöfe ebenerdig oder mit Fahrstühlen ausgestattet. In Realität sieht das allerdings etwas anders aus: Auch in Sprakel und Albachten fehlen die Fahrstühle. Auch tastbare Leitstreifen fehlen an den drei Bahnhöfen, so wie in fast der Hälfte aller NRW-Bahnhöfe. Insgesamt schneidet Westfalen-Lippe deutlich besser ab als zum Beispiel der Rhein-Ruhr-Raum. (ani)

In einer vorherigen Version dieser Meldung stand, dass bis auf den Amelsbürener Bahnhof, alle Bahnhöfe in Münster stufenfrei sind. Das stimmte nicht.

+++ Die Wochenzeitung „Die Zeit“ hat analysiert, woher Einwohner:innen aus Münster kommen, genauer gesagt, wo sie geboren wurden. Das hat die Redaktion für insgesamt 60 Großstädte in Deutschland gemacht. Für Münster ist herausgekommen, dass die meisten (die nicht hier geboren wurden) aus Coesfeld, Rheine, Hamm oder Steinfurt kommen. Also aus Städten, die nicht länger als eine Stunde Autofahrt entfernt sind. Auf Platz fünf sieht das allerdings ganz anders aus. Da steht Molochansk, eine Stadt im Süden der Ukraine. Mehr als 2.300 gebürtige Molochansker:innen wohnen in Münster. Der „Zeit“ zufolge werden deutsche Städte durch Kriege und Krisen immer internationaler. In Münster macht sich das in den Zahlen nicht wirklich bemerkbar. Zum Vergleich: In Berlin landen zwei syrische Städte und die russische Hauptstadt Moskau unter den Top Ten. Generell kommen die meisten Zugezogenen eher aus dem Umkreis, rund 40 Prozent laut der Bundeszentrale für politische Bildung. Zu genau sollte man es mit dem Ort allerdings auch nicht nehmen, denn der Geburtsort ist nicht immer der Ort, in dem ein Kind aufwächst. Dass Coesfeld so weit vorne liegt, könnte damit zusammenhängen, dass die umliegenden Orte keine Krankenhäuser haben. Eine kurze Umfrage im Büro hat die These bestätigt: Bei drei von vier Personen ist der Geburtsort nicht die Stadt, in der sie aufgewachsen sind. (ani)

+++ Der Anwalt der in Bochum angeschossenen Zwölfjährigen, die aus einer betreuten Einrichtung in Münster stammt, widerspricht inzwischen laut der Tageszeitung „nd“ allen zentralen Angaben von Polizei und Staatsanwaltschaft (RUMS-Brief). Die Behörden hatten behauptet, das gehörlose Mädchen habe die Beamtinnen mit zwei Messern angegriffen, bevor Polizei zunächst einen Taser und dann Schüsse einsetzte. Laut Anwalt Simón Barrera González, der inzwischen mit der ebenfalls gehörlosen Mutter und dem Bruder sprechen konnte, habe es jedoch keinerlei Notwehrsituation gegeben. Er wirft der Polizei einen von Beginn an eskalierenden Einsatz vor, bei dem sogar die Sicherungen im Haus abgestellt und die Mutter fixiert worden sei, bevor geschossen wurde. Und er kritisiert auch falsche oder verzerrte Angaben der Behörden zum Gesundheitszustand des Mädchens sowie eine Öffentlichkeitsarbeit, die Persönlichkeitsrechte verletzt habe. Weder die Familie noch ihre Anwältinnen seien bisher vernommen worden. (rhe)

+++ Eine neue Studie zeigt, dass der Tourismus im Münsterland im vergangenen Jahr ungefähr rund zwei Milliarden Euro in die Region gebracht hat. Laut dem Regionalverband Münsterland verbirgt sich hinter der Zahl nicht nur der Umsatz von Hotels, sondern auch der durch Tagesgäste, Menschen, die in Privatunterkünften schlafen und Dauercampern – Angaben, die in offiziellen Statistiken oft fehlen. Insgesamt hat das Verband im vergangenen Jahr in der Region 7,8 Millionen Übernachtungen und 41 Millionen Tagesreisen gezählt. Besonders profitiert hätten davon die Gastronomie und der Einzelhandel. (rhe)

+++ Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe will die Städte und Kreise, darunter auch Münster, im kommenden Jahr finanziell entlasten. LWL-Direktor Georg Lunemann kündigte im Landschaftsausschuss in Münster laut einer Mitteilung an, für das kommende Jahr einen Nachtragshaushalt vorzubereiten und den Hebesatz der Landschaftsumlage von 18,45 auf 17,8 Prozent zu senken – eine Entlastung von knapp 129 Millionen Euro für die Mitgliedskommunen. Grund sind höhere Steuereinnahmen als im vergangenen Jahr prognostiziert. Zugleich warnte Lunemann, dass die Umlage langfristig weiter steigen werde, vor allem wegen wachsender Kosten in der Eingliederungshilfe. Sie unterstützt Menschen mit Behinderung dabei, selbstbestimmt am Leben teilzunehmen. Um welche Summe genau Münster entlastet wird, ist noch nicht klar. (rhe)

Der Rürup
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Brandmauer adé?

Der Verband der Familienunternehmer will künftig auch mit der AfD sprechen. Einige Firmen sind deswegen ausgetreten. Wie kommt der Kurswechsel in Münster an?

Familienunternehmen, das wirkt bodenständig. Das klingt nach der Werkstatt, die Papa seiner Tochter vermacht, nach der Metzgerei in dritter Generation. Wonach es weniger klingt: Umsätze in zwei- bis dreistelliger Millionenhöhe. Eine Studie der Stiftung Familienunternehmen schätzt, dass knapp ein Drittel aller Unternehmen, die mehr als 50 Millionen Euro Umsatz erwirtschaften, Familienunternehmen sind.

Der Verband der Familienunternehmer vertritt die Interessen dieser Firmen. Im Gespräch mit dem „Handelsblatt“ sagte Verbandspräsidentin Marie-Christine Ostermann, das Kontaktverbot zu AfD-Abgeordneten sei aufgehoben. Im Oktober hatte der Verband bei einer Veranstaltung neben anderen Parteien auch Vertreter der AfD eingeladen. Anschließend verdeutlichte Ostermann die Position des Verbandes: „Die Hoffnung, man könne ein Viertel der bundesdeutschen Wähler durch moralische Ausgrenzung zur Umkehr bewegen, ist nicht aufgegangen.“

Künftig möchte der Verband diskutieren. „Jetzt hilft nur noch die Auseinandersetzung mit den Inhalten der AfD, jenseits von schlichten Kategorisierungen in ‚gut‘ und ‚böse‘“, sagt Ostermann.

Und was sagen die Firmen in Münster? Das ist schwer herauszufinden. Der Verband hat unsere Frage, wie viele Unternehmen aus Münster Mitglied seien, nicht beantwortet. Dirk Brenschede, Verbandsvorsitzender für das Münsterland und die Region Osnabrück, sagt auf Anfrage lediglich, er könne noch nichts sagen.

Daher haben wir eine Auswahl an Familienunternehmen aus Münster selbst gefragt, ob sie Mitglied sind und wie sie den Umgang des Verbands mit der AfD bewerten.

Was spricht für den Dialog?

In den meisten Fällen kam keine Antwort. Die Unternehmen Weicon, der Hölker Verlag, die Bauer Vermögensverwaltung, die H. Gautzsch Firmengruppe, MTG Germany, Winkhaus, L. Stroetmann und Brillux beantworteten unsere schriftliche Anfrage bisher nicht. Die Familienunternehmen Hengst, die Pinkus Brauerei und BabyOne teilten mit, sie seien nicht Mitglied in dem Verband. Der Sprecher des Energieversorgers Westfalen antwortete, man sei zwar Mitglied, wolle die Diskussion darüber aber gern erst verbandsintern führen.

Das Logistikunternehmen Fiege dagegen positionierte sich deutlich, zwar anders als der Verband – trotz Mitgliedschaft. „Wir stehen für offenen und konstruktiven Dialog mit demokratischen Parteien und dazu gehört die AfD nicht“, sagt Sprecherin Kati Wilmsmeier.

Das Unternehmen führe keine Gespräche mit der AfD, Vielfalt sei ihm sehr wichtig. Auf die Frage, wie Fiege mit der neuen Haltung des Verbandes umgehen werde, äußerte sich die Sprecherin nicht.

Kritik am Vorstoß des Verbandes gab es auch von der Mittelstands- und Wirtschaftsunion der CDU Münster. „Unternehmer tragen Verantwortung nicht nur wirtschaftlich, sondern auch gesellschaftlich“, sagt der Vorsitzende Peter Laurenz Börgel in einer Pressemitteilung. Und: „Die AfD nutzt allein die Annäherung eines einzigen Verbandes sofort medial aus – als vermeintliche Bestätigung, als Beweis angeblicher Normalität.“

Die Verbandsvorsitzende Ostermann betont dagegen, an der Haltung des Verbandes zur AfD habe sich nichts geändert. „Wir halten sie für nicht regierungstauglich“, sagt Ostermann. Dabei bezieht sie sich auch direkt auf die Wirtschafts- und Sozialpolitik, die widersprüchlich und überwiegend falsch sei. Auch das Gesellschaftsbild der AfD lehne man ab.

Wenn die Positionen dem Verband so fremd sind, was spricht dann für den Dialog mit der Partei? „Mit einem Andersdenkenden zu diskutieren heißt nicht, seine Positionen zu akzeptieren. Reden heißt nicht zusammenarbeiten“, sagt Ostermann. Wer gar nicht mehr rede, habe inhaltlich aufgegeben.

Früher klang das deutlicher

Es bleibt die Frage: Warum sollte es ausgerechnet dem Verband gelingen, die Widersprüche der Partei aufzuzeigen – wenn daran bisher alle Parteien gescheitert sind? Der Wirtschaftsethiker Marcus Scholz von der TU Dresden ist da skeptisch. Die AfD lasse sich nicht über inhaltliche Debatten enttarnen, denn sie stelle grundsätzlich die Idee von Wahrheit in Frage, sagt er.

Doch für wen spricht Präsidentin Ostermann? Knapp 3,2 Millionen Familienunternehmen gibt es in Deutschland, schätzt das Institut für Mittelstandsforschung Bonn. Nur ein Bruchteil davon sind Mitglieder im Verband der Familienunternehmer: 6.500.

Mitglied darf nur werden, wer mindestens 40 Jahre alt ist, mindestens zehn Mitarbeitende angestellt hat und mindestens einen Umsatz von einer Million Euro erwirtschaftet. Eine öffentliche Mitgliederliste gibt es nicht. Wie sich der Verband kritisch mit der Partei auseinandersetzen möchte, erklärt er in einem Statement auf seiner Website – zumindest ein bisschen.

Dort verweist er auf ein eigenes Analysepapier zur Wirtschaftspolitik der AfD aus dem vergangenen Jahr. Damit habe man die Vorstellungen der AfD auf Herz und Nieren geprüft. Ergebnis: untauglich. Was sich seit der Veröffentlichung geändert hat und wie sich der Verband in Zukunft inhaltlich mit der AfD auseinandersetzen will, lässt das Statement aus.

Früher klang das noch deutlicher. Zur Landtagswahl in Sachsen brachte der Verband Plakate gegen die AfD an zwei sächsischen Flughäfen an. „Keine Reise ins Blaue. Sachsens Wirtschaft braucht Zuversicht“, stand darauf. Und dann ist da noch das eben erwähnte Analysepapier.

Titel: Die wirtschaftsfeindliche Politik der AfD. Darin heißt es unter anderem, der Standort Deutschland würde gravierend an Wettbewerbsfähigkeit verlieren, wenn es nach den Plänen der AfD ginge.

Und was genau plant die AfD für die deutsche Wirtschaft? Einen Einblick liefert das Wahlprogramm der Partei zur Bundestagswahl Anfang des Jahres. Statt der Europäischen Union in ihrer aktuellen Form möchte die AfD einen Bund europäischer Nationen gründen. Dazu soll Deutschland aus dem Euro-System austreten und stattdessen eine nationale Währung einführen. Und bevor Fachkräfte außerhalb von Europa einwandern, möchte die Partei „zunächst die heimischen Potenziale ausschöpfen“, schreibt sie.

Kritik von Wirtschaftsinstituten

Eine Studie des wirtschaftsnahen Instituts der deutschen Wirtschaft bemängelt die Pläne. Ein Austritt Deutschlands aus der Europäischen Union sei mit enormen Folgekosten verbunden.

Dazu kritisieren die Autoren, dass Arbeitskräfte aus dem Ausland Bedenken haben können, in einem Land zu arbeiten, in dem eine der stärksten Parteien den Wahlkampf mit dem Stichwort Remigration bestreite. Stattdessen brauche es mehr qualifizierte Zuwanderung, so die Studie. Bis zu 1,5 Millionen Arbeitskräfte, um Wachstumspotenziale der vergangenen beiden Jahrzehnte zu erreichen.

Die Studie kritisiert auch die Energiepläne der AfD. Statt auf erneuerbare Energien möchte die AfD künftig auf Kohle-, Gas- und Atomkraft setzen. Klimawandel habe es schon immer gegeben, der Anteil der Menschen sei wissenschaftlich ungeklärt, schreibt die AfD in ihrem Wahlprogramm.

Ein anderes deutsches Wirtschaftsinstitut kritisiert die Pläne ebenfalls. Marcel Fratzscher, Präsident des sozialliberalen Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, schreibt in einer „Zeit“-Kolumne, die Wirtschaftspolitik, die die AfD fordere, würde Deutschlands Wohlstand verspielen. Er warnt unter anderem vor Massenarbeitslosigkeit, sinkenden Einkommen, höheren Preisen und Inflation.

Wie deutlich sich die Pläne der AfD von den Zielen des Verbandes der Familienunternehmer unterscheiden, zeigt das erwähnte AfD-Analysepapier des Verbandes. Darin heißt es, auf große Fragen brauche es europäische Antworten, der EU-Binnenmarkt sei entscheidend für den Erfolg der deutschen Wirtschaft, und Familienunternehmen seien auf Arbeits- und Fachkräfte aus dem Inland, der Europäischen Union und aus Drittstaaten angewiesen.

Dazu würde Deutschland laut dem Papier unter der AfD den effizienten, marktwirtschaftlichen Weg zur CO2-Reduzierung verlassen, der in den bereits einbezogenen Sektoren Industrie und Energie sehr erfolgreich sei. Das abschließende Fazit des Verbandes: „Entgegen den eigenen Behauptungen hat sich die AfD entschieden gegen die Interessen des familiengeführten deutschen Mittelstands und zum Schaden des Standorts Deutschland aufgestellt.“

Nächste Instanz in Münster?

Wieso also mit einer Partei sprechen, deren Pläne so deutlich den eigenen Ziele entgegenstehen? Um sich mit den Inhalten auseinanderzusetzen, schreibt der Verband.

Die Rückmeldung aus der Mitgliedschaft unterstütze dieses Vorgehen. Auf alle Mitglieder scheint das nicht zuzutreffen. Die Deutsche Bank hat einen Vertrag für eine in ihren Räumen geplante Veranstaltung des Verbandes gekündigt. Die Unternehmen Rossmann, Fritz-Kola und Vorwerk haben den Verband nach den Äußerungen verlassen.

Ihnen geht es vor allem um das, was im Statement des Verbandes der Familienunternehmer wenig Beachtung findet: Der Verfassungsschutz stuft die AfD aktuell als Verdachtsfall ein. Zwischenzeitlich hatte die Behörde sich schon darauf festgelegt, die gesamte Partei als „gesichert rechtsextremistisch“ einzustufen. Weil die Partei dagegen klagte, verzichtete der Verfassungsschutz auf die Bezeichnung, bis es ein Urteil gibt.

Darüber entscheidet das Verwaltungsgericht Köln. In der nächsten Instanz könnte der Prozess dann wieder in Münster landen – vor dem Oberverwaltungsgericht. In jedem Fall wird es noch dauern. (rba)

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Klima-Update

+++ Zwei Klimaschutz-Projekte der Fachhochschule bekommen von der Bezirksregierung knapp 1,8 Millionen Euro. Laut der Behörde gehen 1,1 Millionen an ein Team, das eine frei zugängliche digitale Planungssoftware entwickelt. Sie soll Kommunen helfen, kommunale Wärmepläne zu erstellen, also die Wärmeversorgung klimafreundlich zu machen. Das übrige Geld geht an ein Projekt, das erforscht, wie Kläranlagen durch erneuerbare Energien, Abwärme, Speichertechnologien und perspektivisch Wasserstoff zu energieeffizienten, klimafreundlichen Infrastrukturzentren weiterentwickelt werden können, also zu Orten, an denen Kommunen künftig selbst Energie erzeugen, speichern und ins Netz einspeisen können. (rhe)

Korrektur

Im RUMS-Brief am Dienstag haben wir geschrieben, dass die Wirtschaftsinitiative Münster die Haltung des Verbandes der Familienunternehmer zur AfD kritisiert. Dabei haben wir versäumt, offenzulegen, dass RUMS Mitglied der Wirtschaftsinitiative ist. Das holen wir hiermit nach. In der ursprünglichen Meldung haben wir es nachträglich eingefügt. (rba)

Ein-Satz-Zentrale

+++ Falls Sie sich fragen, wie man mit Bus, Bahn oder Park and Ride entspannt zu den Weihnachtsmärkten kommt, können Sie das in der Übersicht der Stadtverwaltung nachschauen. (Stadt Münster)

+++ Auf der Mondstraße mussten die Asphaltarbeiten wegen Kälte pausieren und könnten womöglich Anfang Dezember weitergehen, wenn’s wärmer wird. (Stadt Münster)

+++ Im York-Quartier plant die Landmarken AG ab 2026 ein neues Zentrum mit Geschäften. (Stadt Münster)

+++ Das Studierendenwerk baut am Geschwerweg zwei Wohnheime, in denen ab 2028 rund 190 Studierende unterkommen sollen. (Westfälische Nachrichten)

+++ An der Warendorfer Straße in Mauritz steht der kleine Stadtteilmarkt vor dem Aus, weil nach dem Rückzug eines Betriebs niemand mehr die Organisation übernehmen will. (Westfälische Nachrichten)

+++ Susanne Menzel-Riedl, die im Februar für die Leitung der Uni Osnabrück ausgezeichnet wurde, wird ab Oktober 2026 neue Rektorin der Uni Münster. (Uni Münster, Neue Osnabrücker Zeitung)

+++ In Münster fehlten Beschäftigte im vergangenen Jahr im Schnitt knapp 20 Tage – und damit deutlich seltener als im NRW-Schnitt. (Bayerischer Rundfunk)

+++ Der Fahrdienst Uber ist seit Kurzem in Münster verfügbar. (Westfälische Nachrichten)

+++ Das Land Nordrhein-Westfalen fördert den Bau eines neuen Batterieforschungsgebäudes auf dem Gelände des Technologiehofs mit knapp sieben Millionen Euro. (Bezirksregierung Münster)

+++ Die Asche des Bahn-Enthusiasten Achim Beckers ist mit einem vor seinem Tod von ihm selbst organisierten Sonderzug in Begleitung von Freunden und Familie von Mönchengladbach nach Münster gebracht worden, wo er nun auf dem Friedhof liegt. (WDR Münster, Alles Münster)

Unbezahlte Werbung

Das obere Mittelrheintal ist nicht nur ein sagenhaft schönes Ausflugsziel, sondern auch ein riesiges Weinanbaugebiet. Auf den Steilhängen und Schieferböden wächst vor allem Riesling, der weltweit bekannt und begehrt ist. Wenn Sie jetzt spontan Lust auf ein Glas bekommen haben, dann müssen Sie gar nicht weit weg. Sie können auch einfach zum Drubbel gehen. Denn direkt hinter der Lamberti-Kirche serviert das Café „Klunie’s“ erstklassigen Riesling aus dem Mittelrheintal. Zur Weihnachtsmarktsaison serviert das „Klunie’s“ sogar Winzerglühwein, den das vielleicht kleinste Café in der Innenstadt nicht nur klassisch in Rot anbietet, sondern auch als Rosé. Der Kaffee und der Blick auf den Prinzipalmarkt sind auch sehr gut.

Hier finden Sie alle unsere Empfehlungen. Sollte Ihnen ein Tipp besonders gut gefallen, teilen Sie ihn gerne!

Drinnen und Draußen

Sebastian Fobbe und Anna Niere haben heute für Sie in den Kalender geschaut und ein paar Veranstaltungstipps zusammengestellt:

+++ Kurz zurück zum Thema der Stunde, also: Glühwein. Wie jedes Jahr hat der Verein „Weitblick“ vor der Petri-Kirche einen Weihnachtsmarktstand aufgebaut (Unbezahlte Werbung). Zwei Wochen lang verkauft der Verein günstigen Glühwein und Waffeln, um die Einnahmen an ein Bildungsprojekt in Benin zu spenden. Getreu dem Motto: Glühwein macht schlau. Der Verkauf startet jeden Tag (außer sonntags) um 18 Uhr. Mehr dazu auf Insta.

+++ Und wenn Sie schon mal da sind, gibt’s auch noch politische Kunst zu sehen: Vor der Petri-Kirche steht seit einiger Zeit eine Glasarche, die von einer Hand aus Eichenholz getragen wird. Das Kunstwerk soll an die Menschen erinnern, die weltweit auf der Flucht sind, und an unsere humanitäre Pflicht zu helfen. Die Caritas stellt das Wanderkunstwerk bis März in Münster aus und hat ein Begleitprogramm organisiert. Alles Weitere lesen Sie hier.

+++ Wenn Sie Fan von eindrucksvollen Fotos sind, dann können Sie ab morgen bis Anfang April „Wildlife Photographer of the Year“-Ausstellung im Westfälischen Pferdemuseum im Zoo besuchen. Eine Jury des Natural History Museums in London wählt jedes Jahr die besten 100 Wildtier-Fotos aus, die dann in einer Wanderausstellung präsentiert werden. Der Halt in Münster ist der erste in Deutschland und der einzige in NRW. Die Sonderausstellung können Sie zu den normalen Öffnungszeiten des Museums von 9 bis 16:30 Uhr besuchen. Sie brauchen ein Ticket für den Allwetterzoo.

+++ Na, sind Sie gerade gestresst? Auf diese Frage antworten rund zwei Drittel der Menschen in ganz Deutschland mit „Ja“, das zeigt eine aktuelle Befragung der Techniker Krankenkasse. Dass das nicht gesund ist, ist uns allen klar, aber wie kommt man raus aus dem Stress? Damit beschäftigt sich auch das Theaterstück „Und dann noch… Wie Stress weniger stresst – fast ohne Toxic Tipps!”, das eigentlich für Kinder und Jugendliche gemacht ist, Erwachsene aber mindestens genauso viel lehrt. Das Stück basiert auf dem gleichnamigen Buch der Münsteraner Autorin und Illustratorin Lucia Zamolo, mit dem sie bereits den Deutsch-Französischen Jugendliteraturpreis gewonnen hat (RUMS-Brief). Für die Aufführung der in Schauspiel umgesetzten Version am Montagvormittag gibt es noch ein paar Restkarten, ansonsten läuft das Stück auch nochmal am 11. und am 18. Dezember im Theater. Leider immer nur vormittags, aber vielleicht nutzen Sie einfach mal einen freien Tag dafür.

+++ Sonntag großes Derby in Bielefeld: Preußen gegen die Arminia. Die Karten sind schon alle weg, aber verfolgen können Sie das Spiel ab 13:30 Uhr beim Bezahldienst „Sky“ oder, falls Sie kein Abo haben, für knapp 5 Euro in der „One Football“-App – sowie im ARD-Audiostream, beim Fanradio Mottekstrehle oder im Liveticker auf der Vereinswebsite. Weitere Infos hier.

Am Dienstag schreibt Ihnen Ralf Heimann. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende!

Herzliche Grüße
Raphael Balke

Mitarbeit: Anna Niere (ani), Ralf Heimann (rhe), Sebastian Fobbe (sfo), Jan Große Nobis (jgn) – das bedeutet: Die einzelnen Texte im RUMS-Brief sind von der Person geschrieben, deren Kürzel am Ende steht.
Lektorat: Susanne Bauer

PS

Wie lange haben Sie heute zu Mittag gegessen? Mal eben das Brötchen nebenbei am Schreibtisch verschlungen? Das ist auch in der RUMS-Redaktion verbreitet. Geht es nach Guido Ritter, Ernährungswissenschaftler an der FH Münster, dann sollten wir alle uns künftig mehr Zeit zum Essen nehmen. In einem Beitrag beim NDR erklärt er die Vorteile von kräftigem langem Kauen: Mehr Geschmack, mehr Sättigung, gesünderes Zahnfleisch. Wenn Sie mehr erfahren wollen, können Sie den Beitrag in der Mediathek sehen. Also: Vielleicht planen Sie im Kalender einfach mal etwas Zeit für ein Bund Karotten ein.

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