Transferticker – Wechsel ins Rathaus | Wie man der AfD bei der Normalisierung hilft | Unbezahlte Werbung: Weihnachtliche Picknickkiste

Porträt von Ralf Heimann
von Ralf Heimann

Guten Tag,

ganz schön was los in Münsters Politik zurzeit. Der Grünen-Co-Fraktionschef Christoph Kattentidt ist auf dem Sprung ins Rathaus, melden die Westfälischen Nachrichten heute. Er soll Dezernent des Oberbürgermeisters werden.

Nach unseren Informationen hatte der Oberbürgermeister Kattentidt gefragt, ob er nicht Lust auf den Job hätte. Daher sieht es so aus, als wenn Kattentidt den Job bekommen wird. Kattentidt hatte die Grünen-Fraktion schon vor einer Woche darüber informiert.

Aber ganz sicher ist das noch nicht, denn es soll mindestens einen anderen Bewerber geben, dem man nicht einfach formlos absagen kann. Und: Kattentidt muss noch gewählt werden. Das soll im nicht-öffentlichen Teil der Ratssitzung am Mittwoch passieren. Dann wissen wir mehr.

Frei wurde die Stelle übrigens, weil Caroline Schwintek, die den Job bislang gemacht hatte, im Sommer in die Wirtschaft gewechselt war. Das war ihr Beitrag zur Transformation der Verwaltung, für die sie zuständig gewesen war, mit der es aber offenbar nicht so schnell voran ging, wie man sich das gewünscht hätte.

Die Unternehmensberatung zeb hatte ein drei Millionen Euro teures Gutachten erstellt, aus dem der Oberbürgermeister einmal in einer Ratssitzung vorlas – und so einen Eindruck davon vermittelte, wie blumig sich Stillstand verpacken lässt.

Die Grünen fragten schon im August in einer Pressemitteilung, was denn nun aus dem Gutachten geworden sei. Seitdem hörten wir nichts, auch nicht auf Nachfrage.

Daher haben wir am 29. Oktober eine Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz gestellt. Wir hätten dieses Gutachten gerne, denn wir denken, so etwas sollte öffentlich werden.

Leider noch nichts gehört seitdem. Heute ist die Frist abgelaufen, innerhalb der die Stadt uns eine Antwort geben muss. Aber vielleicht geht das alles nicht so schnell, wo die Verwaltung noch auf ihre Transformation wartet. Heute Morgen haben wir eine Erinnerung geschickt, aus Versehen sogar zwei.

Wenn das die nächsten Tage nichts wird, hoffen wir für die nächsten Monate auf neuen Transformationsschwung. Dann müsste sich Christoph Kattentidt darum kümmern. (rhe)

Wie es weiterging

… mit den Familienunternehmern und der AfD

Der Verband der Familienunternehmer möchte nun doch nicht mehr mit der AfD diskutieren. Es sei der Eindruck entstanden, der Verband wolle die Partei stärken, hieß es in einer Pressemitteilung. Man werde sich auch bei der kommenden Landtagswahl klar und sichtbar gegen die AfD positionieren. Vor einer Woche klang das noch ganz anders, da hatte Verbandspräsidentin Marie-Christine Ostermann angekündigt, dass das Kontaktverbot zu AfD-Abgeordneten aufgehoben sei. Für den Kurswechsel wurde der Verband sehr stark kritisiert. Auch Familienunternehmen aus Münster sind Mitglied im Verband der Familienunternehmer (RUMS-Brief). An dieser Stelle noch eine Empfehlung, wenn Sie noch mehr zum Thema hören möchten: Die Journalist:innen Gilda Sahebi und Arne Semsrott haben in ihrem Podcast „Gilda con Arne“ darüber gesprochen, warum der Verband mit seiner Ankündigung die AfD weiter normalisiert hat. (rba)

Wie es weiterging

… mit der Schulsozialarbeit

Im Oktober hatten wir bereits darüber berichtet, dass viele Schulsozialarbeiter:innen sich überfordert fühlen in ihrem Job (RUMS-Brief). Jetzt macht Correctiv eine Umfrage zu dem Thema: Wenn Sie also in der Schulsozialarbeit arbeiten und Ihren Eindruck über die Arbeitsverhältnisse teilen möchten, dann nehmen Sie doch gerne an dieser Umfrage teil. Wenn Sie dann auch noch teilen möchten, dass Sie aus Münster kommen und als Kontakt für eine Recherche bereitstehen würden – dann würden wir uns freuen. Denn die Kolleg:innen aus der Correctiv-Bildungsredaktion leiten Teilnehmer:innen, die zustimmen, an uns weiter. Alternativ können Sie sich auch direkt an uns wenden. Sie können aber natürlich auch anonym an der Umfrage teilnehmen, sie läuft noch bis zum 8. Dezember. (ani)

Wie es weiterging

… mit der Barrierefreiheit an Bahnhöfen

+++ Im RUMS-Brief am Freitag haben wir über die Barrierefreiheit von Bahnhöfen in Münster geschrieben und da bereits festgestellt, dass der Amelsbürener Bahnhof besonders schlecht ausgestattet ist, nämlich gar nicht. Dort gibt es weder einen Fahrstuhl – man muss Treppen nehmen, um von den Gleisen weg zu kommen – noch ebenerdige Bahnsteige. Eine RUMS-Leserin hat uns darauf aufmerksam gemacht, dass auch der Bahnhof in Albachten nicht barrierefrei ist. Dort gibt es, wie in Amelsbüren, eine Unterführung zum gegenüberliegenden Gleis – mit Treppen, ohne Fahrstuhl. Und auch der Bahnhof in Sprakel hat keine ebenerdigen Gleise und eine Unterführung. Sebastian Kappen, Bezirksvertreter in BV Nord für Volt, schreibt in seinem Kommentar, dass der Rat bereits 2019 den barrierefreien Ausbau der Bahnhöfe in Münster beschlossen hatte. In Sprakel sei seitdem nichts passiert. Wir haben all das im vorherigen Brief ergänzt. (ani)

Kurz und Klein

+++ Der frühere SPD-Bundestagsabgeordnete, Oberbürgermeister-Kandidat und Preußen-Präsident Christoph Strässer will Münsters SPD aus der Krise helfen und vorübergehend den Parteivorsitz übernehmen, hat Strässer den „Westfälischen Nachrichten“ gesagt. Die Zeitung zitiert ihn unter anderem mit dem Satz: „Wir haben genügend gute Leute.“ Und das wirft natürlich eine Frage auf: Warum muss dann der 76-jährige Strässer den Scherbenhaufen zusammenkehren? (rhe)

+++ Münsters CDU fordert einen „Bauturbo“ für Münster, um günstiger, einfacher und schneller bauen zu können und so mehr bezahlbaren Wohnraum für Familien zu schaffen. Die städtische Wohnungspolitik werde ihrem eigenen Anspruch nicht gerecht und brauche neue kommunale Standards, sagt der stellvertretende CDU-Fraktionschef Mathias Kersting laut einer Pressemitteilung. Eine Netto-Null-Flächenversiegelung, wie Oberbürgermeister Tilman Fuchs sie im Wahlkampf gefordert hatte, sei für eine wachsende Stadt „weder realistisch noch ökologisch sinnvoll“. Die planungspolitische Sprecherin Annika Bürger und der planungspolitische Sprecher Robin Korte der Grünen weisen darauf hin, dass Münster seit 2019 landesweit bereits Spitzenreiter beim Wohnungsbau sei, sie räumen allerdings ein, dass weiterhin zu wenig Wohnraum entstehe. Bürger und Korte sehen vor allem zwei Hebel: schnellere Baugenehmigungen. Und man müsse Baulücken in der Stadt schneller schließen. Vor einem „Bauturbo“ an den Stadträndern warnen sie. Dort drohe der Verlust des „grünen, naturnahen Charakters“ Münsters. (rhe)

+++ Die Staatsanwaltschaft hat das Ermittlungsverfahren gegen den CDU-Ratsherrn Olaf Bloch in der sogenannten Flyer-Affäre eingestellt, berichten die Westfälischen Nachrichten. Für Bloch bleibt es damit folgenlos, dass er im Wahlkampf dabei gefilmt worden war, wie er Flyer der Grünen aus einem Briefkasten gezogen hatte, um seine eigenen hineinstecken zu können. Die CDU verlor dadurch möglicherweise ein paar Stimmen und ihre Position als stärkste Fraktion im Stadtrat, Bloch lediglich sein Gesicht. (rhe)

+++ Die SPD-Ratsfraktion möchte ein paar grundsätzliche Fragen zu Münsters Bädern klären und hat Stadtdirektor Thomas Paal dazu eine Liste mit Fragen geschickt. Unter anderem geht es um Münsters Skandalschwimmnudel, das Ostbad, das wegen unterschiedlicher Probleme immer wieder vorübergehend geschlossen ist. Nicht im Fragenkatalog steht die Frage: Bräuchte das Bad für einige Millionen eine etwas üppigere Sanierung? Und: Lohnt das überhaupt noch? Außerdem will die Fraktion wissen, in welchem Zustand die übrigen städtischen Bäder sind, welche Reparaturen nötig werden – und ob es einen langfristigen Plan gibt. Wir haben da nach den Erfahrungen zuletzt so eine Ahnung, aber warten wir erst mal die Antworten ab. (rhe)

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Die falsche Geschichte

Wie hilft man der rechtsextremen AfD, möglichst normal zu erscheinen? Ein Blick in die Westfälischen Nachrichten

Am Wochenende haben in Gießen zwischen 20.000 und 50.000 Menschen dagegen demonstriert, dass sich die vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestufte AfD-Jugendorganisation Junge Alternative in ein neues Schafsfell kleidet.

Es war eine der größten Demonstrationen gegen Rechtsextremismus in Deutschland in diesem Jahr. Und es blieb überwiegend friedlich, wie zum Beispiel der „Spiegel“ berichtete. Am Ende sei es zu Ausschreitungen gekommen, hieß es. Polizei und Aktivisten hätten sich gegenseitig Gewalt vorgeworfen.

Wer am Montagmorgen in Münster auf die „Westfälischen Nachrichten“ schaute, erfuhr eine andere Geschichte. Auf der Titelseite der Zeitung stand ein kleiner Text mit der Überschrift „Krawalle bei Gründung der AfD-Jugend“.

In der Meldung stufte man die vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem klassifizierte Junge Alternative – das ist die höchste Alarmstufe – zur „vom Verfassungsschutz beobachteten“ Organisation herunter (in einem Infokasten auf Seite 2 steht es richtig).

In der Meldung hieß es: „Vermummte Linksradikale lieferten sich Gefechte mit der Polizei und attackierten Teilnehmer aus den Reihen der AfD.“ Die Erzählung war: Radikale Chaoten stören eine politische Veranstaltung.

Zehntausende demonstrierten

Natürlich, wenn es zu Ausschreitungen kommt, sollte man das nicht verschweigen. Aber man sollte auch das Wichtigste nicht verschweigen.

Zehntausende stellten sich auf friedliche Weise gegen gefährliche Rechtsextremisten, die sich zwar ordentlich kleiden und größtenteils einigermaßen geordnete Frisuren haben, aber nach Einschätzung des Verfassungsschutzes die demokratische Grundordnung loswerden möchten.

Die Proteste kommen bei den Westfälischen Nachrichten zwar vor – auf Seite 2 in dem ausführlichen Bericht über die Veranstaltung. Aber auch da sind die demonstrierenden Menschen lediglich die, die Straßen und Brücken blockieren, um eine politische Veranstaltung zu verhindern.

Der AfD-Politiker Dennis Hohloch darf das im Text mit der Aussage einordnen, der Staat sei trotz Tausender Polizisten offensichtlich „nicht in der Lage, die Demokratie zu verteidigen“. Dennis Hohloch wird vom Brandenburger Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft, also gewissermaßen als Gegner der Demokratie. In den Westfälischen Nachrichten erfährt man davon nichts.

Auch in der Überschrift über dem großen Veranstaltungsbericht auf der zweiten Seite erzählt die Zeitung die Geschichte vom Titel: „Draußen Krawall, drinnen rechte Töne“. Und rechte Töne? Na ja, ist es nicht ganz normal, wenn nicht alle Menschen links, sondern auch einige rechts sind?

Der neue Chef der neuen AfD-Jugendorganisation, Jean-Pascal Hohm, ist allerdings nicht nur rechts. Er wird vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft – wie auch der Brandenburger Landesverband, aus dem er stammt.

90 Prozent der umfirmierten AfD-Jugend wählten damit einen Rechtsextremen zu ihrem Chef, aber auch hier erfährt man nur das Wahlergebnis. In den Westfälischen Nachrichten ist Hohm lediglich „der Brandenburger Landtagsabgeordnete“.

Medien lassen sich benutzen

Das alles nennt man Diskursverschiebung beziehungsweise Normalisierung. Medien ziehen sich auf die Position zurück: Wir berichten doch nur nachrichtlich. Wir stellen das dar, was gesagt wird. Wir sind dabei möglichst objektiv.

Die Voraussetzung für so eine Berichterstattung ist allerdings ein gemeinsames Verständnis von Wahrheit. Dieses gemeinsame Verständnis gibt es mit Rechtsextremisten nicht.

Rechtsextreme manipulieren die Öffentlichkeit. Sie geben sich bürgerlich und anschlussfähig, denn sie brauchen Mehrheiten, um in diesem von ihnen verhassten demokratischen System an die Macht zu kommen und es dann einzureißen.

Das geht nur, wenn sie harmlos wirken, wenn sie immer mehr als eine ganz normale Partei erscheinen, die man ohne Bedenken wählen kann. Sie müssen sich verstellen.

Daher die große Diskrepanz zwischen dem, was der Verfassungsschutz feststellt – und der Selbstdarstellung der Partei. Wenn Medien einfach diese Selbstdarstellung transportieren, lassen sie sich von Rechtsextremen benutzen.

Die Autorin des Berichts über die Veranstaltung in Gießen, Mey Dudin, ist eine erfahrene Politikjournalistin der Rheinischen Post, von denen die Westfälischen Nachrichten offenbar Texte beziehen.

Sie zitiert in ihrem Text den AfD-„Ehrenvorsitzenden“ Alexander Gauland mit den Worten: „Seien Sie frech, seien Sie freundlich, seien Sie von mir aus auch radikal, aber nicht extrem.“ Und er darf unkommentiert den Satz sagen: „Wir sind nicht extrem, wir sind radikal-demokratisch.“

Eine Verharmlosung nach der nächsten

Es spricht nichts dagegen, Alexander Gauland zu zitieren. Es geht schließlich darum, das, was bei der Veranstaltung passiert ist, abzubilden. Aber wer das Gesagte beurteilen soll, braucht den nötigen Kontext, um Aussagen einzuordnen. Hier fehlt dieser Kontext.

In einem anderen Fall gibt Dudin ihn. Der AfD-Bundesparteitag hatte Anfang des Jahres beschlossen, den Nachwuchs stärker „in die Parteistrukturen einzugliedern – und damit unter Kontrolle zu bringen“, schreibt sie und zitiert „Rechtsextremismusforscher“, die als Grund für die Auflösung der Jungen Alternative auch die Sorge vor einem Verbot der Gesamtpartei sähen.

In einem Infotext unter dem Artikel heißt es dagegen: „Die AfD hatte wenig Einfluss auf das Verhalten der JA, was bei extremen Vorfällen regelmäßig auf die Partei zurückfiel.“ Das stimmt, vermittelt aber irrtümlich das Bild, die radikale Jugendorganisation hätte die Partei ungerechtfertigterweise immer wieder als extrem erscheinen lassen.

Tatsächlich kam der Verfassungsschutz auch ohne Jugendorganisationen zu der wegen des laufenden Gerichtsverfahrens zurückgezogenen Bewertung, dass die AfD selbst rechtsextrem sei. Eine Verharmlosung reiht sich an die nächste.

Dudin zitiert Parteichef Tino Chrupalla mit dem Satz: „Die Nazikeule zieht nicht mehr. Unsere Partei wird nicht mehr extremistisch wahrgenommen, diese Mäßigung hat sich als Erfolgsrezept bewiesen.“

Das ist genau die Erzählung, die die AfD gern verbreitet haben möchte, um breitere Wählerschichten zu erschließen. Es ist ein gängiges Narrativ von Rechtsextremisten. Das wäre eine wichtige Information, um so ein Zitat einordnen zu können.

Über Björn Höcke schreibt die Autorin: „Dass er bei der Jugend besonders beliebt ist, zeigen die Selfie-Wünsche der Fans sowie der Verkauf von T-Shirts mit seinem Namen und dem Slogan: „Einer für alle – alle für einen.“

Höcke rechtsextrem? Weiß doch jeder

Auch diese Erzählung möchte die AfD verbreiten. Auch Höcke stuft der Verfassungsschutz als Rechtsextremisten ein. Auch er will – das kann man so deutlich sagen – die Öffentlichkeit manipulieren, um die Demokratie mit ihren eigenen Waffen zu schlagen und in der gegenwärtigen Form zu beseitigen.

Die Medienlogik macht es Rechtsextremisten möglich, Medien ganz nach Belieben zu benutzen. Die Nachrichtensprache lässt auch den radikalsten Faschisten noch wie einen herkömmlichen Akteur erscheinen. Im Zweifel ist es eben der „umstrittene Politiker“.

Und irgendwann wird es langweilig, immer wieder zu schreiben: Björn Höcke ist rechtsextrem. Weiß doch jeder. Nur genau das ist die Normalisierung, die dazu beiträgt, Rechtsextremisten als ganz normale Politiker erscheinen zu lassen.

So verschiebt sich das Overton-Fenster Stück für Stück: Positionen, die vor wenigen Jahren noch klar am Rand standen, erscheinen plötzlich mittig, weil die wirklich extremen Töne längst im Hintergrund mitlaufen.

Im letzten Satz des WN-Berichts über die Gründung der neuen AfD-Jugend steht: „Tosenden Beifall gab es indes für die in den Vorstand gewählte Julia Gehrckens, die betonte: ‚Nur millionenfache Remigration schützt unsere Frauen und Kinder.’” Inzwischen ist das anscheinend ein normales politisches Statement.

Wenn Medien diese Selbstinszenierung unkommentiert weitergeben, verschiebt sich nicht nur die Wahrnehmung, sondern auch das, was gesellschaftlich sagbar scheint. Genau das ist der Punkt, an dem Normalisierung zur politischen Kraft wird.

Die Medienlogik führt auch dazu, dass ein Haufen Gewaltbereiter sich in den Vordergrund drängen kann – und die friedlichen Proteste von zehntausenden Menschen kaum eine Erwähnung finden, weil es als wichtiger gilt, wenn etwas brennt oder knallt als wenn etwas friedlich verläuft.

Und so konzentrieren sich Medien auf den Verlauf von Veranstaltungen, auf Ausschreitungen, Störungen und Oberflächenphänomene. Die physische Auseinandersetzung drinnen ist dann wichtiger als die eigentliche ideologische Gefahr in der Veranstaltungshalle.

Wie kommt so jemand in den Stadtrat?

Durch dieses Medienversagen kann die AfD die Bühne betreten, ohne dass auch nur erwähnt wird, was sie so gefährlich macht. Lokalmedien in Gießen prägen schon durch ihre Berichterstattung über die nahezu ausschließlich negativen Folgen der Proteste – Umsatzeinbußen, Einschränkungen, Verkehrsprobleme – das Narrativ: Eigentlich sind die Proteste das, was die Leute stört.

Tagelang berichten Medien über eine skurrile Figur aus Herford, die bei dieser Veranstaltung mit rollendem „r“ eine Rede im Stile von Adolf Hitler hielt. Auch dazu findet sich in den Westfälischen Nachrichten ein ausführlicher Bericht.

Die AfD darf sich inszenieren als eine Partei, die so eine Person kopfschüttelnd rauswirft. In Herford saß der Mann für die AfD als sachkundiger Bürger in mehreren Ausschüssen. Auch das wird nicht kommentiert. Die „taz“ hat das gut zusammengefasst: „AfD schmeißt AfDler raus, weil er AfD-Inhalte rrrrollt.“.

Dabei wäre die Frage: Wie kommt so jemand als sachkundiger Bürger in städtische Gremien? In Münster war es ja vor wenigen Wochen das Gleiche. Da stellte sich nach wenigen Wochen heraus: Die Partei kannte den Mann gar nicht, den sie bei der Kommunalwahl aufgestellt hatte.

Auch so viel Dilettantismus sagt etwas über eine Partei. Medien diskutieren aber lieber darüber, ob die Hitler-Rede eine Parodie war. Auch über dem Text in den Westfälischen Nachrichten steht die Überschrift: „Eine Hitler-Parodie aus Herford?“

Ja, das ist alles unterhaltsam und lustig. Aber neben der Tatsache, dass in Gießen Zehntausende Menschen gegen Rechtsextremismus demonstriert haben, fiel noch eine andere Sache unter den Tisch. In den Westfälischen Nachrichten steht im Artikel weit hinten: Zwölf Prozent aus der AfD-Jugend haben den Herford-Hitler gewählt. (rhe)

Korrekturhinweis: In einer früheren Version hatten wir geschrieben, der Mann, der in Gießen eine Rede mit rollendem „r“ gehalten hatte – sein Name ist Alexander Eichwald –, habe für die AfD im Herforder Stadtrat gesessen. Richtig ist: Er ist dort sachkundiger Bürger. Wir haben das korrigiert.

Fundbüro

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Der Start der neuen „Stranger Things“-Staffel scheint sich nicht nur auf die Netflix-Server ausgewirkt zu haben, sondern beendete wohl auch auf magische Weise die Bauarbeiten im Hamburger Tunnel. Als unsere Grafikdesignerin Diana Müller heute Morgen wie gewohnt durch den Tunnel fuhr, waren die Bauzäune auf einmal verschwunden und „Stranger Things“-Plakaten gewichen. Ganz so „strange“ ist es allerdings nicht, denn die Stadtwerke hatten bereits angekündigt, dass die Bauarbeiten am wohl ungemütlichsten Ort Münsters im Dezember beendet werden sollen – immerhin vier Monate später als ursprünglich geplant, schrieben die Westfälischen Nachrichten im November. Falls Sie sich auch etwas Komisches oder Kurioses in der Stadt entdecken, senden Sie uns doch ein Foto im Querformat an redaktion@rums.ms zu. (ani)

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Korrekturen

+++ Im RUMS-Brief am Dienstag ging aus unserem Text über den Wunsch, eine Straße nach Margot Friedländer zu benennen, nicht hervor, dass der Oberbürgermeister die Zehn-Jahres-Frist nicht selbst ändern kann, die Münster sich bei der Benennung Straßen gesetzt hat. Der Oberbürgermeister kann lediglich eine Änderung anregen. Entscheiden müsste darüber der Rat. Wir haben das im Text verdeutlicht. Vielen Dank an Jolanta Vogelberg für den Hinweis!

Ein-Satz-Zentrale

+++ Die A1 Richtung Norden wird von Freitag bis Sonntag zwischen Ladbergen und Lengerich wegen eines Brückenabbruchs voll gesperrt. (Die Autobahn)

+++ Die Stadtverwaltung möchte ab Neujahr höhere Parkgebühren rund um die Engelenschanze und den Bahnhof einführen. (Stadt Münster)

+++ Am Hauptbahnhof kooperieren Polizei und Bundespolizei im Streifendienst seit Montag zusammen, um an den Wochenenden präsenter zu sein. (Polizei Münster)

+++ Im Gievenbecker Oxford-Quartier wird das alte H-Gebäude zum „OX Camp“ mit über 80 Apartments für Azubis und Studierende umgebaut. (Stadt Münster)

+++ Die Hallenbäder Süd, Kinderhaus und Hiltrup schließen am Donnerstag wegen einer internen Veranstaltung schon um 16 Uhr. (Stadt Münster)

+++ Nach langem Leerstand soll am Hafenmarkt Mitte 2026 ein koreanisches Grill-Restaurant eröffnen. (Westfälische Nachrichten)

+++ Die Stadtwerke haben sich mehrheitlich am Tiefbauer Bogatzki beteiligt. (Stadtwerke Münster, RUMS-Meldung aus dem Sommer)

+++ In Nottuln haben die Stadtwerke ihre Pläne für neue Windräder erklärt, dagegen demonstrierte vor der Veranstaltung eine Bürgerinitiative. (Westfälische Nachrichten und RUMS-Beitrag)

+++ Der Handorfer Künstler Dominic-Laurin Kruschwitz hat seine ersten großen Werke in der Neuen Nationalgalerie in Berlin gezeigt. (Westfälische Nachrichten)

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Sollte Ihnen noch eine schöne Geschenkidee für Weihnachten fehlen, hätten wir hier etwas für Sie: ein RUMS-Geschenk-Abo! Wir bieten drei verschiedene Varianten an: 3 Monate, 6 Monate und 12 Monate.

Unsere Geschenk-Abos können Sie entweder direkt hier auf unserer Website kaufen oder im Gewand eines hübschen Papier-Gutscheins in unserem Redaktionsbüro erwerben (Prinzipalmarkt 21/22/23, nur Barzahlung möglich).

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Unbezahlte Werbung

Wenn Sie noch auf der Suche nach einem individuellen Weihnachtsgeschenk sind, schauen Sie sich doch die Picknickkiste des Vereins Münsterland mal näher an. Sie können die Kiste nach Belieben mit Büchern, Lebensmitteln und schönen Kleinigkeiten aus der Region füllen, zum Beispiel aus dem Sortiment der Münster Souvenirs oder einigen Ständen des X-Mas Markts am Harsewinkelplatz. Der genaue Preis hängt davon ab, womit Sie die Kiste füllen. Wenn Sie der Kiste dann noch den passenden Gutschein für einen Ausflug ins Grüne im nächsten Jahr beilegen, gibt es Vorfreude noch oben drauf.

Hier finden Sie alle unsere Empfehlungen. Sollte Ihnen ein Tipp besonders gut gefallen, teilen Sie ihn gerne!

Drinnen und Draußen

Katja Angenent hat heute wieder für Sie in den Kalender geschaut und ein paar Empfehlungen zusammengestellt:

+++ In der Ringvorlesung „Aktuelles Wirtschaftsgeschehen – verständlich und kompakt” spricht Oliver Lerbs am Mittwoch um 18 Uhr in der Fachhochschule Münster über das Thema „Wohneigentum, Vermögensgerechtigkeit und die Generation Miete“. Die Teilnahme ist entweder vor Ort im Hörsaal A4, aber auch online möglich. Wer dabei sein möchte, sollte sich bis 12 Uhr am Mittwoch anmelden.

+++ Am Mittwoch um 19:30 Uhr nimmt der Klassik-Sender WDR3 ein Konzert in der Musikhochschule am Ludgeriplatz auf. Wer dabei sein möchte, kann einfach vorbeikommen und zuhören. Das Radio einzuschalten funktioniert leider nicht: Die Ausstrahlung erfolgt nicht gleichzeitig, sondern erst später.

+++ Die grüne Wende funktioniert nur, wenn ökologische mit sozialer Gerechtigkeit verbunden wird, sagt der Journalist Caspar Dohmen. Am Donnerstag stellt er sein neues Buch dazu um 19:30 Uhr im Weltladen an der Hammerstraße vor. Der Eintritt ist frei.

+++ Wie können wir Trauer bestmöglich verarbeiten? Darüber spricht Uli Michel, Hebamme, Traumafachberaterin und Expertin für Verlusterfahrungen, am Donnerstag um 19 Uhr in der Stadtbücherei. Anhand Ihres Buches „Ein Kind in den Sternen. Wie Eltern still geborener Kinder Halt finden“ legt sie dar, wie Menschen mit existenziellen Krisen umgehen können und was in schweren Zeiten Halt gibt. Der Eintritt ist frei, um eine Anmeldung wird gebeten.

+++ „Planet Robinson“ heißt das neue Theaterstück von Freuynde + Gaesdte, das am Freitag um 19:30 Uhr im Planetarium uraufgeführt wird. Frei nach der Vorlage von Daniel Defoe wird Robinson im Jahr 2150 von einem unwirtlichen Planeten gerettet – aber damit fängt sein Abenteuer erst an. In der Aufführung treffen Schauspiel, Animation und KI-generierte Darsteller aufeinander. Restkarten für die Premiere und die folgenden Aufführungen am Samstag und Sonntag gibt es für 25 Euro im Online-Shop von Freuynde + Gaesdte.

+++ Am Freitag um 19:30 Uhr beginnt im Kleinen Haus des Theaters Münster die Premiere von „Alle müegt Georg“, einer niederdeutschen Komödie des britischen Autors Alan Ayckbourn. Regie führt der ehemalige Schauspieldirektor Markus Kopf, der seit vielen Jahren mit der Niederdeutschen Bühne zusammenarbeitet. Weitere Infos und Tickets hier.

Am Freitag schreibt Ihnen Anna Niere. Ich wünsche Ihnen eine gute Woche!

Herzliche Grüße

Ralf Heimann

Mitarbeit: Anna Niere (ani), Raphael Balke (rba), Katja Angenent (kat), Jan Große Nobis (jgn) – das bedeutet: Die einzelnen Texte im RUMS-Brief sind von der Person geschrieben, deren Kürzel am Ende steht. Lektorat: Susanne Bauer

PS

Der Soziologe Aladin El Mafaalani, bis 2018 Professor an Münsters Fachhochschule, hat ein neues Buch geschrieben. Es heißt „Misstrauensgemeinschaften”, und es hat gleich mehrere Vorteile: Mit 128 Seiten ist es sehr kurz, man hat es also schnell durch. Es ist klar und verständlich. Und man erfährt sehr viel über ein allgegenwärtiges Phänomen: gesellschaftlichen Zusammenhalt oder eben das Gegenteil: eine gespaltene Gesellschaft. El Mafaalanis These ist: In einer immer komplexer werdenden Welt braucht es etwas, das Gemeinschaften zusammenhält, und das ist immer öfter der Zweifel. Wenn Sie vor Weihnachten kaum Zeit zum Lesen haben: El Mafaalani spricht darüber ausführlich im Podcast „Hotel Matze“. Etwas Zeit bräuchten Sie dazu allerdings auch. Das Gespräch dauert drei Stunden und 20 Minuten. (rhe)

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