Nach CSD-Attentat: Berlins Schatten über Münster | Grüner Weiler: Wohnen der Zukunft oder Insel für wenige?

Portrait-Redaktion-Anna
von Anna Niere

Guten Tag,

wenn am 15. August Tausende Menschen beim Christopher Street Day durch Münster ziehen, werden mehr Polizeikräfte im Einsatz sein als ursprünglich geplant. Das ist die erste Konsequenz, die in Münster bereits aus den Geschehnissen in Berlin gezogen wurde. Bei dem Attentat auf den Berliner CSD wurde am Samstagabend eine Frau getötet und mehrere Menschen schwer bis lebensbedrohlich verletzt.

Auf Entsetzen, Bestürzen und Bangen um die Menschen der queeren Community folgt der Blick auf den CSD vor der eigenen Haustür. In weniger als zwei Wochen wollen die Queers auch durch Münster ziehen, zum Feiern von Liebe und Vielfalt. Schon jetzt ist klar: ganz so unbeschwert wird wohl nicht gefeiert werden können. Dafür sind die Gedanken an Berlin zu frisch.

Ob es für den CSD in Münster eine besondere Gefährdung gibt, kann die Polizei derzeit weder bestätigen noch ausschließen, sagte eine Sprecherin dem Online-Portal „Alles Münster“. Hundertprozentige Sicherheit kann die Polizei nicht gewähren. Auch das hat man in Berlin gesehen. Denn auch wenn die Veranstaltung gut abgesichert ist, kann einige Meter weiter etwas passieren.

Für Münster ist die Frage, wie sicher queere Menschen auf einem CSD sind, nicht neu. Vor vier Jahren wurde der Transmann Malte C. am Rande des münsterschen CSD angegriffen. Er hatte versucht, andere Teilnehmerinnen vor einem Angreifer zu schützen und starb wenige Tage später an seinen Verletzungen.

Erst Malte, jetzt das Attentat in Berlin. Beide Vorfälle sind keine isolierten Ereignisse. Polizeiliche Statistiken und unabhängige Beratungsstellen dokumentieren seit Jahren einen deutlichen Anstieg queerfeindlicher Straftaten.

In Nordrhein-Westfalen stieg die Zahl der polizeilich registrierten Fälle nach Angaben des Landeskriminalamts von 86 im Jahr 2022 auf 284 im Jahr 2025. In Münster werden queerfeindliche Taten unter politisch motivierter Kriminalität erfasst. Deswegen lässt sich für die Domstadt keine genaue Zahl sagen.

Auch bundesweit ist der Trend klar. Das Bundeskriminalamt verzeichnet, dass sich die Zahl der Straftaten in den Bereichen „sexuelle Orientierung“ und „geschlechtsbezogene Diversität“ seit 2010 nahezu verzehnfacht hat. Im Jahr 2025 seien durchschnittlich fast sechs Fälle pro Tag registriert worden.

Hinzu kommt: Die meisten queerfeindlichen Übergriffe werden nicht einmal angezeigt. Ein Grund dafür ist fehlendes Vertrauen in die Behörden. Viele Betroffene befürchten, bei einer Anzeige erneut diskriminiert zu werden.

Dabei könnte man denken: Es ist doch heute schon viel besser als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Ist es auch in einigen Bereichen, zum Beispiel bei der Sichtbarkeit. Queere Menschen fühlen sich mittlerweile wohler damit, sich in der Öffentlichkeit zu bekennen. Nur hat diese gewonnene Sichtbarkeit auch eine Schattenseite: Sie ist auch ein mögliches Risiko.

Gerade CSDs stehen für dieses Spannungsverhältnis: Sie sind Demonstrationen für Gleichberechtigung, öffentliche Feiern queeren Lebens und zugleich zunehmend Orte, die vor Angriffen geschützt werden müssen. Nach Angaben der Robert Bosch Stiftung wurden 2025 mehr als 70 Christopher Street Days in Deutschland gestört oder angegriffen, besonders häufig durch rechtsextreme Gruppen.

Und das zeichnet sich auch in der Politik ab. Im September sind gleich mehrere Wahlen: Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, Wahl des Abgeordnetenhauses in Berlin und Kommunalwahlen in Niedersachsen. Was haben die jetzt mit dem Attentat zu tun?

Wissenschaftler haben festgestellt, dass Anschläge vor Wahlen der AfD in die Karten spielen. Die Forscher untersuchten Gemeinden, in denen zwischen 2010 und 2016 Anschläge verübt wurden oder geplant waren. Sie verglichen Orte, an denen die Taten ausgeführt wurden, mit Orten, an denen sie scheiterten.

In Gemeinden mit erfolgreich ausgeführten Anschlägen stieg der Stimmenanteil der AfD bei anschließenden Landtagswahlen im Durchschnitt um rund 4,5 Prozentpunkte. Im untersuchten Zeitraum entsprach das einem um etwa 28 Prozent stärkeren Zuwachs als in vergleichbaren Regionen, schreibt die Goethe-Universität Frankfurt über die Studie. Bei Bundestags- und Europawahlen zeigte sich dieser Effekt dagegen nicht.

Ungefähr drei Viertel der untersuchten Anschläge wurden von Rechtsextremen verübt und richteten sich meist gegen Menschen mit ausländischer Herkunft. Trotzdem profitierte die AfD.

Die Forschenden nennen dafür mehrere mögliche Erklärungen. Anschläge erhöhten zunächst die Wahlbeteiligung, wobei die AfD überproportional profitiert habe. Zugleich hätten sich Menschen in den betroffenen Orten politisch weiter rechts eingeordnet und stärkere Sorgen über Zuwanderung geäußert. Besonders ausgeprägt sei das bei parteilosen, politisch wenig aktiven Menschen und Menschen ohne Hochschulabschluss gewesen.

Die AfD ist zwar nicht Auftraggeberin solcher Anschläge, profitiert aber politisch von ihnen. Die Ergebnisse der Studie sind jetzt auch schon zehn Jahre alt und geben keine Prognose für die Auswirkung des Attentats in Berlin. Aber sie geben einen bitteren Beigeschmack und sensibilisieren den Blick auf die kommenden Wahlen – die auch in NRW gar nicht mehr so weit weg sind. Denn auch hier wird im April ein neuer Landtag gewählt.

Wie die Organisierenden des CSD in Münster jetzt mit der aktuellen Situation umgehen wollen, besprechen sie heute Abend nach der Mahnwache im Rathaus Innenhof. Mögliche Änderungen für den kommenden CSD wollen sie dann morgen verkünden. (ani)

///
Grafik, auf der die RUMS-Redaktionzusammen mit Geschäftsführer Götz Grommek zu sehen ist und folgender Text steht: Werden Sie Teil von RUMS. Gemeinsam mit Ihnen wollen wir wachsen, unser journalistisches Angebot ausbauen und RUMS weiterentwickeln – zu einem Medium für ganz Münster.

Unser Ziel: 150.000 Euro für investigative Recherchen, Veranstaltungen und Diskussionsformate, Medienkompetenzseminare für Schülerinnen und Schüler, einen Veranstaltungskalender für Münster und neue journalistische Formate.

Wenn Sie sich beteiligen, investieren Sie in mehr als nur in ein Medienunternehmen – Sie investieren in eine demokratische Öffentlichkeit und in eine starke Stimme für Ihre Stadt. Wenn Sie Fragen haben, schreiben Sie uns gerne.

Beitrag von Stella Lueneberg am 28.07.2026

Grüner wird‘s nicht

20260727_GruenerWeiler_14_Nikolaus Urban

Am Rande von Gievenbeck ist ein Dorf in der Stadt entstanden. Der Grüne Weiler zeigt nicht nur die Zukunft des Wohnens, sondern auch den Riss in der Utopie. Unsere Reporterin Stella Lueneberg ist für eine Woche dort eingezogen.

Beitrag lesen

Grüße aus dem Urlaub

Eine große weiß und braune Muschel liegt am Strand. In der großen Muschel liegen weitere kleine gelbe und orangene Muscheln.

RUMS-Leser Peter Hubertus verbringt seinen Urlaub in der Bretagne und sammelt begeistert farbenfrohe Muscheln und Schneckenhäuser am Strand. Falls Sie sich gerade auch an einem tollen Fleckchen Erde befinden, senden Sie uns doch ein Foto im Querformat an redaktion@rums.ms zu.

Klima-Update

+++ Der Deutsche Wetterdienst warnt für Mittwoch vor starker Hitze in Münster. Voraussetzung dafür ist, dass die gefühlte Temperatur am frühen Nachmittag bei etwa 32 Grad liegen muss und auch die Nächte kaum abkühlen. Ab 38 Grad gefühlter Temperatur verstärkt der DWD die Warnung nochmal. Wegen der Hitze endet der Wochenmarkt auf dem Domplatz am Mittwoch wieder zwei Stunden eher als üblich. Eine Übersicht über alle Warnungen – auch in den Tagen danach – finden Sie hier. Und pünktlich zum passenden Wetter hat der Coole Stadtplan neue Funktionen bekommen. (rba)

+++ Die Johanniter verteilen in Münster 125 Thermoflaschen an obdachlose und wohnungslose Menschen. Dadurch können die Betroffene Wasser von öffentlichen Wasserspendern gekühlt mitnehmen. Gespendet wurden die Flaschen von den Stadtwerken. (rba)

Anonymer Briefkasten

Anonymer Briefkasten

Haben Sie eine Information für uns, von der Sie denken, sie sollte öffentlich werden? Und möchten Sie, dass sich nicht zurückverfolgen lässt, woher die Information stammt? Dann nutzen Sie unseren anonymen Briefkasten. Sie können uns über diesen Weg auch anonym Fotos oder Dokumente schicken.

zum anonymen Briefkasten

Personalabteilung

+++ Der Mathematiker Robin J. Sroka von der Uni Münster wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit knapp 1,3 Millionen Euro gefördert. Mit dem Geld des Emmy Noether-Programms forscht er in den nächsten sechs Jahren zu „Kohomologie und K-Theorie“. Beide Methoden machen verborgene Muster in der Mathematik sichtbar. (rba)

Einladung
Grafik, auf der ein Porträt von Ruprecht Polenz zu sehen ist und auf dem folgender Text steht: RUMS-Veranstaltung: Wie ein Volk den Verstand verliert - und was wir dagegen tun können

Am Montag, 14. September 2026, ist Ruprecht Polenz unser Gast und liest aus seinem neuen Buch „Wie ein Volk den Verstand verliert – und was wir dagegen tun können“. Darin beschreibt er unter anderem, wie Rechtspopulisten und Rechtsextreme das Vertrauen in Wissenschaft, Journalismus und demokratische Institutionen angreifen.

Was geschieht, wenn immer weniger Menschen zwischen überprüfbaren Tatsachen, Meinungen und gezielter Desinformation unterscheiden können und wie demokratische Gesellschaften bei Verstand bleiben können, darüber spricht RUMS-Redaktionsleiter Ralf Heimann an diesem Abend mit unserem Gast.

Exklusiver Ticketpreis für RUMS-Abonnenten: 14 Euro (statt 19 Euro). Den Link zum vergünstigten Ticket finden Sie hier. Wir freuen uns, wenn Sie dabei sind!

Ein-Satz-Zentrale

+++ Weil die Bahnlinien RB 63 und 64 teilweise gesperrt sind, können die Buslinien 5, 6, 9 und 17 bis Montag sehr voll werden. (Stadtwerke Münster)

+++ In Münster gibt es rund 500 Autos pro 1.000 Einwohnern und damit etwa 140 Autos weniger als im Umland. (Regionalatlas Deutschland und IT NRW)

+++ Die FDP fordert niedrigere Müllgebühren und schlägt vor, die Biotonne künftig im Zwei-Wochen-Rhythmus zu leeren. (FDP Münster)

+++ Im Baugebiet „Kirschgarten“ in Handorf könnten die Grundstückspreise wegen des gesunkenen Bodenrichtwerts günstiger werden. (Westfälische Nachrichten)

+++ Eine neue Taskforce testet in der Schleife in Kinderhaus Maßnahmen gegen illegal abgeladenen Müll. (Stadt Münster)

+++ Eine vermisste 76-Jährige aus Münster wurde am Samstagabend tot in Drensteinfurt gefunden. (Polizei Münster)

+++ Etwa die Hälfte der Unternehmen im Münsterland und der Emscher-Lippe-Region konnte nicht alle Ausbildungsplätze besetzen. (Industrie- und Handelskammer Nord Westfalen)

+++ Der frühere BMX-Weltmeister Alex Reinke aus Albachten kommentierte am Samstag das Finale der Deutschen Meisterschaft im BMX-Flatland für das ZDF. (Westfälische Nachrichten)

+++ Der LWL bietet Betroffenen und Augenzeugen des Angriffs auf den Berliner CSD kostenlose psychologische Hilfe an. (Landschaftsverband Westfalen-Lippe)

Am Freitag schreibt Ihnen Raphael Balke. Ich wünsche Ihnen eine gute Woche!

Herzliche Grüße
Anna Niere

Mitarbeit: Raphael Balke (rba), Jan Große Nobis (jgn) – das bedeutet: Die einzelnen Texte im RUMS-Brief sind von der Person geschrieben, deren Kürzel am Ende steht.
Lektorat: Susanne Bauer

PS

An der Länge des heutigen Briefs haben Sie es vielleicht auch schon gemerkt: Das allseits bekannte Sommerloch ist da. In der Stadtpolitik tut sich gerade nicht viel. Damit Ihnen trotzdem nicht langweilig wird, gibt es auf Bundes- und Europa-Ebene gleich zwei interessante Abstimmungen: Über das Jugendwort des Jahres und über die neuen Motive auf den Geldscheinen. Welche Jugendwörter es in die engere Auswahl geschafft haben, können Sie sich am besten einfach bei Susanne Daubner im Video anschauen. Mein persönlicher Favorit: Ragebait. Heißer Anwärter auf den Jugendwort-Titel ist aber „67“. Etwas seriöser kommt die Abstimmung der EZB daher. Die Motive für die potenziell zukünftigen Geldscheine wurden von einer 21-köpfigen Fachjury ausgewählt. Zu sehen sind Vögel, historische Persönlichkeiten und wichtige Gebäude der EU. Würde man das Ganze für Menschen aus Münster gestalten, dann würden vermutlich Roland Kaiser, die Ludgerikreisel-Kaninchen und die Aasee-Kugeln die Geldscheine schmücken. Haben Sie noch Ideen, was auf Münsteraner Geldscheinen drauf sein sollte? Dann schreiben Sie uns doch gerne. (ani)

Ihnen gefällt dieser Beitrag?

Wir haben Ihnen diesen Artikel kostenlos freigeschaltet. Doch das ist nur eine Ausnahme. Denn RUMS ist normalerweise kostenpflichtig (warum, lesen Sie hier).

Mit einem Abo bekommen Sie:

  • 2x pro Woche den RUMS-Brief, der das kulturelle, wirtschaftliche und politische Leben in Münster erklärt.
  • Jeden Mittwoch unseren Veranstaltungsnewsletter mit ausgewählten Empfehlungen für die Woche.
  • Jeden zweiten Donnerstag im Wechsel den Preußen-Brief und den Kultur-Brief.
  • Jeden Sonntag eine Kolumne von wechselnden Autorinnen und Autoren.
  • Vollen Zugriff auf unsere Website mit allen Beiträgen, Reportagen und Briefen.
  • Zeit, sich alles in Ruhe anzuschauen: Die ersten 6 Monate zahlen Sie nur einen Euro.

Wir freuen uns sehr, wenn wir Sie ab heute in der RUMS-Community begrüßen dürfen!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.
Anmelden oder registrieren