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Der Preußen-Brief von Carsten Schulte | Der Stoff für Legenden

Guten Tag,
zum Sport, werte Mitlesende. Kaum hat man ein bisschen abschalten können, ruft der SC Preußen Münster schon wieder zum Tagesgeschäft. Am vergangenen Samstag zog die schwarz-weiß-grüne Karawane daher einmal quer durch die Stadt – von der Hammer Straße zur Großen Wiese nach Kinderhaus.
Das erste Testspiel ist jetzt erledigt, einigermaßen standesgemäß setzte sich der Zweitligist aus dem Süden gegen den Westfalenligisten aus dem Norden mit 5:0 durch. Es war nett, es war heiß und es war ein sehr entspannter Moment im Jahresablauf.
Ich schrieb in der jüngsten Kolumne schon über das Phänomen der Sommerpause, über diese besondere Atmosphäre „zwischen“ den (Spiel-)Jahren. Der vergangene Samstag bot alles, was man dazu erwarten darf: Schönes Wetter, viele neugierige Menschen und ein nahbarer SCP, dessen Spieler, mittendrin Kapitän Marc Lorenz, nach Abpfiff von allerhand Menschen jeglichen Alters umringt wurden und Autogramme rechts und links verteilten. Dazu die Neuzugänge, die selbst noch dabei sind, sich einen Überblick zu verschaffen und gleichzeitig im Mittelpunkt des Interesses standen.
Der neue Trainer, der erstmals ein Spiel über 90 Minuten verantwortlich begleitete. Nach dem Spiel in Kinderhaus futterte Alexander Ende übrigens Orangen, vielleicht ein Ritual, vielleicht gab es auch einfach keine Äpfel oder Bananen.
Der heilige Gral
Ein anderes Erlebnis wirkte ohnehin viel stärker: Das neue Heimtrikot wurde präsentiert und direkt von der Mannschaft getragen. Ein Sehnsuchtsmoment für Fans. Zugegeben: Vermutlich ist das wieder so ein Thema, das man erklären muss.
Das Heimtrikot. Wer neu im Fußball ist oder nur versehentlich in diese Kolumne hineingelesen hat: Das Heimtrikot ist der heilige Gral, das Zentrum des Interesses, viel mehr als ein Stück Stoff und ein Wappen darauf. Wenn man das Trikot als Fan trägt und das eigene Team gewinnt, steht Waschen auf der Verbotsliste. Das ergibt vielleicht gar keinen Sinn, aber so will es das Fußballgesetz.
So oder so: Das Heimtrikot wird ein ganzes Jahr mit Stolz getragen, wenn es optisch etwas hermacht und genau deshalb sollte beim Design nichts schiefgehen. Wenn ein Fußballklub hier Fehler macht, wird er die „Lappen“ nicht los und macht sich gleichzeitig zum Gespött der anderen. Dieses Problem konnte der SC Preußen in den vergangenen Jahren glücklicherweise umgehen.
Zuletzt im vergangenen Jahr wurde das weiß-grün-gestreifte Trikot mit großer Begeisterung aufgenommen und dem SCP anschließend aus den Regalen gerissen. Zahllose Fan-Umfragen im Internet feierten das Trikot aus Münster ligaweit gar als eines der schönsten Fußballtrikots. Und alle wissen, dass Internet-Umfragen stets wahrhaftig und glaubwürdig sind. Die Tatsache, dass das letztjährige Trikot auf den Rängen überall zu sehen war, ist allerdings ein deutlicher Fingerzeig für die Beliebtheit.
Kurz gesagt: Das Heimtrikot ist das Aushängeschild einer Mannschaft. Es wird übrigens mitnichten nur daheim getragen, sondern auch auswärts, wenn es zum Gegner und dessen Farben passt – also ausreichend Kontrast bietet für Fans und Schiedsrichter.
Das Heimtrikot steht für den Klub, unter seinem Stoff schlägt das gemeinsame Herz eines Vereins. Das gilt für den Kreisligisten wie für den FC Bayern München. Das Trikot ist der Kitt, der Amateure mit Profis verbindet, die Vermögensberaterin mit dem Fleischfachverkäufer. Man steckt gemeinsam drin, also im gleichen Trikot, nicht demselben. Sie wissen schon, was ich meine.
Dem Ball ist es gleich
Das klingt alles ein bisschen zu dick aufgetragen? Ist es nicht. Das Trikot ist eben wichtig, wie mahnende Beispiele aus der Vergangenheit belegen. Ein Beispiel? Vor mehr als 30 Jahren lief der SC Preußen mal in hellblau auf, also ganz in Hellblau. Es blieb eine der wenigen Verirrungen und völlig zu Recht verschwand dieser Dress in der Vorhölle des Fußballs.
Andererseits, wenn ich so darüber nachdenke: In diesen hellblauen Hosen und Trikots gelang den Preußen ein Auswärtssieg beim alten Rivalen VfL Osnabrück, insofern ist vielleicht doch alles relativ. Und dem Ball ist es ohnehin ganz gleich, in welcher Kleidung ein Spieler oder eine Spielerin ihn trifft.
Zurück in die Gegenwart. Dass der SC Preußen ein Heimtrikot pünktlich vor dem ersten Spiel präsentiert, ist ungewöhnlich. Dass es auch direkt zu kaufen ist, geht sogar als halbe Sensation durch. Der Effekt war beeindruckend: Bereits am vergangenen Samstag trugen viele Fans am Spielfeldrand das Trikot, das sie erst Minuten zuvor am Stadioneingang gekauft hatten.
Der neue Dress in unterschiedlich grünen Streifen, mit dem feinen Schriftzug SCP am Kragen und „Münster4Life“ innen drin kommt offensichtlich gut an. Hat die Marketing-Prosa die Vorfreude zusätzlich angefacht? Ohne zu tief in eine Textanalyse einzusteigen: Wer den SC Preußen Münster nun am Körper trägt, zeige „Identität und Verbundenheit zu unserer Heimatstadt“ nach außen. So steht es in der Pressemitteilung geschrieben. Zugleich soll das neue Trikot der krönende Abschluss einer „Trikotlogie“ sein.
Warum? Nun, zunächst gab es 2023 schwarze Streifen auf dem Trikot, dann weiße in 2024, nun grüne. Das klingt fast so, als sei das von langer Hand geplant, also eine logische Evolution des Heimtrikots, dessen Höhepunkt nun erreicht ist, ein Geniestreich. Und wer wollte dieses Grande Finale verpassen? Eben. Etwa 80 Euro muss man investieren, um sich in den edlen Stoff zu hüllen, Streifen machen hier leider nicht nur die Silhouette schlank. Immerhin gibt es das Gefühl kostenlos dazu.
Bereits am kommenden Sonntag geht es weiter. Dann steht ein fast obligatorischer Besuch in Telgte an. Dort richtet die heimische SG Telgte seit Jahren sehr sympathische Freundschaftsspiele zwischen attraktiven Fußballklubs aus – darunter vor allem der SC Preußen Münster, zeigen dürfen sich aber auch kleinere Vereine wie Borussia Dortmund oder Werder Bremen.
Am Sonntag wird der Drittligist SC Verl Sparringspartner der Preußen sein und das geht dann fast als Familientreff durch, denn neben dem Trainer hat der SC Preußen den Verlern in der Sommerpause auch gleich mehrere Profis gemopst, zu denen sich am Dienstag noch Oliver Batista Meier gesellte.
Ein Transfer, zu dem der SCP auch erst als Zweitligist imstande war (Ich muss mich noch immer an die 2. Bundesliga gewöhnen). Luftige Garderobe empfiehlt sich in Telgte. Wie wäre es denn mit einem neuen Trikot?
Herzliche Grüße
Ihr Carsten Schulte
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Carsten Schulte
…stammt aus dem Münsterland, hat mal Buchhändler gelernt, arbeitet aber seit fast 20 Jahren als Journalist für verschiedene Medienhäuser. Den SC Preußen Münster begleitet er mittlerweile mit seinem eigenen Magazin preussenjournal.de. Von ihm sind auch einige Bücher und Magazine über den Klub erschienen.
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