Gastbeitrag von Lea Breulmann | Mein Leben mit ME/CFS

Portrait Lea Breulmann
Mit Lea Breulmann

Guten Tag,

früher war ich vieles. Eine beste Freundin, jemand, auf den man sich verlassen konnte. Eine engagierte Schülerin, die sich Ziele setzte und sie konsequent verfolgte. Eine leidenschaftliche Tänzerin, die für ihren Sport lebte. Ich war jemand, der Herausforderungen liebte – sei es in der Schule, im Training oder im Alltag.

Ich war auch eine Joggerin, die sich jeden Tag ein kleines bisschen mehr abverlangte. Und eine Tochter, die gerne kochte, mit Liebe, mit Freude. Ich war voller Energie, voller Ideen – voller Leben. Heute bin ich chronisch krank. Und oft fühlt es sich so an, als sei nichts mehr übrig von der Person, die ich einmal war.

Ich habe immer die Herausforderung gesucht – und genossen. Selbstoptimierung war für mich kein Zwang, sondern eine Art von Lebensfreude. Ich tanzte, seit ich drei Jahre alt war. Der Tanz war nicht einfach ein Hobby, es war ein Teil meiner Identität. Woche für Woche, Jahr für Jahr stand ich in der Turnhalle. Es verging kaum ein Tag, an dem ich nicht trainierte.

Manchmal waren es zwei, drei, manchmal vier Stunden. Für viele wäre das zu viel gewesen – für mich war es der schönste Teil des Tages. Nach der Schule direkt zum Training. Dort konnte ich wachsen, mich beweisen, an meine Grenzen gehen. Und genau das liebte ich.

Dann kam der Januar 2020. Karnevalszeit. Wie jedes Jahr hatten wir eine aufwändige Choreografie einstudiert, und ich freute mich auf die Auftritte. Doch kurz vor dem ersten Termin wachte ich mit Fieber und einer Mittelohrentzündung auf.

Es ging mir schlecht – körperlich jedenfalls. Aber mein Wille war stärker. Ich wollte auf die Bühne. Ich wollte tanzen. Ich wollte mein Team nicht im Stich lassen und vor allem mir selbst beweisen, dass ich auch krank noch leistungsfähig war.

Es lief gut. Ich tanzte. Eine Woche später stand ein Turnier an – mein Zustand war kaum besser, aber ich trat trotzdem auf. Ich wollte zeigen, was ich konnte. Was ich gelernt hatte. Wofür ich so lange trainiert hatte.

Im Laufe des Jahres begann ich, das Laufen für mich zu entdecken. Anfangs war es ein Ausgleich, dann wurde es zu einer Leidenschaft. Ich rannte – immer weiter, immer schneller. Fünf Kilometer wurden zu acht, dann zu zehn, dann zu sechzehn.

Im Rückblick frage ich mich, ob es da nicht schon zu viel wurde. Ob es irgendwann weniger um Gesundheit ging und mehr um Kontrolle. Vielleicht war es nicht mehr nur Bewegung – sondern ein Ventil, ein stummer Zwang, ein ständiger Beweis für mich selbst, dass ich „genug“ war.

Im Dezember wurde ich erneut krank. Wieder ging ich laufen – zuerst fünf Kilometer, dann acht. Danach konnte ich nicht mehr. Einen Tag später lag ich im Krankenhaus. Und ab diesem Moment veränderte sich alles: Herzmuskelentzündung.

Seitdem ist mein Körper nicht mehr derselbe. Mein Leben ist nicht mehr dasselbe. Und ich auch nicht.

Erinnerungen schmerzen

Der 11. Oktober 2024 ist Turniertag. Aber nicht für mich. Die Halle, die einst mein zweites Zuhause war, spürt nicht mehr meine Schritte, hört nicht mehr mein Lachen, sieht nicht mehr, wie ich lebe, wenn ich tanze. Die Musik dröhnt. Ich weiß es, auch wenn ich nicht dort bin.

Sie füllt die Luft, reißt die Herzen mit, lässt den Boden beben. Doch heute bleibt mein Platz leer. Ich vermisse es.

Das Aufwärmen, das Zittern in den Fingern, das Chaos in der Kabine, das Haarspray in den Haaren, den Satz „Glaub an dich! Du kannst das! Gib dein Bestes“.

Ich vermisse mein maßgeschneidertes Kostüm, die Luft voll mit Nervosität und ich vermisse das Lächeln, das ich mir in den Spiegel zwingen musste, bis es echt wurde, bis es zur Maske und dann zur Wahrheit wurde.

Ich vermisse die Bühne. Das grelle Licht, das alle Schatten wegnimmt. Die erwartungsvollen Gesichter, die Zeit, die stehen bleibt, während ich mich drehe, schwebe und wieder auf dem Holzboden lande.

Heute liege ich hier, in der Stille, Jetzt schreit diese Stille viel lauter als die Musik es je konnte. Warum musste ich aufhören? War es der Druck? Die Angst, nicht gut genug zu sein? Oder habe ich mir eingeredet, dass ich nie genug getanzt oder geträumt habe?

Aber kann man jemals genug träumen? Kann man jemals genug tanzen, wenn das Tanzen das Atmen war? Heute ist Turniertag. Und ich sehe sie vor mir. Die Halle, die Klänge, die Schritte. Vielleicht kehre ich eines Tages zurück.

Vielleicht trage ich dann wieder Haarspray auf, schnüre meine Schuhe, trage mein Kostüm und lass die Bühne unter mir beben. Aber heute …

An diesem Tag bleibt mein Platz leer.

Wenn Alltag zum Kraftakt wird

Ich bin froh, dass ich noch in der Lage bin, Prioritäten zu setzen – dass ich täglich entscheiden kann, was ich schaffe – und was ich weglasse.

Diese Entscheidungen sind notwendig, weil meine Energie begrenzt ist. Selbst einfache Aufgaben stehen in Konkurrenz zueinander: Essen, Duschen, Lernen, Aufräumen.

In der Konsequenz bleibt nur das, was für mich wirklich zählt. Alles, was optional oder „nice to have“ ist, fällt weg.

Wenn ich also Zeit mit dir verbringe, dann nicht aus Anstand oder Gewohnheit – sondern weil du mir wichtig bist. Meine Energie ist knapp, und ich setze sie nur noch bewusst ein. Alltag in Etappen, alles muss geplant sein.

Jeder einzelne Tag ist durchgetaktet. Habe ich einen Arzttermin, plane ich vorher nichts. Danach auch nicht. Meistens bleibt sogar der folgende Tag leer, weil ich nie weiß, wie mein Körper reagieren wird und ich mich davon erholen muss. Alles, wirklich alles, ist eine Belastung. Mal mehr, mal weniger stark.

Ich wache oft mit Muskel- und Gliederschmerzen auf, einer bleiernen Erschöpfung, Muskelschwäche und Lichtempfindlichkeit. Diese Symptome sind das Erste, was ich morgens spüre. Noch bevor ich richtig wach bin.

Meine Medikamente helfen nur bedingt. Ich blicke aufs Handy – es ist 11:34 Uhr, sechs ungelesene Nachrichten. Ich verstehe die Wörter nicht richtig, kann die Sätze nicht erfassen. Ich habe keine Kapazität, um zu antworten.

Um 12:28 Uhr schaffe ich es, mich zur Toilette zu schleppen. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben Schritte. Mehr nicht. Und trotzdem zu viel. Danach taumle ich weiter in die Küche, weil ich etwas essen muss.

Was ich esse, hängt von mehreren Bedingungen ab: Es muss schnell gehen. Es muss leicht verdaulich sein – wegen meines Magens, der ständigen Übelkeit und dem Völlegefühl.

Es muss einfach zu kauen sein – ich habe wenig Kraft. Ich brauche Nahrung, die lange vorhält. Und ich darf nicht lange überlegen müssen – Nachdenken kostet Energie. Meistens gibt es Toast und einen Kinder Pinguin. Mehr ist nicht drin.

Wenn ich endlich essen will, kann ich nicht mehr. Ich habe gelernt: Es gibt keine guten oder schlechten Lebensmittel. Alles ist erlaubt. Ich muss meinem Körper vertrauen, ihn wieder spüren, auf Hunger hören – ich bin aber erst dabei, den Hunger wiederzufinden.

Ich habe gewartet auf diesen sogenannten Extremhunger, von dem alle sprachen. Das überwältigende Bedürfnis zu essen, das oft nach einer langen Phase der Entbehrung kommt. Aber bei mir kommt er nicht. Keine Gier, kein Drang – nur Stille. Und wenn ich dann so weit bin, wenn ich wirklich essen will, geht es nicht mehr.

Sogar Essen ist eine Herausforderung

Dann eine neue Diagnose: Gastroparese. Plötzlich musste ich auch damit leben, dass mein Magen nicht mehr richtig arbeitet. Essen blieb liegen, verursachte Übelkeit, Druck. Statt Freiheit fühlte sich Essen wie Zwang an – nicht im Kopf, sondern im Körper.

Als wäre das nicht genug, kam noch eine weitere Einschränkung dazu: glutenfrei. Ich musste mich erneut mit Lebensmitteln auseinandersetzen – mit Zutatenlisten, Inhaltsstoffen, Verträglichkeiten.

Ich musste neu lernen, was ich essen darf. Ich musste akzeptieren, dass große Mahlzeiten für mich nicht möglich sind. Dass ich nicht essen kann, was ich will, wann ich will. Dass ich nicht intuitiv essen kann, weil mein Körper keine klaren Signale mehr sendet.

Und trotzdem: Ich kämpfe weiter. Ich esse in kleinen Portionen, auch wenn es frustrierend ist. Ich wähle aus einer begrenzten Liste. Ich plane, obwohl ich mich nach Freiheit sehne. Denn ich weiß: Es geht nicht darum, alles essen zu dürfen, sondern überhaupt essen zu können.

Dann wieder zurück ins Bett – mit Schmerzen, erschöpft. Ich habe etwa achtzehn Schritte hinter mir, vielleicht fünf bis sieben Minuten Anstrengung. Und das reicht für heute – zumindest fürs Erste.

Nach dem Essen kommt wieder die Übelkeit. Nach drei Bissen fühlt sich mein Magen voll an, mein Kopf wird schwer, die Müdigkeit zieht mich erneut runter. Ich setze meine Schlafmaske auf – das Licht ist zu grell. Ohrstöpsel gegen die Autos und den Briefträger, der an den Kästen klappert.

12:47 Uhr. Ich schlafe wieder ein. Nicht freiwillig. Sondern, weil ich muss. Schlaf ist das Einzige, was mein Zustand erträgt.

Will ich wach bleiben, geht’s mir schlechter. Viel schlechter. Will ich durchhalten, riskiere ich einen Crash. In der Fachsprache nennt sich das PEM – Post-exertionelle Malaise. Auf Deutsch: Belastungsintoleranz.

Den Tag überlebt

Meine Energiegrenze ist viel niedriger als bei gesunden Menschen. Wird sie überschritten, kommt es teils zu einer drastischen Verschlechterung – mit Symptomen, die bis zu 72 Stunden verzögert auftreten können. Wie lange sie anhalten? Keiner weiß es. Tage, Wochen – schlimmstenfalls Monate oder Jahre.

Bisher musste ich „nur“ für maximal zwei Wochen im Bett bleiben. Ich hatte Glück. Und trotzdem bleibt jedes Überziehen meiner Grenzen ein Risiko für einen dauerhaft schlechteren Zustand.

Angst habe ich trotzdem keine. Nicht mal davor, dass es irgendwann nicht mehr besser wird. Vielleicht, weil ich gelernt habe, im Jetzt zu funktionieren.

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17:14 Uhr. Ich wache wieder auf. Vernebelt, müde, unruhig. Eine Stimme in mir flüstert: „Du hast heute nichts geschafft.“ Und ja – ich habe nichts „produktiv“ erledigt. Kein Uni-Task, keine Hausarbeit, nicht mal ein Gespräch geführt. Aber das ist nun mein Maßstab: Ich überlebe die Tage, bis es besser wird.

Wann das ist? Keine Ahnung. Ich kann es nicht beeinflussen – nur hoffen. Das Mittagessen habe ich verschlafen. Wie so oft. „Stell dir doch einen Wecker und iss schnell etwas“, sagen manche. Aber das geht nicht. Mein Schlaf zu unterbrechen bedeutet, gegen meinen Körper zu kämpfen. Ich zwinge ihn zu etwas, wozu er keine Kraft mehr hat.

Ein Wecker bedeutet: Erschrecken durch ein lautes Geräusch. Aufrichten, Kreislauf fordern. In die Küche laufen. Nachdenken, was da ist und was mein Magen verträgt. Etwas zubereiten und essen. Das ist zu viel. Dasselbe gilt fürs Abendessen. Ich schleppe mich wieder raus, suche etwas Essbares – und lande danach wieder im Bett.

Ich schaue noch einmal auf mein Handy: 26 ungelesene Nachrichten. Keine Energie zu antworten. Keine Worte im Kopf. Nur ein Schleier. Schmerzen. Müdigkeit.

Das war mein Tag. So sieht mein Alltag aus – zumindest während eines Crashes. Und so wird es bleiben, bis es wieder besser wird. Bis dahin bleibt mir nur: Aushalten. Warten. Und hoffen. Denn das Schlimmste ist nicht mal die Erschöpfung.

Es ist dieses Gefühl von Machtlosigkeit, von Kontrollverlust. Ich will so viel und kann so wenig. Nicht zu wissen, wann – oder ob – es wieder leichter wird. Nicht zu wissen, wie lange ich das noch aushalten muss.

Und ja – es ist schwer, das in Worte zu fassen. Denn wie erklärt man jemandem, dass man müde aufwacht, nur um gleich wieder schlafen zu gehen?

Gute Tage

Es gibt sie auch – die anderen Tage. Die, an denen ich aufwache und mich nicht sofort erschöpft fühle. Es ist 10:37 Uhr. Für einen kurzen Moment fühlt sich mein Körper nicht wie Blei an. Ich stehe um 10:45 Uhr auf, gehe zur Toilette, laufe in die Küche. Kein Zittern, kein Taumeln. Wenn es richtig gut läuft, schaffe ich es sogar, mir einen Apfel zu schneiden.

Danach geht’s wieder zurück ins Bett – kurz ausruhen, bevor ich dusche. Selbst an guten Tagen brauche ich einen Duschsitz, um keine unnötige Energie zu verlieren. Alles ist eine Frage der Einteilung. Wenn ich dusche, darf ich danach nicht noch spontan etwas anderes einplanen. Also ruhe ich mich wieder aus, bevor ich mich anziehe und meinen Tag weiter vorbereite. Ich habe einen Arzttermin. Einer, der nicht nur „irgendeiner“ ist, sondern bei meinem Lieblingsarzt.

Das bedeutet: Vorbereitungen. Die Unterlagen werden sortiert, Kleidung zurechtgelegt, Haare geföhnt. Ich checke die Bahnverbindung und suche mir heraus, wo ich auf dem Weg sitzen kann – denn stehen ist für mich anstrengender als gehen. Ich gehe nirgendwohin, ohne zu wissen, wo ich eine Pause machen kann.

Mein Rucksack ist voll: Notfallmedikamente, Snacks, Ohrstöpsel, Sonnenbrille, Desinfektionsmittel. Kein Platz für Sportzeug – mein „Equipment“ sieht eigentlich anders aus. Und dann geht es los. Gut vorbereitet, möglichst reizarm, möglichst vorausschauend.

Mein Arzt ist einer der wenigen, bei denen ich mich gesehen fühle. Er hört zu. Er nimmt mich ernst. Er spricht offen, wertschätzend und ehrlich – auch wenn die Nachrichten nicht immer gut sind. „Mehr kann ich leider nicht tun“, sagt er. „Die Forschung ist noch nicht so weit. Wir müssen abwarten. Aber ich bin sicher: Es wird etwas kommen.“

Ich glaube ihm. Trotzdem ist es schwer, in sein hilfloses Gesicht zu schauen, wenn er das sagt. Und doch gehe ich meistens mit einem guten Gefühl aus der Praxis. Nicht, weil alles besser wird – sondern weil ich für einen Moment gesehen wurde und er die richtigen Worte findet. Weil jemand meine Realität nicht hinterfragt, sondern anerkennt. Und das ist selten.

Zu krank für Krankenhäuser

Die andere Seite kenne ich auch. Die Zeit, bevor ich wusste, was ich habe. Als ich noch regelmäßig wegen totaler Erschöpfung im Krankenhaus lag – ohne Erklärung, ohne Diagnose. Die „Empfehlungen“, die ich dort bekam? „Wünschen Sie sich doch mal Ihr Lieblingsessen.“

Ich wurde nicht beleidigt – ich wurde ignoriert. So, als gäbe es meine Krankheit nicht. Kaum jemand weiß, dass ME/CFS-Patient:innen zu krank für Krankenhäuser sind. Der Tagesrhythmus, die Reizüberflutung, das Essen, das keine Rücksicht nimmt – all das kann einen massiven Crash auslösen.

Ich kenne Menschen, die gehend in eine Klinik kamen – und liegend wieder rauskamen. Es geht nicht darum, dass Ärzt:innen „es noch nicht wissen“. Oft wirkt es so, als wollen sie es nicht wissen.

Weil ME/CFS eine komplexe Krankheit ist. Weil Kleinigkeiten über Zustandsverschlechterung oder Stabilität entscheiden. Und weil es dafür keine einfachen Antworten gibt. Ein Kaffee in der Stadt – und große Pläne. Nach dem Termin treffe ich mich voller Vorfreude mit einer Freundin. Wir trinken Kaffee, lachen, tauschen uns aus. Für eine Weile fühlt es sich fast normal an.

Wir machen Pläne: Häkeln lernen. In den Indoorspielplatz gehen. Einen Sonnenuntergang anschauen. Eine Gerichtsanhörung besuchen. Kühe besuchen. Mit einem Van durch den Süden Spaniens fahren. Wir wissen beide: Der letzte Punkt ist groß. Es wird Planung brauchen – viele Pausen, viel Rücksicht.

Aber sie ist da. Immer. Sie glaubt an mich, auch wenn ich an schlechten Tagen daran zweifle. Sie bringt mir Essen, wenn ich zu schwach bin zu kochen. Sie wäscht meine Haare, wenn ich es nicht mehr schaffe. Sie kommt vorbei, wenn ich mich einsam fühle – auch wenn ich nicht reden kann.

Sie ist einfach da. Wie selbstverständlich. Und ich bin unendlich dankbar dafür. Und dann kommt wieder die Müdigkeit. Nach etwa einer Stunde in der Stadt merke ich, wie mein Körper runterfährt. Alles ist zu laut, zu viel. Ich mache mich auf den Weg zum Bahnhof.

Gefühle verdrängen, einen Crash vermeiden

Viele Menschen können sich kaum vorstellen, dass nicht nur körperliche Anstrengung, sondern auch starke Emotionen – Freude, Trauer, Wut oder Aufregung – bei ME/CFS einen Crash auslösen können. Das Nervensystem ist dauerhaft überreizt und reagiert empfindlich auf jede Art von Reiz.

Ein emotionaler Höhepunkt, selbst wenn es positiv ist, kann reichen, um den Körper in einen Zustand der totalen Erschöpfung zu stürzen. Und doch bin ich hier. Mit all meinen Gefühlen, weil ich diese höchstens nur verdrängen, nicht abstellen kann.

Zuhause angekommen, lege ich mich sofort ins Bett – ich schlafe zwei Stunden. Diesen Vorgang nennt man auch Pacing – Energieeinteilung. Eine essentielle Strategie zur Selbstregulation mit dem Ziel, die eigenen Energiegrenzen besser kennenzulernen und einzuhalten, um Crashs zu vermeiden. Pacing bedeutet also, nicht erst dann zu pausieren, wenn man völlig erschöpft ist, sondern bereits vorher – im besten Fall, bevor die Symptome überhaupt spürbar werden.

Pacing bedeutet: Pausen einplanen, auch wenn man sich gerade gut fühlt. Aktivitäten in kleine, machbare Schritte aufteilen. Multitasking vermeiden. Körperliche und kognitive Belastung abwechseln oder trennen. Auf Warnsignale des Körpers achten.

Zum Abendessen wache ich wieder auf. Danach bin ich noch ein bisschen wach und scrolle durch Social Media. Social Media ist mein Fenster zur Welt. Dort sehe ich, was andere erleben. Ich bleibe in Kontakt – mit alten Schulfreunden, mit Menschen, die ich gern habe, für die aber oft die Kraft fehlt, um sie real zu treffen.

Ich habe viele Freunde verloren. Von heute auf morgen war ich weg. Nicht, weil ich wollte – sondern, weil ich nicht mehr konnte. Nichts war mehr selbstverständlich. Alles war plötzlich zu anstrengend.

Diagnosen stapeln sich

Neben ME/CFS wurde bei mir eine Reihe weiterer Erkrankungen diagnostiziert, die mein Leben zusätzlich beeinflussen – körperlich wie auch organisatorisch.

POTS. Posturales Tachykardie Syndrom. Eine Form der orthostatischen Intoleranz (Kreislaufregualtionsstörung). Schon das einfache Aufstehen führt zu Herzrasen, Schwindel und Kreislaufproblemen. Langes Stehen oder Gehen ist kaum möglich, ohne dass mein Kreislauf kollabiert.

MCAS. Mastzellenaktivierungssyndrom. Eine Störung des Immunsystems, bei der Mastzellen überempfindlich auf Reize, die bei anderen harmlos sind, reagieren. Sie schütten unkontrolliert Botenstoffe aus, was bei mir zu Hautreaktionen, Verdauungsproblemen, Erschöpfung und Unverträglichkeiten führt.

Gastroparese. Eine Lähmung des Magens. Mein Verdauungssystem arbeitet sehr verlangsamt, Essen bleibt lange liegen, was zu Übelkeit, Appetitlosigkeit und Mangelernährung führt.

HEDS. Hypermobiles Ehlers-Danlos-Syndrom. Eine genetische Bindegewebserkrankung, die bei mir zu überbeweglichen Gelenken, Schmerzen, Instabilität und häufiger Erschöpfung führt. Auch Organe und Gefäße sind betroffen. Auch wenn mein Körper nach außen vielleicht ruhig wirkt, ist er innerlich ständig damit beschäftigt, sich irgendwie aufrecht zu halten.

Die Herzmuskelentzündung hat Spuren hinterlassen – mein Herz und meine Lunge arbeiten seither nicht mehr wie zuvor. Jede Anstrengung fordert sie heraus und verstärkt die ohnehin vorhandene Erschöpfung.

Diese Diagnosen treten nicht zufällig nebeneinander auf – sie sind miteinander verwoben, ein komplexes Krankheitsnetz, das mich in meiner Bewegungsfreiheit, meiner Verdauung, meinem Kreislauf und meiner Immunabwehr zugleich einschränkt.

Kleine Momente der Normalität

Wie der Tag morgen sein wird? Das weiß ich erst, wenn ich aufwache. Entweder war der Tag zu viel oder ich hatte eine gute Balance zwischen Pausen und Aktivitäten und werde noch so einen schönen Tag genießen können. Es kann sein, dass das eine Tür öffnen, die Unterschrift für das Attest oder das Suchen der Krankenkassenkarte zu viel für meinen Körper war.

Es ist fies diese zwei Zustände zu verstehen, denn würdest du mich an meinen guten Tag sehen, würdest du nicht merken, dass ich krank bin, dass mein ganzer Tag durchgeplant ist mit Pausen und Backups oder dass mein Rucksack nicht für die Reise gepackt ist, sondern gepackt mit Medikamenten, Snacks und weiteren Hilfsmitteln.

Und zu glauben, dass ME/CFS ein Zustand ist, der durch Einstellung und Anstrengung geheilt werden kann, ist stigmatisierend, egal wie vorsichtig man es zu formulieren versucht. Das ist schädlich für Menschen, die sich selbst die Schuld an ihrem Leiden geben (oder dafür verantwortlich gemacht werden).

Ich bin sehr dankbar für die guten Tage. Diese genieße ich sehr trotz des Wissens, dass es in geraumer Zeit wieder anders sein wird. Dass jede Kleinigkeit noch so belastend für meinen Körper sein kann, sodass ich wochenlang liegen muss.

Ich bin sehr dankbar für alle Personen in meinem Umfeld mit dem Verständnis für meine spontanen Absagen. Ich bin dankbar für alle Personen, die mich nicht vergessen, auch wenn ich länger mal verschwunden bin.

Ich bin dankbar für alle Momente, die mich ein bisschen normaler fühlen lassen. Ich will so viel. Und kann so wenig. Und das ist vielleicht das Schwerste: Die Kluft zwischen dem, was ich möchte – und dem, was mein Körper zulässt. Aber ich gebe nicht auf.

Denn jeder gute Tag ist ein kleiner Sieg. Und jeder Mensch, der bleibt, ein Geschenk.

Herzliche Grüße

Lea Breulmann

Portrait Lea Breulmann

Lea Breulmann

Lea Breulmann, 21, lebt in Rheine und war früher Leistungssportlerin. Seit mehreren Jahren ist sie an ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom) erkrankt – einer schweren, oft wenig bekannten Krankheit, die den Alltag grundlegend verändert. In Deutschland sind nach Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für ME/CFS rund 650.000 Menschen betroffen.

Gastbeitrag

In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen wir Gastbeiträge. Die Texte analysieren, bewerten und kommentieren aktuelle Themen und geben die persönliche Meinung der Autorin oder des Autors wieder, nicht die der Redaktion. Mitgliedschaften in Parteien oder Organisationen machen wir kenntlich. Sie haben eine andere Meinung oder finden einen Fehler? Schreiben Sie uns gern. Wir veröffentlichen Leserzuschriften und Korrekturen im RUMS-Brief.

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