Die Kolumne von Michael Tillmann | Münsters Störche: Wenn Natur auf Kultur trifft

Porträt von Michael Tillmann
Mit Michael Tillmann 

Guten Tag,

fällt Ihnen auch auf, dass fliegende Störche über der Stadt Münster inzwischen zu einer normalen Erscheinung geworden sind? Wundern Sie sich, wenn Sie auf Feldern und Äckern manchmal zehn oder gar zwanzig und mehr Störche hinter Landmaschinen laufen sehen?

Vor Jahren entdeckte ich auf dem berühmten Bild des niederländischen Malers Gerard ter Borch vom Einzug des niederländischen Gesandten Adriaan Pauw zu den Friedensverhandlungen in Münster große Vögel – eindeutig Weißstörche. Das weckte meine Neugier und ich bin der Frage nachgegangen, ob es denn in der Vergangenheit in Münster und der unmittelbaren Umgebung Störche gab.

Ich habe trotz ausführlicher Recherche keinerlei Hinweise gefunden und muss davon ausgehen, dass in Münster und Umgebung der Storch nicht zum Brutvogelinventar gehörte. Bis es 2001 zu einer ersten Brut in den Rieselfeldern kam. Inzwischen ist der Storchenbestand auf dem Stadtgebiet auf 72 Paare gestiegen.

Dazu zählen auch die 51 Paare, die dieses Jahr im Allwetterzoo nisten. Dort sind Störche zu einem großen Aufregerthema geworden, nachdem sich im Zoo innerhalb weniger Tage zwei Jungstörche auf der Netzabdeckung der Greifvogelvoliere verfangen hatten und dort verendet sind.

Die Mitarbeiter des Zoos hatten keine Rettungsversuche unternommen, weil sie sonst das Leben der jungen Geier im Nest darunter gefährdeten. Bei Besuchern hat dies zu empörten Reaktionen geführt, die ihren Niederschlag in den sozialen Medien und Zeitungsüberschriften wie „Zoo trifft Horrorentscheidung“ fanden.

Störche sind Wildtiere

Keine Frage: Die Entscheidung des Zoos ist nachvollziehbar, auch wenn das Miterleben des Todeskampfes für Besucher schwer erträglich war. Festzuhalten bleibt: Störche sind Wildtiere, sie sind vom Zoo nicht eingeladen worden. Sie werden dort weder gefüttert noch zugefüttert, sie müssen zusehen, wie sie ihren Nahrungsbedarf in der freien Landschaft decken. Es gibt im Zoo gerade mal fünf Nisthilfen, alle anderen Horststandorte haben die Vögel selbst gewählt. Fast alle Neuansiedlungen finden in den Bäumen statt und bleiben vielen Besuchern verborgen.

Der Zoo schreibt in seiner Stellungnahme, „dass an kaum einer anderen Stelle die Überschneidung von urbanem Raum und Natur so intensiv ist wie in einem Zoo.“ Damit trifft er einen Kern des Problems. Der Weißstorch ist ein Kulturfolger, er hat sich vor Jahrhunderten dem Menschen und menschlichen Siedlungen angeschlossen, nachdem ihm der Mensch durch die Rodung von Wäldern Zugang zu seinen Nahrungsquellen verschafft hat.

Daraus ist eine fast einzigartige Symbiose entstanden, die ihren Niederschlag in unzähligen Märchen, Sagen und Gedichten gefunden hat. Auch wenn der Storch als Vehikel zur Vermeidung sexueller Aufklärung ausgedient hat, als Symbol der Fruchtbarkeit und Frühlingsbote ist er noch immer tief im Gemüt vieler Menschen verankert. Und trotzdem bleibt der Storch ein Wildtier. Sein Anschluss an den Menschen ist mit allen Risiken, Nebenwirkungen und Konflikten behaftet, die nun mal mit der modernen Zivilisation verbunden sind.

Störche wollen zuweilen unbedingt da nisten, wo eine Gefahr für Menschen besteht, zum Beispiel auf aktiven Kaminen. Störche werden Opfer von Verkehrsunfällen, sie sterben manchmal durch Stromschläge an Leitungsmasten. Im Zoo haben einige Störche schon den Ausflug in das Freigehege von Tiger, Löwe und Co. mit dem Leben bezahlt. Jungstörche verenden in ihren Nestern, weil sie Gummischnüre schlucken oder weil das Nest wegen des Eintrags von Plastik regenundurchlässig geworden ist.

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Jahrzehnte lang galt der Storch als Symbol für eine artenreiche und naturnahe Agrarlandschaft. Sein Vorkommen galt als Beleg dafür, dass hier Natur und Landschaft noch intakt sind. Nicht von ungefähr hat der Naturschutzbund Deutschlands den Weißstorch als Symbolvogel in sein Logo aufgenommen.

Nun soll nicht geleugnet werden, dass es auch in Münster hier und da Maßnahmen zur Renaturierung und landschaftlichen Aufwertung gegeben hat. Aber noch immer dominiert weiträumig der Maisanbau, der mit einer enormen Verarmung der Biodiversität einhergeht. Fast allen Vögeln der Agrarlandschaft geht es schlecht:

Der Kiebitz steht im Stadtgebiet Münster vor dem Aussterben, das Rebhuhn ist praktisch verschwunden und unsere Landschaft ist stumm geworden, weil hier keine Feldlerchen mehr aufsteigen und ihren Gesang erschallen lassen.

Einzig der Weißstorch hat sich in einem Maße als anpassungsfähig erwiesen, das selbst Fachleute noch vor wenigen Jahren nicht für möglich gehalten haben. Das vermehrte Vorkommen lässt sich jedenfalls nicht interpretieren als Folge einer großräumigen Erholung von Natur und Landschaft.

Hier spielt wohl auch der Klimawandel eine Rolle, der die Störche veranlasst hat, nicht mehr über Gibraltar bis nach Westafrika zu fliegen, sondern in Spanien zu bleiben, wo sie auf Mülldeponien und Reisfeldern gut über den Winter kommen. Sie kommen schon sehr früh und mit guter Kondition wieder zurück und besetzen ihren Horst.

Starke Zunahme im Westen

In allen westdeutschen Bundesländern sind die Storchenbestände in den letzten zehn Jahren rasant angestiegen, so dass in einigen Städten und Regionen ernsthaft über Begrenzungsmaßnahmen nachgedacht wird.

Auch der Zoo in Münster wäre froh, wenn sich mehr Störche außerhalb des Zoos ansiedeln würden. Aber einen wirksamen Lenkungsmechanismus hat man dafür noch nicht gefunden. Zwar haben in diesem Jahr 21 Paare auch im übrigen Stadtgebiet gebrütet, aber die Anziehungskraft, die von der bestehenden Zookolonie ausgeht, ist einfach zu groß.

Störche galten früher als Glücksbringer. Vielleicht hat der Maler ter Borch auch das im Sinne gehabt, als er die Störche als dekorative Elemente in sein Bild einfügte. Heute sind die Störche über Münster eine reale Erscheinung. Sie sind eine enorme Bereicherung für unsere Umwelt und ein großes Glück, das noch vor wenigen Jahren keiner erwartet hatte.

Schauen Sie mal ab und zu nach oben und freuen Sie sich, wenn sie diese faszinierenden Vögel am Himmel erblicken. Es wäre doch ein schönes Sonntagserlebnis.

Herzliche Grüße

Michael Tillmann

Porträt von Michael Tillmann

Michael Tillmann

… hat an der Uni Münster Mathematik und Sozialwissenschaften studiert und diese Fächer über 36 Jahre unterrichtet. In den 90er-Jahren gehörte er dem Lenkungskreis an, der für Münster eine Lokale Agenda erarbeitet hat – ein Handlungsprogramm, um Kommunen nachhaltig werden zu lassen. Zusammen mit Münsters späterem Oberbürgermeister Berthold Tillmann (mit dem er nicht verwandt ist) hat er im Jahr 1998 den Diskussionsband Über unsere Verhältnisse zur nachhaltigen Stadtentwicklung Münsters herausgegeben. Außerdem ist er stellvertretendes Mitglied im Klimabeirat der Stadt Münster, war von 2015 bis 2020 verantwortlich für den Newsletter „Klima-Info Münster kompakt“ und ist Initiator und Koordinator der „Münsteraner Klimagespräche“. Michael Tillmann ist 74 Jahre alt, seit 2020 Mitglied der Partei Bündnis90/Die Grünen und Großvater von fünf Enkel:innen.

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