Die Kolumne von Michael Tillmann | Reden und Schweigen im Angesicht des Grauens

Porträt von Michael Tillmann
Mit Michael Tillmann 

Guten Tag,

Schweigen möchte man, möchte ich am liebsten in der aufgewühlten Diskussion über die niederschmetternde Situation in Israel und in Gaza. Schweigen, weil fast alles, was man sagt oder schreibt, auch Falsches beinhaltet. Schweigen, weil man fast keine Chance hat, nicht missverstanden zu werden. Worte und Sprache zu finden für Ereignisse, die eigentlich sprachlos machen, das ist ein fast aussichtsloses Unterfangen. Und trotzdem muss man es versuchen, weil Entsetzen und Trauer auch der Mitteilung bedürfen.

Geschwiegen hätten auf jeden Fall besser die Vertreter:innen der internationalen „Fridays for Future“-Bewegung im Anschluss an die Ereignisse vom 7. Oktober. Als in Sachen Klima und Klimaschutz Engagierter fühle ich mich betroffen von der mangelnden Empathie, den einseitigen Solitaritätsbekundungen von Greta Thunberg und den Posts einer nicht näher ausgewiesenen Personengruppe, die Zugriff auf die Social Media-Kanäle von „Fridays for Future international“ hat.

Greta Thunberg hat einen Satz zur Verurteilung der Hamas-Gräuel nachgeschoben. Ihren Ikonen-Status wird sie trotzdem weitgehend verloren haben. Im Falle der wirklich schlimmen Entgleisungen aus den Reihen der internationalen Klimabewegung haben die „Jüdische Allgemeine“ und der „Tagesspiegel“ aufgedeckt, wie ein einzelner fanatisierter Aktivist aus Mainz diese offen antisemitischen Posts „durchboxen“ und absetzen konnte.

Der Schaden ist da

Offenbart wurde damit eine hanebüchen diffuse und undemokratische interne Struktur von „Fridays for Future international“. Auch wenn Luisa Neubauer für Fridays for Future in Deutschland sich eindeutig vom internationalen Zweig distanziert hat, in jeder Hinsicht glaubwürdig für den deutschen Zweig jeden Antisemitismus abgelehnt und für alle jüdischen Menschen ein Leben ohne jegliche Furcht vor Anfeindungen oder gar Gewalt eingefordert hat, der Schaden für die Klimabewegung ist eingetreten.

Es ist nun einmal leider so, dass die Akzeptanz einer ambitionierten Klimapolitik nicht nur von der Güte der Argumente, sondern auch zu einem großen Teil von der Glaubwürdigkeit derer abhängt, die sie vertreten. Aber jenseits der Fragen um die Reputation und den Ansehensverlust der Klimabewegung geht es mir um den eigenen und den gesellschaftlichen Umgang mit der Situation, die nach den Massakern der Hamas und den Geiselnahmen vom 7. Oktober eingetreten ist.

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Empörung bei der israelischen Regierung und bei manchen anderen Staaten löste der UNO-Generalsekretär Guterres aus, als er sagte, der Hamas-Überfall habe „nicht im luftleeren Raum“ stattgefunden und andeutungsweise auf die Geschichte des Nahostkonflikts verwies. Geradezu Tumulte entstanden, als der slowenische Philosoph Žižek in seiner Eröffnungsrede zur Frankfurter Buchmesse zwar sagte, er verurteile die Hamas-Massaker ohne jedes „Wenn und Aber“, anschließend aber doch einiges zur Analyse des Israel-Palästina-Konflikts anfügte.

Viele sahen darin doch eine Relativierung der Gräueltaten, indem sie in einen historischen und politischen Kontext gestellt wurden. Unter anderem hat der israelische Historiker und Leiter der Anne-Frank-Bildungsstätte Frankfurt, Meron Mendel, selbst ein scharfer Kritiker der israelischen Regierungspolitik, der kürzlich sein Buch „Über Israel reden“ hier in Münster vorgestellt hatte, mit Fassungslosigkeit auf die Žižek-Rede reagiert.

Er habe angesichts der ermordeten Kinder, Frauen und Männer kein Verständnis dafür, dass jemand nur wenige Tage nach den Massakern und Geiselnahmen anfange, Erklärungen zu liefern. Die Ereignisse seien ein solcher zivilisatorischer Tiefpunkt, dass für eine Weile einfach nur Innehalten angesagt sei. Im Übrigen seien solche analytischen Exkurse im Falle von Srebrenica oder Butscha nicht angestellt worden. Er wirft damit die Frage auf, ob hier nicht vielleicht doch ein latenter Antisemitismus zum Vorschein käme.

Sind wir zu unbegrenzter Empathie fähig?

Carolin Emcke berichtet in der „Süddeutschen Zeitung“ davon, dass in ihrem Umkreis die Empathie mit jüdischen und palästinensischen Opfern ungleich verteilt sei. Keine Nachfrage gebe es, wenn sie von einer engen Freundin in Gaza erzähle, von der sie nicht wisse, ob sie noch lebe.

„Ist das palästinensische Leiden bereits eingepreist? (…) Oder gilt die Anteilnahme an der Not der Zivilisten in Gaza als Absage an Anteilnahme an jüdischer Trauer?“ fragt sie sich und die Leser:innen. Empathie müsse universalistisch sein, könne nicht an äußere Bedingungen geknüpft werden. Palästinensische Trauer sei nicht weniger wert als die Tränen jüdisch-israelischer Menschen.

So sehr ich solchen Gedanken zuneige, sie lassen doch auch Zweifel aufkommen, ob nicht doch die Fähigkeit zu Trauer und Empathie einer gewissen Ökonomie unterliegt. Sind wir wirklich zu unbegrenzter Empathie fähig? Neigen wir nicht alle in Konfliktsituationen zu einer empathischen Parteinahme?

Auch in der gegenwärtigen Situation spüre ich noch immer, wie die Erfahrungen von einem Besuch in Israel und im Westjordanland vor neun Jahren nachwirken. Die monströse Mauer in Bethlehem und vielen anderen Orten, der Besuch in Hebron, wo einige hundert jüdische Siedler, geschützt von fast genau so vielen israelischen Soldaten, zwei zentrale Straßenzüge für sich vereinnahmt haben, die Situation der palästinensischen Stadt Kalkilya, die vollständig von Mauern umgeben ist oder die Übergriffe von Siedlern auf die Farm der Familie von Daoud Nassar mit der nahezu vollständigen Zerstörung seines Olivenhains kurz nach unserem Besuch – all das ist mir sehr gegenwärtig.

Das Wichtigste: Widersprüche aushalten

Das Erleben der strukturellen Unterdrückung und Demütigungen durch israelische Soldaten und Siedler kann ich nicht ausblenden. Das Westjordanland erschien als eine einzige Brutstätte von Gewalt und Hass.

Gleichzeitig muss ich zur Kenntnis nehmen, dass die Hamas, die Machthaber im Iran und auch andere Teile der arabischen Welt den Staat Israel von der Landkarte auslöschen wollen. Umso wichtiger ist, dass wir das Existenzrecht Israels, das Recht sich zur Selbstverteidigung und die besondere Verantwortung von uns Deutschen, die auch eine besondere Pflicht zur Solidarität einschließt, unter keinen Umständen in Frage stellen dürfen.

Mir ist bewusst, dass das alles zusammen keine konsistente und in sich widerspruchsfreie Haltung ergibt. Aber die inneren und äußeren Widersprüche auszuhalten, nach kleinen Fluchten des Dialogs und der Verständigung zu suchen, das ist vielleicht das Wichtigste, worum wir uns derzeit bemühen sollten.

Es gibt kaum eine Region dieser Erde, die so wenig Hoffnung auf Frieden vermittelt wie das Land zwischen Jordan und Mittelmeer. Aber es gibt Menschen auf beiden Seiten, die sich nicht entmutigen lassen. Der oben erwähnte Daoud Nasser, der seit Jahrzehnten um die rechtmäßige Anerkennung seines Landbesitzes kämpft, hat am Eingang zu seinem Gelände einen großen Stein aufgestellt mit der Inschrift „We refuse to be enemies“ (Wir weigern uns, Feinde zu sein).

Ich wünsche Ihnen einen nachdenklichen Sonntag und uns allen, dass die kommenden Tage auch Hoffnung nährende Nachrichten bringen.

Michael Tillmann

Porträt von Michael Tillmann

Michael Tillmann

… hat an der Uni Münster Mathematik und Sozialwissenschaften studiert und diese Fächer über 36 Jahre unterrichtet. In den 90er-Jahren gehörte er dem Lenkungskreis an, der für Münster eine Lokale Agenda erarbeitet hat – ein Handlungsprogramm, um Kommunen nachhaltig werden zu lassen. Zusammen mit Münsters späterem Oberbürgermeister Berthold Tillmann (mit dem er nicht verwandt ist) hat er im Jahr 1998 den Diskussionsband Über unsere Verhältnisse zur nachhaltigen Stadtentwicklung Münsters herausgegeben. Außerdem ist er stellvertretendes Mitglied im Klimabeirat der Stadt Münster, war von 2015 bis 2020 verantwortlich für den Newsletter „Klima-Info Münster kompakt“ und ist Initiator und Koordinator der „Münsteraner Klimagespräche“. Michael Tillmann ist 74 Jahre alt, seit 2020 Mitglied der Partei Bündnis90/Die Grünen und Großvater von fünf Enkel:innen.

Die Kolumne

Immer sonntags schicken wir Ihnen eine Kolumne. Das sind Texte, in denen unsere acht Kolumnistinnen und Kolumnisten Themen analysieren, bewerten und kommentieren. Die Texte geben ihre eigene Meinung wieder, nicht die der Redaktion. Mitgliedschaften in politischen Parteien oder Organisationen machen wir transparent. Wenn Sie zu den Themen der Kolumnen andere Meinungen haben, schreiben Sie uns gern. Wenn Sie möchten, veröffentlichen wir Ihre Zuschrift im RUMS-Brief. Wenn Sie in unseren Texten Fehler finden, freuen wir uns über Hinweise. Die Korrekturen veröffentlichen wir ebenfalls im RUMS-Brief.

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