Die Kolumne von Christoph Hein | Die Crux mit dem russischen Öl

Porträt von Christoph Hein
Mit Christoph Hein

Guten Tag,

bei der Umfrage unter den wichtigsten Kandidaten für die Kommunalwahl Mitte September wünschten sich alle ein grüneres Münster. Georg Lunemann von der CDU möchte die Windkraft fördern und Erdwärme einsetzen. Tilman Fuchs von den Grünen will Münster schnell und sozial klimagerecht machen. Und Stephan Brinktrine (SPD) will einen sozialverträglichen Klimaschutz.

So weit, so verlockend. Die Antworten klingen artig, heimelig und nur ein ganz kleines bisschen naiv. Natürlich geht es hier um Stadtpolitik, nicht um Windräder an der Nordsee, Gaspipelines nach Russland oder die Schattenflotte verrotteter russischer Öltanker. Dennoch: Wer über die Stadt- und Landesgrenzen hinausschaut, reibt sich die Augen.

Da nämlich geht es gerade um Fragen, wie der Billigverkauf russischen Erdöls von Peking und Neu Delhi in großem Maße genutzt wird, um ihre Länder unter Dampf zu halten, Klima hin- oder her. Und wie wir davon an der Zapfsäule profitieren.

Mit einher gehen zwei drohende Kollateralschäden: Mit den Käufen des Öls aus Moskau riskieren Präsident Xi Jinping und Ministerpräsident Narendra Modi eine Katastrophe auf dem Meer. Denn die wohl mehr als eintausend Tanker der russischen Schattenflotte werden von den großen Versicherungen, die ihren Sitz überwiegend im Westen haben, nicht versichert.

Seelenverkäufer im Mittelmeer

Wer also wird die Aufräumungsarbeiten zahlen, sollte einer dieser Seelenverkäufer im Mittelmeer oder im Suezkanal auflaufen oder auseinanderbrechen? Und mit den Milliarden Dollar, die Inder und Chinesen für das Russen-Öl zum Billigpreis zahlen, finanziert Wladimir Putin seinen Überfall auf die Ukraine.

Vor wenigen Monaten schätzten die Analysten der ukrainischen „Kyiv School of Economics“, Moskau nehme so Monat für Monat noch rund zehn Milliarden Dollar ein.

Indien ist derzeit der zweitgrößte Käufer russischen Öls auf dem Weltmarkt, China die Nummer eins. Während die Chinesen das Öl vor allem für die eigene Wirtschaft brauchen, verarbeiten es Indiens Raffinerien – an einer von ihnen ist der russische Energiekonzern Rosneft fast zur Hälfte beteiligt – und verkaufen es weiter.

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Moskaus Öl deckt inzwischen mehr als 35 Prozent des indischen Bedarfs. Vor dem Überfall auf die Ukraine hatte der Anteil Russlands am Öl-Import Indiens nur bei zwei Prozent gelegen.

Weil die Europäische Union russisches Öl blockiert, wird es mit der verrufenen Schattenflotte maroder Tanker, mehrfach umgeladen, nach Indien verschifft. Die Inder verarbeiten es in ihren Raffinerien weiter zu Heizöl, Treibstoff oder Flugbenzin – und als solches geht es in EU-Länder und die Schweiz.

Da Brüssel nun sogenannte Sekundärsanktionen auch gegen Indien – das die Europäische Union als strategisches Bollwerk gegen China, als Absatz- und Beschaffungsmarkt mit Billiglöhnen braucht – verhängen will, herrscht dicke Luft.

Rosneft erklärte auf die Ankündigung von Zöllen auf Partner Russlands, die indisch-russische Raffinerie Nayara Energy sei eine „wichtige Anlage“, um die Energieversorgung Indiens zu sichern, die Sanktionen der Europäer seien „weit hergeholt und falsch“. Die indische Regierung bezeichnet die Sekundärsanktionen als „einseitig“.

Doppelstandards

Zudem röchen sie nach „Heuchelei“, schrieben indische Medien. Dem Subkontinent ginge es um Energiesicherheit, nicht um eine Annäherung an Moskau. „Wir haben die jüngsten Sanktionen der Europäischen Union zur Kenntnis genommen. Indien unterstützt keine einseitigen Sanktionsmaßnahmen. Wir sind ein verantwortungsbewusster Akteur und halten uns weiterhin uneingeschränkt an unsere rechtlichen Verpflichtungen“, sagte Randhir Jaiswal, Sprecher des Außenministeriums.

Zugleich warnte er vor „Doppelstandards, insbesondere im Energiehandel“. Das Handelsvolumen der Europäischen Union mit Russland liegt über demjenigen Indiens.

Obwohl in der Europäischen Union nur rund 450 Millionen Menschen leben, haben diese mit fast 68 Milliarden Euro ein höheres Handelsvolumen mit Moskau als die 1,4 Milliarden Inder mit rund 60 Milliarden Euro. Allerdings hat Neu Delhi angekündigt, den gemeinsamen Handel auf 86 Milliarden Euro (100 Milliarden Dollar) ausbauen zu wollen.

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Indien lasse sich, wenn es um die Energieversorgung ginge, ausschließlich vom „Angebot auf den Märkten leiten“. Das Land habe vorgesorgt: Seit Moskaus Überfall auf die Ukraine 2022 habe die Regierung die Zahl ihrer Öllieferanten von 27 auf 40 Lieferländer hochgefahren. Indien verfügt über 22 Raffinerien, von denen 18 staatlich sind.

Brüssel gewährt dem strategischen Partner Indien nun ein halbes Jahr Anpassungszeit. In diesen Monaten, so heißt es am Handelsplatz Singapur, würden Händler alternative Routen und Lieferwege öffnen – etwa durch das Mischen russisch-indischer Ölprodukte mit raffiniertem Öl aus Arabien oder das mehrfache Verladen im Mittelmeer, um die Herkunft zu verschleiern.

Vom Billigeinkauf bei den Russen unter Druck profitiert auch der reichste Mann Asiens, der Multimilliardär Mukesh Ambani. Sein Vermögen wird auf rund 100 Milliarden Dollar geschätzt, er besitzt mit Reliance Industries in Jamnagar am Arabischen Meer den größten Raffineriekomplex der Welt.

Hat mit Münster nichts zu tun?

Der ist hochmodern und kann auch aus Bunkern gesteuert werden. Im ersten Halbjahr sandte Reliance im Durchschnitt gut 2,8 Millionen Barrel Diesel und 1,5 Millionen Barrel Flugbenzin nach Europa. Ende vergangenen Jahres hatten die russische Rosneft und die indische Reliance ein Lieferabkommen über zehn Jahre geschlossen. Ambanis Familie profitiert massiv vom Handel mit russischem Öl, sein Sohn heiratete gerade in St. Moritz für angeblich 100 Millionen Dollar.

Ambani wird vernommen haben, was US-Präsident Donald Trump und später NATO-Generalsekretär Mark Rutte den großen Käufern und Verarbeitern von russischem Öl drohten.

„Wenn Sie der Präsident Chinas, der Premierminister Indiens oder der Präsident Brasiliens sind und weiterhin mit Russland Handel treiben und dessen Öl und Gas kaufen, dann wissen Sie: Wenn der Mann in Moskau die Friedensverhandlungen nicht ernst nimmt, werden wir hundert Prozent sekundäre Sanktionen verhängen“, sagte Rutte.

Das alles hat mit Münster nichts zu tun? Falsch. Die Verarbeitung russischen Rohöls in Indiens Raffinerien führt zu Flugbenzin und Treibstoff. Und das nutzen wir alle, ohne darauf Einfluss zu haben.

Herzliche Grüße

Ihr Christoph Hein

Porträt von Christoph Hein

Christoph Hein

ist in Köln geboren und in Münster aufgewachsen. Er hat an der Uni Münster studiert, hier promoviert und während seines Studiums für die Westfälischen Nachrichten und den WDR gearbeitet. Im Jahr 1998 fing er bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung an, zunächst als Korrespondent in Stuttgart. Ein Jahr später ging er als Korrespondent erst für Südostasien und China, ab 2008 für den Süden Asiens einschließlich des Pazifikraums nach Singapur. Dort wurde auch seine Tochter geboren, die inzwischen in Münster studiert. Nach einem Vierteljahrhundert im indo-pazifischen Raum ist er nach Deutschland zurückgekehrt und leitet den wöchentlichen Newsletter F.A.Z. PRO Weltwirtschaft. Christoph Hein hat zahlreiche Bücher publiziert. Gerade ist „Unsere Wirtschaft neu denken. Ein Leitfaden für die Machtverschiebungen unserer Zeit“ im Brandstätter Verlag erschienen.

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