Die Kolumne von Ludwig Lübbers | Die Welt von Paride

Porträt von Ludwig Lübbers
Mit Ludwig Lübbers

Guten Tag,

in meinem diesjährigen Sardinienurlaub – begleitet von zwei studentischen Assistenten – habe ich viele Menschen auf dem Campingplatz kommen und gehen sehen. Manche zum letzten Mal.

Ein guter Freund aus Mailand, Paride, ist in diesem Jahr gestorben. In den vergangenen Jahren war er mein Wohnwagennachbar, zusammen mit seiner Frau Etta. Mit seiner offenen und herzlichen Art war er bei vielen Menschen hier auf dem Platz sehr beliebt. Ich vermisse ihn sehr.

Paride war ein Paradebeispiel dafür, wie zwischenmenschliches Miteinander funktionieren kann: offen, hilfsbereit, empathisch, neugierig auf neue Menschen und Kulturen. Wenn Hilfe gebraucht wurde, packte er an. Er hatte Ideen, wie man ins Gespräch kommt und Vielfalt erlebt. Vor seinem Wohnwagen montierte er zum Beispiel einen Sprühbalken in drei Meter Höhe.

An heißen Tagen mit 35 Grad blieben Camperinnen und Camper gerne stehen, um sich kurz abzukühlen. Sprachbarrieren spielten keine Rolle – im Zweifel sprachen Hände und Füße. Wer stehen blieb, wurde oft spontan auf einen Kaffee oder ein kühles Getränk eingeladen.

Menschen wie Paride machen das Leben auf dem Campingplatz leichter. Sie erweitern den eigenen Lebensradius. Und sie tragen dazu bei, dass der Traum von Sardinien für mich Wirklichkeit bleiben kann. Paride lebte diesen Traum von Freiheit und Vielfalt bis zum Schluss. Zugleich vermittelte er mir ein Stück Sicherheit – etwas, das ich als Mensch mit Behinderung ganz besonders schätze und brauche. Auf ihn war Verlass, auch in schwierigen Momenten.

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Ich erinnere mich gut daran, wie Paride mir beim Abbau meines Camps zur Seite stand. Solche Menschen im Hintergrund zu wissen, ist ein großer Bonus – gerade, wenn es um Dinge geht, die mitentscheiden, ob und wie ein weiterer Aufenthalt hier überhaupt möglich ist.

Manchmal geht es nur um Kleinigkeiten, für die ich keine professionelle Assistenz brauche: Geld aus dem Portemonnaie holen, den Ölstand am Auto kontrollieren. Durch meine offene Art gelingt es mir, mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen – und sie gegebenenfalls um Hilfe zu bitten. Oft fühle ich mich wohler damit, viele kleine Hilfen auf verschiedene Menschen zu verteilen. Es fällt dann weniger auf, und ich fühle mich freier.

Paride war ähnlich gestrickt wie ich: offen, lebenslustig, kontaktfreudig. Leider, so mein Eindruck, werden solche Menschentypen seltener. Dabei sind es genau diese Menschen, die Lebensradien vergrößern können.

Ein anderes Beispiel: Franco (86) und Marie Therese (85) – ein Ehepaar, das in diesem Jahr nach über 50 Jahren Camping seinen Wohnwagen verkauft. Eine mit Sicherheit schwere Entscheidung, sich nach so langer Zeit von einem Lebenstraum zu verabschieden. Doch sie können stolz und glücklich darauf sein, diesen Traum so lange gelebt zu haben: ein Geschenk des Lebens.

Ihre Entscheidung zeigt aber auch, dass Lebensradien wieder kleiner werden – durch Alter, Krankheit oder äußere Umstände. Auch mich wird dieses Schicksal irgendwann ereilen, und ich frage mich: Was kann ich tun, um den Zeitpunkt hinauszuzögern?

Bislang habe ich immer Mittel und Wege gefunden, meinen Lebensradius zu vergrößern: mein Auto, mein spezielles Fahrrad, meine Beinprothese – und nicht zuletzt das Assistenzmodell. Ich reduziere mich auf Sardinien auf das Wesentliche und halte mein Leben bewusst einfach. Abends schwimme ich kurz im Meer, um mir die Dusche zu sparen – einfacher, sicherer, praktischer. Die Assistenten helfen mir dann beim Umziehen am Strand, auf meiner reservierten Liege.

Ich denke in solchen Momenten oft an Parides Frau. Ohne ihn wird sie Sardinien wohl nicht mehr erreichen können. Kann man ihr den Traum vielleicht doch noch einmal erfüllen? Und werde ich selbst wieder Menschen wie Paride begegnen – Menschen, die meinen Radius erweitern und mir das Gefühl von Freiheit schenken?

Wie bekommen wir mehr „Parides“ in dieser Welt? Diese Frage beschäftigt mich seit Monaten.

Ein kleines Ratespiel

Vor meinem Urlaub habe ich eine Bekannte in der Nähe von Bad Tölz besucht. Sie hat drei schulpflichtige Kinder. Schon im letzten Jahr hatten wir überlegt, ob ich nicht einmal eine Schulveranstaltung zum Thema Inklusion machen könnte – um Kindern zu zeigen, wie ich lebe. Denn das erlebe ich häufig: Wenn Kinder mich sehen, stellen sie ihren Eltern Fragen. Warum hat der Mann keine Hände? Warum nur ein Bein?

Dieses Jahr war es so weit. Ich durfte einen Vormittag lang an einer Grundschule mit verschiedenen Klassen über meine Behinderung und mein Leben sprechen. Die Kinder waren unglaublich neugierig: Wie fahre ich Auto? Wie ist die Prothese befestigt? Wie gehe ich auf Toilette? Habe ich ein Gefühl im künstlichen Bein?

Ich zeigte ihnen verschiedene Hilfsmittel – etwa einen Toilettenstab oder ein Prothesenteil. Wir spielten ein kleines Ratespiel: Welche Sportarten traut ihr mir zu? Dass ich tauchen kann und schwimmen gehe, beeindruckte viele. Auch mein spezielles Fahrrad und mein umgebautes Auto fanden sie faszinierend.

An diesem Tag konnte ich den Kindern mein Modell von Inklusion näherbringen. Vielleicht habe ich damit sogar Berührungsängste abgebaut – und „Sprühbalken“ für die Zukunft aufgestellt. Kinder, die ihren Eltern jetzt etwas über Menschen mit Behinderung erzählen können, anstatt nur Fragen zu stellen. Es war ihre Neugier, die etwas bewirkt hat – sie wurden zu kleinen Expertinnen und Experten.

Paride hatte eine ähnliche Neugier auf andere Menschen. Auch er hat mit seiner Offenheit viele Menschen berührt – mit dem vielleicht unbewussten Ziel, Lebensradien zu erweitern, Träume zu ermöglichen, Begegnungen zu schaffen.

Mehr Parides – mehr Lebensqualität

Meine Hoffnung ist, dass Veranstaltungen wie die in Bad Tölz dazu beitragen, dass mehr „Parides“ in diese Welt kommen, die einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass Lebensradien für mehr Menschen groß bleiben. Das bedeutet im Umkehrschluss: mehr Lebensqualität.

Ich wünsche mir mehr „Sprühbalken“ nach Parides Prinzip – in Pflegeheimen, in Behinderteneinrichtungen. Orte, an denen Menschen stehenbleiben, ins Gespräch kommen, den Menschen mit kleinem Lebensradius gesellschaftliche Beachtung schenken. Auch Schulen können dazu beitragen – mit Arbeitsgemeinschaften oder Projektwochen, die Jung und Alt vernetzen.

In Parides Welt war Platz für jeden. Er empfand jeden Menschen – egal ob reich oder arm – als Bereicherung. Das sollte uns alle motivieren. Denn irgendwann werden auch unsere Lebensradien kleiner – durch Krankheit, durch das Alter. Dann werden Beachtung und Respekt immer wichtiger, so wie Paride sie großzügig aufgebracht hat.

In dieser Kolumne habe ich viel über Kreise und Radien gesprochen. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich Lehrer für Mathematik bin.

Wenn man den Umfang eines Kreises berechnet, verwendet man die Formel 2 × π × r. Und π – die Kreiszahl – hat eine faszinierende Eigenschaft: Sie hat unendlich viele Nachkommastellen. Vielleicht steht diese Unendlichkeit auch für die unzähligen Generationen von Menschen auf dieser Welt, die an dieser Formel mitwirken – und dafür sorgen, dass der Radius für alle groß bleibt oder sogar weiter wächst.

Herzliche Grüße

Ihr Ludwig Lübbers

Porträt von Ludwig Lübbers

Ludwig Lübbers

… hat an der Uni Münster Mathematik und Sozialwissenschaften studiert und anschließend das Referendariat absolviert. Heute arbeitet er als Lehrer am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium. Von 1997 bis 2000 initiierte und betreute er das Projekt „Handicap im Internet“, eine Plattform, auf der sich Menschen mit Behinderung vernetzen und austauschen konnten. In der städtischen Kommission zur Förderung der Inklusion (KIB) setzt er sich heute für die Interessen von Menschen mit Behinderungen in Münster ein. 2021 veröffentlichte er sein erstes Buch: „L’Ultima Spiaggia – Meine letzte Hoffnung“. In seinen RUMS-Kolumnen schreibt er über Barrieren und Barrierefreiheit, über den Alltag von Menschen mit Behinderung und über Inklusion in Münster.

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