Der Kultur-Brief von Christoph Tiemann | Kathedrale light

Portrait Christoph Tiemann (Kultur-Kolumne)
Mit Christoph Tiemann

Guten Tag,

Bordeaux, Nizza, Straßburg, Brüssel, Delft und Münster – was haben diese Städte gemeinsam? Einen Bischof (meistens jedenfalls), eine Kathedrale (oft seit mehr als 1.000 Jahren), und die Show „Luminiscene“ (zumindest für kurze Zeit) – eine immersive Show aus Musik und Licht. Das sind so viele werbewirksame Zauberwörter, dass ich hier erstmal sortieren möchte:

Lumineszenz bedeutet übersetzt so viel wie Lichtwerdung. Das Wort wird in der Physik und Biologie angewendet, wenn Stoffe oder Lebewesen von selbst Licht abgeben können, wie zum Beispiel Glühwürmchen oder bestimmte Mineralien. Szene ist der Schauplatz des Geschehens im griechischen Theater und immersiv kommt vom lateinischen „immergere“, was eintauchen bedeutet. Bei „Luminiscene“ kann man also mittels Licht so richtig in eine Show hineintauchen.

Zunächst taucht man allerdings in eine Menschenmenge ein. Im hohen Dom zu Münster sitzt man so dicht an dicht wie sonst nur in der Christmette. Nein, man sitzt sogar noch enger, so eng, dass Karl Lauterbach und Doktor Drosten hektisch nach der FFP2-Maske greifen würden.

Dass man ein Ticket benötigt, um an diesem Abend das Gotteshaus zu betreten, mag nicht im Sinne des Erfinders liegen, ist aber an einem so besonderen Abend nicht anders zu machen. Die mageren Einnahmen der Kollekte würden nicht mal ausreichen, um Ersatzbirnen für die Projektoren zu kaufen. Dass die Preiskategorien dann aber ausgerechnet nach den Edelmetallen Silber, Gold und Platin benannt sind, lässt einen dann doch kurz an Sprüche denken wie „Man kann nicht Gott dienen und dem Mammon“ und „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr…“.

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Aber nur kurz. Denn um 19.06 Uhr betritt ein 20-köpfiger Chor die Bühne, die Show beginnt und man fängt ein einzutauchen.

Die High-Tech-Projektoren sind in der Lage, die Flächen jeder Gewölbekappe, jeden Pfeiler, jede Kreuzrippe, jeden Gurtbogen und jeden Verschlussstein in den Spitzbogengewölben so anzusteuern und individuell auszuleuchten, als sei die Kathedrale für die Projektion gebaut worden und nicht umgekehrt.

Tatort-Feeling im Dom

Dann donnert die beeindruckende Stimme von Mechthild Großmann einem von der Decke entgegen (wer sich inzwischen vom linearen Fernsehen komplett verabschiedet hat: Mechthild Großmann spielte bis zu diesem Jahr die Staatsanwältin im Münster-Tatort) – und wenn sie dann sagt, sie sei der Dom selbst und erzähle jetzt ihre eigene Geschichte, dann klingt das überhaupt nicht so albern, wie es hier niedergeschrieben wirken mag.

Der Ton ist übrigens ausgezeichnet, allein das ist eine Meisterleistung in einer für gesprochenes Wort so herausfordernden Akustik einer Kathedrale.

Das Lichtspiel passt, wie schon gesagt, haargenau auf die Architektur des Kirchenschiffs, nicht immer passt es auch so genau zu dem, was Mechthild Großmann als Dom gerade erzählt. Die berichtet von den unterschiedlichen Bauphasen, von der wechselvollen Geschichte – aber warum ist ein Gewitter zu sehen, kurz vor den Luftangriffen des Zweiten Weltkriegs?

Plötzlich beginnt auch die Illusion der perfekten Projektion zu bröckeln: Wieso ist ausgerechnet die imposante Statue des Heiligen Christophorus am nordöstlichen Vierungspfeiler nie wirklich in das Lichtspektakel eingebunden, sondern ausgeleuchtet wie alle anderen Säulen?

Die gleichen Lichter wie in Frankreich

Wer genau hinsieht, dem wird klar, dass hier die gleiche Show abläuft, die auch auf das Deckengewölbe der Kathedralen von Bordeaux, Nizza und Straßburg geworfen wurde, angepasst auf die Maße des Doms in Münster. Warum auch nicht? Diese Lichtdesigns sind wunderschön, beeindruckend und sehenswert und die Geschichten der großen europäischen Kathedralen ohnehin doch recht ähnlich: Aufbau, Umbau, Zweiter Weltkrieg, Wiederaufbau. Für den Bezug zu Münster ist dann ja Mechthild Großman da. Schnell lässt man wichtige Münster-Stichworte fallen (Liudger, Wiedertäufer, Kardinal von Galen), damit die Show sich neben den ganzen bunten Farben auch noch den Anstrich von Lokalkolorit geben kann, aber ausgerechnet diese Schicht ist die dünnste der ganzen Show. Was Mechthild Großmann da erzählt ist wunderschön gesprochen, bleibt aber oberflächlich. Was wirklich schade ist, denn die Leute blicken so gebannt ins Deckengewölbe, dass man ihnen etwas hätte zutrauen können, dass über die bloße schönformulierte aber ziemlich lose Aufreihung an Trivia hinausgeht.

Auch die Musik kann mit der technischen Finesse der Lichttechnik nicht immer mithalten. Über weite Strecken scheint es sich um Auszüge aus der Spotify-Playlist „Die größten Hits der klassischen Musik“ zu handeln. Obwohl, so weit ist die Strecke auch gar nicht. Um 19.51 Uhr ist Schluss. Die Show hat 45 Minuten gedauert, für die Zuschauer in der Platzklasse Platin sind das 1,08 Euro pro angefangene Minute.

Noch etwas fällt beim genauen Zuhören auf: die fast neurotische Unterdrückung jedweder christlichen Botschaft. Die Show scheut jeden Verweis auf den Glauben wie der Teufel das Weihwasser. Keine Frage, mich nervt das Wort zum Sonntag und der allmorgendliche Verkündigungsfunk auf staatliche Sendefrequenzen tierisch, aber bei einer Show im Kirchenschiff, die das Werden der Kathedrale selbst in den Mittelpunkt stellt, würde ich gerne hören, welche Botschaft die Gläubigen und ihre Baumeister denn inspiriert hat und wo sie sich im Stein der Kathedrale manifestiert wurde. Genug Lichter um die Stellen auszuleuchten wäre ja da gewesen. Ohne diese Bezüge ist die Kirche nur eine sehr alte, sehr teure Leinwand, eine Kathedrale light sozusagen.

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Ich bin geneigt, dem zeitgenössischen britischen Portraitmaler Alexander Newley zuzustimmen. Der sagte erst vor einem Monat auf seinem Instagram-Account:

„Gestern stieß ich im Internet auf die Website einer Kathedrale, die für eine immersive Lichtshow warb. Es gab einen Clip von diesem wunderschönen gotischen Kircheninneren, das von pulsierenden Lichtern erleuchtet wurde – sensationell, ja, aber irgendwie ging dabei der eigentliche Sinn dieses Orts verloren. Wir suchen dort die Stille und die Ruhe, die Abwesenheit der Hektik des Alltags. Diese technologische Lichtshow scheint zu sagen, die Gewölben und Säulen der Kirche allein reichten nicht mehr aus, um unsere Kontemplation zu tragen. Mir scheint, dass wir dieses Problem heutzutage überall beobachten: die Annahme, wir seien ohne Technologie nicht mehr fähig zu stiller Kontemplation und Sinnfindung. Technologie ist zur Dienerin unserer Fantasie geworden. Moderne Videokunst ist auch beeindrucken, aber Gemälde sind deshalb unbewegt, weil die Aktivität, die Bewegung geht im Kopf der Person vor sich, die den stillstehenden Gegenstand betrachtet.“

Herzliche Grüße

Ihr Christoph Tiemann

Portrait von Christoph Tiemann

Christoph Tiemann

ist Schauspieler, Kabarettist, Autor und Moderator. Aufgewachsen ist er in Selm. Zum Studium kam er 1998 nach Münster. Seit über 20 Jahren arbeitet er regelmäßig als Autor und Sprecher für den WDR. 2010 gründete er das Ensemble Theater „ex libris“, mit dem er Literaturklassiker wie „Die drei ???“, Sherlock Holmes und Dracula als multimediale Live-Hörspiele auf die Bühne bringt. Für seine Arbeit hat er viele Preise bekommen.

Der Donnerstags-Brief

Jeden zweiten Donnerstag schicken wir Ihnen im Wechsel den Preußen-Brief von Carsten Schulte und den Kultur-Brief von Christoph Tiemann.

Wenn Sie in unseren Texten Fehler finden, freuen wir uns über Hinweise. Die Korrekturen veröffentlichen wir im RUMS-Brief.

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