Die Kolumne von Ruprecht Polenz | Der Ton macht die Gesellschaft

Porträt von Ruprecht Polenz
Mit Ruprecht Polenz

Guten Tag,

einen schönen Sonntag wünsche ich Ihnen. Sie kennen das? Eine enge Straße, an beiden Seiten parken Autos. Wenn sich zwei Autos begegnen, muss einer sich wenigstens halb in die Parklücke vor einer Garageneinfahrt quetschen, damit der andere vorbei kann.

Manchmal lassen beide es drauf ankommen. Schließlich gibt’s auch auf der linken Seite noch Parklücken. Soll doch der andere einlenken. Aber meist fährt einer von sich aus rechts rein, damit der andere vorbei kann. Wie schön, wenn jener die Hand vom Lenkrad nimmt, kurz winkt und sich für die kleine Mühe bedankt. Man lächelt zurück und hat ein gutes Gefühl.

„Bedanken Sie sich“ ist deshalb einer der Tipps, die ich in meinem Buch „Tu was! – Kurze Anleitung zur Verteidigung der Demokratie“ gebe.

Wie ich auf die Idee gekommen bin, dass so ein „Danke“ etwas für unsere Demokratie tun könnte? Nun, ich habe gelesen, dass immer mehr Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitiker, vor allem in Ostdeutschland, sagen: Ich tu’s nicht mehr. Dieser Ärger, so viele Anfeindungen, jetzt sogar gegen meine Familie. Warum sollte ich mir das weiter antun? Jetzt ist Schluss.

Deshalb meine Frage in Ihre Sonntagsrunde: Wer von Ihnen hat sich schon einmal bei einer Kommunalpolitikerin oder einem Kommunalpolitiker bedankt?

Vielleicht denken Sie jetzt: Warum sollte ich? Die Kita-Betreuung ist unzuverlässig. Wenn Erzieherinnen krank werden, muss ich wieder meine Eltern fragen, ob sie einspringen. Die Müllabfuhr hat die Tonnen stehen gelassen. Die Straßenbaustelle ist jetzt auch schon ewig vor der Haustür. Die Radwege sind zu schmal, die Busse überfüllt und unpünktlich.

Klar, vieles funktioniert manchmal nicht so, wie es sollte, und Ihr Ärger darüber ist verständlich. Aber das meine ich nicht. Jedes Ratsmitglied engagiert sich jede Woche zehn, zwölf oder mehr Stunden ehrenamtlich für unsere Stadt. Von Montag bis Donnerstag sind sie wegen der Ausschusssitzungen meist nur einen Abend zu Hause. In den Bezirksvertretungen ist der Zeitaufwand etwas geringer.

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In der gleichen Zeit könnten die Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitiker auf dem Sofa sitzen, mit ihren Kindern spielen, Netflix gucken, zur Jagd gehen, Golf spielen, joggen oder sonst etwas Schönes machen. Das tun sie in diesen vielen Stunden nicht, sondern sie arbeiten daran, unsere Stadt voranzubringen. Und sie tun das ehrenamtlich. Dafür, finde ich, hätten sie gelegentlich ein Dankeschön verdient.

Man könnte sich auch bei den Polizistinnen und Polizisten bedanken, die am Wochenende Dienst tun, um den Verkehr rund um das Preußenstadion zu regeln und die bei den sogenannten Hochrisikospielen dafür sorgen, dass sich die Fans nicht in die Wolle bekommen. Ich bin sicher, den Einsatzkräften fiele auch etwas anderes für ihr Wochenende ein, als Überstunden zu machen.

Nichts macht so einfach und so schnell gute Laune, als wenn man sich bedankt. Der oder die andere freut sich, lächelt. Man lächelt zurück. Beide haben eine bessere Stimmung.

Auf die Stimmung kommt es an. Schlechte Stimmung in der Mannschaft führt sehr wahrscheinlich dazu, dass man das nächste Spiel verliert. Schlechte Stimmung im Büro erhöht den Krankenstand. Schlechte Stimmung in der Wirtschaft führt dazu, dass weniger gekauft und investiert wird. Schlechte Stimmung im Land stärkt die politischen Extremisten.

Die wissen das und tun alles dafür, schlechte Stimmung zu erzeugen, Ärger zu Wut zu verstärken, Ängste zu schüren und Untergangsstimmungen zu beschwören – Deutschland schafft sich ab. Oder haben Sie von der AfD schon einen Satz gehört, der Ihnen gute Laune gemacht hätte?

Stellen wir uns mal für einen Moment vor, wir hätten in Deutschland eine Dankeskultur. Wenn alle mitmachten, wäre das gar nicht so schwer. Jeder findet täglich mindestens zehn Gelegenheiten, um sich zu bedanken: beim Busfahrer, an der Kasse im Supermarkt, bei der Briefträgerin, bei Arbeitskolleginnen und -kollegen, bei den Nachbarn.

Aber wir leben in Westfalen und da gilt der Spruch: Nichts gesagt ist gelobt genug. Wenn ich diesen Satz in anderen Teilen Deutschlands zitiere, bekomme ich ihn auf schwäbisch, plattdeutsch oder sächsisch zu hören. Denn auch dort lebt man nach dieser Devise. Nichts gesagt ist gelobt genug.

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Die Initiative „Deutschland sagt Danke“ will das ändern. Ich habe die Initiatoren von Anfang an unterstützt.

„Deutschland sagt Danke“ wird von einem breiten zivilgesellschaftlichen Bündnis aus Kultur, Medien und Politik getragen und von der „KräftigeGüteStiftung“ und der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung gefördert. Die Umsetzung liegt bei der Initiative Offene Gesellschaft. Weitere Partner sind unter anderem der Deutsche Pflegerat, die Diakonie Deutschland und das Bündnis der Bürgerstiftungen.

Auf der Plattform www.danke.jetzt finden sich Ideen, Vorlagen und Werkzeuge, um Danke zu sagen: vom Dankes-Generator über Giphy-Sticker bis hin zu Vorlagen zum Downloaden. Auch analoge Materialien – wie Postkarten, Aufkleber oder Plakate – stehen bereit, um das Dankesagen im Alltag zu unterstützen.

Auf Social Media läuft die Aktion unter dem Hashtag #deutschlandsagtdanke. Wer auf Instagram unterwegs ist, kann die „Du-bist-dran“-Funktion nutzen, um andere anzustiften, selbst Danke zu sagen. Auf TikTok regen kleine Dankes-Herausforderungen und ein eigens entwickelter Filter dazu an, kreativ zu werden – und dabei sichtbar zu machen, wem man eigentlich schon lange danken wollte.

Das Gute an dem Tipp „Bedanken Sie sich“ ist, Sie können sofort damit anfangen.

Danke, dass Sie meine Kolumne bis hierhin gelesen haben. Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag und eine gute Woche.

Herzliche Grüße

Ihr Ruprecht Polenz

Porträt von Ruprecht Polenz

Ruprecht Polenz

Viele Jahre lang war Ruprecht Polenz Mitglied des Rats der Stadt Münster, zuletzt als CDU-Fraktionsvorsitzender. Im Jahr 1994 ging er als Bundestagsabgeordneter nach Berlin. Er war unter anderem CDU-Generalsekretär, zwischen 2005 und 2013 Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Bundestags. Von 2000 bis 2016 war Ruprecht Polenz Mitglied des ZDF-Fernsehrats, ab 2002 hatte er den Vorsitz. Der gebürtige Bautzener lebt seit seinem Jura-Studium in Münster. 2020 erhielt Polenz die Auszeichnung „Goldener Blogger“.

Die Kolumne

Immer sonntags schicken wir Ihnen eine Kolumne. Das sind Texte, in denen unsere acht Kolumnistinnen und Kolumnisten Themen analysieren, bewerten und kommentieren. Die Texte geben ihre eigene Meinung wieder, nicht die der Redaktion. Mitgliedschaften in politischen Parteien oder Organisationen machen wir transparent. Wenn Sie zu den Themen der Kolumnen andere Meinungen haben, schreiben Sie uns gern. Wenn Sie möchten, veröffentlichen wir Ihre Zuschrift im RUMS-Brief. Wenn Sie in unseren Texten Fehler finden, freuen wir uns über Hinweise. Die Korrekturen veröffentlichen wir ebenfalls im RUMS-Brief.

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